{"id":13524,"date":"2010-02-09T00:00:00","date_gmt":"2010-02-09T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13524"},"modified":"2010-02-09T00:00:00","modified_gmt":"2010-02-09T00:00:00","slug":"13524","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13524\/","title":{"rendered":"Von gelben Gewerkschaftern und 26 &#196;nderungsantr&#228;gen"},"content":{"rendered":"<p>  F&#252;r Gewerkschaftsrechte im Europaparlament<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Im Eingangsbereich der Kantine, wo sich t&#228;glich tausende AssistentInnen,   ArbeiterInnen, BeamtInnen und manchmal auch Abgeordnete (f&#252;r die es ein   au&#223;erdem ein abgesondertes &quot;Members only&quot;-Restaurant gibt) des   Europ&#228;ischen Parlamentes zum Mittag essen verabreden, werden   Tombolatickets f&#252;r Haiti verkauft. Am Wochenende organisiert der irische   Pub an der Ecke des Luxemburgplatzes ein Benefiz f&#252;r Haiti, zu dem   Abgeordnete per E-mail einladen. Die internationale Spendenbereitschaft   f&#252;r die Erdbebenopfer erobert das Europ&#228;ische Parlament.<\/p>\n<h4>  <i>von Tanja Niemeier, Br&#252;ssel<\/i><\/h4>\n<p>  Auch die Plenarsitzung in Strassburg hat das Erdbeben, das die   haitianische Hauptstadt Port au Prince dem Erdboden gleich gemacht hat   und dabei vermutlich mehr als 200.000 Menschen unter sich begraben und   weiteren 2,5 Millionen Menschen das Dach &#252;ber dem Kopf genommen hat, in   einer ersten Sondersitzung auf die Tagesordnung gesetzt.<\/p>\n<p>  F&#252;r einen Moment ging es nicht mehr um die zuk&#252;nftigen Posten in der   Barosso II-Kommission und das blamable Durchfallen der bulgarischen   Kommissaranw&#228;rterin f&#252;r Humanit&#228;re Hilfe und Katastrophenschutz, Rumiana   Jeleva. Frau Jeleva, (inzwischen ehemalige) bulgarische Au&#223;enministerin   und Mitglied der Gruppe der Europ&#228;ischen Volksparteien (EVP) im   Parlament war in der Anh&#246;rung vor allem wegen Inkompetenz und mangelnder   Transparenz ihrer eigenen Finanzen aufgefallen.<\/p>\n<p>  Auf die Frage, wie sie die humanit&#228;re Situation in Gaza verbessern   wolle, soll ihre Antwort gewesen sein, demn&#228;chst einmal dorthin fahren   zu wollen. Anschuldigungen &#252;ber ihre eigenen dubiosen finanziellen   Machenschaften im Zusammenhang mit einem durch sie gef&#252;hrten   Beratungsunternehmen und wiederholte Vorw&#252;rfe, ihr Mann unterhalte   Verbindungen zur russischen Mafia konnte sie nicht &#252;berzeugend   entkr&#228;ften. Wen wundert es da noch, dass die europ&#228;ischen Institutionen   durch weite Teile der europ&#228;ischen Besch&#228;ftigten und Jugendlichen als   abgehoben und nicht besonders vertrauenerweckend eingestuft wird?<\/p>\n<p>  Schadensbegrenzung war dann auch das Gebot der Stunde: Jeleva zog ihre   Kandidatur zur&#252;ck und legte auch gleich das Amt der bulgarischen   Au&#223;enministerin nieder. Dies war der Versuch den Gesichtsverlust der   gesamten Kommission, die ohnehin die undemokratischste aller   europ&#228;ischen Institutionen ist, einzugrenzen.<\/p>\n<p>  Zur&#252;ck zu Haiti. Insgesamt 422 Millionen Euro, so hei&#223;t es, betr&#228;gt die   Summe, die die Mitgliedsstaaten der Europ&#228;ischen Union und die   Europ&#228;ische Kommission zur Verf&#252;gung stellen wollen um sowohl &quot;sofortige   humanit&#228;re als auch mittel- und langfristige Hilfe zu leisten, die das   Leid der Menschen in Haiti mildern und ihre Hoffnung auf eine bessere   Zukunft zu erneuern&quot;. Drei Millionen Euro sollen direkt und unmittelbar   aus dem EU-Haushalt kommen. Gut und sch&#246;n.