{"id":13529,"date":"2010-02-11T00:00:00","date_gmt":"2010-02-11T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13529"},"modified":"2010-02-11T00:00:00","modified_gmt":"2010-02-11T00:00:00","slug":"13529","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13529\/","title":{"rendered":"Belgien: Sieg f&#252;r die ArbeiterInnen bei Inbev"},"content":{"rendered":"<p>  Neue Qualit&#228;t gewerkschaftlicher Kampfbereitschaft<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die zweiw&#246;chige Blockade der ArbeiterInnen in Belgien endete damit, dass   das multinationale Management ihren urspr&#252;nglichen Plan zur&#252;cknahm und   versprach, keine Entlassungen vorzunehmen! Im kapitalistischen System   ist jeder Sieg nat&#252;rlich nur zeitweilig und hat meist noch sch&#228;rfere   Auseinandersetzungen zur Folge. &#8222;Wir haben eine Schlacht gewonnen, aber   noch nicht den ganzen Krieg&#8220;, so Luc Gysemberg von der christlichen   Gewerkschaft ACV. Wie aber kam es dazu, dass der Brauerei-Multi Inbev   durch den Kampf, &#252;ber den die Medien breit berichtet hatten, so   beeindruckend in die Schranken gewiesen werden konnte?<\/p>\n<h4>  <i>Bericht von Mitgliedern der LSP\/PSL (Schwesterorganisationen der SAV   in Belgien)<\/i><\/h4>\n<p>  Zwei Wochen lang blockierten die Besch&#228;ftigten der Brauerei Inbev   verschiedene Standorte des Konzerns. Sie versuchten damit, die   multinationale Gesch&#228;ftsf&#252;hrung von ihrem Plan abzubringen, 303   ArbeiterInnen zu entlassen. Was man in Belgien bei Inbev vorhatte, war   Teil einer europaweiten Offensive, bei der 10 Prozent der   Gesamtbelegschaft weggek&#252;rzt werden sollte, rund 800 von insgesamt 8.000   ArbeiterInnen. Neben Belgien, wo 303 Arbeitspl&#228;tze verloren zu gehen   drohten, w&#228;re Deutschland am st&#228;rksten betroffen gewesen. Hier waren 386   Entlassungen geplant. Eine bislang noch nicht bezifferte Anzahl   Besch&#228;ftigter stand in Frankreich, Gro&#223;britannien und den Niederlanden   auf dem Spiel. Die Inbev-Brauerei im luxemburgischen Diekirch sollte   ganz geschlossen werden.<\/p>\n<h4>  K&#252;rzungspl&#228;ne und fette Boni f&#252;r die Vorst&#228;nde<\/h4>\n<p>  Es handelte sich um den f&#252;nften, von Inbev in den letzten f&#252;nf Jahren   vorgelegten, sogenannten Restrukturierungsplan. Jahrelang ist die Zahl   der Besch&#228;ftigten in den belgischen Brauerei-Standorten scheibchenweise   gek&#252;rzt worden. Es hatte den Anschein, als seien extreme Kostensenkungen   zur einer Art Religion f&#252;r die multinationale Gesch&#228;ftsf&#252;hrung geworden.   Zugleich hing man mit unmenschlicher Besessenheit Zielen an, die der   Vorstand ausgegeben hatte.<\/p>\n<p>  2009 fuhr Inbev Profite in H&#246;he von 2,8 Milliarden Euro ein. Die   abgesetzte Menge an Bier ging in der Tat um 3,8 Prozent pro Jahr zur&#252;ck.   Die Profite stiegen im dritten Quartal letzten Jahres jedoch von 837   Millionen US-Dollar auf 1,13 Milliarden. &#8211; Krise? Jedenfalls nicht so   sehr f&#252;r die Konzernchefs von Inbev!<\/p>\n<p>  Sogar in den kapitalistischen Medien gab es Berichte, die die   unglaubliche Gier des Vorstands von Anheuser-Busch Inbev, Carlos Brito,   und seiner engsten Kollegen aufdeckten. 