{"id":13719,"date":"2010-06-28T00:00:00","date_gmt":"2010-06-28T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13719"},"modified":"2010-06-28T00:00:00","modified_gmt":"2010-06-28T00:00:00","slug":"13719","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/06\/13719\/","title":{"rendered":"Neuauflage des &#8222;Gro&#223;en Spiels&#8220; in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<p>  Pipeline-Poker, Gerangel um Bodensch&#228;tze, Wettrennen um geostrategische   Positionen &#8211; und ihre h&#246;llischen Folgen<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Vor 100 Jahren bezeichnete man das Kr&#228;ftemessen der Gro&#223;m&#228;chte in   Zentralasien als das &#8222;Gro&#223;e Spiel&#8220;. Hauptakteure waren damals   Gro&#223;britannien und Russland. &#8222;Afghanistan, Transkapien, Persien, f&#252;r   mich sind das Figuren auf einem Schachbrett im Kampf um die   Weltherrschaft&#8220;, erkl&#228;rte seinerzeit Lord Curzon, der sp&#228;tere Vizek&#246;nig   Indiens. &#8222;Jetzt sind wir mitten drin im &#8218;Gro&#223;en Spiel, Teil zwei&#8216;&#8220;, so   Erich Follath im SPIEGEL 20\/2010. &#8222;Beteiligt sind alle Spieler, die in   der Weltpolitik derzeit z&#228;hlen: die USA und Russland, Europa und Iran,   China und Indien.&#8220; Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Nachdem   die USA ihre Truppen gewaltig aufgestockt haben, planen sie eine neue   Offensive. Auch die Bundeswehr wird immer st&#228;rker in Gefechte   hineingezogen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Marius Hessler, Aachen<\/i><\/h4>\n<p>  Als der Krieg gegen Afghanistan Ende 2001 begann, schien f&#252;r den   Imperialismus alles ganz schnell zu gehen. Das bei der Mehrheit der   knapp 30 Millionen Afghanen v&#246;llig verhasste Taliban-Regime, das seit   1996 geherrscht hatte, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Aber   als die Besatzungstruppen sich festsetzen wollten, um ihre   Machtinteressen abzusichern, und eine ihnen genehme Marionettenregierung   installiert wurde, zogen sie sich damit den Zorn der unterdr&#252;ckten   Massen in der gesamten Region zu.<\/p>\n<p>  Seit dem Amtsantritt von Pr&#228;sident Barack Obama wurde die Zahl der   US-Besatzungstruppen auf nunmehr 94.000 aufgestockt (und soll noch auf   98.000 erh&#246;ht werden). Andere L&#228;nder stellen dort weitere 47.000   Soldaten, darunter 4.300 aus Deutschland. Das Bundeswehr-Mandat sieht   vor, dass das Kontingent auf bis zu 5.350 Soldaten ausgeweitet werden   kann.<\/p>\n<p>  L&#228;ngst haben sich die Kampfhandlungen auch auf das Nachbarland Pakistan,   immerhin eine Atommacht mit &#252;ber 170 Millionen Menschen, ausgedehnt. Der   Krieg in Afghanistan ist zu einem Fl&#228;chenbrand geworden.<\/p>\n<p>  Unter Obama wurde ein neuer Kurs eingeschlagen. Statt auf Luftschl&#228;ge   soll vermehrt auf Bodentruppen gesetzt werden, um weitere Gebiete   einzunehmen. &#8222;Jetzt planen die USA und die NATO die gr&#246;&#223;te Offensive   dieses Sommers. Dann sollen Zehntausende Soldaten zusammengezogen   werden, um Kandahar und die umliegenden Bezirke den Taliban zu   entrei&#223;en&#8220;, schreibt der pakistanische Journalist Ahmed Rashid im   SPIEGEL 21\/2010.<\/p>\n<p>  Sherard Cowper-Coles, 2008 britischer Botschafter in Kabul, bringt in   einem geheimen Bericht, der sp&#228;ter der Presse zugespielt wurde, die   Krisensituation auf den Punkt: &#8222;Die Sicherheitslage wird schlimmer.   