{"id":13776,"date":"2010-07-05T00:00:00","date_gmt":"2010-07-05T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13776"},"modified":"2010-07-05T00:00:00","modified_gmt":"2010-07-05T00:00:00","slug":"13776","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/07\/13776\/","title":{"rendered":"Der Anfang vom Ende?"},"content":{"rendered":"<p>  Regierungskrise und Zunahme von Protesten gegen das Sparpaket<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  W&#228;hrend sich Mitglieder der Regierungsparteien gegenseitig als   &#8222;Rumpelstilzchen&#8220;, &#8222;Gurkentruppe&#8220; und &#8222;Wildschweine&#8220; bezeichnen, ist die   b&#252;rgerliche Presse durch Verzweiflung angesichts des von der   schwarz-gelben Koalition angerichteten Chaos gezeichnet. &#8222;Es reicht,   Frau Merkel&#8220;, schreibt Andreas Theyssen, Leiter des Politikressorts bei   der Financial Times Deutschland. Und DER SPIEGEL titelte am 14. Juni mit   einem Bild von Angela Merkel und Guido Westerwelle schlicht: &#8222;Aufh&#246;ren!&#8220;   92 Prozent der Bosse in der deutschen Wirtschaft sind laut dem   &#8222;Elite-Panel&#8220; des Wirtschaftsmagazins Capital von der Bundesregierung   entt&#228;uscht. Das B&#252;rgertum steckt in einer politischen Krise wie selten   zuvor.<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Die Koalition aus CDU\/CSU und FDP war die Wunschregierung der   Kapitalisten, als sie im September 2009 eine Gro&#223;e Koalition abl&#246;ste,   die immer weniger in der Lage war, die Interessen der Banken und   Konzerne konsequent zu formulieren und durchzusetzen. Angesichts der   tiefsten Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft seit 80 Jahren und   einem R&#252;ckgang des Bruttoinlandprodukts in Deutschland um f&#252;nf Prozent   hofften die Bosse und B&#228;nker auf eine Regierung, die entschlossen in   ihrem Interesse handelt. Nach neun Monaten wird die Kanzlerin in den   Medien als &#8222;Tr&#252;mmerfrau&#8220; bezeichnet und wird offen dar&#252;ber spekuliert,   ob ein Ende dieser Regierung naht.<\/p>\n<h4>  Ende des neoliberalen Paradigmas<\/h4>\n<p>  Die Streitpunkte zwischen den Regierungsparteien sind vielf&#228;ltig:   Kopfpauschale im Gesundheitswesen, Steuererh&#246;hungen, Familienpolitik,   Abschaffung der Wehrpflicht, Opel-B&#252;rgschaft &#8211; die Liste l&#228;sst sich   fortsetzen. Diese Auseinandersetzungen werden zweifellos auch aufgrund   spezifischer parteipolitischer Interessen und pers&#246;nlicher Eigenheiten   der beteiligten Akteure in der Art und Weise ausgetragen, wie wir es   seit Monaten beobachten k&#246;nnen. Aber die tiefere Ursache liegt darin,   dass der herrschenden Klasse des B&#252;rgertums durch die kapitalistische   Weltkrise die ideologische Leitlinie abhanden gekommen ist. Das seit   Beginn der achtziger Jahre dominierende Paradigma, das Regelsystem des   Neoliberalismus, ist international zusammengebrochen. In panischen   Versuchen die Weltwirtschaft zu retten und einen Zusammenbruch des   Weltfinanzsystems zu verhindern, mussten die Gralsh&#252;ter der   Deregulierung und Privatisierung zu massiven staatlichen Interventionen   in die &#214;konomie greifen &#8211; bis hin zu Verstaatlichungen von Banken und   Konzernen &#8211; und damit alles &#252;ber den Haufen werfen, was sie   jahrzehntelang gepredigt hatten.