{"id":13489,"date":"2010-01-20T14:43:13","date_gmt":"2010-01-20T13:43:13","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13489"},"modified":"2012-05-15T15:04:59","modified_gmt":"2012-05-15T13:04:59","slug":"13489","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13489\/","title":{"rendered":"DIE LINKE nach der Bartsch-Aff&#228;re"},"content":{"rendered":"<p>  Personalstreit entscheidet nicht den Richtungsstreit<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Partei DIE LINKE ist denkbar schlecht ins neue Jahrzehnt gestartet.   Die Auseinandersetzungen um Personalfragen, die seit der Bekanntmachung   von Oskar Lafontaines Krebserkrankung die Partei dominieren und in der   Ank&#252;ndigung von Dietmar Bartsch, nicht mehr als Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrer zu   kandidieren einen vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt erreichten, haben der Partei in   den Augen von Millionen Menschen geschadet. Denn sie macht den Eindruck,   dass es in ihr, wie in jeder anderen Partei, nur um Macht und Posten   geht, die Basis kaum Einfluss nehmen kann und die Inhalte zweitrangig   sind.<\/p>\n<h4>  <i>Ein Kommentar von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  In verschiedenen b&#252;rgerlichen Medien, wie dem SPIEGEL, wird der   parteiinterne Streit als politischer Richtungsstreit zwischen dem   moderaten und auf Regierungskoalitionen mit der SPD setzenden Ost-Fl&#252;gel   der Partei und den angeblich Fundamentalopposition vertretenden   West-Landesverb&#228;nden um Oskar Lafontaine dargestellt. Richtig ist, dass   sich politische Differenzen in der Personaldebatte ausdr&#252;cken und dass   diese, aufgrund der unterschiedlichen St&#228;rke der Quellorganisationen PDS   und WASG in Ost und West, sich auch regional ausdr&#252;cken. Die   westdeutschen Landesverb&#228;nde sind zwar alles andere als homogen,   vertreten aber weitaus kritischere Positionen zur Frage der   Regierungsbeteiligung und haben eine st&#228;rkere Orientierung auf   gewerkschaftlichen und au&#223;erparlamentarischen Widerstand. Leider gibt es   aber zwischen Bartsch und Lafontaine keine prinzipiellen politischen   Unterschiede.<\/p>\n<p>  Beide treten grunds&#228;tzlich f&#252;r eine Politik ein, die durch   Regierungskoalitionen mit SPD und Gr&#252;nen versucht, eine gr&#246;&#223;ere   staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft durchzusetzen und   Sozialabbau zu begrenzen &#8211; eine Politik des &quot;kleineren &#220;bels&quot;.   Lafontaine war bereit im Saarland ein Regierungsb&#252;ndnis mit SPD und   Gr&#252;nen einzugehen ohne daf&#252;r irgendwelche inhaltlichen Bedingungen zu   formulieren. Dass es nicht dazu kam, lag nicht an ihm, sondern an den   Gr&#252;nen, die lieber mit der CDU ins Bett gestiegen sind.<\/p>\n<p>  Sicherlich ist der Parteifl&#252;gel, dem die F&#252;hrungen der ostdeutschen   Landesverb&#228;nde und Landtagsfraktionen und das Forum Demokratischer   Sozialismus (FDS) zuzurechnen ist, bereit so gut wie jede Kr&#246;te zu   schlucken, um an die Fleischtr&#246;ge der Macht zu kommen. Das haben sie in   den Koalitionen mit der SPD in Berlin und in Brandenburg unter Beweis   gestellt, wo DIE LINKE bzw. fr&#252;her die PDS unz&#228;hligen Ma&#223;nahmen von   Arbeitsplatzvernichtung und Sozialabbau zugestimmt hat. Im Fall von   Brandenburg war Lafontaine gegen eine Regierungsbeteiligung auf Basis   des dort ausgearbeiteten Koalitionsvertrags, auch zur Politik des   Berliner Senats hat er sich ab und zu kritisch ge&#228;u&#223;ert, ohne jedoch   jemals den Austritt der Partei aus dem Senat zu fordern. Darin dr&#252;cken   sich gewisse Unterschiede in der Frage, wie DIE LINKE an St&#228;rke gewinnen   kann, um in Regierungsb&#252;ndnissen eigene Inhalte durchzusetzen, aus, aber   grunds&#228;tzlich vertritt er keine andere politische Linie zur Frage der   Regierungsbeteiligung.