{"id":13586,"date":"2010-03-16T00:00:00","date_gmt":"2010-03-16T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13586"},"modified":"2010-03-16T00:00:00","modified_gmt":"2010-03-16T00:00:00","slug":"13586","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/03\/13586\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir k&#246;nnen Autos ohne den Vorstand bauen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  &#220;ber die spontanen Streiks bei Daimler in Sindelfingen und Bremen   2009\/2010<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die b&#252;rgerlichen Medien und selbst viele, die sich als links   betrachten, haben die Arbeiterklasse hierzulande als Machtfaktor   abgeschrieben. Die Kampfvermeidungsstrategie der Gewerkschaftsf&#252;hrung   hat dazu gef&#252;hrt, dass selbst in der Arbeiterklasse das Vertrauen in die   eigene St&#228;rke verloren ging. Der spontane Streik der Besch&#228;ftigten bei   Daimler-Sindelfingen Anfang Dezember 2009 hat wie ein Blitz aus heiterem   Himmel die enorme Kampfkraft der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten demonstriert und   nicht nur die Daimler-Bosse aufgeschreckt. Sindelfingen blieb keine   Ausnahme. Im Daimler-Werk in Bremen kam es in den letzten Monaten zu   wiederholten spontanen Arbeitsniederlegungen. Die Zukunft Betrieben   wirft ihre Schatten voraus. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  In der Januar-Ausgabe der Mitgliederzeitung der IGM wird die   Betriebsvereinbarung &#8222;Sindelfingen 2020&#8220; als Sicherheit f&#252;r die   Arbeitspl&#228;tze f&#252;r den &#8222;kommenden Strukturwandel&#8220; verkauft. F&#252;r den   Standort Untert&#252;rkheim erschien Ende Januar eine Extra-Ausgabe der   Betriebszeitung &#8222;ScheibenWischer&#8220;. Darin wird die k&#252;hne Behauptung   aufgestellt, dass der Betriebsrat durchgesetzt h&#228;tte, &#8222;dass der Entfall   der C-Klasse in Sindelfingen auch auf l&#228;ngere Sicht keine negativen   Auswirkungen auf die Arbeitspl&#228;tze an unserem Standort&#8220; habe. In der   Vereinbarung w&#252;rde der Standort Untert&#252;rkheim sogar &#8222;in die Zukunft   gest&#228;rkt&#8220;. Probleme sehen die IGM-Betriebsr&#228;te lediglich durch die   &#8222;CO2-Debatte&#8220;. Sie fordern, dass Daimler in die Entwicklung des   Elektroantriebs bzw. in die Batterietechnologie investiert und diese   &#8222;wettbewerbsrelevantenTechnologien&#8220; selber produziert, statt sich von   Zulieferern abh&#228;ngig zu machen. &#8222;Dabei braucht man sicher nicht in Panik   zu verfallen. Denn den klassischen Verbrennungsmotor wird es immer noch   geben, wenn ein Gro&#223;teil der heutigen Belegschaft in Rente geht.&#8220;, so   der &#8222;ScheibenWischer&#8220;. Statt Aufkl&#228;rung und Klarsicht &#252;ber die   kapitalistische &#220;berproduktionskrise betreibt die IGM Augenwischerei und   bet&#228;tigt sich als Bremse gegen die Kampfbereitschaft in der Belegschaft.   Aber wer immer auf der Bremse steht, nutzt sie ab. Und dann funktioniert   sie nicht mehr richtig. So kommt es immer &#246;fters zu spontanen wilden   Streiks.