{"id":13509,"date":"2010-03-03T00:00:00","date_gmt":"2010-03-02T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13509"},"modified":"2012-06-28T16:13:16","modified_gmt":"2012-06-28T14:13:16","slug":"13509","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/03\/13509\/","title":{"rendered":"&#8222;Lehrjahre sind keine Hundejahre!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Vor 40 Jahren: Begeisternde Lehrlingsbewegung in der Bundesrepublik<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Das Ende der sechziger Jahre brachte international in vielen L&#228;ndern   soziale K&#228;mpfe, Revolten und Revolutionen mit sich. In der   Bundesrepublik rebellierten vor allem die Studierenden, die mit   teilweise spektakul&#228;ren Aktionen Aufsehen erregten. Protestiert wurde   gegen Notstandsgesetze und Vietnam-Krieg. Au&#223;erdem kam es zu Streiks an   Rhein und Ruhr. &#220;ber die Lehrlingsbewegung dieser Zeit ist heute leider   weniger bekannt. Und das, obwohl sie Beachtliches leistete.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sebastian, Essen<\/i><\/h4>\n<p>  Trotz Wirtschaftskrise und dem einsetzenden Stellenabbau herrschte in   der BRD Ende der sechziger Jahre noch fast Vollbesch&#228;ftigung. F&#252;r   Lehrlinge gab es &#8211; im Vergleich zu heute &#8211; relativ viele   Ausbildungspl&#228;tze. Die Qualit&#228;t der Stellen war allerdings sehr   unterschiedlich. Gerade in kleinen mittelst&#228;ndischen Unternehmen mit   wenig Besch&#228;ftigten, wo es schwieriger war, f&#252;r bessere   Arbeitsbedingungen zu streiten, litten die Azubis unter der harten   Fuchtel ihrer Vorgesetzten. Sogar &#8222;k&#246;rperliche Z&#252;chtigung&#8220;, also Pr&#252;gel   von dem Chef oder Meister, war in vielen Betrieben an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>  Aber gerade von diesen Ausbildungsst&#228;tten aus trat der erste   Lehrlingsprotest an die &#214;ffentlichkeit. Die Auszubildenden wehrten sich   dagegen, zu ausgebeuteten &#8222;f&#252;gsamen Arbeitsuntertanen&#8220; gemacht zu   werden. Sie fingen an, gegen die miserablen Ausbildungsbedingungen und   die mangelhaften betrieblichen Lernm&#246;glichkeiten zu demonstrieren. Und   dagegen, dass sie gezwungen wurden, fast ausschlie&#223;lich berufsfremde   Aufgaben und Hilfsarbeiten ohne Lern- oder &#220;bungswert zu verrichten.<\/p>\n<h4>  Selbstorganisation und Vernetzung<\/h4>\n<p>  Die Lehrlingsbewegung entwickelte sich Ende der Sechziger und &#8211; wie   Peter Birke in seinem Buch &#8222;Wilde Streiks im Wirtschaftswunder&#8220;   schildert &#8211; noch massiver 1970 &#252;ber Lehrlingszentren beziehungsweise   betriebliche und betriebs&#252;bergreifende Arbeitsgemeinschaften von   Auszubildenden, die den Widerstand gegen die Ausbildungsmisere   organisierten. Zeitungen und Flugbl&#228;tter wurden herausgebracht, um   Aufkl&#228;rungsarbeit im Betrieb und auf der Stra&#223;e zu leisten. Auf   &#252;berregionalen Konferenzen wurde versucht, die politische Arbeit zu   koordinieren.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich wie die Studierenden versuchten die Azubis &#8211; von denen einige   zuvor Sch&#252;leraktivistInnen waren oder sich f&#252;r &#8222;autonome Zentren&#8220;   engagierten &#8211; mit provokanten Aktionen (wie einer Spontandemo zur   Hamburger B&#246;rse) &#214;ffentlichkeit zu schaffen. Ein Vorbild waren neben der   Studierendenbewegung aber auch die wilden Streiks von KollegInnen in   dieser Zeit &#8211; hatten Auszubildende doch kein Streikrecht. Auch Azubis   organisierten bald wilde Streiks, um sich von Einschr&#228;nkungen durch   Gesetz und Gewerkschaftsb&#252;rokratie zu befreien und Verbesserungen zu   erstreiten.<\/p>\n<h4>  &#8222;Ausbeutung Tag f&#252;r Tag &#8211; gesichert durch den Ausbildungsvertrag!&#8220;<\/h4>\n<p>  Gefordert wurde eine grundlegende Verbesserung der   Ausbildungsbedingungen. Wichtig war zuerst, dass sich die Unternehmer an   gesetzliche und vertragliche Grundlagen der Lehre halten sollten, und   dass diese zugunsten der Auszubildenden verbessert werden. K&#246;rperliche   Z&#252;chtigungen durch Vorgesetzte sollten strafrechtlich verfolgt und   ausbildungsfremde T&#228;tigkeiten verboten werden. Die Lehrlingsbewegung   setzte sich daf&#252;r ein, dass die Ausbildung aus Unternehmerhand in   staatliche Einrichtungen und Schulen &#252;berf&#252;hrt wird &#8211; nat&#252;rlich auf   Kosten dieser Unternehmen. In vielen Orten wurde auch ein garantiertes   Mindesteinkommen, die Herabsetzung der H&#246;chstarbeitszeit auf sechs   Stunden t&#228;glich und das Streikrecht f&#252;r Lehrlinge gefordert.