{"id":13640,"date":"2010-04-17T00:00:00","date_gmt":"2010-04-17T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13640"},"modified":"2010-04-17T00:00:00","modified_gmt":"2010-04-17T00:00:00","slug":"13640","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/04\/13640\/","title":{"rendered":"Rechtsruck in Ungarn"},"content":{"rendered":"<p>  Zum Ergebnis der Wahlen am 11. April<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am 11. April fanden in Ungarn Parlamentswahlen statt. Wie erwartet   wurde die sozialdemokratische MSZP mit 19,3 Prozent abgewatscht. 2006   erhielt sie noch 43,21 Prozent der Stimmen, die gr&#252;ne LMP kam auf 7,48   Prozent. Wie vor der Wahl erwartet, konnte die rechtskonservative Fidesz   ihren Stimmenanteil ausbauen und errang mit 52,73 Prozent die Mehrheit.   M&#246;glicherweise kann Fidesz in der zweiten Wahlrunde am 25. April sogar   die Zweidrittelmehrheit erlangen. Neben der LMP gelang auch der   rechtsextremen Jobbik mit 16,67 Prozent erstmals der Einzug in das   ungarische Parlament. <\/b><\/p>\n<h4>  <i><b>von Krischan Friesecke, Berlin<\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Ungarn war eines der L&#228;nder, die als erstes von der Krise besonders hart   getroffen waren. Bereits 2008 bekam Ungarn von EU und Weltbank eine   Finanzspritze von 20 Milliarden Euro um den Staatsbankrott abzuwenden.   Die Folgen der Krise bekommen die Menschen in Ungar hart zu sp&#252;ren. Die   Arbeitslosigkeit stieg von 7,5 Prozent vor der Krise auf aktuell 11,4   Prozent, der H&#246;chststand seit 16 Jahren. Besonders stark<b> <\/b>betroffen   waren west- und zentralungarische Gebiete, dort ist ein Gro&#223;teil der   Industrieproduktion konzentriert. Hier ist der Unmut &#252;ber die   Krisenfolgen besonders ausgepr&#228;gt, herrschte vor der Krise in diesen   Regionen fast Vollbesch&#228;ftigung. <\/p>\n<p>  In Folge der Krise wurden die L&#246;hne im &#214;ffentlichen Dienst stark   gek&#252;rzt, der Reallohn sank im Vergleich zu 2008 um 8,3 Prozent, auf   einem Durchschnitt von knapp 450 Euro. In der Privatwirtschaft sieht es   nur bedingt besser aus. Zwar sanken hier die L&#246;hne nicht so stark, daf&#252;r   verloren im Privatsektor mehr Menschen ihren Arbeitsplatz. Es ist   abzusehen, das in den folgenden Monaten die Arbeitslosenrate weiter   steigen wird. Viele private Unternehmen hielten sich 2009, in dem   Glauben es gehe wieder bergauf, noch mit Entlassungen zur&#252;ck. <\/p>\n<p>  Ein weiteres Problem f&#252;r viele Menschen in Ungarn ist der Immobilienboom   Mitte des letzten Jahrzehnts. Viele Ungaren bauten in dieser Zeit H&#228;user   und finanzierten diese &#252;ber Kredite in Fremdw&#228;hrungen. Durch Inflation   und Sinken des Bruttoinlandsprodukts verlor der Forint (ungarische   W&#228;hrung) an Wert und die Zinsen verteuerten sich extrem, oftmals &#252;ber 20   Prozent. Viele werden sich die Zinsen nicht mehr leisten k&#246;nnen, zudem   auch die Lebenshaltungskosten in den letzten drei Jahren angestiegen   sind, und ihre H&#228;user an die Banken verlieren. <\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund verloren die seit 