{"id":13625,"date":"2010-04-08T00:00:00","date_gmt":"2010-04-08T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13625"},"modified":"2010-04-08T00:00:00","modified_gmt":"2010-04-08T00:00:00","slug":"13625","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/04\/13625\/","title":{"rendered":"Tatort Kirche"},"content":{"rendered":"<p>  Kindesmisshandlungen &#8211; jahrelanges Tabuthema<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  R&#252;cktritte von Kirchen&#228;mtern, Selbstanzeigen und Entschuldigungen k&#246;nnen   nur ein Anfang sein, der Anfang von der kompletten Aufkl&#228;rung und   Entlarvung der T&#228;ter und der, die Verbrechen vertuscht oder weggesehen   haben, von der weitestgehensten Entsch&#228;digung der Opfer unabh&#228;ngig von   Verj&#228;hrungsfristen und von der v&#246;lligen Trennung von Staat und Kirche.<\/p>\n<h4>  <i>von Alexandra Arnsburg, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Nachdem in den USA und Irland zehntausende F&#228;lle von Misshandlungen von   Kindern durch Priester und Angestellte der katholischen Kirche bekannt   wurden, sind inzwischen auch in Deutschland hunderte F&#228;lle aufgedeckt.   T&#228;glich melden sich mehr Opfer. Aber auch die evangelische Kirche gab   jetzt zu, Misshandlungsf&#228;lle in Bayern vertuscht zu haben.<\/p>\n<p>  Die Bisch&#246;fe, die aufgrund des Murphy-Reports in Dublin zur&#252;cktraten,   konnten dies bei vollen Pensionsbez&#252;gen und ohne gerichtliche Verfolgung   tun, nicht einmal der kirchliche Titel wurde ihnen aberkannt.<\/p>\n<h4>  Schein-Heilige<\/h4>\n<p>  Der Institution Kirche ging es und geht es bei ihren internen   Ermittlungen haupts&#228;chlich darum, das Ansehen der Kirche zu sch&#252;tzen und   nicht darum etwas f&#252;r die Opfer zu tun. Die erste Frage lautet immer:   Was machen wir mit dem Priester? In vielen hie&#223; das lediglich die   Versetzung und manchmal die zeitweilige Suspendierung. Oft durften T&#228;ter   nach nur Monaten wieder mit Kindern arbeiten. Die Urteile der   kircheninternen Ermittlungen sind geheim und verschwinden im   geschlossenen Archiv. Deutschlands katholische Kirche sieht sich nicht   verpflichtet, Misshandlungsf&#228;lle in ihren Reihen staatlichen Beh&#246;rden   anzuzeigen. Zum Beispiel sind in Berlin die Anschuldigungen gegen   Priester der Heilig-Kreuz-Gemeinde schon seit Juli 2009 bekannt, dennoch   werden die Unteruchungen durch eine interne Berliner Kirchenkommission   verschleppt, obwohl hier die Verj&#228;hrung droht. Den Opfern selbst bleibt   es &#252;berlassen, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Die katholische   Kirche sieht sich als h&#246;chste moralische Instanz und stellt das   Beichtgeheimnis &#252;ber den Schutz der Kinder bzw. die Rechte der Opfer.<\/p>\n<h4>  Atmosph&#228;re von Verschlossenheit und Duckm&#228;usertum<\/h4>\n<p>  Nicht die Tatsache, dass es in Kircheneinrichtungen P&#228;derasten gibt oder   die Diskussion dass das Priesteramt sexuell gest&#246;rte M&#228;nner anzieht,   weil sie sich vielleicht durch das Z&#246;libat Hilfe versprechen, sondern,   dass die Kirche T&#228;ter systematisch sch&#252;tzt und Opfer ignoriert oder noch   schlimmer Opfer bedroht, die an die den Mund aufmachen, sind   schockierend. Kritiker gibt es auch in den Reihen der Kirche: Theologen,   die die &#220;berarbeitung der Richtlinien oder die sofortige Information der   juristischen Stellen fordern oder Priester, die die Abschaffung des   Z&#246;libats oder weibliche Priester fordern. Eins haben die meisten   Kritiker gemeinsam, sie lenken von den Ursachen von Kindesmisshandlungen   ab und ignorieren die Rolle der Kirche als Institution zur Verfestigung   genau der Verh&#228;ltnisse, die die Grundlage f&#252;r Kindesmisshandlungen sind.