Ebenso die Korruption. Die Regierung hat jegliches Vertrauen verspielt.   (&#8230;) Die Pr&#228;senz, besonders die milit&#228;rische Pr&#228;senz der Koalition   sichert das &#220;berleben eines Regimes ab, das ohne uns kollabieren w&#252;rde.&#8220;<\/p>\n<h4>  Der Krieg der Bundeswehr<\/h4>\n<p>  Die Besatzungstruppen sind Teil zweier Missionen, die unter   verschiedenen Kommandos stehen und offiziell verschiedene Aufgaben   haben, aber faktisch zusammenlaufen: Die von den USA gef&#252;hrte &#8222;Operation   Enduring Freedom&#8220;, die Teil des von George W. Bush ausgerufenen &#8222;Krieges   gegen den Terror&#8220; war, und die NATO-Mission ISAF, die angeblich den   zivilen Wiederaufbau gew&#228;hrleisten soll. Die Bundeswehr war von Beginn   an Teil beider Missionen.<\/p>\n<p>  An &#8222;Enduring Freedom&#8220; beteiligten sich bereits 2001 3.900 deutsche   Soldaten, darunter auch das ber&#252;chtigte &#8222;Kommando Spezialkr&#228;fte&#8220; (KSK).   Die deutsche ISAF-Beteiligung erfolgte im Stil einer Salami-Taktik. 2007   schickte die Regierung von Angela Merkel Tornados nach Afghanistan, mit   denen die Luftaufkl&#228;rung zur Vorbereitung von Bombenangriffen im S&#252;den   des Landes &#252;bernommen werden sollte. Seit Mitte 2008 ist die Bundeswehr   aktiv in die Aufstandsbek&#228;mpfung involviert, unter dem Dach der   &#8222;Schnellen Eingreiftruppe&#8220;. Ab Sommer 2009 dann ging die Bundeswehr zur   offensiven Kriegsf&#252;hrung mit schwerem Ger&#228;t (Sch&#252;tzenpanzer, M&#246;rser)   &#252;ber.<\/p>\n<p>  Mehr als 40 deutsche Soldaten haben am Hindukusch inzwischen ihr Leben   verloren, allein im April kamen sieben Soldaten um. Mittlerweile muss   auch die Bundesregierung von Krieg sprechen. Wir erinnern uns: Lange &#8211;   sogar noch nach dem Massaker von Kundus im September 2009 &#8211; hatte sie   das geleugnet! &#8222;Bald werden rund 5.000 US-Soldaten in den Norden   verpflanzt, um die Deutschen in einer gr&#246;&#223;eren Offensive gegen die   Taliban zu unterst&#252;tzen&#8220;, so Ahmed Rashid. Damit werden deutsche Truppen   immer st&#228;rker an Kampfhandlungen beteiligt.<\/p>\n<h4>  Die L&#252;ge vom &#8222;humanit&#228;ren Einsatz&#8220;<\/h4>\n<p>  Die ISAF wurde daf&#252;r benutzt, in der &#214;ffentlichkeit den Eindruck von   einem &#8222;sauberen&#8220; Einsatz zu verbreiten. Die ber&#252;hmten Bilder vom   Brunnenbau oder der Errichtung von Schulen wurden gern als Verdienste   der Bundeswehr dargestellt. Fakt ist aber, dass die meisten   Hilfsorganisationen es mittlerweile ablehnen, mit den Milit&#228;rs noch zu   kooperieren. &#220;berhaupt stehen die Gelder f&#252;r Entwicklungshilfe in keiner   Relation zu den Ausgaben f&#252;r die Kriegsf&#252;hrung: So spendeten s&#228;mtliche   Geberl&#228;nder zwischen 2002 und 2006 f&#252;r Nahrungs- und   Gesundheitsprogramme 433 Millionen US-Dollar. Im Vergleich dazu   verpulverte allein Deutschland laut Informationsstelle Militarisierung   e.V. in nur einem Jahr (2008) 536 Millionen Euro f&#252;r den milit&#228;rischen   Einsatz.<\/p>\n<p>  Und auch ein Gro&#223;teil der Entwicklungshilfe versackt in den Taschen   korrupter Beamter unter dem afghanischen Pr&#228;sidenten Hamid Karzai. Oder   dieses Geld wandert in die Taschen westlicher Konzerne   (Hilfsorganisationen wie Oxfam sch&#228;tzen, dass dieser Anteil zwischen 40   und 90 Prozent betr&#228;gt).