<\/p>\n<p>  422 Millionen Euro &#8211; die wie gesagt selbst nicht vollst&#228;ndig aus dem EU   Haushalt kommen &#8211; klingen allerdings schon weitaus weniger beeindruckend   wenn man bedenkt, dass das gesamte Budget der EU f&#252;r 2010 141 Milliarden   Euro betr&#228;gt. Noch weniger beeindruckend wird es, wenn man bedenkt, dass   der gr&#246;&#223;te Ausgabenanstieg f&#252;r 2010 bei der &quot;Verbrechensbek&#228;mpfung,   Terrorismus und Migrationsmanagement&quot; (lese: Ausbau der Festung   Europa)zu verzeichnen ist. Die Ausgaben werden von 16.2 Prozent auf 1   Milliarde &#8364; steigen. Die Ausgaben f&#252;r die &#8222;Gemeinsame Auslands- und   Sicherheitspolitik&#8220; steigen um 15.9 Prozent. wieder einmal zeigt sich,   dass alle sch&#246;nen Worte und Stapel von Dokumenten &#252;ber die   Politikkoh&#228;renz der EU nicht mit der Realit&#228;t &#252;bereinstimmen.<\/p>\n<p>  Im Ausschuss f&#252;r internationalen Handel, den ich als Mitarbeiterin der   Fraktion der GUE\/NGL mitbetreue, ging es dieses Mal unter anderem um   Kolumbien. Die Europ&#228;ische Union will ein bilaterales   Freihandelsabkommen mit den Andenstaaten, darunter Kolumbien,   abschlie&#223;en. Zus&#228;tzlich soll gepr&#252;ft werden, ob Kolumbien die Kriterien   erf&#252;llt, um in den Vorzug des Allgemeinen Pr&#228;ferenzsystems + (APS +),   ein System das Zollerleichterungen f&#252;r Exporte aus &quot;Entwicklungsl&#228;ndern&quot;   in die EU vorsieht. Eines der zu erf&#252;llenden Kriterien ist die   Einhaltung und Gew&#228;hrleistung von Menschenrechten. 2009 besuchten   verschiedene Berichterstatter im Auftrag der Vereinten Nationen   Kolumbien. Alle &#228;u&#223;ern sich besorgt &#252;ber die systematische Verletzung   von Menschen- und Gewerschaftsrechten mit Beteiligung, Wissen oder   Duldung der kolumbianischen Uribe-Regierung.<\/p>\n<p>  Um sich eine &quot;objektive&quot; Meinung zum Sachverhalt verschaffen zu k&#246;nnen,   wurde eine Anh&#246;rung organisiert, die verschiedene Gesichtspunkte von   verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren in Kolumbien widerspiegeln   sollte. Nat&#252;rlich haben die verschiedenen politischen Gruppen, je   nachdem wessen Interessen sie sich verschrieben haben, unterschiedliche   Vorstellungen dar&#252;ber, wer zu solch einer Veranstaltung eingeladen   werden soll.<\/p>\n<p>  Jeder Redner, jede Minute Redezeit, sowie die Aufteilung der Redezeit   ist ein politisches Kr&#228;ftemessen, in das sich auch die kolumbianische   Botschaft noch einzumischen versuchte. F&#252;r sie steht einiges auf dem   Spiel.<\/p>\n<h4>  Letztendlich h&#246;ren wir ein &quot;ausgewogenes&quot; Podium von vier Rednern. Zwei   Gewerkschafter, ein Vertreter der Botschaft und ein   Unternehmensvertreter.<\/h4>\n<p>  Enrique Alveiro Franco Valderrama von der Gewerkschaft UNALTRASAP   (Viehz&#252;chter und Agrargewerkschaft) entpuppt sich als Sprachrohr der   Regierung und klassischer Vertreter einer gelben Gewerkschaft. Er   &#252;bertrifft selbst den Botschafter in seinen Behauptungen, dass man in   Kolumbien nicht von besonderer Gewalt gegen Gewerkschaftsmitglieder   sprechen kann. Im Verlaufe der Anh&#246;rung wird klar, dass er eine   Gewerkschaft von wenigen hundert Mitgliedern vertritt und dass der   Gewerkschaftsdachverband CGT, dem die Gewerkschaft angeschlossen ist,   schriftlich mitteilt, dass es Herrn Valderrama untersagt ist, im Namen   der Gewerkschaft &#246;ffentlich aufzutreten. Alberto Vanegas von der CUT   (Central Unitaria de Trabajadores)schildert ein anderes Gesicht von   Kolumbien. Er wies nochmals darauf hin, dass der Internationale   Gewerkschaftsdachverband feststellt, dass von den weltweit 76 Morden an   Gewerkschaftern im Jahr 2008, 49 in Kolumbien stattfanden. Au&#223;erdem wird   dem Aufbau von Gewerkschaften im Betrieb oftmals mit Repressionen   begegnet und gibt es enorme Probleme, um &#252;berhaupt g&#252;ltige Tarifvertr&#228;ge   auszuhandeln zu k&#246;nnen. Vanegas war dann auch der Meinung, dass die   bilateralen Verhandlungen mit Kolumbien eingefroren werden sollten, bis   sich die Lage entscheidend verbessert. Viele Abgeordnete, quer durch   alle Fraktionen &#228;u&#223;erten Besorgnis &#252;ber die Situation in Kolumbien.   