{"id":13498,"date":"2010-01-30T00:00:00","date_gmt":"2010-01-30T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13498"},"modified":"2012-06-29T13:54:47","modified_gmt":"2012-06-29T11:54:47","slug":"13498","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13498\/","title":{"rendered":"\u201eDie Sozialistische Partei Kosovas ist wie Kaffee ohne Koffein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Agon Hamza<\/p>\n<p><!--more--><br \/> \u00a0<\/p>\n<p><em><strong>Wir ver\u00f6ffentlichen hier ein Gespr\u00e4ch mit dem kosovarischen Studenten und Autor Agon Hamza, das k\u00fcrzlich in M\u00fcnchen gef\u00fchrt wurde. Hamza . Hamza geh\u00f6rt dem \u201eInstitut f\u00fcr soziologische und philosophische Studien\u201c in Prishtina an. Das Institut will in n\u00e4chster Zeit wichtige marxistische Schriften in Albanisch herausbringen. Er publiziert unter anderem Artikel in der gr\u00f6\u00dften Tageszeitung des Landes \u201eKoha Ditore\u201c. In diesen bekennt er sich offen zum Marxismus, was in Kosova ein Novum darstellt. Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Max Brym.<\/strong><\/em><\/p>\n<h4><strong>Sie haben k\u00fcrzlich die \u201eSozialistische Partei Kosovas\u201c (SPK) in einem Artikel f\u00fcr Koha Ditore sehr scharf angegriffen. Die SPK bezeichnet Sie auf ihrer Homepage als Ideologen der radikalen Linken in Kosova. Was kritisieren Sie an der SPK<\/strong><\/h4>\n<p>Es gibt viele Gr\u00fcnde die SPK zu kritisieren. Die SPK ist eine weichgesp\u00fclte Form von Sozialdemokratie. Die Partei besteht aus einer Gruppe von Leuten, die alles sind nur keine Sozialisten. Im Programm der SPK sucht man vergebens die Worte Gleichheit, Solidarit\u00e4t oder Klasse. Sie wollen den Klassenkampf durch die \u201eeurop\u00e4ische Integration\u201c ersetzen. Es existiert keinerlei Kritik der politischen \u00d6konomie. Diese Leute sind wie Kaffee ohne Koffein oder wie Bier ohne Alkohol.<\/p>\n<h4>Warum ist die Kritik an der SPK wichtig ?<\/h4>\n<p>Die Kritik ist deshalb wichtig weil die SPK den Begriff Sozialismus diskreditiert. Ihre ideologische Position bewegt sich im Rahmen des liberal-kapitalistischen Systems. Sie nennen sich Humanisten, ihre Aufmerksamkeit gilt angeblich dem einzelnen Menschen. Sie operieren mit dem Begriff \u201eTotalitarismus\u201c und sind erkl\u00e4rte Antikommunisten. Sie setzen auf den einzelnen Menschen im liberal-demokratischen Konsens. Aber bekanntlich macht nicht der einzelne Mensch Geschichte, sondern die Massen. Der Klassenkampf ist der Motor der Geschichte.<\/p>\n<h4>Was hat dies konkret mit der Lage in Kosova zu tun ?<\/h4>\n<p>In Kosova liegt die Zahl der Arbeitslosen offiziell zwischen 46 und 48 Prozent.Die Zahl der extrem Armen mit weniger als einem Euro Einkommen pro Tag liegt bei 18 Prozent. Gegenw\u00e4rtig wird in Kosova alles was nicht niet- und nagelfest ist privatisiert. Die Armut w\u00e4chst permanent. Die herrschende Ideologie ist der Neoliberalismus. Kosova ist ein Land welches von Kolonialisten beherrscht wird. Der Liberalismus ist auf Dauer keine herrschaftsf\u00e4hige Ideologie. Ohne eine starke marxistische Kraft existiert die extreme Gefahr des rechtskonservativen Populismus bzw. des reaktion\u00e4ren Bonapartismus.<\/p>\n<h4>Wie konkret ist die rechtspopulistische oder bonapartistische Gefahr in Kosova ?<\/h4>\n<p>Der Liberalismus und die formale liberale Demokratie k\u00f6nnen auf Dauer in Kosova nicht existieren. Gegenw\u00e4rtig tritt besonders Ramush Haradinaj als Rechtspopulist in Erscheinung. Er betreibt soziale Demagogie und bezeichnet sich selbst als rechts-konservativ. Ich w\u00fcrde ihn mit rechtspopulistischen Gestalten aus Italien, \u00d6sterreich und der Schweiz vergleichen, wohingegen Hashim Thaci eine schlechten Variante von Putin darstellt. Wenn in der von mir bereits benannten sozialen Krisensituation keine marxistische Kraft existiert, wird die L\u00fccke welche der Liberalismus erzeugt, durch Rechtskonservative oder Faschisten geschlossen werden. Dagegen muss eine linke Antwort gestellt werden.