<\/p>\n<p>  Damit ist es den Vertretern des Kapitalismus zwar gelungen, einen   Zusammenbruch des Weltfinanzsystems beziehungsweise des Euro erst einmal   zu verhindern &#8211; aber zu einem hohen Preis. Und damit ist nicht nur der   Preis in Euro und Dollar gemeint, die Milliarden und Abermilliarden, die   von den Staaten in die Wirtschaft gepumpt wurden und jetzt als   Schuldenkrise-Bumerang zuschlagen. Auch der politische Preis ist hoch:   die ideologische Dominanz des Neoliberalismus ist gebrochen, das   kapitalistische System und seine Institutionen sind in einer tiefen   Legitimationskrise. Instabilit&#228;t, gesellschaftliche Polarisierung,   Massenstreiks und Proteste in vielen L&#228;ndern sind die Folge. Die Welt   ist in eine neue, st&#252;rmische und krisengesch&#252;ttelte Periode eingetreten.<\/p>\n<p>  Das neoliberale Paradigma kann nicht durch eine neue Leitlinie der   Wirtschaftspolitik und Ideologie ersetzt werden. Die   staatskapitalistischen Ma&#223;nahmen gehen einher mit weiteren Angriffen auf   die Rechte der Arbeiterklasse, die neoliberalen Charakter tragen:   Privatisierungen (da, wo sich noch K&#228;ufer f&#252;r &#246;ffentliches Eigentum   finden), Abbau sozialer Rechte, Lohnk&#252;rzungen, Arbeitsplatzvernichtung.   Letztlich ist das kapitalistische Krisenmanagement international durch   Prinzipienlosigkeit und Chaos gekennzeichnet.<\/p>\n<h4>  <\/h4>\n<h4>  &#8222;Sparpaket&#8220;<\/h4>\n<p>  In Deutschland hat die Krise 2009 heftig zugeschlagen. Deutschland hatte   als viertst&#228;rkste Volkswirtschaft der Welt aber auch gr&#246;&#223;ere Reserven   als andere Staaten, um die Folgen der Krise abzufedern. Das gelang &#8211;   nicht zuletzt aufgrund der Komplizenschaft der Gewerkschaftsf&#252;hrungen &#8211;   mittels Ma&#223;nahmen wie Kurzarbeit, Abwrackpr&#228;mie und Staatsverschuldung   zu deutlich g&#252;nstigeren Konditionen, als sie f&#252;r L&#228;nder wie Griechenland   oder Rum&#228;nien gelten. So blieb der deutschen Arbeiterklasse bisher eine   gro&#223;e Welle von Betriebsschlie&#223;ungen, Massenentlassungen und   K&#252;rzungspaketen erspart &#8211; und den deutschen Kapitalisten eine Welle von   Streiks, Betriebsbesetzungen und Massendemonstrationen. Doch   aufgeschoben ist bekanntlich ja nicht aufgehoben. Krise und   Staatsverschuldung fordern nun auch in Deutschland ihren Tribut &#8211;   verst&#228;rkt durch die vom Dogma der Haushaltskonsolidierung motivierte   Schuldenbremse.<\/p>\n<p>  Das sogenannte Sparpaket (das in Wirklichkeit ein K&#252;rzungspaket ist,   denn bei den Profiten der Banken und Konzerne wird nicht gespart) ist   nun der erste Schritt im Abladen der Krisenkosten auf die Masse der   Bev&#246;lkerung. Seiner Verk&#252;ndung ging eine heftige und &#246;ffentlich   ausgetragene Debatte dar&#252;ber voraus, wie sehr &#8222;gespart&#8220; werden soll.   