{"id":13488,"date":"2010-01-20T13:30:00","date_gmt":"2010-01-20T13:30:00","guid":{"rendered":".\/?p=13488"},"modified":"2010-01-20T13:30:00","modified_gmt":"2010-01-20T13:30:00","slug":"13488","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13488\/","title":{"rendered":"Von EU-Kommissaren und Zollerleichterungen"},"content":{"rendered":"<p>  Das neue Jahr im Europaparlament<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Das neue Jahr hat kalt und einsam begonnen im Europ&#228;ischen Parlament.   Die Flure, in denen f&#252;r gew&#246;hnlich ein gesch&#228;ftiges Hin und Her von   gehetzten AssistentInnen und ParlamentarierInnen herrscht, sind   verlassen. Die dritte Etage des Altiero Spinelli Geb&#228;udes am   Luxemburgplatz, auf der sich sonst die internationalen Fernsehteams   tummeln und O-T&#246;ne der EU-Parlamentsabgeordneten einfangen &#8211;   menschenleer. Keine Schlange vor der Kaffeetheke, das ist gut so. In   meinem B&#252;ro ist es kalt. Es ist der 4. Januar, die letzte Email datiert   vom 22. Dezember &#8211; das Parlament hat zwei Wochen Winterschlaf gehalten.<\/p>\n<h4>  <i>von Tanja Niemeier, Br&#252;ssel<\/i><\/h4>\n<p>  Das gibt mir als Neuank&#246;mmling und Mitarbeiterin in der Fraktion der   GUE\/NGL (Vereinte Europ&#228;ische Linke\/ Nordische Gr&#252;ne Linke) etwas   Atempause, um mich in die verschiedenen internationalen Handelsabkommen   der Europ&#228;ischen Union einzuarbeiten. Mein Job ist es, gemeinsam mit   anderen KollegInnen von der Fraktion, die Entwicklungen im   Internationalen Handelsausschuss zu verfolgen und vorbereitende Arbeit   f&#252;r die GUE-Abgeordneten des Ausschusses zu leisten. <a href=\"http:\/\/www.joehiggins.eu\/\">Joe   Higgins<\/a>, Abgeordneter der Socialist Party in Irland )dortige Sektion   des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale, CWI) und Helmut Scholz   (DIE LINKE) sind die beiden vollwertigen GUE-Vertreter im   Internationalen Handelsausschuss, der &#8211; wie das Parlament und alle   anderen Aussch&#252;sse &#8211; dominiert wird vom &quot;neo-liberalen Konsens&quot;.   Innerhalb der 35- k&#246;pfigen GUE-Fraktion gibt es durchaus   unterschiedliche Vorstellungen, wie man mit dem politischen   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis im Europ&#228;ischen Parlament umgehen soll.<\/p>\n<h4>  Freihandel um jeden Preis<\/h4>\n<p>  In ihrem Strategiedokument: &quot;Global Europe: Competing in the world&quot;   macht die Europ&#228;ische Kommission sehr deutlich, dass der freie Zugang zu   M&#228;rkten und Rohstoffen entscheidend ist f&#252;r die Wettbewerbsf&#228;higkeit der   EU gegen&#252;ber anderen Handelsbl&#246;cken und L&#228;ndern. Dass man daf&#252;r bereit   ist &#252;ber Leichen zu gehen, wird deutlich an den Verhandlungen &#252;ber ein   m&#246;gliches Freihandelsabkommen mit den L&#228;ndern der CAN (Community of the   Andean Nations\/Andean Community of Nations), zu denen auch Kolumbien   geh&#246;rt. Laut Jahresbericht des Internationalen   Gewerkschaftsdachverbandes wurden im Jahr 2008 76 GewerkschafterInnen   ermordet, 49 davon in Kolumbien. Bis Ende Oktober 2009 wurden mehr als   drei&#223;ig weitere GewerkschaftsaktivistInnen ermordet.