<\/p>\n<h4>Wie kann eine linke Partei oder Bewegung in Kosova entstehen ?<\/h4>\n<p>Es kann keine politische Partei mit emanzipatorischem Charakter innerhalb der Koordinaten des existierenden politischen Systems im Kosova funktionieren. Denn alle Parteien in Kosova haben den politischen Rahmen, der durch den Ahtisaari- Plan geschaffen wurde, zu akzeptieren. Kosova ist ein kolonialisiertes Land. Alles wird durch koloniale Strukturen bestimmt. Mit diesem System darf es kein Arrangement und auch keine Akzeptanz geben. Denn in Kosova hat die KFOR, die Kontrolle \u00fcber das Territorium, sie ist die Armee Kosovos, das ICO ( B\u00fcro der EU) hat die h\u00f6chste Autorit\u00e4t in Fragen der Interpretation des Ahtisaari-Plans. Es hat die absolute Kontrolle \u00fcber Politik und Wirtschaft des Landes, \u00fcber alles was in Kosova geschieht. Die EULEX kontrolliert das Justizsystem und die Polizeikr\u00e4fte Kosovas. Innerhalb dieses Systems gibt es nur einen sehr geringen Handlungsspielraum, um nicht zu sagen, es gibt gar keinen. In Anbetracht dieser Verh\u00e4ltnisse besteht die einzige M\u00f6glichkeit, voranzukommen in politischen Bewegungen, die au\u00dferhalb des Staates organisiert sind und gegen das existierende staatliche System agieren.<\/p>\n<h4>Ben\u00f6tigt Kosova eine revolution\u00e4re Arbeiterpartei ?<\/h4>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich, aber der Weg dorthin ist sehr schwer.<\/p>\n<h4>Zur\u00fcck zur SPK. Woher kommt diese Partei eigentlich?<\/h4>\n<p>Die SPK ging aus der LPK (Volksbewegung Kosovas) hervor, deren ideologische Hauptstr\u00f6mung der Enverismus war. Obwohl die SPK behauptet \u00fcber neue Kader zu verf\u00fcgen und nicht die Nachfolgerin der LPK zu sein, sind es doch mehr oder weniger die alten Leute. Obwohl sie sich heute auf die b\u00fcrgerlich-liberale Demokratie beziehen haben sie doch im Diskurs und in der Kritik ihre alten Methoden beibehalten. Sie nennen mich, weil ich sie kritisiert habe, einen Titoisten.<\/p>\n<h4>Welche Forderungen sollte eine wirklich linke Kraft in Kosova haben ?<\/h4>\n<p>An erster Stelle steht der Widerstand gegen den Kolonialismus. Ein weiteres Feld ist der Einsatz gegen die Privatisierung. Aber dabei kann nicht stehen geblieben werden. Eine linke Kraft in Kosova w\u00fcrde die Re-Vergesellschaftung der bereits privatisierten Betriebe fordern. Die Menschen ben\u00f6tigen eine kostenlose Gesundheitsversorgung und kostenlose, emanzipatorische Bildung f\u00fcr alle. F\u00fcr Pension\u00e4re, Arbeiter, Kriegsgesch\u00e4digte, hinterbliebene Familien und andere muss ein w\u00fcrdevolles Leben gesichert werden.<\/p>\n<h4>Die SPK nennt Sie einen Ideologen der radikalen Linken. Wie gef\u00e4llt Ihnen das?<\/h4>\n<p>Das ist gut und gef\u00e4llt mir sehr. Wir brauchen in Kosova keine Reformisten und Reaktion\u00e4re. Ich glaube an radikale L\u00f6sungen.<\/p>\n<h4>Was k\u00f6nnen Sie mit Marx, Engels und Lenin anfangen ?<\/h4>\n<p>Sehr viel. Sie liefern die Basis f\u00fcr jede linke Politik.<\/p>\n<h4>Wie stehen Sie zur Person Leo Trotzki ?<\/h4>\n<p>Ich habe ihnen schon gesagt, dass ich kein Reaktion\u00e4r und kein Reformist bin. Daher d\u00fcrfte Ihnen meine Haltung zu Trotzki klar sein. Ich halte ihn f\u00fcr einen wichtigen Revolution\u00e4r und marxistischen Theoretiker. Ein Freund sagte vor einiger Zeit zu mir: \u201eDer Kommunismus ist viel zu wichtig, um ihn Personen wie Enver Hoxha und Stalin zu \u00fcberlassen.\u201c<\/p>\n<h4>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Agon Hamza\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13498"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13498"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13498\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}