{"id":13592,"date":"2010-03-15T00:00:00","date_gmt":"2010-03-15T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13592"},"modified":"2010-03-15T00:00:00","modified_gmt":"2010-03-15T00:00:00","slug":"13592","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/03\/13592\/","title":{"rendered":"Zum Ergebnis der niederl&#228;ndischen Kommunalwahlen"},"content":{"rendered":"<p>  Gro&#223;e Verluste f&#252;r die Regierungsparteien und die oppositionelle   Sozialistische Partei &#8211; Die ausl&#228;nderfeindliche rechte &#8222;Freiheitspartei&#8220;   von Geert Wilders f&#228;hrt Gewinne ein<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Pieter Brans, Offensief (Unterst&#252;tzerInnen des CWI in den   Niederlanden), Amsterdam<\/i><\/h4>\n<p>  Bei den niederl&#228;ndischen Kommunalwahlen, die kurz nach dem Bruch der   Koalitionsregierung in der vergangenen Woche stattgefunden haben,   verzeichneten die Christdemokraten (die st&#228;rkste Partei der letzten   Regierung) und die oppositionelle Socialistische Partij (SP) enorme   Verluste. Die sozialdemokratische (Erg. d. &#220;bers.) Arbeitspartei (PvdA)   verlor zwar ebenfalls eine Reihe an Sitzen, jedoch nicht so stark wie   vorher von vielen angenommen wurde, da sie sich immer noch zusammen mit   den Christdemokraten die Regierungsmacht teilte. Die rassistische   Freiheitspartei (Partij voor de Vrijheid; Erg. D. &#220;bers.) fuhr in zwei   St&#228;dten, in denen sie antrat, gro&#223;e Gewinne ein und konnte rund 25   Prozent der Stimmen in diesen Wahlbezirken auf sich vereinen.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Regierungskoalition, die vor zwei Wochen auseinander gebrochen   ist, war das Ergebnis der Kommunalwahlen und die niedrige   Wahlbeteiligung (54 Prozent) ein &#8222;Tag der Abrechnung&#8220; und ist Beleg f&#252;r   die allgemeine Konfusion und das fehlende Vertrauen unter den   W&#228;hlerInnen in die &#8222;Politik&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Parlamentswahlen am 9. Juni werden nun als &#8222;Rennen&#8220; betrachtet   zwischen dem Vorsitzenden der Freiheitspartei, Geert Wilders, dem Chef   der Christdemokraten, Balkenende, dessen Stellung nun geschw&#228;cht ist,   und dem Vorsitzenden der Partij van de Arbeid (PvdA), Bos. F&#252;r die SP   wird angenommen, dass sie von den bisherigen 25 Parlamentssitzen abf&#228;llt   auf elf. Ihre Fraktionsvorsitzende Agnes Kant ist nach den   Kommunalwahlen zur&#252;ckgetreten.<\/p>\n<p>  Der niederl&#228;ndischen Arbeiterbewegung stehen schwere Zeiten bevor. Die   Gewerkschaftsf&#252;hrung lehnt es ab, ernsthaften Widerstand gegen die   Anhebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre zu organisieren   und ignoriert damit verschiedene Antr&#228;ge von Mitgliederversammlungen der   gro&#223;en Gewerkschaften. Der Vorsitzende der Freiheitspartei, Geert   Wilders, der bei den Kommunalwahlen eine Menge an Stimmen einheimsen   konnte, ruft immer wieder zu national-ethnischer und religi&#246;ser   Diskriminierung auf, verlangt von der Polizei, auf DemonstrantInnen zu   schie&#223;en, und fordert einen &#8222;Heiligen Krieg&#8220; gegen den Islam sowie die   Ausweisung von Millionen von Menschen aus Europa.