Selbst die US-Regierung schaltete sich ein und warnte Deutschland davor,   durch zu gro&#223;e Ausgabenk&#252;rzungen die gerade einsetzende leichte   wirtschaftliche Erholung zu gef&#228;hrden und ein zweites Eintauchen der   Weltwirtschaft in eine Rezession zu f&#246;rdern. Dies ist ein Hintergrund   f&#252;r die heftigen Auseinandersetzungen im b&#252;rgerlichen Lager &#252;ber den   zuk&#252;nftigen Kurs. Dabei muss angemerkt werden, dass dieses &#8222;Sparpaket&#8220; &#8211;   so sehr es einen heftigen Angriff vor allem auf die Erwerbslosen   darstellt &#8211; nur die Spitze des Eisbergs darstellt, der auf die deutsche   Arbeiterklasse in den n&#228;chsten Jahren zukommt. Tats&#228;chlich &#252;bertreibt   die Bundesregierung in der &#246;ffentlichen Darstellung den Umfang der   beschlossenen Ma&#223;nahmen sogar &#8211; wahrscheinlich um sich als entschlossen   handelnd zu pr&#228;sentieren und um die Bev&#246;lkerung auf die Notwendigkeit   weitgehender Einschnitte vorzubereiten.<\/p>\n<p>  Das Sparpaket ist auch ein erb&#228;rmlicher Versuch von Merkel und   Westerwelle, die Politik der Regierung als sozial ausgewogen zu   pr&#228;sentieren. Auf bestimmte im Vorfeld diskutierte Ma&#223;nahmen, wie eine   Erh&#246;hung der Mehrwertsteuer und eine Besteuerung von Nacht- und   Schichtzuschl&#228;gen, wurde erst einmal verzichtet. Angeblich werden   Unternehmen (durch die Atomabgabe, Devisenabgabe der Bahn und   Luftverkehrsabgabe) mit einem Viertel am Sparpaket beteiligt. Doch die   &#252;bergro&#223;e Mehrheit der Bev&#246;lkerung l&#228;sst sich nicht t&#228;uschen. In   Meinungsumfragen lehnen &#252;ber achtzig Prozent das Sparpaket ab und   bezeichnen es als ungerecht.<\/p>\n<h4>  Globaler Konkurrenzkampf<\/h4>\n<p>  Doch die Politik der Bundesregierung wird nicht nur von nackten   Klasseninteressen getrieben, sondern auch von der Vorstellung, die   deutsche Wirtschaft durch eine weitere Verbesserung der   Konkurrenzf&#228;higkeit auf den internationalen M&#228;rkten zu st&#228;rken. Das   bedeutet, durch Sparma&#223;nahmen und Lohndumping die Exporte weiter zu   steigern und die Profitraten f&#252;r deutsche Konzerne zu erh&#246;hen.   Gleichzeitig wirkt, auch aufgrund der traumatischen Erfahrungen   Deutschlands mit der galoppierenden Inflation in der Zwischenkriegszeit,   die Sorge vor den Folgen einer h&#246;heren Inflation und dr&#228;ngt die   herrschende Klasse st&#228;rker als zum Bespiel in den USA zu einer   strikteren Politik der Haushaltskonsolidierung. Die wachsende   Exportabh&#228;ngigkeit Deutschlands f&#252;hrt aber zu einem Teufelskreis: der   ansteigende Au&#223;enhandels&#252;berschuss bedeutet, dass Deutschland die   rezessiven Tendenzen seiner Handelspartner faktisch verst&#228;rkt &#8211; und   fr&#252;her oder sp&#228;ter davon betroffen sein wird, dass diese M&#228;rkte   schrumpfen. Deshalb die Zunahme der Konflikte zwischen Merkel und Obama,   deshalb der durchaus ernst gemeinte Ratschlag von George Soros,   Deutschland solle die Euro-Zone verlassen.<\/p>\n<h4>  Konflikte im Regierungslager<\/h4>\n<p>  Deshalb aber letztlich auch die Konflikte innerhalb der Bundesregierung.   