<\/p>\n<h4>  Vorgeschichte<\/h4>\n<p>  P&#252;nktlich zum 100j&#228;hrigen Jubil&#228;um der Marke Mercedes bedachte das   Management die Belegschaft im Mai 2004 mit einem 500 Millionen schweren   Erpressungskatalog. Die f&#252;r 2007 geplante neue Modellreihe der C-Klasse   sollte nur dann in vollem Umfang in Sindelfingen und Bremen gebaut   werden, wenn es zu einer Personalkostenk&#252;rzung von 500 Euro pro Auto   k&#228;me. Mit diesem Erpressungsversuch provozierte das Daimler-Management   den bis dahin gr&#246;&#223;ten Protest in seiner Geschichte. Ab Anfang Juli 2004   kam es in den Werken Sindelfingen und Untert&#252;rkheim zu   Produktionsausf&#228;llen, weil an Samstagen &#220;berstunden verweigert wurden   und es immer wieder zu Abteilungsversammlungen kam.   Betriebsversammlungen Anfang Juli wurden von den Besch&#228;ftigten genutzt,   um ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Manager wurden mit Pfeifkonzerten   bis zu 10 Minuten daran gehindert zu reden. Transparente und Plakate   machten die Versammlungen zus&#228;tzlich zu Protestkundgebungen. Vorl&#228;ufiger   H&#246;hepunkt des Aufstands der Daimler-Besch&#228;ftigten war der von der IGM   organisierte bundesweite Daimler-Aktionstag am 15.7. Die Nachtschicht im   D&#252;sseldorfer Daimler-Werk machte mit Arbeitsniederlegung und einem   Fackelzug durch die Innenstadt den Anfang. In den anderen Werken von   Hamburg bis Sindelfingen ( Bremen, Berlin, Kassel, Gaggenau, Rastatt,   W&#246;rth) schmiss die Fr&#252;hschicht am 15.7. die Brocken hin. 60.000   Kolleginnen und Kollegen insgesamt. Davon 30.000 im Mittleren   Neckarraum. Vor dem Untert&#252;rkheimer Tor gab es eine Protestaktion mit   10.000 Besch&#228;ftigten. Die &#8222;Mettinger Rebellen&#8220; marschierten mit 2.000   Kolleginnen und Kollegen auf der B 10 und brachten damit den Autoverkehr   f&#252;r eine Stunde zum Erliegen. Im Sindelfinger Werk nahmen 20.000 an   einer Kundgebung teil und marschierten anschlie&#223;end durch die   Innenstadt. Und selbst im brasilianischen Werk bei Sao Paolo kam es zu   einer Solidarit&#228;tsaktion und einer Gru&#223;adresse an die KollegInnen in   Deutschland. W&#228;hrend die Daimler-Besch&#228;ftigten an diesem Tag bundesweit   ihre Kampfbereitschaft demonstrierten, nutzten die Betriebsr&#228;te die   Versammlungen in und au&#223;erhalb der Betriebe um die Belegschaft auf   Zugest&#228;ndnisse einzuschw&#246;ren. &#8222;Wir haben aber auch immer betont, dass   wir bereit sind eine faire L&#246;sung zu suchen, die sicher auch auf unserer   Seite Kompromissbereitschaft fordert&#8220;. F&#252;r diese Aussage erntete der   Betriebsratsvorsitzende Helmut Lense beim Daimler-Aktionstag im Sommer   2004 Buhrufe und Pfiffe. Bei der Kundgebung in Sindelfingen stimmte   GBR-Vorsitzender Erich Klemm damals die Belegschaft mit folgenden Worten   auf Verzicht ein: &#8220;Wir wollen das profitabelste Werk des Konzern   bleiben&#8220;. Anstatt die Proteste weiterzuf&#252;hren, kam es mit der   &#8222;Zukunftssicherung 2012&#8220; zum Zugest&#228;ndnis von 500 Millionen u.a. durch   Absenkung der Lohnlinie um 2,79% ab 2006, durch Ausdehnung von   39\/40-Stunden-Vertr&#228;gen und Lohnabsenkung f&#252;r Neueingestellte um 20%.   