{"id":13527,"date":"2010-02-10T15:00:00","date_gmt":"2010-02-10T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13527"},"modified":"2010-02-10T15:00:00","modified_gmt":"2010-02-10T15:00:00","slug":"13527","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13527\/","title":{"rendered":"Warnstreiks im &#246;ffentlichen Dienst zeigen Kampfbereitschaft"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Bericht aus Stuttgart<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  100.000 Stra&#223;enbahnfahrerInnen, Erzieherinnen, Krankenpfleger,   M&#252;llwerker und Besch&#228;ftigte in den Verwaltungen beteiligten sich an   Warnstreiks in der ersten Februarwoche. Aufgerufen waren nicht alle   Besch&#228;ftigten bei Bund und Kommunen, sondern nur in einem Teil der   Bundesl&#228;ndern. F&#252;r heute sind Warnstreiks in den n&#246;rdlichen   Bundesl&#228;ndern geplant. <\/p>\n<h4>  <i><b>von Ursel Beck, Stuttgart <\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Von den 10.000 Streikenden in Baden W&#252;rttemberg am 4. Februar streikten   allein 5.000 im Bezirk Stuttgart. Damit wurden die Erwartungen der   bezirklichen Streikleitung weit &#252;bertroffen. Erwartet worden war eine   Streikbeteiligung von 2.500 Besch&#228;ftigten. Zu der Demonstration durch   die Innenstadt waren auch Delegationen aus dem Schwarzwald und   Landkreisen aus anderen Regionen in Baden W&#252;rttemberg gekommen. Aber   auch hier wurden die Erwartungen &#252;bertroffen und es kam zu dem seltenen   Fall, dass ver.di die Zahl der DemonstrationsteilnehmerInnen mit 4.000   angab, w&#228;hrend die Polizei eine Teilnehmerzahl von 5.000 meldete. Das   gr&#246;&#223;te Fragezeichen bei der Streikbeteiligung gab es im Vorfeld bei den   Erzieherinnen. Sie hatten im letzten Jahr monatelang f&#252;r eine Bezahlung   &#252;ber BAT-Niveau gek&#228;mpft, daf&#252;r wochenlang gestreikt und am Ende das   Streikziel verfehlt. Der Unmut &#252;ber den Abschluss war gerade in   Stuttgart besonders gro&#223;. Dennoch erreichte der ver.di-Bezirk bei den   Kitas mit 1.056 Erzieherinnen (Angaben der Stadt Stuttgart) eine gute   Beteiligung. Von 183 blieben laut Jugendamt 95 Einrichtungen ganz und 21   teilweise geschlossen. Sichtbarste Auswirkung des eint&#228;gigen Warnstreiks   waren die Staus auf allen Einfalls- und vielen Nebenstra&#223;en. Von 80   M&#252;llwagen verlie&#223;en nur zwei die Depots. Am Klinikum Stuttgart   beteiligten sich 500 von 6.400 Besch&#228;ftigten und es konnten nur 40% der   OPs durchgef&#252;hrt werden. Alle st&#228;dtischen B&#228;der blieben geschlossen.   Eine Kollegin der Stuttgarter Stra&#223;enbahn, die Streikposten stand   erkl&#228;rte gegen&#252;ber der Stuttgarter Zeitung: &#8222;Die Resonanz der B&#252;rger war   Spitzenklasse&#8220;. <\/p>\n<h4>  Streik am B&#252;rgerhospital<\/h4>\n<p>  Fr&#252;h um 5.30 Uhr beginnt die Streikvorbereitung am B&#252;rgerhospital. Vier   Personalr&#228;te und ver.di-Vertrauensleute treffen sich im   Personalratsb&#252;ro. Streiks organisieren geh&#246;rt hier inzwischen zur   Routine. Entsprechend locker geht man hier ans Werk und jeder wei&#223;, was   