2007 kassierte Brito 4,25   Millionen Euro. 3,4 Millionen davon wurden als Bonuszahlungen   abgerechnet. Beim Rest handelte es sich um sein &#8222;&#252;bliches Gehalt&#8220;.   Offensichtlich sind nicht nur die Banken von der &#8222;Bonuskultur&#8220; befallen.   In der zweiten H&#228;lfte des Jahres 2009 teilten die 13 Mitglieder des   internationalen Firmenvorstands 73 Millionen US-Dollar unter sich auf!<\/p>\n<p>  Auch die Zeitungen waren voll von Berichten, in denen detailliert   dargestellt wurde, welche Boni die Gesch&#228;ftsf&#252;hrung erhalten w&#252;rde, wenn   die avisierte Schuldensenkung bis 2013 geschafft w&#252;rde. Die Schulden   resultierten &#252;brigens aus dem Ankauf des vormaligen Konkurrenten   Anheuser Busch. Die 13 Vorstandschefs h&#228;tten 9,3 Millionen Aktien im   Wert von jeweils 10,32 &#8364; bekommen. Nat&#252;rlich musste AB Inbev die   Propagandaschlacht verlieren.<\/p>\n<p>  Zeitgleich wurden die ArbeiterInnen ausgepresst, mehr und mehr zu   produzieren. Und sie hatten das sichere Gef&#252;hl, dass es sich auch dabei   nicht um die letzte &#8222;Restrukturierungs&#8220;-Runde handeln w&#252;rde. Deshalb   kamen sie zu der Einsicht, dass genug genug ist und begannen mit   Blockaden in Leuven, dem Hauptstandort in Belgien, sowie in Jupille.<\/p>\n<h4>  Neue Taktik und neue Qualit&#228;t gewerkschaftlicher Kampfbereitschaft<\/h4>\n<p>  Die belgische Gesch&#228;ftsf&#252;hrung hatte sich &#252;ber Monate hinweg auf die   entscheidende Kraftprobe mit den Gewerkschaften vorbereitet. Pl&#246;tzlich   war die Bierproduktion im Winter auf dem Stand, der sonst nur im Sommer   erreicht wird. Das Management hatte wichtige Kunden mit Aktienanteilen   ausgestattet. Worauf sie allerdings nicht vorbereitet waren, war die   Antwort der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>  GewerkschaftsaktivistInnen blockierten s&#228;mtliche Zufahrten zu den   Produktionsst&#228;tten in Leuven und Jupille, wobei die Arbeit in den   Betrieben jedoch weiter lief. Inbev musste die ArbeiterInnen somit   weiter bezahlen, weil es offiziell ja keinen Streik gab. Die KollegInnen   verloren somit keinen Lohn.<\/p>\n<p>  Eine solche Taktik mag nicht f&#252;r alle Unternehmensformen angemessen sein   und w&#228;re der Konflikt eskaliert, h&#228;tte es zu einem Streik an allen   Inbev-Standorten kommen m&#252;ssen. Unter diesen Umst&#228;nden wurde die   Gesch&#228;ftsf&#252;hrung allerdings auf dem falschen Fu&#223; erwischt: Man hatte   sich auf einen mehrt&#228;gigen Streik vorbereitet, der m&#246;glicher Weise auch   eine Woche lang h&#228;tte andauern k&#246;nnen. Aber nun mussten sie die   ArbeiterInnen weiter bezahlen, w&#228;hrend kein Rohmaterial die Anlagen   erreichte und kein Bier ausgeliefert werden konnte.<\/p>\n<p>  Das Management reagierte mit der Drohung, die Beh&#246;rden einzuschalten, um   die Blockade zu beenden. Den GewerkschaftsaktivistInnen drohte man hohe   Strafzahlungen an. Aufgrund der prinzipienfesten Haltung der   Gewerkschaften jedoch, die von allen ArbeiterInnen und sogar den besser   bezahlten (wie den Verk&#228;uferInnen) unterst&#252;tzt wurde, funktionierte das   nicht. Wegen der Solidarit&#228;t aus der Bev&#246;lkerung und der Tatsache, dass   die Presse einen schweren Stand dabei hatte, das Vorgehen des Konzerns   zu verteidigen, muss die Gesch&#228;ftsf&#252;hrung das Gef&#252;hl ereilt haben, der   Schuss w&#252;rde nach hinten losgehen.