{"id":13518,"date":"2010-02-01T13:43:00","date_gmt":"2010-02-01T13:43:00","guid":{"rendered":".\/?p=13518"},"modified":"2010-02-01T13:43:00","modified_gmt":"2010-02-01T13:43:00","slug":"13518","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13518\/","title":{"rendered":"Gro&#223;demo gegen Stuttgart 21"},"content":{"rendered":"<p>  Zehntausend gegen Bahnchef Grube auf der Stra&#223;e<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Seit rund 15 Jahren wollen die Stadt Stuttgart, das Land   Baden-W&#252;rttemberg, der Bund und die Bahn den Stuttgarter Kopfbahnhof   durch einen unterirdischen Durchgangsbahnhof ersetzen, samt ICE-Bahnhof   am Flughafen und &#252;ber 30 Kilometer Tunnelstrecken. Dagegen hat es schon   zahlreiche Proteste gegeben, aber so viele wie am 29. Januar haben noch   nie demonstriert. Anlass war ein Vortrag von Bahnchef Grube in der   Landesbank Baden-W&#252;rttemberg (LBBW), direkt neben dem Stuttgarter   Hauptbahnhof.<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Mitglied im Vorstand der Partei DIE LINKE in   Stuttgart-Bad Cannstatt<\/i><\/h4>\n<p>  Der Protest begann mit einem Sternmarsch vom St&#246;ckach, dem Berliner   Platz und dem Rathaus zum Hauptbahnhof, der anders als die Kundgebung am   Hauptbahnhof nicht angemeldet war. Trotzdem war die Polizei f&#252;r   Stuttgarter Verh&#228;ltnisse kooperativ. Beim Rathaus wollten sie einen   Verantwortlichen genannt bekommen, dem sie eine Demo-Route zuweisen   wollten. Die DemonstrantInnen lie&#223;en sich darauf aber nicht ein, sondern   versuchten, zur K&#246;nigsstra&#223;e, der Stuttgarter Haupteinkaufsstra&#223;e, zu   gelangen. Die Polizei versuchte das zu verhindern, konnte aber auf dem   Schlossplatz die DemonstrantInnen nicht mehr von ihr fernhalten.   Daraufhin versuchten sie, die K&#246;nigsstra&#223;e selbst abzusperren, aber ein   Teil der DemonstrantInnen konnte die Polizisten umgehen oder zwischen   ihnen durchschl&#252;pfen und zog dann Sprechch&#246;re rufend &#252;ber die   K&#246;nigsstra&#223;e zum Bahnhof. Der Gro&#223;teil der DemonstrantInnen zog parallel   zur K&#246;nigsstra&#223;e &#252;ber die Lautenschlagerstra&#223;e zum Bahnhof.<\/p>\n<h4>  Bahnchef Grube hielt ein &#8222;Gru&#223;wort&#8220;<\/h4>\n<p>  Die Kundgebung zwischen Nordausgang des Hauptbahnhofs und der LBBW   begann mit einer &#220;berraschung. Bahnchef Grube erschien pers&#246;nlich, um   den GegendemonstrantInnen ein &#8222;Gru&#223;wort&#8220; zu halten. Er erkl&#228;rte alles zu   einem Kommunikationsproblem und versprach einen Dialog. Offenbar will er   aber nicht ernsthaft den Argumenten der GegnerInnen widersprechen,   sondern wollte den DemonstranInnen nur Honig ums Maul schmieren, in dem   verzweifelten Versuch, dem Widerstand den Wind aus den Segeln zu nehmen.   Denn inhaltlich hatte er nichts zu bieten, sondern machte auf der   Veranstaltung in der LBBW deutlich, dass das Projekt auf Biegen und   Brechen durchgezogen werden soll.