{"id":13473,"date":"2010-01-12T00:00:00","date_gmt":"2010-01-12T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13473"},"modified":"2014-11-05T13:50:51","modified_gmt":"2014-11-05T12:50:51","slug":"13473","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13473\/","title":{"rendered":"\u201eEine Alternative war m\u00f6glich, aber wir wurden von den Ereignissen \u00fcberrollt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/191-e1415191822572.jpeg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-29342\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/191-109x173.jpeg\" alt=\"J\u00f6rn B\u00f6we\" width=\"109\" height=\"173\" \/><\/a>Interview mit J\u00f6rn Boewe \u00fcber seine Erfahrungen in der DDR-Opposition und im Jahr 1989<\/strong><br \/>\n<i>J\u00f6rn Boewe, Jahrgang 1967, geh\u00f6rte in den letzten Jahren der DDR zu linksoppositionellen Kreisen und begr\u00fcndete 1989 die Vereinigte Linke mit. Heute ist er Redakteur bei der Tageszeitung junge Welt. Mit ihm sprach Sascha Stanicic.<\/i><\/p>\n<p><b>Du hast in der DDR gelebt und dort in den 80er Jahren eine linksoppositionelle Haltung zum SED-Regime entwickelt. Wie ist es dazu gekommen?<\/b><\/p>\n<p>Das war nahe liegend f\u00fcr Leute, die mit dem Sozialismus nicht gebrochen hatten, aber sich andererseits auch nicht individuell arrangieren konnten oder eine Karriere im Apparat anstrebten. Wenn man die falschen Fragen stellte, sah man sich schnell als linker Kritiker an der herrschenden Linie der Partei bzw. wurde in diese Rolle gedr\u00e4ngt, egal ob man sich selber als Dissident oder Oppositioneller verstand. Dazu wurde man gemacht, sobald man aneckte und seinen Kopf nicht dauerhaft einzog.<\/p>\n<p><b>Was waren die Knackpunkte in den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, die bei Dir Kritik hervorgebracht haben?<\/b><\/p>\n<p>Es gab in meiner Generation seit Anfang der 80er Jahre ein weit verbreitetes Gef\u00fchl gesellschaftlicher Stagnation, was vor allem darauf zur\u00fcck zuf\u00fchren war, dass man praktisch keine M\u00f6glichkeiten hatte, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Alle wichtigen Beschl\u00fcsse wurden \u00e4u\u00dferst b\u00fcrokratisch getroffen. Es gab teilweise skurrile Nischen kleinb\u00fcrgerlicher \u00bbSelbstverwirklichung\u00ab, aber keine Arbeiterdemokratie. Das w\u00e4re aber notwendig gewesen, damit diese Gesellschaft sich in Richtung Sozialismus h\u00e4tte weiter entwickeln k\u00f6nnen.Gesellschaftliches Eigentum an den Hauptproduktionsmitteln braucht demokratische Verkehrsformen, ansonsten funktioniert der Staat nur wie ein schlecht verwalteter b\u00fcrokratischer Trust.<\/p>\n<p><b>Was meinst Du mit Arbeiterdemokratie ?<\/b><\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt an mit der Bildung von R\u00e4ten auf der Ebene der Fabrik oder was immer die Organisationseinheit sein mag, die tats\u00e4chlich Einfluss auf betriebliche und unternehmerische Entscheidungen nehmen k\u00f6nnen. Aber auch dar\u00fcber hinaus h\u00e4tte es gew\u00e4hlter Organe bedurft, die auch auf einer h\u00f6heren Ebene die politische Macht im Staate inne haben und in denen politische Parteien wirken, anstatt dass eine Partei per Verfassung in allen Fragen das letzte Wort hat \u2013 in Wiklichkeit war es nat\u00fcrlich nicht die Partei, sondern nur ihr Apparat.