<\/p>\n<p>  Ein Grund f&#252;r die hohe Selbstorganisation war, dass die Gewerkschaften   lange unt&#228;tig blieben. Die Lehrlingsbewegung versuchte, den DGB dazu zu   bringen, den Kampf der Azubis zu unterst&#252;tzen. So traten am 1. Mai 1969   in vielen St&#228;dten Lehrlingsbl&#246;cke mit Parolen wie &#8222;Klassenkampf statt   Sozialpartnerschaft&#8220; bei DGB-Demonstrationen auf. 3.000 Azubis zwangen   bei der Hamburger Mai-Kundgebung Gewerkschaftsfunktion&#228;re und Politiker   durch Sprechch&#246;re, Stellung f&#252;r sie zu beziehen und ein   &#8222;jugendpolitisches Sofortprogramm&#8220; aufzulegen. Dieser Tag wurde f&#252;r die   Gewerkschaftsf&#252;hrung zum Desaster &#8211; schon am 6. Mai musste sie eine   zentrale Konferenz zum Thema einberufen. Hier wurde die Jugendarbeit des   DGB neu ausgerichtet. Davon ermutigt riefen verschiedene   Lehrlingsgruppen f&#252;r den 7. Juni 1969 zu einer k&#228;mpferischen   Demonstration in K&#246;ln auf, an der circa 10.000 Jugendliche teilnahmen.   In der Bev&#246;lkerung stieg die Solidarit&#228;t f&#252;r die Lehrlinge, berichtet   Vadim Riga in seiner Schrift &#8222;Ich will nicht werden, was mein Alter ist&#8220;.<\/p>\n<p>  Bei den Septemberstreiks 1969, prim&#228;r f&#252;r Lohnerh&#246;hungen, spielten diese   eine wichtige Rolle: Junge Azubis konnten mit ihrem entschlossenen   Auftreten auch &#228;ltere Besch&#228;ftigte ermutigen, sich zu wehren. So bei dem   Kampf der Belegschaft der Hoesch-AG H&#252;ttenwerke in Dortmund und den   davon ausgehenden weiteren spontanen Streiks, an denen sich 140.000   Besch&#228;ftigte aus 69 Betrieben beteiligten.<\/p>\n<h4>  Verbesserungen erk&#228;mpft<\/h4>\n<p>  Um die Lehrlingsbewegung in eigene Bahnen zu lenken, wandte sich der DGB   den rebellischen Azubis zu. &#220;ber hundert DGB-Jugendzentren wurden im   gesamten Bundesgebiet er&#246;ffnet, wo sich die Lehrlingsgruppen versammeln   sollten.<\/p>\n<p>  Die SPD\/FDP-Regierung musste eine umfassende Reform des   Jugendarbeitsschutzes, des Betriebsverfassungsgesetzes und der   Berufsbildung ank&#252;ndigen. Die Ausbildungssituation wurde durch die   Gesetzes&#228;nderungen vor allem in Gro&#223;betrieben verbessert. Die   erk&#228;mpften, vergleichsweise hohen Tarifabschl&#252;sse der fr&#252;hen siebziger   Jahre galten auch f&#252;r die Lehrlinge. Die Vollj&#228;hrigkeit ab 18 Jahren   kam, und damit das Wahlrecht.<\/p>\n<p>  Bei den wilden Streiks 1973 gegen Lohnraub, Entlassungen oder auch f&#252;r   sechs Wochen bezahlten Urlaub, an denen im Verlauf einiger Monate &#252;ber   200.000 Besch&#228;ftigte teilnahmen, waren auch viele Organisatoren der   Lehrlingsbewegung wieder beteiligt. Mit dem allgemeinen Abebben der   Klassenk&#228;mpfe und der Studierendenbewegung sowie der Kanalisierung der   Proteste durch SPD- und Gewerkschaftsf&#252;hrung kam die Lehrlingsbewegung   1974 zu einem En-de. Teile der Bewegung gingen in die SPD-Jusos, in die   K-Gruppen oder in andere linke Zusammenh&#228;nge.<\/p>\n<p>  Obwohl viele Ziele der Bewegung nicht erreicht werden konnten, kann die   Lehrlingsbewegung mit ihrer Selbstorganisation und Radikalit&#228;t auch   heute noch Beispiel sein f&#252;r anstehende Auseinandersetzungen junger   Besch&#228;ftigter und Auszubildender, die sich gegen miese Arbeits- und   Ausbildungsbedingungen auflehnen und f&#252;r Arbeit und &#220;bernahme streiten.   ntrationen, Streiks und Massenstreiks.&#8220; Als erstes gemeinsames Ziel   rufen die UnterzeichnerInnen dazu auf, bei den Demonstrationen am 12.   Juni einen Jugendblock &#8222;Jugend f&#252;r Arbeit, Bildung, Ausbildung und   &#220;bernahme &#8211; die Generation Krise schl&#228;gt zur&#252;ck&#8220; zu organisieren.<\/p>\n<p>  Als vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt soll es nach diesen Protesten eine bundesweite   Jugend-Konferenz geben, die AktivistInnen und Jugendliche aus Betrieben,   Schulen und Unis, Jugendgruppen und Gewerkschaftsjugenden   zusammenbringen und n&#228;chste Schritte planen soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Vor 40 Jahren: Begeisternde Lehrlingsbewegung in der Bundesrepublik\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[48],"tags":[270,222],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13509"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13509"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13509\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}