<\/p>\n<h4>  Kirche als Arbeitgeber<\/h4>\n<p>  Obwohl die katholische und die evangelische Kirche zusammen der   zweitgr&#246;&#223;te Arbeitgeber nach dem &#214;ffentlichen Dienst in Deutschland sind   d&#252;rfen die 1,3 Mio. Besch&#228;ftigte nicht streiken. Auch sonst gelten hier   Sonderregelungen, die die Kirchen selbst bestimmen. &#8222;In den Betrieben,   die in kirchlicher Tr&#228;gerschaft stehen, gelten f&#252;r die Besch&#228;ftigten   weder das Betriebsverfassungsgesetz noch das Personalvertretungsgesetz,   sondern ein sogenanntes Mitarbeitervertretungsgesetz, das von der   Amtskirche selbst geschaffen ist&#8220;, sagt Agnes Westerheide, ver.di   Gewerkschaftssekret&#228;rin im Bezirk Bochum-Herne in einer Presseerkl&#228;rung.   Arbeit wird hier auch als eine Art Bu&#223;e im Diesseits betrachtet und als   M&#246;glichkeit f&#252;r die Vorbereitung f&#252;r das Leben nach dem Tod, daf&#252;r also   auch noch Geld zu zahlen, liegt der Kirche fern. Das diakonische Werk   der evangelischen Kirche zahlt seinen Mitarbeitern so wenig Gehalt, dass   sie zus&#228;tzlich noch Hartz IV beantragen m&#252;ssen. Unchristlich sei die   Gehaltspolitik aber nicht, so die Diakonie, schreibt die Financial   Times. Selbst die Erwachsenen in der Kirche sind v&#246;llig entrechtet.<\/p>\n<h4>  Medien<\/h4>\n<p>  Das Fernsehen ist voll mit Reportagen , wo immer wieder besorgte   Priester auftreten, die den R&#252;ckgang der Kirchenbesuche beklagen und was   f&#252;r fatale Folgen diese Skandale f&#252;r die Kirche hat . Davon, dass es   genau diese Institution war, die T&#228;ter jahrelang gesch&#252;tzt hat, indem   sie sie nur in andere Dioz&#246;sen versetzt &#8211; ohne die Gemeinde zu warnen   und mehr noch, ihnen immer wieder die Gelegenheit gegeben hat   vertrauensvolle Verh&#228;ltnisse zu Kindern aufzubauen und damit Beihilfe zu   massenhaften Misshandlungen, Vergewaltigungen und Folter geleistet hat,   reden nur wenige Kirchenm&#228;nner. Die konservative &#8222;Berichterstattung&#8220;   &#252;berl&#228;sst die sogenannten &#8222;Einzelt&#228;ter&#8220; dem Volkszorn und deckt nicht   auf, dass Kinder weltweit zu Profitzwecken ausgebeutet werden. (ca 2   Mio. laut unicef) Die Medien spielen sich auf als H&#252;ter der g&#228;ngigen   Moral auf, wobei aber nicht in Frage gestellt wird, dass nach Morden an   in der Familie vergewaltigter M&#228;dchen, oft nicht einmal die   Familienbande zerbrechen, wie das Beispiel Doutroux in Belgien zeigte.   Bei der Aufdeckung oder besser Skandalisierung geht es den Medien nur   darum aus dem Leid der Betroffenen noch Profit zu schlagen. Der gleiche   Spiegel, der jetzt &#8222;Scham und Angst&#8220; titelte und offenbar die Rolle der   Opfer einnimmt, sammelte 1994 noch F&#228;lle, in denen V&#228;ter und Erzieher zu   Unrecht beschuldigt und ruiniert wurden und lies den Paderborner   Erzbischof erkl&#228;ren, dass M&#228;nner, die zu sehr mit Kinderpflege   besch&#228;ftigt sind, irgendwann ihren Begierden nicht widerstehen k&#246;nnten   und sprach damit f&#252;r die konservativen Orientierung der Frauen auf   Haushalt und Kindererziehung.