<\/p>\n<p>  Die Linkse Socialistische Partij (LSP) war vom ersten Tag der Blockade   an mit einer betr&#228;chtlichen Zahl an Mitgliedern in Leuven mit dabei. Von   Anfang an war klar, dass es ein langer und harter Konflikt werden k&#246;nne.   Die Gewerkschaften nahmen die eindeutige und korrekte Position ein,   keine Entlassungen verhandeln zu wollen. Der Plan sollte aufgehen, bevor   es zu Verhandlungen kommen w&#252;rde. Die LSP war wegen der Kontakte zu   GenossInnen, die in der Hauptproduktionsst&#228;tte von Ambev in Brasilien   arbeiten und mit Hilfe von Liberdade Socialismo e Revolu&#231;&#227;o, der   CWI-Sektion in Brasilien, in der Lage, eine Solidarit&#228;tserkl&#228;rung   weiterzugeben, die von GewerkschaftsaktivistInnen bei Ambev Brazil   unterzeichnet und an die KollegInnen in Belgien gerichtet war. Dieses   Vorgehen wurde von den ArbeiterInnen und AktivistInnen in Leuven sehr   begr&#252;&#223;t und trug dazu bei, dass die LSP zur Autorit&#228;t unter den   ernsthaften Unterst&#252;tzerInnen der Inbev-ArbeiterInnen wurde.<\/p>\n<p>  In Diskussionen mit AktivistInnen an den Streikposten wurde klar, dass   unser Beitrag zu dem j&#252;ngst errungenen Sieg der Gewerkschaften bei Bayer   in Antwerpen den Ton mit angegeben hatte. Seit Beginn der Rezession   wurde von verschiedenen Unternehmen in Belgien eine Reihe von   Entlassungen und K&#252;rzungen durchgef&#252;hrt. Die Reaktion darauf seitens der   GewerkschaftsvertreterInnen war meistens Resignation und die   Bereitschaft zu Gespr&#228;chen mit dem jeweiligen Management, um Details zu   diskutieren.<\/p>\n<p>  Es gab zwar auch einige Ausnahmen wie die K&#228;mpfe bei Tecteo und   Bridgestone. Haupts&#228;chlich wurde aber wie oben beschrieben vorgegangen.   Diese Reihe von Niederlagen und Teil-Niederlagen wurde im November und   Dezember pl&#246;tzlich durchbrochen, als die Gewerkschaften am   Chemiestandort Bayer in Antwerpen einfach &#8222;nein&#8220; sagten zu einem Plan   von Lohn- und sonstiger K&#252;rzungen der Konzernchefs. Von den Medien   wurden sie an den Pranger gestellt, blieben aber bei ihrer k&#228;mpferischen   Haltung. Schlie&#223;lich musste das Bayer-Management sein Vorhaben aufgeben,   da ein m&#246;glicher Streik drohte. Nach diesen Ereignissen organisierte   LSP\/PSL ein erfolgreiches Treffen mit 50 TeilnehmerInnen, bei der auch   einer der wichtigsten Betriebsr&#228;te von Bayer sprach.<\/p>\n<p>  Bayer war eindeutig ein Bezugspunkt f&#252;r die meisten aktiven und   k&#228;mpferischen Inbev-ArbeiterInnen. Und in der Tat wurde die Blockade bei   Inbev nach nahezu zwei Wochen zu einer Art Fallstudie sowohl f&#252;r die   Konzernleitung als auch die Arbeiterorganisationen in Belgien. Und mit   der Weigerung der niederl&#228;ndischen Inbev-ArbeiterInnen, einen Teil der   belgischen Produktion zu &#252;bernehmen, den ersten Aktionen bei Inbev in   Bremen und den Solidarit&#228;tsaktionen in Brasilien, war das Management   pl&#246;tzlich konfrontiert mit einer Verallgemeinerung des Kampfes,   weitergehenden Betriebsst&#246;rungen in der Lieferkette und &#8211; m&#246;glicher   Weise &#8211; mit europaweiten Streiks.