<\/p>\n<p>  Trotzdem sehen die Regierungsbeteiligungsfetischisten in der Partei   Lafontaine als ein Hindernis f&#252;r den von ihnen gewollten Durchmarsch in   m&#246;glichst viele Landesregierungen und perspektivisch die   Bundesregierung. Das nicht zuletzt weil Lafontaine versucht die linkeren   Teile der Partei, die vor allem im Westen eine Basis haben, einzubinden.   Er hat, wie auch Gysi, verstanden, dass die Partei eine Massenbasis in   Ost und West braucht, um eine Zukunft zu haben.<\/p>\n<p>  Als Lafontaines Krebserkrankung bekannt wurde, dachten offensichtlich   einige Parteirechte, dies sei die Gelegenheit, um mit einer   Nachfolgedebatte an Lafontaines Stuhl zu s&#228;gen und daf&#252;r zu sorgen, dass   seinE NachfolgerIn aus dem rechten Parteifl&#252;gel kommt. Bartsch scheint   dieses Spiel so weit getrieben zu haben, dass er Informationen &#252;ber   Lafontaines Privatleben der Presse gesteckt haben soll &#8211; was er vehement   bestreitet, ihm aber niemand glaubt. Er und seine Freundinnen und   Freunde in der Parteispitze haben sich jedenfalls versch&#228;tzt. Sie haben   das Machtspiel erst einmal verloren.Bartsch muss den Posten r&#228;umen und   Bodo Ramelow k&#252;ndigte an, nicht mehr f&#252;r den Parteivorstand zu   kandidieren.<\/p>\n<p>  Doch die Linken in der LINKEn sollten jetzt nicht jubilieren. Bartschs   R&#252;ckzug bedeutet erstens keine Verschiebung im politischen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis der Partei und wird sich zweitens wahrscheinlich nicht   einmal als wirklicher R&#252;ckzug herausstellen. Genauso wenig wird Ramelow   sich auf Landespolitik zur&#252;ck ziehen. Es ist eher zu erwarten, dass   beide sich neue Gesch&#252;tzst&#228;nde suchen, von denen aus sie ihre Salven   gegen die Parteilinke weiter abfeuern k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Ein Grundproblem der Partei, das die Debatte deutlich hat zu Tage treten   lassen, wurde n&#228;mlich nicht ber&#252;hrt: die Macht der Apparate und   bestimmter Einzelpersonen, sowie die Grenzen realer innerparteilicher   Demokratie und Einflussnahme der Basis.<\/p>\n<p>  Die Debatte wurde von den Landesvorst&#228;nden und Spitzenfunktion&#228;ren   gef&#252;hrt. Das mag auch ihre Aufgabe sein, aber wo gab es den Versuch &#252;ber   lokale und regionale Debatten und Konferenzen die Mitgliedschaft in die   Auseinandersetzung einzubeziehen? Stattdessen hat Gregor Gysi im Stil   eines Napoleon Bonaparte die Debatte an sich gerissen und auf der   &#246;ffentlichen Fraktionsklausurtagung ein Machtwort gesprochen, das   letztlich eine klare Aufforderung an Bartsch zum R&#252;ckzug war. Das   Pikante daran: Gysi hat keine gew&#228;hlte Funktion in der Parteif&#252;hrung. In   seiner Rede kokettierte er sogar mit diesem Umstand und bezeichnete sich   wiederholt als &quot;zust&#228;ndig&quot; weil &quot;ohne Zust&#228;ndigkeit&quot;. Das ist letztlich   nichts anderes als &#246;ffentliches &quot;mit F&#252;&#223;en treten&quot; der gew&#228;hlten   Parteistrukturen. Um Bartsch den Weg zum R&#252;ckzug aus dem Amt des   Bundesgesch&#228;ftsf&#252;hrers einfacher zu machen, hat er ihm dann auch noch   den Posten des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden angetragen &#8211; wer   dachte, dieser w&#252;rde von der Fraktion gew&#228;hlt sieht sich hier im Irrtum.   Das scheint die pers&#246;nliche Freiheit Gregor Gysis zu sein!<\/p>\n<p>  Ihre politische Schw&#228;che haben in dieser Debatte aber auch die &quot;linken&quot;   westdeutschen Landesverb&#228;nde und Spitzenfunktion&#228;re offenbart. Diese   haben zwar erfolgreich an Bartschs Stuhl ges&#228;gt, aber sich in der   Auseinandersetzung politisch nicht profiliert. Im Gegenteil: ihre   wiederholten unkritischen Bekenntnisse zu Oskar Lafontaine als einzig   m&#246;glichem und unverzichtbaren Parteivorsitzenden kamen einem Kotau vor   Lafontaine gleich und bedeuten eine Selbsteinschr&#228;nkung von   Kritikm&#246;glichkeiten ihm gegen&#252;ber.