{"id":13508,"date":"2010-02-28T00:00:00","date_gmt":"2010-02-28T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13508"},"modified":"2010-02-28T00:00:00","modified_gmt":"2010-02-28T00:00:00","slug":"13508","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/02\/13508\/","title":{"rendered":"Mit den Imperialisten f&#252;r den Fortschritt?"},"content":{"rendered":"<p>  Zu Theorie und Praxis der sogenannten &#8222;Antideutschen&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#8222;Antideutsch&#8220; &#8211; das klingt radikal und k&#228;mpferisch. Man ist nicht nur   gegen Staat und Kapital, sondern steht in Totalopposition gegen das   Land, das die Nazi-Herrschaft hervor brachte. Doch in der Realit&#228;t sind   die Positionen der &#8222;Antideutschen&#8220; und der Herrschenden in diesem Land   nicht weit voneinander entfernt.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  &#8222;Die Antideutschen&#8220; als bundesweiten Zusammenhang gibt es nicht. Die   Szene besteht aus einer Vielzahl von Gruppen mit einer Bandbreite von   Inhalten. So tendieren unter anderem die Zeitschriften &#8222;Bahamas&#8220;,   &#8222;konkret&#8220; und &#8222;jungle world&#8220; in die Richtung. &#214;rtliche Gruppen des   Spektrums bezeichnen sich zum Teil als Antifa. Auch in der Linksjugend   [&quot;solid] gibt es mit dem &#8222;Bundesarbeitskreis Shalom&#8220; einen   &#8222;antideutschen&#8220; Zusammenhang.<\/p>\n<h4>  Verachtung der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>  Am Anfang der &#8222;antideutschen&#8220; Ideologie steht die Einsch&#228;tzung, dass der   moderne Antisemitismus erstens den Holocaust als historisch   unvergleichliche Katastrophe hervor gebracht hat und zweitens, unter   Verwendung der &#8222;Kollektivschuldthese&#8220;, Produkt des gesamten deutschen   Volkes war.<\/p>\n<p>  Ausgehend davon wird die Verhinderung eines neuen Holocaust zur obersten   Priorit&#228;t erkl&#228;rt und daraus die bedingungslose Verteidigung des Staates   Israel abgeleitet. So schreibt der antideutsch dominierte   Beauftragtenrat der Linksjugend [&quot;solid] in Sachsen: &#8222;Die einzig   m&#246;gliche Antwort auf den modernen Antisemitismus ist zur Zeit die   sichere Existenz eines j&#252;dischen Staates.&#8220;<\/p>\n<p>  Dabei verkennen sie die tats&#228;chlichen Ursachen f&#252;r die Machtergreifung   der Nazis und damit der Erm&#246;glichung des Holocaust. Und sie beantworten   nicht die Frage, wie Antisemitismus effektiv bek&#228;mpft werden kann.<\/p>\n<p>  Die Kollektivschuldthese verschleiert, dass es die deutschen   Kapitalisten waren, die Hitler finanziert und ausger&#252;stet haben. Dass   die Nazi-Bewegung an die Macht gebracht wurde, um die organisierte   Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Die Nazis sollten damit die Gefahr   einer sozialistischen Revolution bannen und den Weg zum Krieg bereiten.<\/p>\n<p>  Die Faschisten hatten 1933 keine Mehrheit bei freien Wahlen und vor   allem keine Massenbasis in der Arbeiterklasse. Der Antisemitismus war   der ideologische Klebstoff, um die Massenbasis der NSDAP in anderen   Teilen der Bev&#246;lkerung zusammen zu halten. Er bot den von   Existenzverlust bedrohten Kleinb&#252;rgern die Illusion, sowohl gegen   Kapitalismus als auch gegen Sozialismus zu k&#228;mpfen. Dabei konnten sich   die Nazis auf historisch gewachsene Vorurteile und antisemitischen   Rassismus st&#252;tzen. Erst die brutale Zerst&#246;rung der Arbeiterbewegung, der   permanente Gestapo-Terror und die ideologische Gleichschaltung der   Gesellschaft lie&#223;en die Nazis auch in Teile der Arbeiterklasse   vordringen.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Antideutschen&#8220; verkennen, dass es die kapitalistische Stufe der   Entwicklung von Produktivkr&#228;ften war, die es erm&#246;glichte, dass die   Eroberung eines Staatsapparates durch eine fanatisch-antisemitische   Diktatur zur industriellen Massenvernichtung der j&#252;dischen Bev&#246;lkerung   f&#252;hrte, dem gr&#246;&#223;ten und beispiellosen Verbrechen in der   Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>  Die Kollektivschuldthese wurde nach Kriegsende genutzt, um die   Verantwortung der Kapitalisten f&#252;r Hitlers Machtergreifung zu   verschleiern und Forderungen nach Verstaatlichung der Industrie und   Abschaffung des Kapitalismus abzulenken. Die &#8222;Antideutschen&#8220; haben die   These vom tendenziell antisemitischen Charakter des deutschen Volkes in   die heutige Zeit gerettet und sehen in den heutigen Deutschen die Erben   der Nazis. Unterschiede zwischen den Klassen sehen sie nicht.