<\/p>\n<p>  Wie ist es m&#246;glich, so fragen viele Kommentatoren, dass die   niederl&#228;ndische Sozialistische Partei, die &#8222;Vork&#228;mpferin bei den   Protesten&#8220; und die &#8222;Stimme der ArbeiterInnen&#8220; (die Partei n&#228;mlich, die   das Referendum gegen die EU-Verfassung im Jahr 2005 ma&#223;geblich bestimmte   und es schlie&#223;lich f&#252;r sich entschied und die 2006 bei den   Kommunalwahlen beachtlich und bei den Parlamentswahlen im selben Jahr   enorm zulegen konnte) in Mitten der schwersten Krise des Kapitalismus   seit den 1930er Jahren so viel an Unterst&#252;tzung verloren hat?<\/p>\n<p>  Die niederl&#228;ndische herrschende Elite hofft auf eine stabile Mehrheit   nach den Parlamentswahlen am 9. Juni, damit die von ihr als   &#8222;unvermeidbar und notwendig&#8220; bezeichneten, weitreichenden K&#252;rzungen   umgesetzt werden k&#246;nnen. Jedwede neue Koalitionsregierung wird schon   bald &#228;u&#223;erst unbeliebt sein. Aber die etablierten Parteien, die die neue   Regierung stellen werden, hoffen, dass sie dem Sturm standhalten k&#246;nnen   und bis zu den folgenden Wahlen am Ruder bleiben werden, die dann wieder   2014 stattfinden. Alle Parteien &#8211; au&#223;er der SP &#8211; kommen mit der &#252;blichen   neoliberalen K&#252;rzungslogik und anderen Angriffen auf die   Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen daher. Alle etablierten   Parteien meinen, dass die 100 Milliarden Euro, die von der Regierung zur   Bankenrettung ausgezahlt wurden, aus den Portemonnaies der ArbeiterInnen   zur&#252;ckgeholt werden m&#252;ssen. Die eine Partei zieht es vor, bei   Entwicklungshilfe, Kulturf&#246;rderung und Bildung zu k&#252;rzen. Die andere   ruft zu Einsparungen beim Verteidigungshaushalt auf. Und eine dritte   m&#246;chte lieber in den Bereichen Bildung und Gesundheit k&#252;rzen als bei der   Polizei. Gemein ist allen, dass sie alle weitreichende K&#252;rzungen   durchf&#252;hren wollen!<\/p>\n<h4>  Warum verliert die Socialistische Partij an Unterst&#252;tzung?<\/h4>\n<p>  Die Socialistische Partij ist die einzige Partei, die diese neoliberale   Logik formal nicht akzeptiert. Die gro&#223;en Verluste bei den   Kommunalwahlen jedoch (der Stimmenanteil der SP wurde in vielen Regionen   halbiert) und der hastige R&#252;cktritt der SP-Fraktionsvorsitzenden Agnes   Kant (sie hat sich komplett aus der Politik zur&#252;ckgezogen) haben der   Socialistische Partij schweren Schaden zugef&#252;gt.<\/p>\n<p>  Der vormalige Fraktionsvorsitzende der SP, der ehemalige Fabrikarbeiter   Jan Marijnissen, wurde weithin als Politiker betrachtet, der die   &#8222;Sprache der Arbeiter&#8220; sprach. Agnes Kant hingegen arbeitete an einer   Universit&#228;t und stand wiederholt unter medialem Druck. F&#252;r Kant war es   nahezu unm&#246;glich, erfolgreich in die Fu&#223;stapfen des beliebten   Marijnissen zu treten. Allerdings ist es f&#252;r den nun neuen   Fraktionsvorsitzenden der SP, Emile Roemer, noch schwieriger, sich in   den vor den Parlamentswahlen verbleibenden drei Monaten zu etablieren.   Es besteht die Gefahr, dass die SP von derzeit 25 Sitzen (das Parlament   hat 150 Sitze) auf rund 10 oder noch weniger abzufallen (wie Umfragen   voraussagen). F&#252;r die Hoffnungen, die viele Menschen aus der   Arbeiterklasse in die SP gesetzt haben, w&#228;re das ein enormer R&#252;ckschlag.