zu tun ist: Plakate mit der Aufschrift &#8222;Heute Warnstreik&#8220; an die   Eingangst&#252;ren h&#228;ngen, Fahnen und Transparente an die Pforte, ein   Riesen-Transparent mit der Aufschrift &#8222;STREIK&#8220; am obersten Balkon des   Bettenhauses befestigen, Streikposten an der Pforte stehen. Die ersten   Kolleginnen und Kollegen gesellen sich zu den Streikposten. Jede\/r   bekommt eine Streikweste. Andere Kolleginnen gehen rein. Sie sagen sie   seien zum Notdienst eingeteilt. Kein einziger Besch&#228;ftigter spricht sich   gegen den Streik aus. Manche sagen, die Forderung sei zu niedrig. Es   gibt Skepsis, dass am Ende was dabei r&#252;ber kommt. Das seien wieder die   &#252;blichen Rituale, Warnstreik, ein bisschen Get&#246;se und dann am Ende ein   fauler Kompromiss. Dies scheint die allgemeine Stimmung zu sein. Wenn es   denn anders kommt und die Arbeitgeber weiter provozieren, dann kann die   Streikbeteiligung nach oben gehen &#8211; so die Einsch&#228;tzung von Streikleiter   Dieter Janssen. Und dass es noch anders kommen kann, ist nicht ganz   ausgeschlossen. Zumindest die Arbeitgeber der Krankenh&#228;user fahren in   den bisherigen Verhandlungen eine harte Linie. Die berechtigten   berufsspezifischen Forderungen der Krankenhausbesch&#228;ftigten lehnen sie   rigoros ab. Sie behaupten sogar, die KrankenpflegerInnen seien durch den   TV&#246;D zu hoch eingruppiert und verlangen eine Abgruppierung von EG 7a in   EG 5. Das w&#228;re ein Verlust von 92 Euro im Monat. Dieter Janssen   berichtet davon bei der Streikversammlung in der Kantine. Er berichtet   weiter, dass die Arbeitgeber in der zweiten Verhandlungsrunde nur eine   Erh&#246;hung des Leistungslohns angeboten h&#228;tten. Ver.di fordere, dass das   Leistungsgeld bei 1% bleibe. Aber die ver.di-Betriebsgruppe am Klinikum   wolle sie ganz weg haben, weil das eine Nasenpr&#228;mie sei. Der   Streikleiter am B&#252;rgerhospital erkl&#228;rt weiter, dass man in jedem Fall   streiken m&#252;sse, wenn man etwas Annehmbares durchsetzen wolle und es sei   eine falsche Vorstellung, dass man mit einer niedrigeren Forderung ohne   Streik eher etwas erreiche. Bei der Forderung nach einer sozialen   Komponente f&#252;r die unteren Lohngruppen fehle die Konkretisierung wie sie   von den Vertrauensleuten im Klinikum mit 150 Euro eingebracht worden   sei. Auf das Argument der leeren Kassen erwidert Dieter Janssen, dass   die &#246;ffentlichen Kassen gewollt leer seien und weiter geleert w&#252;rden. So   habe die Stadt Stuttgart fast eine Milliarde zum Ausgleich der   Spekulationsverluste der LBBW aufgebracht und wolle sich mit einer   weiteren Milliarde am Bau von Stuttgart 21 beteiligen. Vor diesem   Hintergrund g&#228;be es f&#252;r die Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst keinen   Grund zur Bescheidenheit, und auf einen groben Klotz geh&#246;re ein grober   Keil. Mit einem Bild vermittelte Dieter Janssen das Verh&#228;ltnis zwischen   aktiven Gewerkschaftern im Betrieb, die f&#252;r den Warnstreik mobilisieren   und der ver.di-F&#252;hrung: &#8222;Ich stell mir vor, ich bin ein Autoreifen,   ver.di ist das Fahrzeug und die ver.di-F&#252;hrung sitzt am Steuer. Wenn die   Gas geben und gleichzeitig Bremsen, dann dreh ich durch&#8220;. An der   Reaktion der ca. 40 TeilnehmerInnen der Streikversammlung wurde   deutlich, dass damit der Nagel auf den Kopf getroffen wurde. Auch der   Schlusssatz fand allgemeine Zustimmung: &#8222;wenn wir was erreichen wollen,   dann m&#252;ssen wir streiken. Und wenn wir Streiken, dann richtig&#8220;.