{"id":13571,"date":"2010-03-03T13:00:00","date_gmt":"2010-03-03T13:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13571"},"modified":"2010-03-03T13:00:00","modified_gmt":"2010-03-03T13:00:00","slug":"13571","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/03\/13571\/","title":{"rendered":"Belgien: Das Zugungl&#252;ck von Buizingen\/Halle"},"content":{"rendered":"<p>  Schluss mit der Liberalisierungspolitik &#8211; F&#252;r Investitionen in   Sicherheit und Service<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 15. Februar stie&#223;en zwei Z&#252;ge in der N&#228;he von Halle, s&#252;dlich von   Br&#252;ssel, zusammen. Der Unfall f&#252;hrte zu 18 Toten und 162 Verletzten,   darunter elf Schwerverletzten. Das Drama f&#252;hrte zu einer Diskussion &#252;ber   die f&#252;r belgische Z&#252;ge vorhandenen Sicherheitsma&#223;nahmen. Es stie&#223; auch   eine Diskussion an, welche Dienstleistungen Eisenbahnen anbieten m&#252;ssen.   In den vergangenen paar Jahren, wurde die Bahngesellschaft in drei Teile   aufgeteilt und Investitionen wurden weitgehend auf Prestigeprojekte   beschr&#228;nkt. Das Management setzt seine Liberalisierungspolitik beim   G&#252;tertransport fort. Diese Politik wird zu neuen Katastrophen f&#252;hren.<\/p>\n<h4>  <i>von Mitgliedern der LSP\/MAS, belgische Schwesterorganisation der SAV,   vom 18. Februar 2010<\/i><\/h4>\n<p>  Die Katastrophe f&#252;hrte zu riesiger Solidarit&#228;t und Sympathie mit den   Opfern und ihren Verwandten und Kollegen, auch in den Depots von Leuven,   Braine-le-Comte, L&#252;ttich und Br&#252;ssel-S&#252;d. Weitere Untersuchungen sind   notwendig, um die genaue Unfallursache zu bestimmen. Menschliches   Versagen wird heute in den Medien als wahrscheinlichster Grund   angegeben; davon zu sprechen, dass der Lokf&#252;hrer anscheinend ein   Haltesignal &#8222;ignoriert&#8221; habe, ist widerlich, denn es klingt, als sei   dies eine bewusste Handlung des Fahrers gewesen. Abgesehen von den   genauen Details dieses Unfalls ist es klar, dass wachsender Arbeitsdruck   und die fortgesetzten K&#252;rzungen bei Material und Wartung ein wirkliches   Problem f&#252;r die Sicherheit und den Service sind.<\/p>\n<h4>  T&#246;dlicher Zugzusammensto&#223;<\/h4>\n<p>  Am Morgen nach dem Ungl&#252;ck traten Lokf&#252;hrerInnen in einen spontanen   Streik. Mittags waren die meisten FahrerInnen in der Wallonie und   Br&#252;ssel im Streik. Die Aktion war auch umfangreich in Leuven (der   Lokf&#252;hrer, der bei dem Unfall get&#246;tet wurde, kam aus Leuven). Am   Nachmittag und Abend dehnte sich der Streik weiter aus. Das Management   sagte, dies sei eine rein emotionale Reaktion. Aber dies war der dritte   Unfall, der in neun Monaten stattfand. Am 23. Mai 2009 verlor ein   Bahnarbeiter in Dinant beide Beine, nachdem er in einem Kampf mit einem   Fahrgast unter einen ausfahrenden Zug kam. Seit mehr als 15 Jahren haben   die ArbeiterInnen eine sicherere Ausfahrtsprozedur verlangt, aber nichts   hat sich ge&#228;ndert, trotz Versprechen des Managements im Mai 2009. Am 19.   November 2009 entgleiste ein Zug, als er im Bahnhof von Mons einfuhr.   Ein Bahnarbeiter wurde in diesem Unfall get&#246;tet und das Management hatte   gro&#223;es Gl&#252;ck, dass es der letzte Zug des Tages war und wenige Fahrg&#228;ste   hatte.<\/p>\n<h4>  Arbeitsbelastung<\/h4>\n<p>  Die Frustration der ArbeiterInnen ist riesig. Jedes Jahr fordert das   Management erneut, dass die ArbeiterInnen h&#228;rter arbeiten. Jeder   Fahrplanwechsel wird genutzt, um die Fahrzeiten auszudehnen und die   Pausen dazwischen zu verringern. Die Zeit f&#252;r den Richtungswechsel am   Endbahnhof wurde auf das absolute Minimum verringert. Viele FahrerInnen   m&#252;ssen ohne eine wirkliche Pause fahren. In Verbindung mit den   schwierigen Arbeitszeiten (wie Arbeitsbeginn um 2.40 Uhr morgens) und   der riesigen Flexibilit&#228;t sind Probleme vorprogrammiert.