Die Produktion der C-Klasse blieb hier &#8211; vorerst. Betriebsbedingte   K&#252;ndigungen blieben bis 2011 ausgeschlossen, nicht jedoch weiterer   Personalabbau. Bereits ein Jahr nach Abschluss der sogenannten   &#8222;Besch&#228;ftigungssicherung&#8220; k&#252;ndigt Daimler an, dass der Absatz der   E-Klasse im ersten Halbjahr 2005 rund ein Drittel unter dem   Vorjahreshalbjahr liege und deshalb weitere Personalkostenk&#252;rzungen   anst&#252;nden. Konkret wurde der Abbau von 8.500 Stellen in den Werken   Sindelfingen, Untert&#252;rkheim, Bremen, Berlin und Hamburg &#252;ber Abfindungen   und Fr&#252;hpensionierung beschlossen. Das Werk in Sindelfingen war davon   mit 3.600 Stellen betroffen. Insgesamt wurden in den Jahren 2004 bis   2009 bei Daimler ohne betriebsbedingte K&#252;ndigungen sogar 30.000 Stellen   abgebaut. In Sindelfingen war der geplante Personalabbau noch nicht   abgeschlossen, als die Verlagerung der C-Klasse vom Vorstand erneut auf   die Tagesordnung gesetzt wurde.<\/p>\n<h4>  Verlagerung C-Klasse<\/h4>\n<p>  Im September 2009 wurden die Pl&#228;ne bekannt, die C-Klasse aus dem Werk   Sindelfingen zu verlagern. Was machen Betriebsrat und IGM in so einer   Situation? Sie bieten Verhandlungen an. Aber das Management lehnte ab.   Als der Daimler-Vorstand ank&#252;ndigt, am 1.12. endg&#252;ltig &#252;ber die   Produktionsverlagerung zu entscheiden, organisiert die IGM am selben Tag   in der Fr&#252;hschicht ab 9.00 Uhr eine Protestkundgebung zwischen Tor 7 und   Tor 16 des gr&#246;&#223;ten Automobilwerks in Deutschland mit 38.000   Besch&#228;ftigten. 12.000 nehmen daran teil, darunter kleine Delegationen   aus Zulieferwerken, wie Behr, Bosch, Mahle. Die Kundgebungsredner fahren   Argumente auf, die den Vorstand &#252;berzeugen sollen, die C-Klasse in   Sindelfingen zu lassen. Das Werk sei das produktivste und beste, wie   sich der Dollar-Kurs entwickle sei unklar, das Werk sei der Herzmuskel   der Region und wenn die Produktion des meistverkauften Daimler- Modells   abgezogen w&#252;rde, m&#252;ssten Zulieferer mitziehen. Es wird an den Vorstand   appelliert sich mit dem C-Klasse-Nachfolgemodell f&#252;r Sindelfingen zu   entscheiden. Der Sprecher der DGB-Region, Bernd L&#246;ffler, k&#252;ndigt unter   starkem Beifall der 12.000 Kolleginnen und Kollegen an, dass man die   Politik der Abwanderung verhindern werde. Am Ende erkl&#228;rte der   Betriebsratsvorsitzende, Erich Klemm, dass die f&#252;r Samstag geplanten   Flexi-Schichten nicht stattfinden w&#252;rden. Auch werde man weiteren   Widerstand organisieren, wenn sich der Vorstand heute f&#252;r die   Verlagerung entscheide. Uwe Meinhardt, der Erste Bevollm&#228;chtigte der IGM   Stuttgart k&#252;ndigt eine &#8222;Widerstandskette&#8220; an: &#8222;Wir werden mit allen   Belegschaften der Region den Widerstand organisieren&#8220;. Das war aber eine   leere Drohung, denn es wurden keine Kampfschritte in diese Richtung   organisiert. Am Ende der Kundgebung wurden die Kolleginnen und Kollegen   sogar aufgefordert, nach der Mittagspause wieder an ihre Arbeit zu   gehen. Gegen die Aufforderung zur Wiederaufnahme der Arbeit gab es an   diesem Tag vereinzelte Proteste. Am Ende gingen aber alle wieder an die   Arbeit.