<\/p>\n<p>  Nach erfolglosen Versuchen, Schlichtungsverhandlungen mit den   Gewerkschaften hinzubekommen unter Anwesenheit von Regierungsvertretern,   erlitt AB Inbev schlussendlich eine Niederlage. Nach zwei Wochen der   Blockade und fallenden Aktienkursen gab man die urspr&#252;nglich   vorgesehenen Entlassungspl&#228;ne in Belgien auf. &#8211; Ein klarer Sieg f&#252;r   k&#228;mpferische Gewerkschaftsarbeit und gelebte Solidarit&#228;t!<\/p>\n<h4>  Aussichten f&#252;r weitere gewerkschaftliche K&#228;mpfe<\/h4>\n<p>  Die Geschehnisse bei Bayer und Inbev k&#246;nnten zum Wendepunkt f&#252;r breitere   Klassenk&#228;mpfe in Belgien werden. Und tats&#228;chlich begannen die   Gewerkschaften bei Opel in Antwerpen, einen Tag bevor die   Inbev-ArbeiterInnen ihren Sieg verk&#252;nden konnten, ebenfalls mit einer   Blockade der Fabrik: Keine Neuwagen wurden mehr durchgelassen. Andere   ArbeiterInnen, wie bspw. die Feuerwehrleute, &#8211; so scheint es &#8211; beginnen,   dem k&#228;mpferischen Beispiel der Inbev-ArbeiterInnen zu folgen. Weil sie   genau dies bef&#252;rchten, ist es m&#246;glich, dass die Regierung bei den   angestrebten &#8222;Schlichtungsverhandlungen&#8220; Druck aufbaut, der auf die   bedr&#252;ckende Niederlage des Inbev-Managements zur&#252;ckzuf&#252;hren ist.<\/p>\n<p>  Ob die Lehren aus diesen Beispielen an k&#228;mpferischer Gewerkschaftsarbeit   gezogen werden, h&#228;ngt zu einem Gutteil vom Ausgang einer anderen, weit   gr&#246;&#223;eren drohenden Katastrophe ab: Der angek&#252;ndigten Schlie&#223;ung der   Opel-Fabrik in Antwerpen, die die Lebensbedingungen von 8.000 bis 10.000   ArbeiterInnen und ihren Familien bedroht (Zulieferfirmen eingerechnet).   Bisher ziehen die Gewerkschaften bei Opel dem k&#228;mpferischen Handeln   leider den politischen Lobbyismus vor.<\/p>\n<p>  Wir meinen, dass die gesamte Gewerkschaftsbewegung aus den K&#228;mpfen bei   Bayer und Inbev lernen sollte. Eine Generalmobilisierung der belgischen   Arbeiterklasse ist n&#246;tig, um die Arbeitsplatzvernichtung bei Opel   Antwerp und einer Reihe weiterer Betriebe zu stoppen. LSP\/PSL (die   CWI-Sektionen in Belgien) werden f&#252;r die bevorstehenden K&#228;mpfe und   Demonstrationen ein klares Programm f&#252;r Arbeitspl&#228;tze und zur   Verstaatlichung unter der Kontrolle der Besch&#228;ftigten vorlegen. Wir   werden mit allen uns zur Verf&#252;gung stehenden Mitteln daf&#252;r k&#228;mpfen, dass   der Kampf f&#252;r Sozialismus und Arbeiterkontrolle in der daf&#252;r eminent   wichtigen Bewegung an Popularit&#228;t gewinnt.<\/p>\n<h4>  Homepage der Linkse Socialistische Partij, LSP (fl&#228;misch): <a href=\"http:\/\/www.socialisme.be\/lsp\/\">http:\/\/www.socialisme.be\/lsp\/<\/a><\/h4>\n<h4>  Homepage der Parti Socialiste de Lutte, PSL (franz&#246;sisch): <a href=\"http:\/\/www.socialisme.be\/psl\/\">http:\/\/www.socialisme.be\/psl\/<\/a><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Neue Qualit&#228;t gewerkschaftlicher Kampfbereitschaft\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13529"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13529"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13529\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}