<\/p>\n<p>  Da uns seit 15 Jahren die Stadt Stuttgart, CDU und SPD samt FDP und   Freien W&#228;hlern und die beiden gro&#223;en Stuttgarter Tageszeitungen   Stuttgart 21 schmackhaft zu machen versuchen, aber die Opposition der   Bev&#246;lkerung immer mehr gewachsen ist, ist die Vorstellung abgeschmackt   und arrogant, dass die Ablehnung durch die Mehrheit der Bev&#246;lkerung an   dem mangelnden kommunikativen Engagement von Grubes Vorg&#228;ngern von D&#252;rr   bis Mehdorn liege &#8211; und nicht an den &#252;berzeugenden Argumenten der   GegnerInnen.<\/p>\n<h4>  Gegenargumente<\/h4>\n<p>  Auch am 29. Januar gab es wieder neue Argumente: Ein Blinder schilderte,   dass Blinde und stark Sehbehinderte sich in einem Kopfbahnhof viel   leichter orientieren k&#246;nnen. Er erw&#228;hnte auch, dass ein barrierefreier   Kopfbahnhof auch f&#252;r RollstuhlfahrerInnen besser ist. (Die Bef&#252;rworter   von Stuttgart 21 behaupten ernsthaft, dass ein Durchgangsbahnhof mit   seinen Rolltreppen und Aufz&#252;gen f&#252;r RollstuhlfahrerInnen komfortabler   sei. Wenn diese Herren, die das Schicksal der Bahn bestimmen, selbst Zug   fahren w&#252;rden, statt sich in Dienstwagen chauffieren zu lassen, fiel   ihnen vielleicht auf, wie oft die Aufz&#252;ge auf Bahnh&#246;fen kaputt sind.   Aber selbst, wenn Behinderte es auf den Bahnsteig schaffen &#8211; wie sollen   sie es in den Zug schaffen, der auf dem Bahnhof mit nur noch acht statt   sechzehn Gleisen nur noch ein bis zwei Minuten halten soll?)<\/p>\n<p>  In einem anderen Beitrag wurde mit Zitaten aus dem   Planfeststellungsbescheid die massive L&#228;rmbelastung beim Bau   dargestellt: 3500 Betonpf&#228;hle sollen mit jeweils 135 Schl&#228;gen in den   Boden gerammt werden. Dazu kommt die Belastung durch den Abtransport von   Abraum etc.<\/p>\n<p>  Zugleich wurden die alten zentralen Gegenargumente wieder aufgefrischt,   vor allem die explodierenden Kosten. Stadt und Land k&#252;rzen bei   sinnvollen Ausgaben und auch die Bahn hat vor kurzem sinnvolle Projekte   auf die lange Bank geschoben &#8211; damit f&#252;r das Wahnsinnprojekt die   Finanzierung steht.<\/p>\n<p>  Zwei Tage vor dem Protest hatte der Chef der Stuttgarter Jungen Union,   V&#246;lkel, &#252;ber die &#8222;&#252;berhebliche Verhinderungspolitik der Alten gegen   Stuttgart 21&#8220; gewettert, die &#8222;meiner Generation die Zukunft&#8220; verbauen   w&#252;rden. Es stimmt, dass bei den Montagsdemos der letzten Wochen der   Anteil von &#228;lteren Menschen recht hoch war. Aber bei der Kundgebung am   29. Januar waren alle Altersgruppen vertreten und bestimmt ein Viertel   oder ein Drittel der TeilnehmerInnen waren j&#252;ngere Menschen.<\/p>\n<h4>  Profitinteressen<\/h4>\n<p>  Die Gr&#252;nen versuchen sich im Protest gegen Stuttgart 21 breit zu machen.   Sie wollen sich offenbar profilieren, weil ihr T&#252;binger   Oberb&#252;rgermeister Boris Palmer hofft, die n&#228;chste Stuttgarter OB-Wahl   gegen CDU-Amtsinhaber Schuster zu gewinnen. Aber bei der letzten OB-Wahl   hatte Palmer bereits kandidiert und im zweiten Wahlgang zur Wahl   Schusters aufgerufen. Die baden-w&#252;rttembergischen Gr&#252;nen sind bekannt   daf&#252;r, dass sie schon seit Jahren eine Koalition mit der CDU anstreben<\/p>\n<p>  Der Einfluss der Gr&#252;nen kann nicht verhindern, dass in den Beitr&#228;gen   immer wieder deutlich wurde, dass hinter Stuttgart 21 Profitinteressen   stecken &#8211; der Immobilien- und Bauwirtschaft etc. Die Fakten sprechen   eine zu deutliche Sprache: Wenn z.B. der Tunnelbaumaschinenhersteller   Herrenknecht sich in der &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; zum neuen Jahr   die Schlagzeile w&#252;nscht &#8222;Herrenknecht Technik baut bei Stuttgart 21   mit!