<\/p>\n<p>  Dass die humanit&#228;re Lage weiterhin katastrophal ist, muss auch das   Ausw&#228;rtige Amt zugeben. Nach seinen Zahlen leben heute zwei Drittel   unter oder am Rande der Armutsgrenze. Vier Millionen Afghanen hat der   Krieg zu Fl&#252;chtlingen gemacht.<\/p>\n<p>  Obwohl in Deutschland und in den meisten anderen am Krieg beteiligten   L&#228;ndern eine Mehrheit f&#252;r den Truppenabzug pl&#228;diert, hat sich die Zahl   der ISAF-Soldaten von 2003 bis 2009 verf&#252;nfzehnfacht! Seit Jahren liegt   der Schwerpunkt der deutschen Intervention beim Aufbau von &#246;rtlichen   Polizei- und Armeekr&#228;ften (insgesamt flossen daf&#252;r international 25   Milliarden Dollar). Kein Wunder, denn der Widerstand gegen die korrupte   Karzai-Regierung w&#228;chst. Das Pentagon kommt zum Schluss, dass er nur   noch in 20 der 121 Schl&#252;sselbezirke R&#252;ckhalt hat.<\/p>\n<h4>  Imperialistischer Raubzug<\/h4>\n<p>  Angesichts dieser Lage stellt sich die Frage, warum den NATO-Staaten   dennoch daran gelegen ist, im Land zu bleiben. Ganz offensichtlich ist   das eine Prestigefrage. Aber das ist nicht alles. Die Besatzungsm&#228;chte   USA und Gro&#223;britannien einerseits und die EU unter der F&#252;hrung   Frankreichs und Deutschlands andererseits wollen das Feld nicht dem   jeweils anderen &#252;berlassen und vor allem nicht M&#228;chten wie Russland oder   China, die sich dort ebenfalls breit machen m&#246;chten.<\/p>\n<p>  Afghanistan selbst verf&#252;gt &#252;ber riesige ungehobene Bodensch&#228;tze wie   Kupfer, Gold und Kohle. Die chinesische Metallurgical Group Cooperation   plant, 3,5 Millarden US-Dollar in die Erschlie&#223;ung von Kupfervorkommen   rund 40 Kilometer s&#252;dlich von Kabul zu investieren. Aber nicht nur China   dr&#228;ngt nach vorn. &#8222;Russland ist zur&#252;ck&#8220;, triumphierte der   Regierungsbeauftragte Wiktor Iwanow im M&#228;rz. So will der Rosneft-Konzern   die Gasfelder von Djarkuduk und Shibarghan erschlie&#223;en, die Eisenerzmine   Hajigak wird wohl an Moskau gehen, 142 zu Sowjetzeiten gebaute und zum   Teil stillgelegte Projekte sollen wieder in Betrieb genommen werden.<\/p>\n<p>  Da m&#246;chten die westlichen Imperialisten nat&#252;rlich nicht au&#223;en vor   bleiben. Unternehmen wie Siemens, Alcatel, BP und Coca Cola stehen in   den Startl&#246;chern. Ein &#8222;Investitionsschutzabkommen&#8220; garantiert   Steuerfreiheit, hundert Prozent der Gewinne d&#252;rfen ins Ausland   transferiert werden. B&#252;rgerliche &#214;konomen loben Afghanistan als einen   der &#8222;freiesten M&#228;rkte der Welt&#8220;. Entsprechend ist der &#8222;Schutz privater   Kapitalinvestitionen und Unternehmen&#8220; ebenso in der afghanischen   Verfassung verankert wie die &#8222;freie Marktwirtschaft&#8220;. &#196;hnlich wie zum   Beispiel das Protektorat Kosova wird Afghanistan zum neoliberalen   Musterland umgebaut.<\/p>\n<p>  Die Rohstoffe Afghanistans stehen aber in keinem Verh&#228;ltnis zur   geostrategischen Bedeutung der Region. Ein Grund f&#252;r das Engagement des   Westens ist die Sorge, dass der Iran hier an Bedeutung gewinnt und seine   &#214;l- und Gasleitungen ungest&#246;rt durch Afghanistan f&#252;hrt. Dazu kommen die   Spannungen zwischen Indien und Pakistan. Au&#223;erdem stellt die Region   einen Br&#252;ckenkopf zu den &#246;lreichen Gebieten der ehemaligen   Sowjetrepubliken Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan dar.