<\/p>\n<p>  Dennoch war Agnes Kant nat&#252;rlich nicht der Hauptgrund f&#252;r die Verluste   der SP bei den Kommunalwahlen. Diese m&#252;ssen vielmehr der gesamten   Parteif&#252;hrung zugeschrieben werden, die ihre ganze Energie darauf   verwandt hat, auf m&#246;gliche Koalitionen mit pro-kapitalistischen Parteien   hinzuarbeiten. So unterst&#252;tzte sie vollkommen unkritisch die riesigen   Summen, die f&#252;r Bankenrettungen ausgegeben wurden. Zudem ist das   Ergebnis zur&#252;ckzuf&#252;hren auf die fehlende Initiative der SP, Widerstand   gegen die Folgen der Wirtschaftskrise zu organisieren. W&#228;hrend die   W&#228;hlerInnen der SP den R&#252;cken kehrten (und SozialistInnen sogar aus der   Partei ausgeschlossen wurden!), blickte die F&#252;hrung der Partei lieber   nach rechts oder ignorierte die bestehenden M&#246;glichkeiten, eine f&#252;hrende   Rolle im Kampf der ArbeiterInnen und Jugendlichen gegen die K&#252;rzungen   einzunehmen.<\/p>\n<p>  Die niederl&#228;ndische sozialdemokratische PvdA unterst&#252;tzte nahezu alle   von der Regierung in j&#252;ngster Zeit durchgef&#252;hrten K&#252;rzungen. Dass sie   die niederl&#228;ndische Milit&#228;rintervention in Afghanistan nicht mehr   unterst&#252;tzen wollte (der Grund f&#252;r den Bruch der Regierungskoalition von   vor zwei Wochen), war nicht ihrer politischen &#220;berzeugung geschuldet   (kurz zuvor noch hatte die Parteispitze einer Ausweitung der Mission   zugestimmt), sondern war der Versuch, die Partei vor einer schweren   politischen Niederlage zu bewahren. Die Partei GroenLinks (gr&#252;neLinke;   Erg. D. &#220;bers.), die bei den Kommunalwahlen etwas hinzugewinnen konnte,   unterst&#252;tzte die umweltpolitischen Ma&#223;nahmen der Regierung, zog es aber   auch vor Gesetzte zu bef&#252;rworten, die es den Arbeitgebern erleichtern,   Besch&#228;ftigte zu entlassen und das Renteneinstiegsalter heraufzusetzen.<\/p>\n<h4>  Den arbeitenden Menschen und Jugendlichen haben weder GroenLinks noch   die PvdA etwas zu bieten<\/h4>\n<p>  Die Freiheitspartei von Geert Wilders (der vergangene Woche das House of   Lords [Oberhaus, eine der beiden Kammern des brit. Parlaments; Anm. d.   &#220;bers.] in London besuchte und damit Proteste ausl&#246;ste) versucht, die   ArbeiterInnen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft zu spalten und hat   damit einigen Erfolg gehabt. Geringer Widerstand, mangelnde   Organisationsf&#228;higkeit und fehlende Ideen auf der Linken und seitens der   Gewerkschaften sowie der SP und die Tatsache, dass die PvdA und   GroenLinks nichts anzubieten haben, bedeuten ein gro&#223;es politisches   Vakuum, das momentan herrscht. Wer wird die Interessen der ArbeiterInnen   vertreten? Die Freiheitspartei nutzt die Situation f&#252;r ihre Zwecke aus.   Wilders spielt mit der Frustration der arbeitenden Menschen gegen&#252;ber   der herrschenden Elite, die danach strebt, den Wohlfahrtsstaat zu   attackieren. Die Freiheitspartei hat es zu einem bestimmten Ma&#223; und   zeitweilig geschafft, die allgemeine, durch Wut und Frustration   gekennzeichnete Stimmung aufzugreifen und &#8222;Proteststimmen&#8220; gegen die   etablierten Parteien und das Establishment f&#252;r sich zu gewinnen.<\/p>\n<h4>  Wahlergebnis ist eindeutiger R&#252;ckschlag f&#252;r die etablierten Parteien<\/h4>\n<p>  Der Ausgang der Kommunalwahlen zeigt, dass die meisten Menschen die   etablierten Parteien ablehnen. Hunderttausende Stimmen sind Parteien   gegangen, die nur in einzelnen Orten bestehen &#8211; oder an die   Freiheitspartei. Viele W&#228;hlerInnen haben das Gef&#252;hl, dass sie von den   bestehenden politischen Parteien nicht ernst genommen werden. Die SP   erzielte eine betr&#228;chtliche Anzahl an Stimmen in Orten, in denen sie zum   ersten Mal antrat. Das reichte aber nicht, um sich von den St&#228;dten   abzuheben, in denen man die gro&#223;en Verluste einfuhr.