<\/p>\n<p>  Ein Lokf&#252;hrer aus Leuven sagte im Fernsehen, dass eine Toilettenpause   oder eine kurze Essenspause gew&#246;hnlich zu einer Versp&#228;tung f&#252;hrt. Der   Bahnchef Descheemaecker reagierte mit den Worten, dass dies eine   Reaktion in einem &#8222;emotionalen Augenblick&#8220; sei. Im Radio f&#252;gte er hinzu,   dass der Arbeitsdruck nicht zugenommen habe. Stattdessen sollten die   ArbeiterInnen &#8222;intelligenter und flexibler&#8221; arbeiten. Am Tag nach so   einer Katastrophe wagt es dieser Manager von den ArbeiterInnen noch mehr   Flexibilit&#228;t zu fordern!<\/p>\n<h4>  Sicherheit von Besch&#228;ftigten und Fahrg&#228;sten bedroht<\/h4>\n<p>  Im M&#228;rz 2001 gab es einen Zugzusammensto&#223; in P&#233;crot mit acht Toten. Nach   dieser Katastrophe versprach das Management, in ein neues   Sicherheitssystem zu investieren, um sicherzustellen, dass ein rotes   Haltesignal nicht mehr ignoriert werden k&#246;nnte &#8211; der Zug w&#252;rde in einem   solchen Fall automatisch stoppen. Sie k&#252;ndigten an, dass das europ&#228;ische   System (ETCS) verwendet w&#252;rde. Aber nur die Hochgeschwindigkeitsstrecken   bekamen dieses System. Ein Viertel der Strecken bekam ein TBL1+ System,   nur ein erster Schritt zum ETCS. Dieses System ist ein positiver   Schritt, aber nicht so sicher wie das ETCS System. Bei TBL1+ wird der   Zug erst hinter dem roten Haltesignal zum Halten gebracht und nicht wie   mit ETCS direkt davor. Zwar sind alle neuen Z&#252;ge an das TBL1+ System   angepasst, aber nur ein Prozent der alten Z&#252;ge wurden angepasst.<\/p>\n<p>  Das Management sagt, die Verz&#246;gerung bei der Einf&#252;hrung eines   angemessenen Sicherheitssystems werde durch Verhandlungen auf   europ&#228;ischer Ebene verursacht. Aber Frankreich und die Niederlande haben   nach Katastrophen 1991 bzw. 1962 angemessene Sicherheitssystems   eingef&#252;hrt. In Belgien ist eine Katastrophe nicht genug. Es ist   merkw&#252;rdig, auf Europa als Verantwortlichen zu verweisen, wenn so ein   System in benachbarten europ&#228;ischen L&#228;ndern m&#246;glich ist.<\/p>\n<h4>  Aber Geld f&#252;r Prestigeobjekte, nicht f&#252;r Sicherheit<\/h4>\n<p>  Die nationale Eisenbahngesellschaft SNCB\/NMBS wurde 2005 in drei Firmen   gespalten: Die Transportgesellschaft SNCB\/NMBS, die   Infrastrukturgesellschaft Infrabel und eine Holding, die f&#252;r operative   Fragen wie Personal, Recht, Finanzen und Koordination verantwortlich   ist. Die Holding ist Eigent&#252;merin der Bahnh&#246;fe und Parkpl&#228;tze. Alle drei   Firmen haben ihre eigenen Spitzenmanager: Jannie Haeck (ehemaliger   Kabinettschef von Vande Lanotte, SP.a &#8211; fl&#228;mischer &#8222;Sozialdemokrat&#8220;),   Luc Lallemand (fr&#252;herer Kabinettsmitarbeiter f&#252;r Minister Daerden, PS &#8211;   franz&#246;sischsprachiger &#8222;Sozialdemokrat&#8220;) und Luc Descheemaeker, fr&#252;herer   Spitzenmanager des Reinigungsmultis ISS. Die Aufspaltung des   Unternehmens verringerte die Zahl der ArbeiterInnen weiter von 42.000 im   Jahre 2004 auf 38.000 heute trotz zunehmendem Verkehr und Transport.<\/p>\n<p>  Mit der Liberalisierung der Eisenbahnen fordert das Management mehr   Flexibilit&#228;t von den ArbeiterInnen beim Transport und Frachtverkehr. Ihr   Ziel ist, h&#246;here Profite zu erzielen: ihre Website verk&#252;ndet stolz, dass   2007 ein Profit von 12,9 Millionen Euro gemacht wurde.