<\/p>\n<h4>  Korruptes Karzai-Regime<\/h4>\n<p>  In der Islamischen Repubik Afghanistan besteht die Todesstrafe. Auf   homosexuelle Liebe stehen bis zu 15 Jahre Gef&#228;ngnis. Die Prostitution   ist seit 2001 sprunghaft angestiegen. Gut geht es aber einer kleinen   Minderheit von Kollaborateuren des Westens, die mit der Regierung von   Hamid Karzai verbunden ist. Karzais Bruder und andere innerhalb dieser   Clique sind aufs Engste in den Opiumanbau verstrickt (90 Prozent des   global verkauften Heroins stammt aus Afghanistan).<\/p>\n<p>  Offiziellen Angaben zur Folge betrug die j&#252;ngste Wahlbeteiligung   lediglich 38 Prozent. Nachdem der Gegenkandidat Karzais bei der   Pr&#228;sidentschaftswahl, Abdullah Abdullah, nach dem ersten Wahlgang   kapitulierte, schluckte der Westen Karzais Wahlf&#228;lschung (&#8222;mehr als eine   halbe Million der f&#252;r Karzai ausgez&#228;hlten Stimmen wurden wegen   offensichtlicher F&#228;lschungen annuliert&#8220;, so die FAZ) und versucht   weiter, auf ihn zu bauen. Schlie&#223;lich haben sie keine andere   einheimische St&#252;tze. Aber auch Karzai m&#252;sste ohne seine Protegees aus   Washington, London und Berlin binnen Kurzem, wie einst die Regierenden   von S&#252;dvietnam mit dem Helikopter, ins Ausland t&#252;rmen. Karzai, ein   paschtunischer Stammesf&#252;hrer (die Paschtunen machen &#252;ber 40 Prozent der   Bev&#246;lkerung aus, neben den Tadschiken, Hazara, Usbeken und anderen   ethnischen Gruppen), arbeitet nicht nur mit Warlords wie Gulbuddin   Hekmatjar zusammen, sondern verhandelt seit einem Jahr auch wieder mit   den Taliban!<\/p>\n<h4>  Afghanistans blutige Geschichte<\/h4>\n<p>  Neben Russland versuchte vor allem Gro&#223;britannien, das in Indien und dem   heutigen Pakistan &#252;ber eine der ertragreichsten Kolonien verf&#252;gte, im   19. Jahrhundert mehrmals, das Land milit&#228;risch zu unterwerfen. Es   scheiterte aber immer am erbitterten Widerstand der afghanischen   Bev&#246;lkerung. Auch Deutschland bem&#252;hte sich vor dem Zweiten Weltkrieg, in   Afghanistan Fu&#223; zu fassen. In den drei&#223;iger Jahren stammten 70 Prozent   der dortigen Industrieausr&#252;stung aus dem Hause Siemens. Das damalige   afghanische Herrscherhaus pflegte seit den Zwanzigern freundschaftliche   Beziehungen zum Deutschen Reich. F&#252;r die &#8222;Orientstrategie&#8220; der Nazis   stellte das Land offiziell einen Br&#252;ckenkopf dar.<\/p>\n<p>  Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bundesrepublik (nach den USA und der   UdSSR) der drittgr&#246;&#223;te Geldgeber und Investor im K&#246;nigreich Afghanistan.   Das v&#246;llig r&#252;ckst&#228;ndige und halbfeudale Afghanistan war also immer schon   ein Paradies f&#252;r ausl&#228;ndische Investoren, die dort &#252;ber billige und   rechtlose Arbeitskr&#228;fte verf&#252;gen konnten.<\/p>\n<p>  Dies &#228;nderte sich erst 1978. Nachdem sich die sozialen Gegens&#228;tze im   krisengesch&#252;ttelten Land extrem zuspitzten und es wiederholt zu K&#228;mpfen   gegen das Regime kam, konnte die moskautreue Demokratische Volkspartei   die Macht erobern. Aufgrund des Drucks von unten wurden   Gro&#223;grundbesitzer enteignet, die Schulden verarmter Bauern gestrichen   und eine Alphabetisierungskampagne durchgef&#252;hrt. Diese sozialen Reformen   stie&#223;en bei den reaktion&#228;ren Stammesf&#252;hrern auf enormen Unmut. Als die   Sowjetunion 1979 in das Land einmarschierte &#8211; weil sie den weniger   radikalen, der Moskauer F&#252;hrung genehmeren Parteifl&#252;gel gegen die nach   mehr Eigenst&#228;ndigkeit dr&#228;ngenden Kr&#228;fte st&#252;tzen wollte &#8211; kam es zum   B&#252;rgerkrieg.