{"id":13517,"date":"2010-02-04T00:00:00","date_gmt":"2010-02-04T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13517"},"modified":"2010-02-04T00:00:00","modified_gmt":"2010-02-04T00:00:00","slug":"13517","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13517\/","title":{"rendered":"Iran: Die Massenproteste vom Dezember"},"content":{"rendered":"<p>  Kampf f&#252;r sozialistische Demokratie n&#246;tig<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In der letzten Woche des Jahres 2009 erlebte das iranische Regime die   gr&#246;&#223;ten Protestdemonstrationen seit dem Sommer. Trotz einer enormen   Repressionswelle, etlichen Toten und Hunderten von Verhafteten hielten   die Massendemonstrationen einige Tage lang an. Der revolution&#228;re Prozess   spitzt sich zu und l&#228;sst Fragen nach Organisierung und Programm   aufkommen.<\/p>\n<h4>  <i>von Lina Westerlund und Per-&#197;ke Westerlund, R&#228;ttvisepartiet   Socialisterna (Schwesterorganisation der SAV in Schweden)<\/i><\/h4>\n<p>  Das Begr&#228;bnis von &#8222;Gro&#223;ajatollah&#8221; Hossein-Ali Montazeri am 21. Dezember   wurde zum Massenprotest gegen das Regime. Hunderttausende, vielleicht   sogar eine Million Menschen, legten die heilige Stadt Ghom lahm, in der   das Begr&#228;bnis stattfand. Die DemonstrantInnen skandierten: &#8222;Tod dem   Diktator&#8220;. Einige richteten ihre Rufe gegen Pr&#228;sident Ahmadinedschad,   andere gegen den &#8222;obersten F&#252;hrer&#8220; Chamenei. Trotz Angriffen der   Sicherheitskr&#228;fte konnten sie nicht dazu gezwungen werden, damit   aufzuh&#246;ren.<\/p>\n<p>  Die Massenbewegung ging in den folgenden Tagen weiter, so auch die   Repression. Ex-Pr&#228;sident Kh&#257;tami wurde am 26. Dezember auf seinem Weg zu   einer Versammlung mit Schlagst&#246;cken und Pfefferspray angegriffen.   Ebenfalls von den Sicherheitskr&#228;ften attackiert wurde eine studentische   Nachrichtenagentur, die ISNA. Dabei handelte es sich um Versuche,   weitere Proteste zu unterbinden.<\/p>\n<p>  Doch die Repression blieb ohne Erfolg. Hunderttausende Oppositionelle   gingen am 27. und 28. Dezember erneut gegen das islamistische Regime und   seinerF&#252;hrer auf die Stra&#223;e. Weil die Diktatur alle Formen von   Versammlungen und politischen Zusammenk&#252;nften f&#252;r jeden Tag des Jahres   verboten hatte, wurde der der schiitisch-muslimische Feiertag Ashura am   Sonntag, dem 27. Dezember, in diesem Jahr &#252;berall im Land dazu genutzt,   um politischen Protest nach au&#223;en zu tragen. Einige Monate zuvor schon   waren Tausende anl&#228;sslich des Jerusalem-Tages im September, am Jahrestag   der Besetzung der US-Botschaft Anfang November und abermals am Tag des   Studenten am 7. Dezember auf die Stra&#223;en Teherans und anderer St&#228;dte   gegangen.<\/p>\n<p>  Am 27. Dezember kam es zu Demonstrationen in T&#228;bris, Kerm&#257;nsch&#257;h,   Isfahan, Ghom, Ahvaz, Najaf Abad und anderen St&#228;dten. Die gr&#246;&#223;te davon   fand in Teheran statt, von der nach unterschiedlichen Berichten bekannt   wurde, dass das Milit&#228;r das Feuer er&#246;ffnete und acht bis f&#252;nfzehn   Menschen erschoss. Insgesamt wurden 300 Personen verhaftet.<\/p>\n<p>  Laut <a href=\"persian2english.wordpress.com\">persian2english.wordpress.com<\/a>,   einer Webseite, die Texte von Farsi ins Englische &#252;bersetzt, haben bis   jetzt bei verschiedenen Protesten &#252;ber 2.000 Verhaftungen stattgefunden   (Quelle: Iran News Agency, 30. Dezember 2009). Sechs JournalistInnen   wurden nach dem 27. Dezember inhaftiert und von weiteren 200 wird   berichtet, dass sie als gesucht gelten.<\/p>\n<p>  Am 29. Dezember protestierten mehr als einhundert Familien von   Verhafteten vor dem ber&#252;chtigten Evin-Gef&#228;ngnis. Am Folgetag beteiligten   sich 500 Menschen an dem Protest. Iran ist das Land, das gemessenen an   der Einwohnerzahl die meisten Todesstrafen vollstreckt. Und seit den   Massenprotesten in diesem Sommer hat die Zahl merklich zugenommen. Gegen   die Hinrichtungen wurden Proteste organisiert, haupts&#228;chlich von   Exil-IranerInnen. In Schweden organisierte die R&#228;ttvisepartiet   Socialisterna (schwedischen Sektion des CWI) Stra&#223;enproteste zusammen   mit den Iranischen Sozialistischen Studierenden.<\/p>\n<p>  Die Proteste am 27. Dezember und im Juni stachen besonders hervor, was   deren Ausma&#223; und die Tatsache angeht, dass TeilnehmerInnen daran bei   Zusammenst&#246;&#223;en auf der Stra&#223;e ums Leben kamen. In den vergangenen sechs   Monaten ist es zur gr&#246;&#223;ten Protestwelle seit der Revolution von 1979   gekommen.