<\/p>\n<p><b>Hast Du versucht, den Weg durch die offiziellen Strukturen zu gehen?<\/b><\/p>\n<p>Nein. Das h\u00e4tte mir vielleicht zehn oder zwanzig Jahre fr\u00fcher passieren k\u00f6nnen. Ich war nat\u00fcrlich in der FDJ, wo ich versuchte, mit \u00e4hnlich Gesinnten Diskussionen und Veranstaltungen anzuschieben, wobei wir schnell gegen W\u00e4nde gelaufen sind.<\/p>\n<p><b>Gab es Ma\u00dfregelungen?<\/b><\/p>\n<p>Ich glaube 1981, nach den israelischen Massakern in den pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingslagern im Libanon, haben wir ein paar Bands zusammengetrommelt, um ein Solidarit\u00e4tskonzert f\u00fcr Pal\u00e4stina zu organisieren. Das war eigentlich v\u00f6llig linientreu, aber den \u00bbOrganen\u00ab erschien es so suspekt, dass sie es unterbunden haben. W\u00e4hrend meiner Abiturzeit in K\u00f6nigs Wusterhausen haben wir im Rahmen der FDJ, aber auch mit unorganisierten Jugendlichen, eine, nun wirklich nicht oppositionelle, aber selbstorganisierte Struktur f\u00fcr Kulturarbeit an der Schule auf die Beine gestellt. Das war 1983\/84, w\u00e4hrend des \u201azweiten Kalten Kriegs\u2018. Die Sicherheitsorgane in der DDR reagierten damals sehr allergisch auf alles was in Richtung unabh\u00e4ngige Organisation, Friedensbewegung oder Pazifismus ging. Wir traten zwar nicht offensiv f\u00fcr Wehrdienstverweigerung ein, weil wir das Recht der DDR auf Selbstverteidigung nicht in Frage stellten. Aber wir lehnten die Repression gegen Leute ab, die mit dem Aufn\u00e4her \u201aSchwerter zu Pflugscharen\u2018 rum liefen. Da gab es ein paar Eklats und, wie man es damals nannte, \u201eAussprachen\u201c, die damit endeten, dass ein paar Leute von der Schule entfernt werden sollten. Was uns rettete war die Tatsache, dass einer der Beteiligten einen Vater hatte, der ein hoher Funktion\u00e4r im Staatsapparat war.<\/p>\n<p><b>Konnte die Gruppe weiter existieren?<\/b><\/p>\n<p>Es gab keine juristische Repression, aber der Druck wurde f\u00fcr uns zu hoch, um auf diese Weise weiter zu machen. Sicher war die Ma\u00dfregelung milde. Aber wenn wir aufgrund einer \u00fcberzogenen Reaktion von der Schule geflogen w\u00e4ren, h\u00e4tte sich der Lebensweg f\u00fcr uns anders gestaltet.<\/p>\n<p><b>Was waren denn Bezugspunkte in Deiner politischen Entwicklung? Die Debatten um Rudolf Bahro und Wolf Biermann waren ja schon vorbei.<\/b><\/p>\n<p>Die Debatten waren vorbei, wir wussten, woran wir waren. Die Biermann-Ausb\u00fcrgerung, die hinterh\u00e4ltige Weise, in der sie vollzogen wurde \u2013 das war eine Bankrotterkl\u00e4rung. Kleinkarierte Provinzpotentaten, wenn sie in Panik geraten, m\u00f6gen so agieren &#8211; zu einer sozialistischen Regierung, die eine h\u00f6her entwickelte Gesellschaft aufbauen will, passte es nicht.<\/p>\n<p>Kassetten mit Konzerten von Wolf Biermann kursierten immer noch. Die wurden immer wieder neu kopiert, in unendlich schlechter Qualit\u00e4t. Das war lange, bevor Biermann auf die andere Seite der Barrikade \u00fcberlief: Damals engagierte er sich im Westen mit der IG Metall f\u00fcr die 35-Stunden-Woche und den Eurokommunismus.