<\/p>\n<p>  Der Sowjetarmee gelang es in neun Kriegsjahren nicht, die Opposition zu   besiegen, 1988 zog sie aus Afghanistan ab. W&#228;hrend des Krieges wurden   die enteigneten Feudalherren, die Mudschaheddin &#8211; in deren Reihen damals   auch der junge Osama bin Laden k&#228;mpfte &#8211; vom US-Imperialismus massiv   unterst&#252;tzt, Zehntausende S&#246;ldner waren auf ihrer Seite aktiv.<\/p>\n<p>  In den Folgejahren k&#228;mpften verschiedene rivalisierende Warlords um die   Macht, die ihre Kriegsf&#252;hrung weitgehend &#252;ber den Opiumhandel   finanzierten. Das Land verarmte immer mehr, die Wirtschaft war   gr&#246;&#223;tenteils zerst&#246;rt. Die Taliban wurden 1996 noch von den USA als   &#8222;Ordnungsfaktor&#8220; betrachtet und fielen erst, nachdem sie sich einem   Pipelinebau durch Afghanistan widersetzten, bei ihren ehemaligen   Mentoren in Ungnade.<\/p>\n<h4>  Ein Krieg, der nicht gewinnbar ist<\/h4>\n<p>  Nach &#252;ber acht Jahren Krieg und Besatzung ist kein Ende in Sicht. Der   neue Kurs Washingtons, mit mehr Truppen und mehr Bodenk&#228;mpfen   Fortschritte zu erzielen, wird die Zahl der Opfer noch erh&#246;hen. Die   jetzt geplante Schlacht um die zweitgr&#246;&#223;te Stadt Kandahar droht zu   eskalieren.<\/p>\n<p>  Parallel dazu weiten sich die K&#228;mpfe auf den Nachbarn Pakistan aus. Seit   2007 fordern die erstarkten pakistanischen Taliban &#8222;die Regierung in   Islamabad heraus und l&#246;sen Chaos mit ihren Selbstmordattentaten im   ganzen Land aus&#8220;, berichtet Ahmed Rashid. &#8222;Erst seit etwas mehr als   einem halben Jahr geht die Armee gegen die Taliban in sechs der sieben   Stammesgebiete vor.&#8220; Ins siebte Stammesgebiet, nach Nordwaziristan und   weiter s&#252;dlich in die Grenzregion Belutschistan, trauen sie sich   hingegen nicht rein.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig w&#228;chst die Abscheu gegen den Krieg von Monat zu Monat nicht   nur in Afghanistan, sondern auch in den USA, Deutschland und den meisten   weiteren involvierten Staaten. Zudem sinkt die Moral der   Besatzungstruppen. Allein 2008 begingen 128 GIs Selbstmord.<\/p>\n<h4>  Truppenabzug jetzt!<\/h4>\n<p>  Solange die Besatzer in der Region bleiben, kann es dort keinen Frieden   geben. DIE LINKE ist die einzige Partei im Bundestag, die den Abzug der   Bundeswehr fordert und Teil der Anti-Kriegs-Proteste ist. Allerdings   kommt in der Partei hin und wieder die Idee auf, dass ein   Blauhelmeinsatz, also Truppen unter UN-Mandat, eine Alternative w&#228;re.   Doch das w&#252;rde real keinen Unterschied machen. Denn hinter den Vereinten   Nationen stecken die selben M&#228;chte, die Appetit auf Rohstoffe und   geostrategische Bastionen am Hindukusch haben: die f&#252;nf faktisch die UN   beherrschenden Veto-M&#228;chte USA, Russland, China, Gro&#223;britannien und   Frankreich. Ein Einsatz unter UN-Mandat w&#252;rde letztlich nur einen   Austausch der Farbe der Helme bedeuten. Auch fr&#252;her schon gab es   imperialistische Kriege unter UN-Mandat &#8211; ob der Korea-Krieg 1950-1953   oder der zweite Golfkrieg 1991.