<\/p>\n<p>  Die Erwartung, Ahmadinedschad w&#252;rde die Wahlen vom Juni verlieren,   entfachte schlie&#223;lich die Massenbewegung, als die Beh&#246;rden behaupteten,   er habe doch gewonnen. Sein Hauptwidersacher Mussawi (selbst Teil der   herrschenden Elite und als Premierminister in den 1980er Jahren   verantwortlich f&#252;r Massenmorde) wurde zu einem &#8222;gr&#252;nen Schutzschirm&#8220; f&#252;r   die Bewegung, die ihn in ihren Forderungen rasch &#252;bertraf. Mussawi   stellte keine wirkliche Alternative bei den Wahlen dar und hat den heute   Unterdr&#252;ckten nichts anzubieten.<\/p>\n<p>  &#8222;Die wichtigsten Oppositionsf&#252;hrer Mir Hossein Mussawi, Mohammad Kh&#257;tami   und Medhi Karrubi [&#8230;] sind weit davon entfernt, &#8216;Volkshelden&#8217; zu sein.   Sie werden &#8211; um es mit den Worten eines franz&#246;sischen Journalisten zu   sagen &#8211; vielmehr &#8216;als Mittel zum Zweck f&#252;r den Protest gegen das Regime&#8217;   gesehen. Man k&#246;nnte sie auch Oppositionsf&#252;hrer wider Willen nennen&#8220;,   schrieb die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter in einem Kommentar.<\/p>\n<p>  Die meisten DemonstrantInnen sind jung und viele von ihnen sind Frauen.   Arbeitslosigkeit, steigende Preise und die Wohnungskrise gesellen sich   zur Emp&#246;rung &#252;ber das islamistisch-kapitalistische Regime hinzu. Im   Dezember, wie zuvor im Herbst und im Gegensatz zu den ersten   Demonstrationen vom Juni, waren die TeilnehmerInnen auf die gewaltsamen   Angriffe der Basidsch-Milizen, der Polizei usw. vorbereitet.<\/p>\n<p>  Die Financial Times berichtete: &#8222;Es scheint, als seien die Demonstranten   auch furchtloser gegen&#252;ber den Sicherheitskr&#228;ften, so Beobachter. [&#8230;]   Die DemonstrantInnen warfen Steine auf bewaffnete Sicherheitskr&#228;fte,   setzten angeblich Motorr&#228;der und PKWs in Brand und zertr&#252;mmerten   Fensterscheiben entlang der Marschroute.&#8220; (28. Dezember 2009). Ein Video   auf YouTube zeigt eine Menschenmenge, wie sie geradewegs auf ein   Polizeiauto zul&#228;uft und bereits in Gewahrsam Genommene befreit.<\/p>\n<p>  Die Tatsache, dass die Massen sich trauen, die Staatsmacht   herauszufordern, und dass die Polizei bei verschiedenen Gelegenheiten   z&#246;gerte einzugreifen, ist typisch f&#252;r eine Auseinandersetzung   revolution&#228;ren Charakters. Die dominierenden Protestrufe gegen das   Regime sind ebenfalls Zeichen f&#252;r die weitere Radikalisierung, und viele   DemonstrantInnen sagen, dass die Tage des Regimes gez&#228;hlt sind. Auch die   Marschroute, die der Protestzug am 27. Dezember nahm, war von gr&#246;&#223;ter   Symbolkraft: Es war derselbe Weg, den auch die gr&#246;&#223;te   Massendemonstration bei der Revolution von 1979 genommen hatte.<\/p>\n<p>  Im Fr&#252;hjahr gab es auch eine Reihe von neuen Streiks gegen Entlassungen   und f&#252;r die Auszahlung ausstehender L&#246;hne. In einigen Betrieben sind   unabh&#228;ngige Gewerkschaften in Aktion getreten, die jedoch auch auf   schwerwiegende Repression stie&#223;en.<\/p>\n<p>  Die Bewegung heute muss die wichtigsten Lehren aus der Revolution von   1979 diskutieren und verstehen. Die St&#228;rke und F&#252;hrungskraft der   Arbeiterklasse im Kampf war entscheidend beim Sturz des autorit&#228;ren   Schah-Regimes. Gleichzeitig wurde die Revolution verraten von den   Arbeiterf&#252;hrern, die argumentierten, dass der Kampf der ArbeiterInnen   sich einem B&#252;ndnis mit der islamistischen &#8222;Opposition&#8220; Ajatollah   Khomeinis unterzuordnen habe. Sie hingen also der Etappentheorie an und   standen damit sowohl der politischen Unabh&#228;ngigkeit der Arbeiterklasse   entgegen als auch dem sozialistischen Programm, das n&#246;tig ist, um die   Gesellschaft zu ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Der Riss, der zwischen verschiedenen Fl&#252;geln der herrschenden Elite   besteht ist, und die Unf&#228;higkeit, die Massen weiterhin einzusch&#252;chtern,   zeigt, wie die Macht des Regimes ins Wanken geraten ist. Der Kampf im   Iran des Jahres 2009 weist viele revolution&#228;re Aspekte auf. Aber eine   Revolution besteht nicht nur aus einem Akt. Sie ist vielmehr ein   Prozess, in dem die Massen aus ihren Erfahrungen lernen.<\/p>\n<p>  Damit der heute stattfindende Kampf Erfolg haben kann, ist es notwendig,   unabh&#228;ngige Arbeiterorganisationen aufzubauen und diese in einer   revolution&#228;ren Partei zu vereinen. So kann f&#252;r den Sturz der   islamistisch-kapitalistischen Diktatur und f&#252;r eine   demokratisch-sozialistische Gesellschaft gek&#228;mpft werden.<\/p>\n<h5>  <i>Dieser Artikel erschien auf Schwedisch am 27. Dezember 2009<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kampf f&#252;r sozialistische Demokratie n&#246;tig\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[40],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13517"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13517\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}