<\/p>\n<h4>  Spontane Arbeitsniederlegung<\/h4>\n<p>  Einen Tag sp&#228;ter, am 2.12. verk&#252;ndete der Vorstand um 8.20 Uhr seine   Entscheidung die C-Klasse zu verlagern. Jetzt gibt es kein Halten mehr.   Die Belegschaft legt spontan die Arbeit nieder, Schicht f&#252;r Schicht.   Nicht nur einen Tag, sondern zwei Tage hintereinander. Vorgesetzte, die   versuchen, die Kollegen an die B&#228;nder zu bekommen werden nicht nur   verbal attackiert. Die angestaute Wut entl&#228;dt sich in diesen Tagen, wie   noch nie zuvor in diesem Werk. Die Stuttgarter Zeitung zitiert   Betriebsrat Rolf Wanner am 4.12.09 mit den Worten: &#8222;Wir befinden uns   kurz vor der Explosion. So etwas hab ich noch nicht erlebt.&#8220; Der Versuch   von Betriebsr&#228;ten, Kollegen am Donnerstag nach einer Protestaktion in   der Fr&#252;hschicht zur Aufnahme der Arbeit zu bringen, scheiterte.   Betriebsr&#228;te wurden scharf f&#252;r ihre Unt&#228;tigkeit und ihre   Verzichtspolitik in der Vergangenheit kritisiert. Die Stimmung griff auf   das Stammwerk in Stuttgart-Untert&#252;rkheim &#252;ber und zwang die IGM   Kundgebungen w&#228;hrend der Arbeitszeit zu organisieren. Im Werk   Untert&#252;rkheim und in Mettingen nahmen 3.500 bzw. 2.000 Kolleginnen und   Kollegen daran teil. In der Nacht vom 4. auf den 5. 12. kam es in der   Nachtschicht zu einer spontanen Arbeitsniederlegung im Werksteil   Mettingen. J&#246;rg Hofmann, Bezirksleiter der IGM erkl&#228;rt gegen&#252;ber der   Presse, der IGM drohe, die Kontrolle &#252;ber die Belegschaft zu verlieren.   Um dies zu verhindern, tat die IGM alles, um den Protest zu kanalisieren   und ihn gleichzeitig herunterzukochen. F&#252;r Freitag, den 4. Dezember   wurde in Sindelfingen zu einer Demonstration vom Werk in die Innenstadt   aufgerufen. 15.000 Besch&#228;ftigte, d.h. die ganze Fr&#252;hschicht beteiligt   sich an dieser Demonstration. Die Stimmung hatte sich seit der   Kundgebung am Montag enorm radikalisiert. W&#228;hrend es am Montag nur   Sprechch&#246;re mit der Parole &#8222;C-Klasse bleibt&#8220; gab, kam es am Freitag zu   Sprechch&#246;re mit: &#8222;Jetzt geht&#8217;s los&#8220;, &#8222;Zetsche raus&#8220;, &#8222;Vorstand raus&#8220;.   Bei dieser Kundgebung wurde allzu deutlich, dass die Belegschaft sich   ihrer St&#228;rke bewusst geworden war. Inzwischen war auch bekannt geworden,   dass es Zetsche pl&#246;tzlich nicht mehr schnell genug gehen konnte mit   Verhandlungen. Der Produktionsausfall von 1.000 Autos am Tag in   Sindelfingen, die Streikfolgewirkung des Stillstands der B&#228;nder im Werk   Rastatt gingen an den Profit. Kollegen berichteten von Attacken auf   Vorgesetzte und Sabotageaktionen. Die Macht von Zetsche und Co. wurde   offen in Frage gestellt. Das jagte dem Vorstand Angst und Schrecken ein.   