&#8220; und zugleich f&#252;r den Wahlkampf der CDU spendet und   Ex-Ministerpr&#228;sidenten Lothar Sp&#228;th als Aufsichtsratsvorsitzenden hat &#8211;   dann sind die Profitinteressen und die Mauschelei zwischen Konzernen und   Politik un&#252;bersehbar.<\/p>\n<h4>  Pseudo-Baubeginn und Protest-Perspektiven<\/h4>\n<p>  F&#252;r den 2. Februar ist offiziell der Baubeginn angek&#252;ndigt &#8211; in Form der   Entfernung eines Prellbocks von einem Gleis, das fr&#252;her f&#252;r   Rangierfahrten diente, aber schon l&#228;ngst nicht mehr gebraucht wird. Auf   der Kundgebung wurde dieser feierliche Baubeginn zu Recht als   Monty-Python-Nummer verspottet. Offenbar hofft die Stuttgart-21-Mafia,   der Protest werde zusammenbrechen, wenn der Bau &#8222;beginnt&#8220;.<\/p>\n<p>  Aber wie auf der Kundgebung richtig gesagt wurde: Man kann nicht   f&#252;nfzehn Jahre lang in der Stuttgarter Innenstadt ein Gro&#223;bauprojekt   gegen den Willen der Bev&#246;lkerung durchziehen. F&#252;r den M&#228;rz wurde ein   Training f&#252;r zivilen Ungehorsam angek&#252;ndigt, um das Besetzen von B&#228;umen   zu &#252;ben, wenn im Stadtpark 250 B&#228;ume gef&#228;llt werden sollen. Es wurde   auch an die erfolgreichen Proteste von Wyhl und Wackersdorf erinnert, wo   in den 1970er und 1980er Jahren der Bau eines Atomkraftwerks und einer   atomaren Wiederaufbereitungsanlage durch Massenproteste verhindert   wurden.<\/p>\n<p>  Die Bereitschaft eines Teils der Stuttgart-21-GegnerInnen zu   entschiedeneren Protestformen ist begr&#252;&#223;enswert. Leider fehlt eine   zweite Schiene: die Verbindung mit anderen sozialen Protesten und   besonders Arbeitsk&#228;mpfen. Nachdem die Gewerkschaften mehrheitlich   jahrelang &#8211; in Treue fest zur SPD &#8211; Stuttgart 21 unterst&#252;tzt haben, hat   sich inzwischen der DGB in der Region Stuttgart und auf Landesebene   gegen Stuttgart 21 ausgesprochen. Das ist erfreulich, aber Resolutionen   sind zu wenig. Die SAV hat schon seit vielen Jahren bei ihrer   Intervention in Bildungs- und andere Proteste und Streiks die Verbindung   zu Stuttgart 21 hergestellt und wird das auch jetzt wieder tun bei einer   Protestkundgebung bei der Firma Behr und dem Warnstreik im &#214;ffentlichen   Dienst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zehntausend gegen Bahnchef Grube auf der Stra&#223;e\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[56,58,119],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13518"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13518"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13518\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13518"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13518"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13518"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}