<\/p>\n<p>  Der beinahe unheimlichen Ruhe der ersten Januarwoche folgte hektisches   Treiben in der zweiten Woche. Ende Januar wird die Barosso Kommission   neu zusammengestellt. Zwanzig Anw&#228;rterInnen f&#252;r die privilegierten und   m&#228;chtigen &#196;mter der EU-Kommissare f&#252;r die zwanzig verschiedenen   parlamentarischen Aussch&#252;sse werden bis Ende Januar durch   Ausschussmitglieder befragt. Einer der begehrtesten und   einflussreichsten &#196;mter ist der des Kommissars f&#252;r Internationalen   Handel. Der belgische Kandidat Karel De Gucht, bisher Kommissar f&#252;r   Entwicklungszusammenarbeit und prominentes Mitglied der Liberalen Partei   (VLD) stellte sich am 14. Januar den Fragen. Am Tage darauf waren die   Medien voll des Lobes &#252;ber De Guchts &quot;exzellente&quot; Sachkenntnis in Fragen   des Internationalen Handels. Nachdem ich die Zeitungsartikel gelesen   hatte, dachte ich an einer anderen Anh&#246;rung teilgenommen zu haben. Wie   naiv von mir. Nat&#252;rlich ist er der richtige Mann f&#252;r den Job. Er   vertritt die Interessen der Herrschenden und der m&#228;chtigen Konzerne in   Europa. Mehr Freihandel, besseren Zugang zu internationalen M&#228;rkten und   Rohstoffen, den Wunsch, dass China seine M&#228;rkte weiter &#246;ffnen wird,   kurzum: die Umsetzung des oben erw&#228;hnten Strategiepapiers. Hier und da   wird dann nat&#252;rlich auch von den &quot;Europ&#228;ischen Werten&quot; gesprochen, die   man verbreiten will: Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und   Umweltschutz. Das ist wahrscheinlich die Prise sozialer Rhetorik, die   sich auch die Bef&#252;rworter des Neoliberalismus in Zeiten des Verfalls   ihrer eigenen Ideologie zugelegt haben: &quot;Freihandel muss ein festes   internationales Regelwerk kennen. Freihandel muss dem Konsumenten dienen   aber muss auch fundamentale Grundwerte promoten&quot;. Als w&#252;rde es s&#252;&#223;e   Zitronen geben.<\/p>\n<h4>  Sri Lanka<\/h4>\n<p>  Ein echtes Highlight aus meiner Sicht, die ich als revolution&#228;re   Sozialistin dazu beitragen will die &quot;B&#252;hne&quot; des Parlamentes denjenigen   zur Verf&#252;gung zu stellen, die sonst kein Geh&#246;r finden, war die Anh&#246;rung   zu Sri Lanka im Internationalen Handelsausschuss am 14. Januar. Seitdem   der Tsunami 2005 weite Teile Sri Lanka&#180;s verw&#252;stet und tausenden   Menschen die Lebensgrundlage entzogen hat, erh&#228;lt das Land gro&#223;enteils   zollfreien Zugang zum europ&#228;ischen Binnenmarkt (das System nennt sich   &quot;General System of Preference &#8211; GSP+&quot;).<\/p>\n<p>  Wegen der anhaltenden Menschenrechtsverletzungen gegen die tamilische   Minderheit in Sri Lanka und aufgrund &#246;ffentlichen Drucks, hat die   Kommission Anfang des Jahres vorgeschlagen das GSP+ einzufrieren. Rat   und Parlament m&#252;ssen sich nun eine Meinung dazu bilden. F&#252;r diese   Gelegenheit hat der internationale Handelsausschuss eine (!) Stunde Zeit   zur Verf&#252;gung gestellt, um den Botschafter Sri Lanka&#180;s als Vertreter der   Regierung und einen Nichtregierungsvertreter anzuh&#246;ren. Aus Angst vor   m&#246;glichen Anschl&#228;gen auf sein Leben oder das Leben seiner Familie hat   ein Vertreter der in Sri Lanka t&#228;tigen Organisation &quot;Journalisten f&#252;r   Demokratie&quot; die Einladung ausgeschlagen. Stattdessen konnte Senan, der   internationale Koordinator der <a href=\"http:\/\/www.tamilsolidarity.org\/\">Kampagne   &quot;Tamil Solidarity&quot;<\/a>, vor dem Ausschuss sprechen. Eine   vierk&#246;pfige Delegation der srilankischen Botschaft versuchte ihn durch   starke