Am 7.12. trat Zetsche auf Betriebsversammlungen auf. Der w&#252;tende Protest   gegen ihn bei dieser Versammlung zwang ihn offensichtlich noch mehr zu   versprechen, als er urspr&#252;nglich vor hatte. Z&#0;e&#0;t&#0;s&#0;c&#0;h&#0;e&#0;   &#0;v&#0;e&#0;r&#0;s&#0;p&#0;r&#0;a&#0;c&#0;h&#0; &#0;E&#0;r&#0;s&#0;a&#0;t&#0;z&#0;a&#0;r&#0;b&#0;e&#0;i&#0;t&#0;s&#0;p&#0;l&#228;&#0;t&#0;z&#0;e&#0; &#0;-&#0; &#0;w&#0;a&#0;s&#0;   &#0;v&#0;o&#0;n&#0; &#0;d&#0;e&#0;n&#0; &#0;B&#0;e&#0;s&#0;c&#0;h&#0;&#228;&#0;f&#0;t&#0;i&#0;g&#0;t&#0;e&#0;n&#0; &#0;z&#0;u&#0;n&#228;&#0;c&#0;h&#0;s&#0;t&#0; &#0;a&#0;l&#0;s&#0;   &#0;l&#0;e&#0;e&#0;r&#0;e&#0;s&#0; &#0;V&#0;e&#0;r&#0;s&#0;p&#0;r&#0;e&#0;c&#0;h&#0;e&#0;n&#0; &#0;a&#0;u&#0;f&#0;g&#0;e&#0;f&#0;a&#0;s&#0;s&#0;t&#0; &#0;w&#0;u&#0;r&#0;d&#0;e. Die   Fr&#252;hschicht nahm nach der Betriebsversammlung nicht mehr die Arbeit auf.   Die Betriebsr&#228;te und die IGM nutzten das Zur&#252;ckweichen des   Daimler-Vorstands f&#252;r einen schnellen Abschluss am Verhandlungstisch.   Bereits zwei Tage sp&#228;ter gab es einen Abschluss.<\/p>\n<h4>  Fauler Kompromiss<\/h4>\n<p>  Das Zur&#252;ckweichen des Vorstands, das Versprechen von   Ersatzarbeitspl&#228;tzen und der Ausschluss von betriebsbedingten   K&#252;ndigungen ist zweifellos ein Erfolg. Es ist der Erfolg des zweit&#228;gigen   wilden Streiks. Der Abschluss ist aber ein fauler Kompromiss, weil die   enorme Kampfkraft, die sich entwickelt hatte, nicht genutzt wurde, um   den Erhalt der C-Klasse und alle Angriffe von oben zur&#252;ckzuschlagen. Die   Vereinbarung selbst ist keine feste Arbeitsplatzgarantie. F&#252;r den Fall   von Absatzr&#252;ckg&#228;ngen gibt es f&#252;r Daimler eine Ausstiegsklausel. Die   R&#252;ckverlagerung von ausgelagerter Produktion ist nichts anderes als die   Verlagerung von Arbeitsplatzvernichtung auf Belegschaften der   Zulieferindustrie. Mit dem &#8222;Freiwilligen Ausscheidungsprogramm&#8220; der   Vereinbarung soll die Zahl derjenigen, die in Altersteilzeit gehen   erh&#246;ht werden und Kollegen &#252;ber Abfindungen zur Aufgabe ihres   Arbeitsplatzes gedr&#228;ngt werden. &#8222;Der Betriebsrat unterst&#252;tzt in diesem   Zusammenhang die Instrumente zur freiwilligen Personalanpassung&#8220;, so   steht es in der Vereinbarung. Das zeigt, auch ohne betriebsbedingte   K&#252;ndigungen geht die Arbeitsplatzvernichtung &#8211;mit Unterst&#252;tzung des   Betriebsrats &#8211; weiter. In einer Protokollnotiz zur Sindelfinger   Vereinbarung hei&#223;t es, dass &#8222;&#252;ber die Laufzeit der Vereinbarung in   diesem Rahmen weiterhin Ma&#223;nahmen zur Effizienzsteigerung erforderlich   sind, um die Wettbewerbsf&#228;higkeit des Standorts Sindelfingen zu   erhalten&#8220;. Aufgabe von Betriebsr&#228;ten und Gewerkschaften darf es aber   nicht sein, den Konkurrenzkampf zu organisieren sondern den gemeinsamen   Kampf aller Automobil-Belegschaften.<\/p>\n<p>  Die geplante Effizienzsteigerung in Sindelfingen k&#246;nnte in Zukunft noch   &#246;fters wie in der Vergangenheit den Widerstand der betroffenen Arbeiter   provozieren. W&#228;hrend der Auseinandersetzung in Sindelfingen Anfang   Dezember kam an die &#214;ffentlichkeit, dass es in den Monaten zuvor vier   mal spontane Arbeitsniederlegungen in verschiedenen Bereichen gegeben   hatte. Zum Beispiel kam es in der E-Klassen-Produktion im Juli 2009   zweimal zu kurzen Streiks gegen die Reduzierung der Taktzeit von 100 auf   85 Sekunden. Obwohl mit der Verlagerung der C-Klasse auch die   entsprechende Achsenmontage aus dem Werk Untert&#252;rkheim mitverlagert   wird, gilt der Vertrag nur f&#252;r Sindelfingen. F&#252;r andere Standorte, die   von der C-Klassen-Verlagerung betroffen sind, lehnt das   Daimler-Management weiter eine Arbeitsplatzgarantie f&#252;r die   Besch&#228;ftigten ab. Laut Personalchef Porth soll die Sindelfinger   Vereinbarung eine &#8222;Ausnahme&#8220; bleiben.