<\/p>\n<h4>  Zwischenkundgebung am Klinikum<\/h4>\n<p>  Nach der Streikversammlung im B&#252;rgerhospital hie&#223; es Abmarsch zum   Katharinenhospital, wo sich alle Streikenden der verschiedenen Standorte   des Klinikums zu einer Zwischenkundgebung versammelten. Viele   Besch&#228;ftigten des B&#252;rgerhospitals waren direkt hier hergekommen und so   konnte festgestellt werden, dass mit &#252;ber 100 Kolleginnen und Kollegen   eine gute Streikbeteiligung zustande gekommen war. Hier hielt Ellen   Paschke vom ver.di-Bundesvorstand die Hauptrede. Sie verteidigte unter   gro&#223;en Beifall der ca. 500 Besch&#228;ftigten des Klinikums die   berufsspezifischen Forderungen f&#252;r die Krankenhausbesch&#228;ftigten: h&#246;here   Zeitzuschl&#228;ge f&#252;r Nachtarbeit, h&#246;here Bezahlung f&#252;r   Bereitschaftsdienste, &#220;berstundenzuschl&#228;ge f&#252;r Teilzeitbesch&#228;ftigte.<\/p>\n<p>  Nach der Kundgebung am Klinikum gab es einen Demonstrationszug zum   Gewerkschaftshaus. Fast alle Krankenhausbesch&#228;ftigten mit Streikwesten   hatten auf ihre Streikwesten einen Aufkleber gegen Stuttgart 21. Eine   Kollegin meinte, die Demo m&#252;sste heute eigentlich mit einer   Zwischenkundgebung am Bahnhof vorbeigehen, um den Zusammenhang zu   Stuttgart 21 herzustellen.<\/p>\n<h4>  Streikversammlung DGB-Haus<\/h4>\n<p>  Das Gewerkschaftshaus in der Willi-Bleicher-Stra&#223;e war am 4. Februar   wieder zentrales Streiklokal und platzte aus allen N&#228;hten.   Bezirksgesch&#228;ftsf&#252;hrer, Bernd Riexinger, erkl&#228;rte, dass viele, auch in   ver.di-F&#252;hrung, einen kurzen Arbeitskampf mit akzeptablem   Schlichterspruch erwarteten. Es sei m&#246;glich, dass es so komme. Aber seit   1992 h&#228;tten die Arbeitgeber alle Schlichterspr&#252;che abgelehnt. Bei ihrer   gegenw&#228;rtigen harten Haltung k&#246;nne das wieder so kommen und es dann   einen gr&#246;&#223;eren Streik geben. Bernd Riexinger sprach auch den Kolleginnen   und Kollegen bei Behr, die gegen die in Stuttgart-Feuerbach gegen die   Vernichtung von 440 Arbeitspl&#228;tzen k&#228;mpfen, die Solidarit&#228;t von ver.di   aus.<\/p>\n<p>  Der neue DGB-Bezirksvorsitzende von Nord-W&#252;rttemberg, Bernhard L&#246;ffler,   hielt ein Gru&#223;wort und machte darin unter anderem f&#252;r die Aktion am 20.   M&#228;rz Werbung.<\/p>\n<p>  Ein t&#252;rkischst&#228;mmiger Kollege berichtete von dem Streik bei Tekel gegen   Privatisierung und den Solidarit&#228;ts-Generalstreik in der T&#252;rkei am   selben Tag. Er erkl&#228;rte, dass eine Niederlage bei Tekel eine Niederlage   f&#252;r die gesamte t&#252;rkische Arbeiterklasse und eine Niederlage f&#252;r die   t&#252;rkische Arbeiterklasse auch eine Niederlage f&#252;r die deutsche   Arbeiterklasse sei. Bernd Riexinger wies erg&#228;nzend darauf hin, wie   schwierig die Gewerkschaftsarbeit in der T&#252;rkei unter anderem wegen der   gro&#223;en staatlichen Repression sei und wie bewundernswert daher das   Engagement der GewerkschafterInnen dort ist und stellte eine kurze   Solidarit&#228;tserkl&#228;rung vor, die angenommen wurde.