<\/p>\n<p>  Unter den GegnerInnen der Kriegseins&#228;tze, darunter auch Anh&#228;ngerInnen   der LINKEN, wird h&#228;ufig argumentiert: &#8222;Ein sofortiger Abzug der   ausl&#228;ndischen Streitkr&#228;fte f&#252;hrt doch nur zu Chaos und einer Wiederkehr   der Taliban-Herrschaft.&#8220; Es gibt gar keine Frage, dass ein Truppenabzug   allein nicht ausreicht. Solange halbfeudale Strukturen und   kapitalistische Verh&#228;ltnisse fortbestehen, ist weder ein dauerhafter   Frieden noch eine grundlegende Verbesserung der Lebenssituation zu   erwarten. N&#246;tig ist es, dass die Arbeiterklasse und die in Armut   gehaltene Landbev&#246;lkerung ihr Schicksal in die eigenen H&#228;nde nimmt, dass   sie den Kampf f&#252;r eine sozialistische Ver&#228;nderung aufnimmt. Das setzt   den Aufbau unabh&#228;ngiger Organisationen voraus:   Selbstverteidigungskomitees gegen Besatzer und Warlords, die dar&#252;ber   hinaus die Organisation des &#246;ffentlichen Lebens angehen k&#246;nnten. Zudem   ist die Schaffung einer eigenen Partei, aber auch die F&#246;rderung von   Gewerkschaften n&#246;tig. Der politischen Linken und der Arbeiterbewegung in   Deutschland und weltweit kommt die Aufgabe zu, solche Schritte   tatkr&#228;ftig zu unterst&#252;tzen.<\/p>\n<p>  Der Abzug der Besatzungsm&#228;chte w&#252;rde diesen Prozess erheblich   beg&#252;nstigen. Schlie&#223;lich stellen sich die ausl&#228;ndischen Armeen gegen   jegliche Initiativen von unten &#8211; weil sie auf die anhaltende   Auspl&#252;nderung und Unterjochung Afghanistans aus sind. Zudem greifen sie   immer wieder den Gangstern vor Ort unter die Arme. Erinnert sei auch   daran, dass das Comeback der 2001 v&#246;llig diskreditierten Taliban gerade   eine Folge der Pr&#228;senz der imperialistischen Truppen und der   Umgestaltung des Landes zum Selbstbedienungsladen f&#252;r ausl&#228;ndische   Konzerne war.<\/p>\n<h4>  Es gibt eine Alternative zu Krieg und Ausbeutung<\/h4>\n<p>  Die Stadtbev&#246;lkerung macht nur 20 Prozent der Gesamtbev&#246;lkerung   Afghanistans aus (wobei Kabul drei Millionen Menschen z&#228;hlt). Trotzdem   ist auch in diesem Land die Arbeiterklasse die potenziell st&#228;rkste Kraft   in der Gesellschaft. Immerhin ist sie es, die den Transport organisiert,   die Bodensch&#228;tze erschlie&#223;t und den Reichtum erwirtschaftet. Im &#220;brigen   hatten sozialistische Ideen einst starken Einfluss. In der Vergangenheit   z&#228;hlten die beiden Kommunistischen Parteien, aus denen die Demokratische   Volkspartei hervorging, viele Anh&#228;ngerInnen (tragischerweise   orientierten sie auf die stalinistische Kreml-B&#252;rokratie).<\/p>\n<p>  Politiker und Medien tun so, als seien alle, die die Besatzungstruppen   bek&#228;mpfen, Taliban-Fanatiker. Tats&#228;chlich ist es aber so, dass sich auch   andere Kr&#228;fte in Afghanistan gegen das Regime und die Besatzer zur Wehr   setzen. So kam es wiederholt zu Streiks gegen Privatisierungen und   Arbeitslosigkeit. Im letzten Jahr lieferten sich Hunderte von   Jugendlichen in Kabul zwei Tage lang Stra&#223;enschlachten mit der   afghanischen Polizei und verbrannten dabei die US-Flagge.