<\/p>\n<p>  Was ist jetzt n&#246;tig? Konzentration auf Politik und Widerstand! Der beste   Weg den Schaden der Personaldebatte zu begrenzen w&#228;re es nun Kampagnen   zu starten, die alle Mitglieder motivieren, offensiv auf die Stra&#223;e und   vor Betriebstore zu gehen und die arbeitende und erwerbslose Bev&#246;lkerung   anzusprechen. Themen dazu gibt es genug: die Mobilisierung gegen den   Nazi-Aufmarsch in Dresden, Unterst&#252;tzung der Besch&#228;ftigten in der gerade   stattfindenden Tarifrunde von Bund und Kommunen, Widerstand gegen die   von der schwarz-gelben Bundesregierung angek&#252;ndigte Gesundheitsreform   und Sparpakete, massive Beteiligung an den Vorbereitungen zu den   Anti-Krisen-Demonstrationen am 20. M&#228;rz und 12. Juni &#8211; und nicht   zuletzt: der Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Wenn dieser mit einem   klaren linken und antikapitalistischen Profil gef&#252;hrt wird und sich die   Partei nicht anpasst, um sich als Juniorpartner von SPD und Gr&#252;nen in   Stellung zu bringen, kann er Mitglieder und Unterst&#252;tzerInnen begeistern   und W&#228;hlerInnen mobilisieren. Voraussetzung daf&#252;r ist aber, dass die   Partei und ihre vielen kommunalen Mandatstr&#228;gerInnen in NRW sich vor   Ort, in den Nachbarschaften und Betrieben praktisch f&#252;r die Belange der   einfachen Leute einsetzt und ihre Kraft nicht in Stadtratsdebatten, die   an der Masse der Bev&#246;lkerung vorbei gehen, verausgabt. inhaltliche   debatte organisiern<\/p>\n<p>  Doch eines ist klar: die inhaltlichen Auseinandersetzungen in der Partei   sind nicht gel&#246;st. Faktisch gibt es zwei Parteien in einer. Die Grenze   ist dabei aber keine kulturelle zwischen Ost und West, sondern sie   verl&#228;uft politisch zwischen den Kr&#228;ften, die den Kapitalismus   mitverwalten wollen und dabei bereit sind in Regierungskoalitionen mit   Sozialabbau-Parteien einzutreten und denjenigen Kr&#228;ften, die eine   antikapitalistische und sozialistische Perspektive vertreten und nicht   zur Beteiligung an Sozialabbau, Arbeitsplatzvernichtung, Abschiebungen,   Privatisierungen etc. bereit sind. Welche politische Linie sich   durchsetzt, wird &#252;ber dieb Zukunft der Partei entscheiden. Sind es   erstere, droht der LINKEn das Schicksal der italienischen Rifondazione   Comunista, die aufgrund ihrer Beteiligungen an den Regierungen unter dem   Ministerpr&#228;sidenten Prodi massiv W&#228;hlerstimmen und Mitglieder verloren   hat und in die Bedeutungslosigkeit versunken ist. Dies gilt es zu   verhindern. Dazu muss sich die Parteilinke besser vernetzen und die   Partei vor ort auf k&#228;mpferischer und antikapitalistischer Basis   aufbauen. Sie wird nach der Landtagswahl in NRW, sollte es zu einem   rot-rot-gr&#252;nen Regierungsb&#252;ndnis reichen, massiv unter Druck geraten.   &#8222;Ein Politikwechsel d&#252;rfe nicht an der LINKEn scheitern&#8220;, wird der Tenor   derjenigen sein, die die Grunds&#228;tze der Partei in Regierungskoalitionen   mit SPD und Gr&#252;ne bereit sind auszuverkaufen. Auf diese Debatte muss   sich die Parteilinke vorbereiten, um nicht einzuknicken. Bekanntlich ist   der Weg zur H&#246;lle ja mit guten Vors&#228;tzen gepflastert.<\/p>\n<h6>  <b><i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV. Er geh&#246;rt zusammen mit   Lucy Redler zu den f&#252;nf SAV-Mitgliedern, die weiterhin nicht in die   Partei DIE LINKE aufgenommen werden, obwohl sie wiederholt ein   Eintrittsgesuch gestellt haben. Hintergrund dieser Ausgrenzung ist die   deutliche Opposition der SAV zur Beteiligung der Partei DIE LINKE am   rot-roten Senat in Berlin.<\/i><\/b><\/h6>\n<\/p>\n<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Personalstreit entscheidet nicht den Richtungsstreit\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13489"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13489"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13489\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}