<\/p>\n<h4>  Zahlenspielereien mit Arbeitspl&#228;tzen<\/h4>\n<p>  4.500 Kolleginnen und Kollegen arbeiten direkt in der C-Klasse in   Sindelfingen. Hinzu kommen noch mal 1.500 Arbeitspl&#228;tze in Sindelfingen,   die an der C-Klasse h&#228;ngen. Im Werk Untert&#252;rkheim werden die Achsen f&#252;r   die C-Klasse montiert. Sie wird im Falle der Verlagerung mitverlagert.   Bei den Zulieferern h&#228;ngen 2.000 Arbeitspl&#228;tze an der Sindelfinger   C-Klasse. Auch im Transport und in den H&#228;fen werden Arbeitspl&#228;tze   &#252;berfl&#252;ssig. Niemand verliert ein Wort dar&#252;ber. Die Presse berichtete   Anfang Dezember, dass durch Rationalisierung in Sindelfingen 2.000   Stellen in den n&#228;chsten Jahren entfallen. Vor dem Hintergrund dieser   Fakten ist es verwunderlich, dass der Betriebsratsvorsitzende Erich   Klemm bei der Auseinandersetzung um die C-Klasse nur von 3.000   Arbeitspl&#228;tzen sprach, die bedroht seien. Selbst wenn der Roadster SL   mit 1.000 Arbeitspl&#228;tzen k&#252;nftig in Sindelfingen produziert wird, sind   im Sindelfinger Werk und in der Zulieferindustrie weiter 9.000   Arbeitspl&#228;tze gef&#228;hrdet. Absatzeinbr&#252;che sind dabei unber&#252;cksichtigt.<\/p>\n<p>  Und was ist mit den Arbeitspl&#228;tzen bei den Kommunen? Sindelfingen zum   Beispiel ist bereits pleite. Im neuen Haushalt sollen 148 Stellen, davon   83 in den Kitas gestrichen werden. Die Mehrheit des Gemeinderats   beschloss am 25.11.09 die Schlie&#223;ung der gr&#246;&#223;ten Hauptschule in   Sindelfingen. Die Verlagerung der C-Klasse wird zu weiteren   Steuermindereinnahmen in Sindelfingen, B&#246;blingen und anderen St&#228;dten in   der Region f&#252;hren. Und in der Folge davon, werden weitere Arbeitspl&#228;tze   vernichtet werden.<\/p>\n<h4>  Chance verspielt<\/h4>\n<p>  Mit Fortsetzung und Ausweitung des Streiks auf alle Standorte und die   insgesamt 160.000 Daimler-Besch&#228;ftigten in Deutschland, h&#228;tte der Kampf   gegen die Verlagerung der C-Klasse mit der Abwehr aller anderen derzeit   stattfindenden Angriffe auf die Daimler-Belegschaften verbunden und   abgewehrt werden k&#246;nnen. Das Selbstbewusstsein der Besch&#228;ftigten h&#228;tte   dadurch enorm aufgebaut, und die Belegschaft f&#252;r weitere Kampfschritte   bis hin zu Betriebsbesetzungen gewonnen werden k&#246;nnen. Diese gro&#223;artige   Chance wurde von der IGM und ihren Betriebsr&#228;ten verspielt. Geradezu   str&#228;flich ist es, dass die IGM den &#252;berf&#228;lligen gemeinsamen Widerstand   aller Belegschaften gegen Arbeitsplatzvernichtung, Betriebsschlie&#223;ungen   und Lohnverzicht in der Region Stuttgart im Dezember 2009 nicht   aufgenommen hat. W&#228;re die Sindelfinger Belegschaft am Freitag, den 7.12.   