2002 regierenden   Sozialdemokraten fast 24 Prozent der Stimmen. Die Rechten konnten von   den Folgen der Krise profitieren, die rechtskonservative Fidesz von   Viktor Orban konnte rund 11 Prozent dazu gewinnen. Die Partei Jobbik   unter G&#224;bor Vona konnte eines der besten Ergebnisse f&#252;r eine   rechtsextreme Partei bei Parlamentswahlen in Europa einfahren, das   bisher erreicht wurde. Sie konnte von 2,9 Prozent auf 16,67 Prozent   Stimmenanteil steigen. Gepr&#228;gt wurde der Wahlkampf von diesen Parteien   mit nationalistischen Positionen und antiziganistischen und   antisemitischen Parolen. Besonders Jobbik mit der eigenen   Kampforganisation Junge Ungarische Garde war hier besonders aggressiv.   S&#228;mtliche Probleme Ungarns wurden den verarmten Roma und Sinti und dem   &#8222;j&#252;dischen Finanzkapital&#8220; angelastet. Mit diesen Parolen konnten diese   Parteien leider bei der ungarischen Bev&#246;lkerung punkten, ein wichtiger   Punkt zum Erfolg der Rechten ist das Fehlen einer Arbeiterpartei in   Ungarn. Zwar konnte die gr&#252;ne LMP mit 7,48 Prozent ebenfalls in das   Parlament einziehen, eine Politik im Sinne der ungarischen   Arbeiterklasse wird diese Partei aber auch nicht betreiben. <\/p>\n<h4>  Rassismus und Antisemitismus in Ungarn<\/h4>\n<p>  Antiziganismus hat auch in Osteuropa lange Tradition. Nach dem Untergang   des Stalinismus konnte die rechte Szene, nicht nur in Ungarn, frei   agieren.<\/p>\n<p>  Jobbik wurde 2004 gegr&#252;ndet und entwickelte sich zu der bedeutendsten   rechten Partei in Ungarn. Die Partei bedient sich eines aggressiven   Antiziganismus und Antisemitismus, zudem fordert sie ein Ungarn in den   Grenzen von 1918 (in Folge des, an der Seite &#214;sterreich und   Deutschlands, verlorenen ersten Weltkriegs musste Ungarn zwei Drittel   abtreten). Seit ihrem bestehen hetzt sie massiv gegen Roma und Sinti,   beschw&#246;ren eine &#8222;Romakriminalit&#228;t&#8220; und fordern eine weitere   Ghettoisierung der Minderheit.<\/p>\n<p>  2007 wurde der paramilit&#228;rische Arm der Partei, die Ungarische Garde   gegr&#252;ndet. In Symbolik und Auftreten orientierte sich die Ungarische   Garde an den faschistischen Pfeilkreuzlern w&#228;hrend der Zeit des zweiten   Weltkrieges. Die Ungarische Garde organisierte Aufm&#228;rsche vor   Romasiedlungen, die an SA-Aufm&#228;rsche in den Zwanzigern und Drei&#223;iger   Jahren erinnern. Mit der romafeindlichen Politik und sozialen   Ausgrenzung schufen sie ein Klima, in dem in den letzten Jahren dutzende   Romasiedlungen angegriffen wurden und etliche Roma und Sinti ermordet   wurden. 2009 wurde die Ungarische Garde, wegen Ausgrenzung von   Minderheiten, verboten. Kurze Zeit sp&#228;ter wurde die Junge Ungarische   Garde als Ersatzorganisation geschaffen, nebenbei ein Beispiel, warum   Verbote faschistischer Organisationen nichts bringen. Gerade mit der   Hetze gegen Roma und Sinti konnte Jobbik eine antiziganistische Stimmung   aufgreifen und viele Stimmen sammeln. Dazu kam die Beschw&#246;rung des   &#8222;Weltjudentums&#8220;, das mit der Finanzkrise Ungarn erdrosseln will.