Einige wiesen aber auch darauf hin, dass es eine perfekte Welt wohl   nicht g&#228;be und dass man doch vor allem die Bem&#252;hungen der   Uribe-Regierung zur Kenntnis nehmen sollte. Joe Higgins (Socialist Party   Irland\/CWI), der f&#252;r die GUE\/NGL im internationalen Handelsausschuss   sitzt, war der einzige, der darauf hinwies, dass es auch internationale   und europ&#228;ische multinationale Konzerne sind, die sich an der Sch&#228;ndung   von Gewerkschaftsrechten in Kolumbien beteiligten und darum auch die   europ&#228;ische Gewerkschaftsbewegung in der Pflicht ist, sich hiergegen zu   widersetzen.<\/p>\n<p>  Sp&#228;ter war es auch an Joe Higgins, seine Meinung zum Thema   &quot;Politikkoh&#228;renz der EU bei der Entwicklung und das System der   offiziellen Entwicklungshilfe+&quot; deutlich zu machen. Der   Entwicklungssauschuss hatte den internationalen Handelsausschuss um   seine Meinung gefragt. Das war lustig. Noch bevor Joe Higgins das Wort   ergreifen konnte, nahm das &#252;bereifrige Mitglied der EVP (Gruppe der   Europ&#228;ischen Volksparteien), Pablo Zalba Bidegain (Partido Popular,   Spanien) das Wort und ereiferte sich &#252;ber die unhaltbare Meinung von Joe   Higgins.<\/p>\n<p>  Joe erkl&#228;rte, dass er sich durchaus bewusst dar&#252;ber ist, dass seine   Meinung diametral gegen&#252;ber der der meisten Abgeordneten im Ausschuss   steht, aber dass er dennoch festh&#228;lt an der &#220;berzeugung, dass es eine   eindeutige Kluft zwischen Worten und Taten der EU gibt.<\/p>\n<p>  Nun ja, die Gruppe der EVP und der ECR (European Conservatives and   Reformists Group), zu denen unter anderen die britische Tory-Partei der   ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher geh&#246;rt, formulierten dann   auch 12 &#196;nderungsantr&#228;ge zu einem Text von einer halben DINA4 Seite, die   sozialdemokratische Fraktion brachte es auf 14 &#196;nderungsantr&#228;ge. Das   entlockte meinem Kollegen Paul den Kommentar, dass wir wahrscheinlich   ganz gut gearbeitet haben.<\/p>\n<p>  Dass wir es tats&#228;chlich &quot;ganz gut&quot; machen und dass die politischen   Dominanz des neoliberalen Gedankengutes&#160;in diesem Ausschuss nicht   notwendigerweise das Gedankengut au&#223;erhalb des Parlamentes&#160;wieder   spiegeln, wurde daran deutlich, dass die Nicht-Regierungsorganisation   &quot;Fair Politics&quot; in einem schriftlichen&#160;Kommentar zur Debatte (der Link   zum englischsprachigen Text findet sich <a href=\"http:\/\/www.fairpolitics.nl\/europa\/cases\/policy_coherence_in_general\/2010_01_27_a_special_day_for_pcd__inta_draft_opinion?term=joe%20higgins&p;=1\">hier<\/a>)   zu der&#160;Schlussfolgerung kommt, dass es sich bei Joe Higgins   wahrhaftig&#160;um einen&#160;&quot;fairen Politiker&quot; handelt.<\/p>\n<p>  Die letzten Tage besch&#228;ftigte sich GUE\/NGL vor allen Dingen mit dem   SWIFT Abkommen, dass &#8211; falls es verl&#228;ngert wird- der amerikanischen   Regierung im Rahmen des Kampfes gegen den Terror Einsicht in die   Kontobewegungen der Bev&#246;lkerung gibt. Das Europ&#228;ische Parlament darf   seit der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon auch dar&#252;ber   aussprechen. Spannende Themen also. Fortsetzung folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      F&#252;r Gewerkschaftsrechte im Europaparlament\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[101],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13524"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13524"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13524\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13524"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13524"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13524"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}