nicht in Sindelfingen, sondern gemeinsam mit den Daimler-Kollegen in   Untert&#252;rkheim auf die Stra&#223;e gegangen, wie aus der Belegschaft   gefordert, h&#228;tte das das Fanal sein k&#246;nnen f&#252;r einen gemeinsamen   Aufstand aller derzeit in Auseinandersetzung stehenden Belegschaften in   der gesamten Region und der Studierenden, die an der Uni Stuttgart   zeitgleich einen H&#246;rsaal besetzt hatten. W&#228;re der Kampf gegen   Arbeitsplatzabbau mit dem ohnehin stattfindenden Protesten gegen   kommunale K&#252;rzungen und dem anwachsenden und w&#252;tender werdenden   Widerstand gegen das Wahnsinnsprojekt Stuttgart 21 verbunden worden,   h&#228;tte die breite Bev&#246;lkerung in die Auseinandersetzung einbezogen werden   k&#246;nnen. Einen Tag nach der Kundgebung am 7.12. mit 15.000 Besch&#228;ftigten   hat die Stadt Sindelfingen ihren K&#252;rzungshaushalt verabschiedet. Gegen   die Schlie&#223;ung der Klostergartenschule hatte es in den Wochen zuvor   Proteste von LehrerInnen, Eltern und Sch&#252;lerInnen gegeben. IGM, Ver.di   und GEW h&#228;tten allen Grund gehabt die machtvolle Demonstration in   Sindelfingen am 7.12. zu einer gemeinsamen Demonstration gegen   Arbeitsplatzvernichtung, gegen die Schlie&#223;ung der Klostergartenschule   und gegen kommunale K&#252;rzungen zu machen.<\/p>\n<h4>  Eint&#228;giger regionaler Generalstreik<\/h4>\n<p>  Die SAV Stuttgart war der Meinung, dass die Gewerkschaften Mitte   Dezember mit einem eint&#228;gigen regionalen Generalstreik die verschiedenen   K&#228;mpfe h&#228;tten zusammenbringen sollen. Die gesamte Bev&#246;lkerung,   Belegschaften, Sch&#252;ler, Studierende, Rentner, Hausfrauen h&#228;tten an   diesem Tag zu einer Gro&#223;demonstration gegen Arbeitsplatzvernichtung,   kommunale K&#252;rzungen und Stuttgart 21 aufgerufen werden sollen. Das h&#228;tte   das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in der Gesellschaft verschoben und bundesweite   Ausstrahlung gehabt.<\/p>\n<p>  Auch wenn es dazu wegen der bremserischen Rolle von   Co-Management-Betriebsr&#228;ten und des IGM-Apparates nicht gekommen ist,   der wilde Streik bei Daimler-Sindelfingen wird nicht als einmaliges   Ereignis in die Geschichte eingehen. Die Belegschaft in Sindelfingen hat   durch ihren Kampf enorm an Selbstbewusstsein gewonnen und wird sich   aufgrund dieser Kampferfahrung auch in Zukunft mit spontanen   Arbeitsniederlegungen zur Wehr setzen. Kolleginnen und Kollegen in   anderen Betrieben wurden durch den entschlossenen Kampf der Sindelfinger   ermutigt. Der Druck in der IGM gegen weitere Verzichtspolitik und f&#252;r   effektiven und gemeinsamen Widerstand aller Belegschaften w&#228;chst.   Gleichzeitig setzt die kapitalistische Krise im Mittleren Neckarraum die   kampferfahrenen Belegschaften der Metallindustrie immer mehr unter   Druck. Parallel dazu nimmt der Widerstand gegen Stuttgart 21 radikalere   Formen an. All das sind die Zutaten f&#252;r einen Fl&#228;chenbrand in der   Region, f&#252;r den das Wasser im Neckar nicht ausreichen wird, um ihn zu   l&#246;schen.<\/p>\n<h4>  Spontane Streiks bei Daimler Bremen<\/h4>\n<p>  Die wiederholten Streiks bei Daimler in Bremen zeigen auch, dass ein   konzernweiter gemeinsamer Kampf das Gebot der Stunde ist.