<\/p>\n<p>  Eine Kollegin erkl&#228;rte, welche Bedrohung Stuttgart 21 f&#252;r die Stadt   Stuttgart und die &#246;ffentlichen Kassen sei und forderte dazu auf, zu den   w&#246;chentlichen Montagsdemos zu kommen und auf die Parksch&#252;tzer-Website zu   gehen und sich dort einzutragen.<\/p>\n<p>  Dazwischen zeigte Giovanni, &#8222;der singende M&#252;llmann&#8220;, der schon 2006   gestreikt und gesungen hat, sein musikalisches K&#246;nnen mit Liedern von &#8222;O   sole mio&#8220; bis &#8222;Bella Ciao&#8220;.<\/p>\n<p>  Cuno H&#228;gele versuchte, die KollegInnen in Stimmung zu bringen und ihnen   mit dem Argument, dass f&#252;nf Finger eine Hand, aber auch eine Faust sind,   die Tarifforderung schmackhaft zu machen.<\/p>\n<h4>  Demozug durch die Stuttgarter Innenstadt<\/h4>\n<p>  Um 11.00 Uhr bewegte sich ein k&#228;mpferischer Demozug durch die   Stuttgarter Innenstadt.<\/p>\n<p>  Bei der Abschlusskundgebung erkl&#228;rte Ellen Paschke, dass die Arbeitgeber   ein h&#246;heres Leistungsgeld f&#252;r F&#252;hrungskr&#228;fte bei den Verhandlungen damit   verteidigt h&#228;tten, dass die F&#252;hrungskr&#228;fte dann netter zu den   Kolleginnen und Kollegen w&#228;ren und dadurch alle was davon h&#228;tten. Bei   der Verl&#228;ngerung der Altersteilzeit wollen die Arbeitgeber nur noch eine   Kann-Regelung und statt 83% nur noch 70%.<\/p>\n<p>  Mit Verweis auf die zu niedrigen L&#246;hne im &#246;ffentlichen Dienst und den   gesellschaftlichen Reichtum erkl&#228;rte Bernd Riexinger unter gro&#223;em   Beifall der tausenden DemoteilnehmerInnen: &#8222;Wir haben alles Recht der   Welt um f&#252;r unsere Interessen zu k&#228;mpfen&#8220;.<\/p>\n<p>  Die SAV Stuttgart war an diesem Tag im Einsatz mit Unterst&#252;tzung der   Streikorganisation am B&#252;rgerhospital, mit dem Verkauf der   Februar-Ausgabe der &#8222;Solidarit&#228;t&#8220; (wobei 32 St&#252;ck verkauft wurden, so   viele wie seit Menschengedenken nicht bei einem Warnstreik in   Stuttgart), mit dem Verteilen von Aufklebern und Flyern zu den   Montagsdemos gegen Stuttgart 21, mit dem Verteilen von   Mobilisierungszeitungen der LINKEN f&#252;r eine Veranstaltung am Abend mit   dem designierten Parteivorsitzenden, Klaus Ernst, mit der Mobilisierung   f&#252;r die Blockade des Nazi-Aufmarsches in Dresden am 13.2.10 und   Unterschriftensammeln f&#252;r den Jugendaufruf von &#8222;Generation Krise schl&#228;gt   zur&#252;ck&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Bericht aus Stuttgart\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,15,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13527"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13527"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13527\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}