<\/p>\n<p>  Weiteres Angriffsziel der Faschisten sind Homosexuelle, so wird der   j&#228;hrliche Gaypride-Umzug in Budapest jedes mal von Faschisten militant   angegriffen, federf&#252;hrend dabei die Ungarische Garde.<\/p>\n<p>  Den b&#252;rgerlichen Teil der Hetze &#252;bernahm die rechtskonservative Partei   Fidesz des Rechtspopulisten Viktor Orban. 1988 gegr&#252;ndet, wandelte sich   Fidesz von einer liberal angehauchten Partei Ende der Neunziger zu einer   rechtskonservativen Partei. Auff&#228;llig war in den letzten Jahren die   fehlende Distanzierung von rechten Gruppen und Parteien wie Jobbik und   der Ungarischen Garde. Inwieweit Fidesz und Jobbik auf parlamentarischer   Ebene zusammenarbeiten werden ist offen, Fidesz wird sich in der zweiten   Wahlrunde am 25. April wahrscheinlich die Zweidrittelmehrheit im   Parlament sichern &#8211; keine rosigen Aussichten f&#252;r Ungarn.<\/p>\n<h4>  Lage der Roma und Sinti in Ungarn<\/h4>\n<p>  In Ungarn leben nach Sch&#228;tzungen 190.000 bis 200.000 Roma und Sinti. Zu   Zeiten des Stalinismus war der Minderheit wenigstens etwas an der   Gesellschaft beteiligt. Auch wenn der Zugang zu Bildung auch im   Stalinismus beschr&#228;nkt blieb, so war er doch besser als nach 1990. Auch   waren sie besser im Arbeitsleben integriert, aber auch hier oft in   &#8222;einfachen&#8220; Arbeitsbereichen. Eine Gleichstellung der Roma und Sinti im   Stalinismus gab es aber nicht, Zugang zu h&#246;herer Bildung oder auch nur   Kinderg&#228;rten war eher die Seltenheit.<\/p>\n<p>  Dies &#228;nderte sich nach dem Ende des Stalinismus rapide. Der Gro&#223;teil   wurde arbeitslos und musste sich die Unterkunft oft in separierten   Romaghettos suchen. Die Wenigen, die noch Arbeit hatten, hatten mit   miserablen Arbeitsbedingungen und niedrigen L&#246;hnen zu k&#228;mpfen. In den   Neunzigern waren 60 bis 80 Prozent Roma arbeitslos, gegenw&#228;rtig d&#252;rfte   es bis zu 90 Prozent. Die Hetze gegen Roma und Sinti nahm extrem zu, es   wird von Sozialschmarotzertum und Romakriminalit&#228;t fabuliert, die Gr&#252;nde   f&#252;r das soziale Elend aber weitgehend ausgeblendet. Die Ghettos, in   denen die Roma und Sinti leben, haben mit menschenw&#252;rdigen Wohnraum   nichts gemein, vielfach sind es einfache H&#252;tten oder halbe Ruinen.   Versch&#228;rft wird die soziale Ausgrenzung noch durch unz&#228;hlige Angriffe   von Faschisten. Brandanschl&#228;ge auf Unterk&#252;nfte sind fast schon an der   Tagesordnung, etliche Roma wurden ermordet, auch von Anh&#228;ngern der   Ungarischen Garde.<\/p>\n<p>  Der Kampf gegen die Folgen der Krise, den Antiziganismus und   Antisemitismus kann nur gemeinsam vom Magyaren, Roma und Sinti gef&#252;hrt   werden. Auch in Ungarn muss der Aufbau einer Arbeiterpartei begonnen   werden. Die ungarischen Gewerkschaften m&#252;ssten den Kampf gegen die   Krisenfolgen aufnehmen und nicht hypnotisiert wir das Kaninchen in der   Ecke sitzen und Abwarten. Denn eines ist klar, Widerstand gegen den   Kapitalismus ist in Ungarn jetzt n&#246;tiger den je.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zum Ergebnis der Wahlen am 11. 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