<\/p>\n<p>  Im Bremer Daimler Werk hat es bereits im November 2005 w&#252;tende Proteste   gegen den Abbau von insgesamt 8.500 Arbeitspl&#228;tzen gegeben, bei dem das   Werk an der Weser mit 2.700 betroffen war. Zeitgleich mit den Protesten   in Sindelfingen, spitzte sich die Situation im Bremer Daimler-Werk   erneut zu. Am 14. November 2009 legten 3.000 Kolleginnen und Kollegen   der B-Schicht die Arbeit nieder, zogen durch die Hallen und versammelten   sich vor dem Verwaltungsgeb&#228;ude. &#8222;Der Vorstand kann ohne uns kein   einziges Auto bauen, meinte ein Redner, &#8222;aber wir k&#246;nnen Autos bauen   ohne den Vorstand&#8220;. Die Propaganda, das Werk in Bremen sei Gewinner der   Produktionsverlagerung der C-Klasse glauben die Besch&#228;ftigten nicht.<\/p>\n<p>  In einem Interview mit der Jungen Welt vom 8.12.2009 erkl&#228;rte Gerhard   Kupfer, IG-Metall-Vertrauensk&#246;rperleiter und Betriebsrat bei Daimler   Bremen, dass &#8222;ein nicht unerheblicher Teil&#8220; der Belegschaft sage &#8222;wir   m&#252;ssen uns den Protesten der Sindelfinger anschlie&#223;en. Aus Wut dar&#252;ber,   was zur Zeit insgesamt bei Daimler abl&#228;uft &#8211; Arbeitsverdichtung,   Rationalisierung hoch drei&#8230;.in der C-Klasse gab es teilweise   Kurzarbeit. Zugleich werden die Leute aber, wenn sie im Betrieb sind,   ausgelutscht bis zum Letzten. Die B&#228;nder sind unterbesetzt&#8230;Es herrscht   geballte Wut, die sehr schnell zur Explosion kommen kann.&#8220;. Am Am 14.12.   legten 1.000 KollegInnen f&#252;r eine halbe Stunde die Arbeit nieder. Sie   zogen geschlossen vor das Verwaltungsgeb&#228;ude und forderten in   Sprechch&#246;ren ein Treffen mit dem Betriebsrat und Werksleiter. Am 22.   Januar 2010 organisierten Kollegen und Vertrauensleute ab 11.30 Uhr eine   weitere Arbeitsniederlegung mit 1.500 Kollegen. Es kam zu einem   Demonstrationszug durch das Werk und auf der Hauptstra&#223;e um das Werk   herum. Nach einer Abschlusskundgebung um 13.15 Uhr gingen die   Streikenden ins Wochenende nach Hause. Am 1.2. folgte eine weitere   Arbeitsniederlegung. Diesmal auf Druck von unten von der   Vertrauensk&#246;rperleitung organisiert. In der Fr&#252;h- und Sp&#228;tschicht   beteiligten sich rund 7.0000 Besch&#228;ftigte an Protestdemonstrationen ums   Werk. Auch die Nachtschicht nahm die Arbeit nicht auf. Die Streikenden   forderten: Keine Lohnk&#252;rzung um 8,75%, keine betriebsbedingten   K&#252;ndigungen. Die Mehrheit des Betriebsrats fiel den Besch&#228;ftigten in der   Nacht vom 1. auf 2. Februar mit einem Abschluss in den R&#252;cken, der laut   Betriebsrat Gerhard Kupfer ein unverbindliches &#8222;Wischi-Waschi-Papier&#8220;   sei, das nicht mal den Ausschluss betriebsbedingter K&#252;ndigungen enth&#228;lt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#220;ber die spontanen Streiks bei Daimler in Sindelfingen und Bremen<br \/>\n      2009\/2010\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13586"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13586"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13586\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}