<\/p>\n<p>  Die einzigen Investitionen, die in den vergangenen paar Jahren gemacht   wurden, gingen nicht in Verbesserungen der Sicherheit. Das einzige   verf&#252;gbare Geld war f&#252;r Prestigeprojekte wie wie   TGV-Hochgeschwindigkeitsstrecken und teure neue Bahnh&#246;fe wie   L&#252;ttich-Guillemins mit Kosten von einer halben Milliarde Euro. Dieses   Geld sackten verschiedene Baugesellschaften ein und nutzten es f&#252;r   Korruption. F&#252;r unseren Service und die Sicherheit war kein Geld &#252;brig.   Das Fehlen von Investitionen in Material und die Einstellung von   ArbeiterInnen f&#252;hrte zu mehr technischen Problemen und Versp&#228;tungen.<\/p>\n<h4>  Wessen Verantwortung?<\/h4>\n<p>  Das Management streitet jede Verantwortung ab und sagt, es investiere in   Sicherheit. Das gegenw&#228;rtige Management erkl&#228;rte: &#8222;Sobald wir die   Leitung &#252;bernahmen, begannen wir sofort Arbeit an unserem eigenen   Sicherheitssystem.&#8221; Ihr Vorg&#228;nger, Karel Vinck, war seit 2005 der   europ&#228;ische Koordinator eines Versuchs, ein einheitliches   Sicherheitssystem aufzubauen. Um die eigenen H&#228;nde in Unschuld zu   waschen, bat das Management ArbeiterInnen, nicht &#246;ffentlich zu reagieren.<\/p>\n<p>  Bisher hat das Management nur mit Versprechen nach Katastrophen   reagiert. Seit dem Unfall vom Mai 2009 wurde nichts getan, um das   Versprechen ge&#228;nderter Abfahrtsprozeduren zu verwirklichen. Dieses   Management macht nur Versprechen, wenn sie f&#252;r ihr &#246;ffentliches Image   gebraucht werden. Die einzigen, die systematisch auf das Problem der   Sicherheit hingewiesen haben, waren die Gewerkschaften. Sie sollten   fordern, dass das Management zusammen mit den politisch verantwortlichen   Ministern zur&#252;cktritt.<\/p>\n<h4>  F&#252;r hochwertige &#246;ffentliche Verkehrsmittel<\/h4>\n<p>  Die spontanen Aktionen der vergangenen Tage setzen die   Gewerkschaftsf&#252;hrung unter Druck. Dies muss genutzt werden, um weitere   Angriffe auf den G&#252;tertransport, den Service und die Arbeitsbedingungen   allgemein zu stoppen. Die Wut nach dieser Katastrophe ist riesig, sowohl   unter Passagieren als auch ArbeiterInnen. Dies k&#246;nnte die Grundlage sein   f&#252;r vereinten Widerstand gegen weitere Angriffe auf Service und   Sicherheit.<\/p>\n<p>  Wir brauchen eine allgemeine Diskussion &#252;ber das Transportwesen. Das   vor&#252;bergehende Schlie&#223;en der Strecke zwischen Br&#252;ssel und Mons wird   Menschen dr&#228;ngen, ihre Autos zu nutzen und die Autobahn zwischen den   beiden St&#228;dten zu nutzen, die allgemein bekannt ist f&#252;r ihre   Gef&#228;hrlichkeit und den v&#246;lligen Mangel an Wartung. Dies f&#252;hrt auch zu   Unf&#228;llen. Die gegenw&#228;rtige Regierung (und fr&#252;here) haben nicht in unsere   Autobahnen investiert. Sicherheit scheint f&#252;r sie keine Priorit&#228;t zu   haben.<\/p>\n<p>  Wir brauchen mehr geeigneten &#246;ffentlichen Transport mit ausreichend   Personal und gutem Material. Wir k&#246;nnen das nicht von den gegenw&#228;rtigen   Direktoren oder der Regierung erwarten. Die Kontrolle dieser   wesentlichen &#246;ffentlichen Dienstleistung muss in den H&#228;nden derjenigen   sein, die sie am besten kennen und das gr&#246;&#223;te Interesse an gutem Service   haben: die ArbeiterInnen und Fahrg&#228;ste (die &#214;ffentlichkeit). Dies ist   entscheidend, um sicherzustellen, dass die Eisenbahnen genutzt werden,   um gute Dienstleistungen f&#252;r die &#214;ffentlichkeit zu bieten, und es   bedeutet den Bruch mit der Logik des gegenw&#228;rtigen Systems, in dem nur   kurzfristige Profite z&#228;hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Schluss mit der Liberalisierungspolitik &#8211; F&#252;r Investitionen in<br \/>\n      Sicherheit und Service\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13571"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13571"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13571\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}