<\/p>\n<h4>  Der Staat Israel<\/h4>\n<p>  Das gilt auch f&#252;r ihre Haltung zum Staat Israel. Sie negieren die   Existenz einer Klassengesellschaft in Israel und machen keinen   Unterschied zwischen der herrschenden Klasse und der Masse der   ArbeiterInnen und Erwerbslosen.<\/p>\n<p>  Fast jede ihrer Diskussionen dreht sich um Israel und dessen Bedrohung.   Aber sie schweigen zu Streiks und gemeinsamen j&#252;disch-arabischen Demos   gegen Wohnungsnot. Sie haben geschwiegen, als bei einem   schwulenfeindlichen Bombenanschlag in Tel Aviv zwei junge Menschen   ermordet wurden. Sie denunzieren israelische Kriegsdienstverweigerer,   Regierungskritiker und Linke.<\/p>\n<p>  Ganz abgesehen davon, dass die Mehrheit der J&#252;dinnen und Juden auf der   Welt nicht in Israel lebt und das auch nicht will, ist Israel alles   andere als ein sicherer Ort f&#252;r sie.<\/p>\n<p>  Die SAV tritt f&#252;r das Recht der j&#252;disch-israelischen Bev&#246;lkerung auf   einen eigenen Staat ein und lehnt alle pseudo-linken Positionen ab, die   eine &#8222;Zerst&#246;rung Israels&#8220; fordern. Gleichzeitig ist aber Kritik an der   Politik der herrschenden kapitalistischen Klasse in Israel und die   Verteidigung des Selbstbestimmungs- und auch des Widerstandsrechts f&#252;r   die Pal&#228;stinenserInnen nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen. Die   israelische Schwesterorganisation der SAV, Maavak Sozialisti, die   mehrheitlich aus j&#252;dischen AktivistInnen besteht, tritt f&#252;r die Einheit   j&#252;discher und arabischer ArbeiterInnen und Jugendlichen im Kampf gegen   Ausbeutung, Unterdr&#252;ckung und Krieg ein. Nur durch eine solche Politik   kann die nationale Spaltung, und damit auch der Antisemitismus, zur&#252;ck   gedr&#228;ngt werden.<\/p>\n<h4>  Islamophobie von links<\/h4>\n<p>  Theoretisch wenden sich die &#8222;Antideutschen&#8220; gegen die Herrschenden im   eigenen Land. Doch ihr Feindbild ist nicht der deutsche Imperialismus,   sondern der Islamismus beziehungsweise die gesamte islamische Religion.<\/p>\n<p>  Der Islamismus, manchmal auch die gesamte islamische Religion, wird von   ihnen als &#8222;Islamo-Faschismus&#8220; und als Wiederg&#228;nger des   v&#246;lkerm&#246;rderischen Antisemitismus der Nazis beschrieben. Sie definieren   den Kampf gegen den Islamismus als antifaschistischen Kampf. In   Ermangelung anderer Kr&#228;fte m&#252;sse dieser Kampf von den   b&#252;rgerlich-kapitalistischen L&#228;ndern USA und Israel ausgefochten werden.<\/p>\n<p>  Mit der Zuschreibung eines irrationalen, mittelalterlichen   &#8222;antisemitischen Vernichtungswillen&#8220; islamischer Organisationen und   Staaten, haben viele &#8222;Antideutsche&#8220; die Massaker der israelischen Armee   in Libanon und Gaza gerechtfertigt.<\/p>\n<p>  Auch innenpolitisch stimmen die &#8222;Antideutschen&#8220; in den islamophoben Chor   mit ein und begeben sich so in eine eindeutige N&#228;he zu liberalen   Islam-Hassern und rechtsextremen Gruppen wie &#8222;Pro NRW&#8220;.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Antideutschen&#8220; machen einen Denkfehler. Sie denken, sie k&#246;nnten   gnadenlos auf die islamische Religion eindreschen und am Ende w&#252;rde   damit nur die &#8222;Islam-Kritik&#8220; gest&#228;rkt. Tats&#228;chlich f&#252;hrt die aggressive   &#8222;Islam-Kritik&#8220; zur Ethnisierung der gesamten politischen Debatte und   tr&#228;gt Antisemitismus und Rassismus im Huckepack.<\/p>\n<h4>  Kapitalismus forever?<\/h4>\n<p>  Hinter ihrer Unterst&#252;tzung der Herrschenden in Israel und den USA   steckt, dass die &#8222;Antideutschen&#8220; die Hoffnung aufgegeben haben,   Kapitalismus und Imperialismus abzuschaffen und eine Welt frei von   Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung zu erreichen. Daher konstruieren sie einen   Gegensatz zwischen den entwickelten kapitalistischen L&#228;ndern, allen   voran Israel und USA, und den &#8222;feudalen&#8220; islamischen Staaten.   &#8222;Kommunismus&#8220; sei zwar im Prinzip besser als Kapitalismus, aber zur Zeit   nicht im Angebot. Daher w&#228;re der &#8222;aufgekl&#228;rte&#8220;, &#8222;kosmopolitische&#8220;   Kapitalismus den islamischen Gesellschaften vorzuziehen.<\/p>\n<p>  Staaten mit feudalen Elementen und entwickelte kapitalistische L&#228;nder   sind aber feste Bestandteile eines globalen Kapitalismus. Die   Herausbildung imperialistischer Staaten in Europa und Nordamerika hat   zur Aufteilung des Weltmarktes und zur kapitalistischen Durchdringung   des Rests der Welt gef&#252;hrt. Den zu sp&#228;t im Kapitalismus angekommenen   L&#228;ndern ist der Weg zur Herausbildung einer stabilen b&#252;rgerlichen   Demokratie versperrt, gerade weil sie von den entwickelten   kapitalistischen &#8211; imperialistischen &#8211; Staaten dominiert, ausgebeutet,   unterdr&#252;ckt werden. Nur durch den Kampf f&#252;r Sozialismus werden auch die   reaktion&#228;ren feudalen &#220;berreste in diesen Gesellschaften &#252;berwunden   werden k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  &#8222;Regressive&#8220; Kapitalismuskritik?<\/h4>\n<p>  Viele &#8222;Antideutsche&#8220; sehen Massenbewegungen von unten, die soziale   Forderungen aufstellen, als reaktion&#228;r an. Proteste gegen die Macht der   Banken und Konzerne werden als &#8222;regressive&#8220; (r&#252;ckschrittliche)   &#8222;Kapitalismuskritik&#8220; bezeichnet, angeblich ist jede Benennung einzelner   Konzerne im Kern &#8222;antisemitisch&#8220;.<\/p>\n<p>  &#8222;Ein Antikapitalismus, der immer wieder Personen f&#252;r die negativen   Auswirkungen der kapitalistischen Verh&#228;ltnisse verantwortlich macht und   ihnen Eigenschaften zuschreibt, die im Antisemitismus J&#252;dinnen und Juden   zugeschrieben werden, ist kein linker&#8220; (Beauftragtenrat Linksjugend   [&quot;solid] Sachsen). Soll hei&#223;en: Alle, die sagen, dass die Klasse der   Kapitalisten aus einzelnen Menschen und Gruppen von Menschen besteht,   deren Handeln Folgen f&#252;r andere Menschen hat, sind &#8222;antisemitisch&#8220;. Ein   typisches Beispiel f&#252;r die absurde Argumentationsweise der   &#8222;Antideutschen&#8220;.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Antideutschen&#8220; sehen Kapital und Arbeiterklasse nicht als   gegens&#228;tzliche Klassen, sondern lediglich als notwendige Bestandteile   des Kapitalverh&#228;ltnisses. Eine Aufl&#246;sung desselben kann demnach nicht   durch den Klassenkampf, sondern &#8230; wodurch auch immer!? &#8230; erreicht werden.<\/p>\n<p>  Was bleibt, wenn man die &#8222;kommunistischen&#8220; Phrasen abzieht? Die   &#8222;Antideutschen&#8220; halten Massenbewegungen f&#252;r reaktion&#228;r. Zur Zeit ist nur   Kapitalismus m&#246;glich, der US-Kapitalismus ist die fortschrittlichste   Variante desselben. Die Massen auf der Welt, Muslime und Deutsche   sowieso, andere auch, sind antisemitisch und m&#252;ssen von den Kr&#228;ften, die   dies erkannt haben, im Zaum gehalten werden.<\/p>\n<p>  Unter ihrer d&#252;nnen &#8222;kommunistischen&#8220; Tarnfarbe sind sie eine spezifisch   deutsche Variante von Neokonservativen, die sich f&#252;r eine Seite im   kapitalistischen Konkurrenzkampf entschieden haben und die konsequente   milit&#228;rische Durchsetzung von Herrschaftsinteressen fordern.<\/p>\n<p>  Claus Ludwig ist Mitglied des Rates der Stadt K&#246;ln f&#252;r die Partei DIE   LINKE und im Bundesvorstand der SAV. Er hat sich 2009 sowohl bei den   Solidarit&#228;tsaktionen gegen das iranische Regime als auch bei den   Protesten gegen die Angriffe der israelischen Armee auf Gaza engagiert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu Theorie und Praxis der sogenannten &#8222;Antideutschen&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92],"tags":[222],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13508"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13508"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13508\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}