Pr&#228;senz einzusch&#252;chtern. Sri Lanka sei nicht das einzige Land, in   dem es Probleme gebe. Deshalb solle die EU nicht mit zweierlei Ma&#223;   messen, wenn es um das GSP+-System geht. Das schien die   Hauptverteidigungslinie des Botschafters zu sein. Auf eine sehr   arrogante Art versuchte er Senans Anklage als typische Denunziationen   der srilankischen Diaspora zu bezeichnen. Senan erkl&#228;rte auch, dass er-   gemeinsam mit Vertretern der Tamil Solidarity Kampagne in Sri Lanka- den   Vorschlag f&#252;r die Aufhebung des GSP+-Status begr&#252;&#223;t. Gleichzeitig sprach   er davon, dass die eingeleitete Ma&#223;nahme der Kommission &quot;too little too   late&quot; (zu wenig und zu sp&#228;t) ist. Stattdessen w&#228;re eine &#246;ffentliche   Verurteilung Sri Lankas zu Beginn des Genozids notwendig gewesen. Die   arbeitende Bev&#246;lkerung und die Armen profitieren nicht direkt von den   Zollerleichterungen. Im Gegenteil: viele Arbeitspl&#228;tze, die durch den   Tsunami verloren gegangen sind, bleiben verloren. Das Geld wird nicht   f&#252;r den Wiederaufbau eingesetzt, viel bleibt direkt in den Taschen der   korrupten Rajapaksa-Dynastie stecken. Vorteilhaft ist das GSP+-System   unter anderem auch f&#252;r das British Retail Consortium (britische   Handelsvereinigung). Direktor Alisdair Gray erkl&#228;rte, dass das   GSP+-System dazu beitr&#228;gt, dass sein Konsortium aufgrund der billigeren   Einfuhrpreise gerne mit Stoffen und Textilien aus Sri Lanka Handel   betreibt.<\/p>\n<p>  Sarkastisch spricht die Botschaft Sri Lankas von &quot;welfare villages&quot; wenn   sie Internierungslager meint. Lager, deren Lage zum Teil geheim gehalten   wird und in denen Kinder und Jugendliche festgehalten werden, wie Senan   darlegte. Einige dieser Kinder sind erst acht Jahre alt; sie haben   keinen Kontakt zu ihren Familien.<\/p>\n<p>  Dass Senan nicht f&#252;r die isolierte Diaspora spricht wird deutlich an den   vielen Reaktionen, die er nach seiner Rede erhalten hat: &quot;Lieber Senan,   Du hast einen fantastischen Beitrag im Europ&#228;ischen Parlament geliefert   und die Heuchelei des Srilankischen Botschafters aufgedeckt.&quot; oder &quot;Du   hast die Wahrheit ans Tageslicht gebracht &#252;ber den Zustand der Tamilen   in Eelam. Lass die Welt die Augen &#246;ffnen&quot;. Dann wei&#223; ich, dass sich   meine Arbeit hier lohnt.<\/p>\n<h4>  Ein Video von Senans Rede im Internationalen Handelsausschuss findet   sich <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=03znhPYKdzQ\">hier<\/a>.<\/h4>\n<h5>  <i>Tanja Niemeier ist Mitglied der Linkse Socialistische Partij (LSP) in   Belgien und Mitarbeiterin der Konf&#246;deralen Fraktion der Vereinten   Europ&#228;ischen Linken\/Nordische Gr&#252;ne Linke (GUE\/NGL). Sie berichtet seit   Januar 2010 regelm&#228;&#223;ig f&#252;r sozialismus.info aus dem Europaparlament.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das neue Jahr im Europaparlament\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[101],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13488"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13488"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13488\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13488"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13488"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13488"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}