Denn diese ist offensichtlich nicht in der Lage, angesichts der Krise   eine einheitliche Politik zu formulieren. Sicherlich bedeutet der   gr&#246;&#223;ere &#246;konomische Spielraum Deutschlands auch mehr Spielraum f&#252;r   solche Debatten &#8211; w&#228;re die Lage schon so dramatisch wie in Griechenland,   g&#228;be es wohl kaum eine Diskussion zwischen CSU und FDP &#252;ber die   Kopfpauschale &#8211; sondern nur dar&#252;ber, wie hoch diese sein soll. Ein   weiterer Faktor, der hier eine Rolle spielt, ist die tiefe Angst der   Herrschenden vor einer Bewegung der Arbeiterklasse. Die relative Ruhe an   der Klassenkampffront ist f&#252;r die Kapitalisten ein wichtiger Faktor,   ihre Profite zu realisieren. Deshalb versuchen sie, vorsichtig   vorzugehen und verzichten im Moment auf allzu gro&#223;e Provokationen.   Deshalb sieht dieses erste Sparpaket noch keine verallgemeinerten   Angriffe auf die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigten vor.<\/p>\n<p>  Doch das Sparpaket ist nicht alles, was auf die arbeitende Bev&#246;lkerung   zukommt. Das enorme Defizit der gesetzlichen Krankenversicherungen   erfordert noch in diesem Jahr drastische Ma&#223;nahmen. Auch wenn es erst   einmal nicht zu Philipp R&#246;slers kleiner Kopfpauschale kommen sollte, ist   doch absehbar, dass Schritte ergriffen werden, die einseitig   ArbeiterInnen und Angestellte treffen werden. Vorschl&#228;ge wie die   Ersetzung der Zehn-Euro-Praxisgeb&#252;hr pro Quartal durch eine   F&#252;nf-Euro-Eintrittsgeb&#252;hr pro Arztbesuch zeigen, wo die Reise hingehen   soll &#8211; selbst wenn als erster Schritt &#8222;nur&#8220; die Zusatzbeitr&#228;ge der   Krankenkassen erh&#246;ht werden sollten. Aber auch das w&#228;re ein allgemeiner   Angriff auf alle.<\/p>\n<p>  Hinzu kommen die K&#252;rzungsprogramme in L&#228;ndern und Kommunen, die schon   jetzt in Sachsen und Schleswig-Holstein, in Wuppertal, K&#246;ln und vielen   anderen St&#228;dten zu gro&#223;en Protesten gef&#252;hrt haben.<\/p>\n<h4>  Wie weiter f&#252;r die Regierung?<\/h4>\n<p>  &#8222;Gerade noch mal gut gegangen&#8221;, werden sich Merkel und Westerwelle nach   der Wahl von Christian Wulff zum neuen Bundespr&#228;sidenten gesagt haben.   Es ist aber mehr als fraglich, ob nun Ruhe in der Koalition einkehrt und   Stabilit&#228;t wird es schon gar nicht geben.<\/p>\n<p>  Die SPD und ver.di-Chef Frank Bsirske fordern Neuwahlen. In   Nordrhein-Westfalen bilden SPD und Gr&#252;ne eine Minderheitsregierung, um   Schwarz-Gelb die Bundesratsmehrheit zu nehmen und so den Druck auf die   Regierung zu erh&#246;hen. Doch Neuwahlen sind in der jetzigen Situation f&#252;r   CDU\/CSU und FDP ein hohes Risiko und aus Sicht der Kapitalistenklasse   kein Schritt, um die von ihnen gew&#252;nschte Politik herbeizuf&#252;hren.   Erstens w&#252;rde die FDP Gefahr laufen, ein Wahl-Desaster zu erleiden.   Angesichts der j&#252;ngsten Meinungsumfragen m&#252;sste sie sogar um den Einzug   in den Bundestag bangen. Das w&#228;re nicht nur eine politische Katastrophe   f&#252;r das deutsche B&#252;rgertum, sondern auch eine pers&#246;nlich-finanzielle f&#252;r   die derzeitigen Bundestagsabgeordneten, die sich dann einen neuen Job   suchen m&#252;ssten. Dass diese durch eine Selbstaufl&#246;sung des Bundestags den   Weg zu Neuwahlen frei machen, ist also fraglich. Die realistischen   Alternativen zu Schwarz-Gelb sind zudem aus Sicht der Kapitalisten in   der momentanen Lage keine Verbesserung, um ihre Politik des Abladens der   Krisenfolgen auf die Arbeiterklasse