<\/p>\n<p>  F&#252;r die SP wird die n&#228;chste Zeit entscheidend sein. die F&#252;hrung der   Partei hat viel Zeit und Energie daf&#252;r verwendet, m&#246;gliche Koalitionen   mit anderen Parteien auszutarieren. Doch ist es nicht eine Koalition mit   der PvdA oder GroenLinks, was die ArbeiterInnen brauchen. Diese Parteien   wollen auch nur, dass die Arbeiterklasse die Rechnung f&#252;r die Krise des   Profitsystems bezahlen soll. J&#252;ngsten Umfragen zufolge w&#228;ren solche   Koalitionen rein rechnerisch auch gar nicht m&#246;glich.<\/p>\n<p>  Wenn die SP mit halbherziger Herangehensweise vorgeht und die   &#8222;K&#252;rzungslogik&#8220; akzeptiert, dann wird sie in eine gef&#228;hrliche Falle   treten. Damit w&#228;re es noch wesentlich schwerer f&#252;r die SP, ihre Position   als &#8222;Protestpartei&#8220; wieder zu erlangen, die es der Partei erm&#246;glichte,   bei den Wahlen von 2005 und 2006 beachtliche Erfolge zu feiern.<\/p>\n<p>  Die einzig realistische und gangbare Perspektive f&#252;r die Socialistische   Partij &#8211; soll ein weiteres Wahldesaster und ein m&#246;glicher unumkehrbarer   Niedergang verhindert werden &#8211; besteht darin, nach Unterst&#252;tzung von den   arbeitenden Menschen, den Erwerbslosen und Jugendlichen zu streben,   indem man K&#252;rzungen und der Abschaffung des Wohlfahrtsstaats entschieden   entgegenwirkt. Dem muss eine eindeutige sozialistische Alternative   entgegen gestellt werden: Arbeitspl&#228;tze f&#252;r alle, angemessen finanzierte   Bildung und Gesundheitsversorgung, angemessener und bezahlbarer   Wohnraum, gegen den Krieg in Afghanistan und so weiter. Nur wenn die   Gro&#223;banken und die St&#252;tzen der Wirtschaft in &#246;ffentliches Eigentum   &#252;berf&#252;hrt und unter demokratische Kontrolle und Gesch&#228;ftsf&#252;hrung der   arbeitenden Menschen gestellt werden, werden die enormen Ressourcen der   Gesellschaft daf&#252;r eingesetzt, die Bed&#252;rfnisse der Menschen aus der   Arbeiterklasse zu gen&#252;gen. Au&#223;erdem muss sich die SP radikal wandeln,   wenn sie Erfolg haben will. Sie muss offene und demokratische Strukturen   haben, will sie attraktiv sein f&#252;r neue Schichten von ArbeiterInnen und   Jugendlichen.<\/p>\n<p>  Eine mutige sozialistische Politik und entschiedener gewerkschaftlicher   Widerstand gegen die K&#252;rzungen kann die giftigen L&#252;gen der   Freiheitspartei durchkreuzen und ihrer wachsenden Unterst&#252;tzung den   Boden entziehen. Dabei ist es essentiell, dass jenseits von ethnischen   und religi&#246;sen Unterschieden zur Arbeitereinheit aufgerufen wird!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Gro&#223;e Verluste f&#252;r die Regierungsparteien und die oppositionelle<br \/>\n      Sozialistische Partei &#8211; Die ausl&#228;nderfeindliche rechte &#8222;Freiheitspartei&#8220;<br \/>\n      von Geert Wilders f&#228;hrt Gewinne ein\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[28,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13592"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13592"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13592\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}