<\/p>\n<h4>  Aufkl&#228;rung<\/h4>\n<p>  Was n&#246;tig ist, ist die v&#246;llige Aufkl&#228;rung dieser Verbrechen und nicht   nur R&#252;cktritte. Jeder, der Kinder misshandelt hat und jeder bis hin zu   den h&#246;chsten Kirchenoberh&#228;uptern, der mit dazu beigetragen hat, diese   Verbrechen zu vertuschen muss sich vor einem Gericht daf&#252;r verantworten.   Runde Tische mit den Leuten, denen vor allem ihre Institution am Herzen   liegt wie Bisch&#246;fe, die der &#8222;norma interna&#8220; unterliegen &#8211; eine   vertrauliche Richtlinie f&#252;r alle Bisch&#246;fe, die sie anweist, alle   Verdachtsf&#228;lle zuerst selbst zu untersuchen und dann der   Glaubenskongregation zu &#252;berweisen, immer unter Ausschluss der   &#214;ffentlichkeit und der juristischen Stellen &#8211; sind Heuchelei. Bisch&#246;fe,   die mit der sexuelle Revolution von 1968 oder freundschaftlichen   Lehrer-Sch&#252;ler-Beziehungen in christlichen Landschulheimen   Entschuldigungen f&#252;r T&#228;ter suchen und solche die schreien, dass es eine   Hetzkampagne von Kirchenhassern oder Papstkritikern sei und   konservativen Politikern, die Selbstst&#228;ndigkeit und Selbstbewusstsein   von Kindern bremsen geh&#246;ren nicht an einen Runden Tisch, sondern m&#252;ssten   selbst &#252;berpr&#252;ft werden. F&#252;r wirkliche Aufkl&#228;rung m&#252;ssen unabh&#228;ngige   Kommissionen unter Beteiligung der Betroffenen (nicht der T&#228;ter oder der   sie sch&#252;tzenden Institutionen) verantwortlich sein.Wenn in einer Schule   zum Beispiel ein Verdacht aufkommt, dann sollten einer dortigen   Kommission Eltern, Lehrer- und Sch&#252;lerInnen angeh&#246;ren, die Fachleute zu   Rate ziehen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Kinder brauchen Schutz, nicht der Papst<\/h4>\n<p>  In der Familie und in den Kitas und Schulen muss es einen offenen Umgang   mit Sexualit&#228;t geben. Nicht das gemeinsame Nacktturnen von Kindern an   Landschulheimen in den 20er Jahren war Schuld an den Vergewaltigungen in   sp&#228;teren Jahren, wie uns erzkonservative Kirchenm&#228;nner glauben machen   wollen, sondern die Mystifizierung von allem K&#246;rperlichen und das stark   autorit&#228;re System, dass es Kindern unm&#246;glich macht, zu erfahren, was   ihre Grenzen sind und diese gegen Erwachsene notfalls selbstbewusst zu   verteidigen. Kostenlose Selbstverteidigungskure an Schulen und   Sporteinrichtungen k&#246;nnen Kindern helfen, selbstbewusst zu werden und zu   Erwachsenen laut &#8222;Nein&#8220; zu sagen. N&#246;tig sind ausreichend Sozialp&#228;dagogen   in Bildungseinrichtungen. Fortbildungen von Erzieher- und LehrerInnen   sowie Beratungsstellen m&#252;ssen massiv gef&#246;rdert werden. Mit den aktuellen   Sparpaketen passiert gerade das Gegenteil. Die Parteien von   Familienministerin Kristina Schr&#246;der und anderen sind daf&#252;r   verantwortlich, dass immer mehr Kinder und Jugendliche sich selbst   &#252;berlassen bleiben. Was ist das f&#252;r eine Gesellschaft, die ihre   schw&#228;chsten Mitglieder &#252;berhaupt nicht sch&#252;tzt?