durchzusetzen. Die Einbeziehung der   SPD in eine Regierung, egal ob in einer Gro&#223;en Koalition oder in einem   rot-gr&#252;nen B&#252;ndnis, w&#252;rde die Umsetzung des Sparpakets in seiner   jetzigen Form erschweren. Nat&#252;rlich vertreten SPD und Gr&#252;ne auch die   Klasseninteressen der Konzerne, aber in der jetzigen Situation w&#252;rden   sie sich selber schaden, wenn sie von Opposition gegen das Sparpaket auf   Umsetzung desselben wechseln. Das bedeutet nicht, dass die   Kapitalistenklasse in Zukunft nicht wieder auf eine SPD-gef&#252;hrte   Regierung setzen wird, um Angriffe auf Besch&#228;ftigte und Erwerbslose   durchzusetzen. Aber das wird aus Sicht der Bosse und B&#228;nker   wahrscheinlich erst n&#246;tig, wenn sich gr&#246;&#223;erer Widerstand formiert hat,   der durch die SPD kanalisiert werden soll.<\/p>\n<p>  Diese &#220;berlegungen dr&#252;cken sich auch in der schon erw&#228;hnten Umfrage   unter 500 Unternehmenschefs aus. Diese sind zwar in h&#246;chstem Ma&#223;e   unzufrieden mit ihrer Regierung, 77 Prozent sagten aber auch, dass die   CDU\/CSU\/FDP-Koalition weiter machen m&#252;sse. All das spricht daf&#252;r, dass   es nicht zu einem kurzfristigen Regierungswechsel kommen wird. Es ist   gut m&#246;glich, dass Schwarz-Gelb versuchen wird, einen Neuanfang mit neuem   Personal zu inszenieren. M&#246;glicherweise auch ohne Merkel und   Westerwelle, die beide im Fokus der Kritik stehen und als   Hauptverantwortliche f&#252;r die Regierungskrise betrachtet werden.<\/p>\n<h4>  DIE LINKE<\/h4>\n<p>  SPD und Gr&#252;ne kennen keine Grenzen der Schamlosigkeit und Dreistigkeit   und versuchen sich zurzeit als soziale Opposition gegen das Sparpaket zu   pr&#228;sentieren. So wurden sie durch die Gewerkschaftsf&#252;hrung sogar bei der   Anti-Krisen-Demonstration am 12. Juni in Stuttgart als Redner zugelassen   &#8211; diese erhielten aber die Quittung in Form eines vieltausendstimmigen   Konzerts aus Pfiffen und Buhrufen. Die DemonstrantInnen hatten nicht   vergessen, wer ihnen Agenda 2010 und Hartz IV eingebrockt hat und wer   sich, wie gerade die SPD, in Stuttgart f&#252;r das   Milliarden-Prestigeprojekt &#8222;Stuttgart 21&quot; mit verantwortlich zeichnet.<\/p>\n<p>  Zweifellos wird in einem Teil der arbeitenden Bev&#246;lkerung eine   Einstellung entstehen, angesichts fehlender grundlegender Alternativen   das &#8222;kleinere &#220;bel&#8220; zu w&#228;hlen. Dass die SPD jedoch in Umfragen zurzeit   nur eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau erreicht und zum Beispiel   bei den Wahlen in NRW noch einmal Stimmen verloren hat, ist ein Hinweis   auf das Potenzial, das links von der SPD existiert. Dass dieses   gegenw&#228;rtig teilweise von den Gr&#252;nen gef&#252;llt werden kann beziehungsweise   brach liegt, spricht weniger f&#252;r die Gr&#252;nen als gegen die Politik der   F&#252;hrung der Partei DIE LINKE.