<\/p>\n<p>  Pakistan ist auf Grund seiner Gr&#246;&#223;e und der Zahl von industriellen   Zentren ein Schl&#252;sselland in der Region. Die dort aktive   Schwesterorganisation der SAV, Socialist Movement Pakistan (SMP),   spielte eine ma&#223;gebliche Rolle bei der k&#252;rzlich erfolgten Gr&#252;ndung des   eine halbe Million Mitglieder umfassenden k&#228;mpferischen   Gewerkschaftsdachverbands Progressive Workers Federation of Pakistan   (PWFP), der im ganzen Land aktiv ist und 23 Einzelgewerkschaften   umfasst. Er organisiert Widerstand gegen Entlassungen und tritt f&#252;r   Arbeiterrechte ein. Dieses Beispiel kann &#8211; auch in Afghanistan &#8211; Schule   machen und eine Ermutigung sein beim Wiederaufbau der Arbeiterbewegung   in der gesamten Region. N<\/p>\n<h4>  Das Ergebnis von acht Jahren &#8222;humanit&#228;rer Hilfe&#8220;<\/h4>\n<p>  &#8211; 36 % der afghanischen Bev&#246;lkerung leben in absoluter Armut<\/p>\n<p>  &#8211; 61 % sind chronisch unterern&#228;hrt<\/p>\n<p>  &#8211; 76 % sind Analphabeten<\/p>\n<p>  &#8211; 77 % haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser<\/p>\n<p>  &#8211; Mehr als die H&#228;lfte hat kein geregeltes Einkommen<\/p>\n<h4>  Forderungen der SAV:<\/h4>\n<p>  &#8211; Besatzungstruppen raus aus Afghanistan<\/p>\n<p>  &#8211; Nein zu allen Auslandseins&#228;tzen der Bundeswehr<\/p>\n<p>  &#8211; Schluss mit Aufr&#252;stung und Waffenexporten<\/p>\n<p>  &#8211; Enteignung der R&#252;stungsindustrie und &#220;berf&#252;hrung in &#246;ffentliches   Eigentum bei demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die   arbeitende Bev&#246;lkerung. Umstellung der Produktion auf gesellschaftlich   sinnvolle Produkte<\/p>\n<p>  &#8211; Die Anti-Kriegs-Bewegung in Deutschland und international st&#228;rken:   Geld f&#252;r Bildung, Arbeit und Soziales statt f&#252;r Militarisierung!   Widerstand gegen Krise und Kapitalismus!<\/p>\n<p>  &#8211; Keine Unterst&#252;tzung f&#252;r die korrupte Karzai-Regierung. F&#252;r eine   Massenmobilisierung gegen die reaktion&#228;ren Regimes in Zentralasien<\/p>\n<p>  &#8211; Kampf f&#252;r demokratische Rechte, Frauenunterdr&#252;ckung stoppen,   Selbstbestimmungsrecht f&#252;r alle ethnischen Gruppen<\/p>\n<p>  &#8211; F&#252;r demokratisch organisierte, multiethnische   Selbstverteidigungskomitees gegen Besatzungsm&#228;chte und Warlords<\/p>\n<p>  &#8211; F&#252;r ein umfassendes Wiederaufbauprogramm in Afghanistan &#8211; unter der   demokratischen Kontrolle von ArbeiterInnen und Bauern. Energiesektor und   andere Schl&#252;sselindustrien in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hren<\/p>\n<p>  &#8211; F&#252;r den Aufbau von unabh&#228;ngigen, k&#228;mpferischen und demokratischen   Arbeiterorganisationen in Afghanistan<\/p>\n<p>  &#8211; Kampf f&#252;r eine Arbeiter- und Bauernregierung<\/p>\n<p>  &#8211; F&#252;r eine sozialistische F&#246;deration von Afghanistan, Pakistan und ganz   Zentralasien sowie dem Nahen Osten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Pipeline-Poker, Gerangel um Bodensch&#228;tze, Wettrennen um geostrategische<br \/>\n      Positionen &#8211; und ihre h&#246;llischen Folgen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[64],"tags":[226],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13719"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13719"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13719\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13719"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13719"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13719"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}