<\/p>\n<h4>  Trennung von Kirche und Staat<\/h4>\n<p>  Jeder soll das Recht haben, seine Religion frei auszu&#252;ben. Aber f&#252;r   Kirchen darf es in der Gesellschaft keine Privilegien geben. Darum ist   auch eine Trennung von Kirche und Staat n&#246;tig. Zwar wurde 1919 die   formale Trennung von Kirche und Staat eingef&#252;hrt, dennoch gibt es   Staatskirchenvertr&#228;ge, die kirchliche Kitas und Schulen (zehn Prozent   aller Einrichtungen) f&#246;rdern. Bei Lehrerinnen, die ein Kopftuch tragen   wollen, greift der Staat durch, aber Kruzifixe im Klassenraum oder   Nonnen als Kita-Erzieherinnen sind v&#246;llig normal. Bildung geh&#246;rt nicht   in Kirchenhand! Die Unterst&#252;tzung des Staates f&#252;r die Kirche ist   vielf&#228;ltig. Aus Steuergeldern wird ein System finanziert, dass die   Einnahme der Kirchensteuer, die &#220;berpr&#252;fung der Zahlungen und notfalls   auch die Ahndung und Bestrafung der Steuers&#252;nder &#252;bernimmt. &#220;ber 14   Milliarden Euro zahlt der Staat j&#228;hrlich an die steinreichen Kirchen   (Verm&#246;gen: ca. 500 Mrd. Euro) zus&#228;tzlich zu der Unterst&#252;tzung   kirchlicher Sozialleistungen (die der Staat auch zu &#252;ber 90 Prozent   finanziert). F&#252;r Steuerbefreiungen, f&#252;r Religionsunterricht an   staatlichen Schulen, f&#252;r die Ausbildung von Theologen, f&#252;r die   Milit&#228;rseelsorge, f&#252;r die Geh&#228;lter von Bisch&#246;fen und Landesbisch&#246;fen   samt Personal. Jeder Steuerzahler, ob gl&#228;ubig oder nicht und unabh&#228;ngig   welcher Religion er angeh&#246;rt, finanziert die katholische und die   evangelische Kirche mit! Da will man uns leere Kassen erkl&#228;ren?<\/p>\n<h4>  Gesetze<\/h4>\n<p>  Die heutigen Gesetze sind v&#246;llig unzureichend. Verboten sind &#8222;sexuelle   Handlungen&#8220; an und von Kindern, das &#8222;Vorzeigen pornografischer   Abbildungen&#8220; etc. Es wird nicht erkl&#228;rt, was sexuelle Handlungen sind   und die st&#228;ndige Dauerpr&#228;senz von Pornografie selbst im   Nachmittagsprogramm im Fernsehen wird nicht unter Strafe   gestellt.Verj&#228;hrungsfristen geh&#246;ren abgeschafft. Schlie&#223;lich haben Opfer   oft noch l&#228;nger Therapiebedarf oder haben die Vorf&#228;lle jahre- oder   jahrzehntelang verdr&#228;ngt oder wurden unter Druck gesetzt, den Mund zu   halten. Weder gibt es genug Therapieangebote noch eine vollst&#228;ndige   Erstattung der Kosten. Welche Anspr&#252;che haben Opfer, die vielleicht   aufgrund psychischer Sch&#228;den nicht arbeitsf&#228;hig sind oder jahrelang   nicht in die Rentenkassen einzahlen k&#246;nnen und denen Altersarmut droht?   In Bezug auf (nicht sexuelle) Gewalt gegen Kinder wurde zwar der   Paragraf 1631 des B&#252;rgerlichen Gesetzbuches (BGB) dahingehend ge&#228;ndert,   dass Kinder nicht nur ein &#8222;Recht auf gewaltfreie Erziehung&#8220; haben,   sondern dass nun &#8222;K&#246;rperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und   andere entw&#252;rdigende Ma&#223;nahmen (&#8230;) unzul&#228;ssig&#8220; sind, jedoch kann kein   Gesetz der Welt Gewalt in einer Gesellschaft verhindern, die selbst auf   Gewalt und Macht aufgebaut ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kindesmisshandlungen &#8211; jahrelanges Tabuthema\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[34],"tags":[224],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13625"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13625"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13625\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}