<\/p>\n<h4>  Nordrhein-Westfalen<\/h4>\n<p>  Diese hat sich bei den Wahlen in NRW unf&#228;hig gezeigt, ihre W&#228;hlerInnen   von der Bundestagswahl und fr&#252;here Nichtw&#228;hlerInnen zu mobilisieren und   schnitt weit unter ihren M&#246;glichkeiten ab. Der Grund hierf&#252;r war die   Fokussierung auf ein Regierungsb&#252;ndnis mit SPD und Gr&#252;nen und die   Aussage, nur mit einer Stimme f&#252;r DIE LINKE k&#246;nne J&#252;rgen R&#252;ttgers   abgew&#228;hlt werden. Denn die Umfragen in den letzten Wochen vor der Wahl   zeigten, dass ein Regierungswechsel eher m&#246;glich wird, wenn DIE LINKE   den Sprung in den Landtag gar nicht schaffen w&#252;rde. Und so war es ja   dann auch. So w&#228;hlten viele lieber SPD oder Gr&#252;ne, um R&#252;ttgers sicher   loszuwerden. Andere gingen gar nicht zur Wahl, weil sie DIE LINKE nur   als ein Korrektiv zu SPD und Gr&#252;nen wahrnahmen, nicht aber als eine   selbstst&#228;ndige und sich grundlegend von den Etablierten unterscheidende   Partei, die die Interessen der kleinen Leute konsequent vertritt.<\/p>\n<p>  Teile der NRW-F&#252;hrung der LINKEN wollten ein Regierungsb&#252;ndnis mit SPD   und Gr&#252;nen dadurch verhindern, dass man diesen ein solches anbietet,   aber durch inhaltliche Bedingungen faktisch unm&#246;glich macht, so aber die   Verantwortung auf SPD und Gr&#252;ne schiebt. Diese GenossInnen werden sich   durch den Verlauf der Sondierungsgespr&#228;che best&#228;tigt sehen. Tats&#228;chlich   haben sie aber dazu beigetragen, dass in der Partei die grunds&#228;tzliche   Bereitschaft zu Regierungskoalitionen mit den prokapitalistischen   Hartz-IV-Parteien immer weniger in Frage gestellt wird. Die Kr&#228;fte in   der F&#252;hrung, die solche Koalitionen tats&#228;chlich wollen und als   wesentlichen Teil der Strategie der Partei verstehen, h&#246;ren   dementsprechend nicht auf, eine Koalitionsbildung vorzuschlagen und   verw&#228;ssern gleichzeitig die inhaltlichen Bedingungen. So hat die   Parteivorsitzende Gesine L&#246;tzsch in einem Interview mit der Frankfurter   Rundschau am 23. Juni auf die Frage nach ihren &#8222;roten Haltelinien&#8220;   gesagt: &#8222;Wir stehen in der Bildungspolitik f&#252;r l&#228;ngeres gemeinsames   Lernen, f&#252;r die Abschaffung der Studiengeb&#252;hren und wir stehen f&#252;r die   Sicherung von Arbeitspl&#228;tzen. Ganz zentral ist f&#252;r uns, dass NRW &#252;ber   den Bundesrat Einfluss aus&#252;bt.&#8220; Kein Wort von einem grunds&#228;tzlichen Nein   zu jeder Form von Sozialabbau, Privatisierung und   Arbeitsplatzvernichtung.<\/p>\n<p>  Die Bildung einer rot-gr&#252;nen Minderheitsregierung in NRW wird   wahrscheinlich ni cht von langer Dauer sein. Entweder ist es ein   Vorspiel f&#252;r die Bildung einer Drei-Parteien-Koalition im Verlauf des   n&#228;chsten Jahres oder ein Zwischenschritt zu Neuwahlen. DIE LINKE sollte   ihre permanente Anbiederung an Rot-Gr&#252;n in Form von wiederholten   Aufrufen zur Bildung einer rot-rot-gr&#252;nen Koalition beenden und   stattdessen durch das Einbringen eigener Gesetzentw&#252;rfe im Interesse der   Arbeiterklasse und der Jugend die rot-gr&#252;ne Minderheitsregierung vor   sich her treiben. Das sollte einher gehen mit einer Verst&#228;rkung des   au&#223;erparlamentarischen Engagements. Die SPD wird versuchen, entweder DIE   LINKE oder die FDP f&#252;r den Haushaltsentwurf zu gewinnen, den sie im   Herbst einbringen muss. Vielleicht spekuliert sie auch darauf, einen   Abgeordneten von Linkspartei oder FDP zum Seitenwechsel zu bewegen. Das   w&#252;rde f&#252;r eine Regierungsmehrheit reichen. Wenn DIE LINKE jedoch ihren   Kurs fortsetzt und weiterhin das Bitten und Betteln um eine   rot-rot-gr&#252;ne Koalition in den Mittelpunkt ihres &#246;ffentlichen Auftretens   in NRW stellt, l&#228;uft sie Gefahr, bei m&#246;glichen Neuwahlen die Quittung zu   kassieren und unter der F&#252;nf-Prozent-H&#252;rde zu landen. Dies kann   verhindert werden, wenn der au&#223;erparlamentarische Kampf gegen Sparpaket,   Gesundheitsreform und kommunale K&#252;rzungen in den Mittelpunkt ihrer   Politik gestellt wird. Das ist auch n&#246;tig, um die eigentliche Aufgabe   der LINKEN zu erf&#252;llen: eine sozialistische Massenpartei aufzubauen, die   konsequent die Interessen der Lohnabh&#228;ngigen und Benachteiligten   vertritt und Tr&#228;gerin grundlegender gesellschaftlicher Ver&#228;nderung   werden kann.<\/p>\n<h4>  Kampf gegen das Sparpaket<\/h4>\n<p>  Im Juni gingen &#252;ber 80.000 Sch&#252;lerInnen, Studierende und Auszubildende   w&#228;hrend des bundesweiten Bildungsstreiks auf die Stra&#223;e und am 12. Juni   demonstrierten dann in Stuttgart und Berlin &#252;ber 40.000 gegen das   Sparpaket und das Abladen der Krisenkosten auf die Masse der Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p>  Auch wenn sich f&#252;r die AktivistInnen der Bildungsstreik-Bewegung die   Frage stellt, wie es angesichts der schwachen Beteiligung von   Studierenden weiter gehen soll, wurde doch deutlich, dass an Schulen und   Hochschulen keine Ruhe einkehren wird und das Potenzial f&#252;r Protest und   Widerstand existiert. Hier ist zu erwarten, dass sich Jugendproteste in   den kommenden Monaten eher um auf kommunaler und Landesebene geplante   Verschlechterungen herum entwickeln werden.<\/p>\n<p>  Die Aufgabe f&#252;r den Aufbau einer Protestbewegung ist es, den Widerstand   gegen kommunale und L&#228;nder-K&#252;rzungen, Lohndr&#252;ckerei und   Arbeitsplatzabbau, Gesundheitsreform und Sparpaket zusammen zu fassen   und zu koordinieren.<\/p>\n<p>  Die Demonstrationen vom 12. Juni waren ein politischer Erfolg und werden   von den beteiligten Kr&#228;ften aus Gewerkschaften, LINKE und sozialen   Bewegungen als Beginn f&#252;r weitere Proteste betrachtet. In der   Arbeiterklasse gibt es zweifellos gro&#223;en Unmut und Wut &#252;ber das   Sparpaket. Wenn die Verschlechterungen im Gesundheitswesen beschlossen   werden, wird sich das noch einmal deutlich steigern. Die bisherigen   Pl&#228;ne der Gewerkschaftsspitzen, Proteste im Oktober und November zu   organisieren, sind jedoch v&#246;llig unzureichend. Offensichtlich wollen sie   einmal mehr nur begrenzt Dampf ablassen. Stattdessen werden sie   versuchen, die Besch&#228;ftigten auf die Wahl einer SPD-gef&#252;hrten Regierung   zu orientieren und m&#246;glicherweise eine Kampagne f&#252;r Neuwahlen beginnen.   Dagegen muss der Druck von der Gewerkschaftsbasis her f&#252;r eine Kampagne   f&#252;r ernsthafte n Widerstand gegen die Politik der Bundesregierung   ausge&#252;bt werden.<\/p>\n<h4>  F&#252;r Gro&#223;demonstration und Streiks<\/h4>\n<p>  SAV-Mitglieder haben die Idee einer bundesweiten Gro&#223;demonstration im   September vor einer Beschlussfassung &#252;ber das Sparpaket im Bundestag in   die Anti-Krisen-B&#252;ndnisse getragen. D as sollte in alle Gliederungen von   Gewerkschaften, DIE LINKE, Linksjugend [&quot;solid], attac,   Erwerbslosengruppen und soziale Bewegungen hinein getragen werden. Eine   solche Demonstration kann von unten erfolgreich organisiert werden und   w&#252;rde enormen Druck auf die Spitzen der Gewerkschaften aus&#252;ben. &#196;hnlich   wie 2003\/2004, als eine Gro&#223;demonstration am 1. November 2003 die   Gewerkschaftsspitzen zu Arbeitsniederlegungen in der Gro&#223;industrie im   Dezember 2003 und Massendemonstrationen von einer halben Million   Menschen im April 2004 bewegte.<\/p>\n<p>  Unter den Bedingungen der Krise w&#252;rde sich heute die Frage nach einem   Generalstreik schneller stellen als 2003\/2004. Nicht zuletzt, weil unter   Gewerkschaftslinken in den letzten Jahren die Einsicht gewachsen ist,   dass es eine dr&#228;ngende Notwendigkeit ist, zu politischen Streiks zu   kommen, um die Interessen der Besch&#228;ftigten zu verteidigen und weil die   Partei DIE LINKE die Frage des Rechts auf politischen Streik   kontinuierlich thematisiert hat. Eine Kampagne f&#252;r eine solche   Gro&#223;demonstration kann und muss deshalb auch eine Kampagne zur   Vorbereitung eines, zun&#228;chst eint&#228;gigen, Generalstreiks sein.<\/p>\n<h4>  St&#252;rmische Zeiten<\/h4>\n<p>  Regierungskrise und Widerstand gegen das Sparpaket sind Folge der   tiefsten Rezession seit 80 Jahren. Doch die globale Krise des   Kapitalismus ist nicht vorbei. Ernstzunehmende &#214;konomen warnen vor einem   zweiten Eintauchen der Weltwirtschaft in eine Rezession. Weder die   Euro-Krise noch die Gefahr einer neuen weltweiten Finanzkrise sind   gebannt. Die leichte wirtschaftliche Erholung in Deutschland und einigen   anderen L&#228;ndern basiert auf den staatlichen Ma&#223;nahmen, nicht zuletzt auf   denen in China. Doch wieder einmal versuchen die Kapitalisten, eine   Krise mit Ma&#223;nahmen zu verhindern, die nur eine n&#228;chste, gr&#246;&#223;ere Krise   vorbereiten.<\/p>\n<p>  Die Rettungspakete werden angesichts der nun drastisch gestiegenen   Staatsverschuldung nicht noch einmal &#8222;so einfach&#8220; aufgelegt werden   k&#246;nnen. Sie werden aber n&#246;tig sein, wenn es zur Zahlungsunf&#228;higkeit   eines Euro-Mitgliedsstaates oder zum Platzen der sich neuerlich   aufbl&#228;henden Blasen an den Finanzm&#228;rkten kommt.<\/p>\n<p>  Die Zukunft f&#252;r die Arbeiterklasse wird deshalb von weiteren   &#8222;Sparpaketen&#8220; und von Entlassungen und Betriebsschlie&#223;ungen gepr&#228;gt sein   &#8211; und von wachsender Gegenwehr gegen diese Ma&#223;nahmen und eine zunehmende   Erkenntnis, dass der Kapitalismus als solcher die Ursache dieser Krisen   und Katastrophen ist und abgeschafft geh&#246;rt.<\/p>\n<p>  <i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Regierungskrise und Zunahme von Protesten gegen das Sparpaket\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23,78],"tags":[227],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13776"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13776"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13776\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}