<\/p>\n<p>Wir lasen, was wir kriegen konnten. Angefangen bei Ernst Bloch, Mao, anarchistischer Literatur, Havemann, Peter Weiss &#8211; was man so in die H\u00e4nde bekommen konnte.<\/p>\n<p>Viele Sachen musste man gegen den Strich lesen. Damit meine ich linientreue Literatur gegen so genannte Konterrevolution\u00e4re, die z.B. den Trotzkismus als antirevolution\u00e4r entlarven sollte. Das hat man gelesen, um zu rekonstruieren, was da kritisiert wurde, weil man an die Originale nicht so leicht herankam.<\/p>\n<p>Du hast dich dann in Richtung Trotzkismus entwickelt, wobei Trotzki ja eine Unperson war und die Schriften nicht zug\u00e4nglich waren. Wie entwickelte sich das bei Dir?<\/p>\n<p>Das erste, was mich neugierig gemacht hat, war John Reeds Buch \u00fcber die Oktoberrevolution \u201a10 Tage, die die Welt ersch\u00fctterten\u2018. Darin ist immer von der \u201aRegierung Lenin-Trotzki\u2018 die Rede. Das war durch den Milit\u00e4rverlag, bei dem das Buch erschienen war, nicht ver\u00e4ndert worden und diese Passagen warfen Fragen auf \u00fcber das uns vermittelte Geschichtsbild.<\/p>\n<p>Als ich 1988 anfing zu studieren, hatte ich dank der wohlwollenden Unterst\u00fctzung meiner Hochschullehrer die M\u00f6glichkeit, mir Literatur zu verschaffen, die f\u00fcr den Normalb\u00fcrger nicht zug\u00e4nglich war, Trotzki, Mandel, Isaac Deutscher, die Zeitschriften Inprekorr oder Arbeiterkampf. Dazu brauchte man besondere Genehmigungen. Das war richtig skuril. Da musste man in Geheimschutzr\u00e4ume, z. B. in der Deutschen B\u00fccherei in Leipzig, wo man Trotzki und andere Autoren linker Bewegungen, die nicht der SED-Linie entsprachen, lesen konnte. Diese B\u00fccher konnte man in einem Raum einsehen, der eine riesige Stahlt\u00fcre hatte, gesichert wie ein Banktresor oder die Kommadobr\u00fccke eines Atom-U-Boots. Man durfte sich keine Notizen machen, und es wurde notiert wie lange man welche Seiten gelesen hat. Kopien machen ging ja ohnehin nicht. Die subversivste Schrift, die ich damals gelesen habe, war allerdings frei zug\u00e4nglich: Lenins \u201aStaat und Revolution\u2018. Ich dachte: Dieses Buch m\u00fcssten sie eigentlich aus dem Verkehr ziehen. Aber Lenin zu verbieten \u2013 das konnten sie sich dann doch nicht leisten.<\/p>\n<p><b>Wie haben sich dann Kreise gefunden von Leuten, die \u00e4hnliche Kritik hatten?<\/b><\/p>\n<p>Das war lokal ganz unterschiedlich. In Berlin war die Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde im Prenzlauer Berg ein Zentrum. Das war kein kirchlicher Zusammenhang, ich w\u00fcrde ihn libert\u00e4r nennen. Die Leute gaben mit den \u201aUmweltbl\u00e4ttern\u2018 eine hektographierte Zeitschrift raus. Die Kirche hat das zwar vervielf\u00e4ltigt, aber keinen Einfluss auf den Inhalt genommen. \u00c4hnliche Einrichtungen gab es unter dem Dach der evangelischen Kirche h\u00e4ufiger, weil sie einen legalen Rahmen bot. Das war so ein Anlaufpunkt, wo man Kontakte kn\u00fcpfen konnte.<\/p>\n<p><b>In welchem Zusammenhang warst Du?<\/b><\/p>\n<p>Im August 1988 wurde ich aus der Nationalen Volksarmee entlassen und habe dann in Rostock mein Studium begonnen. Da bin ich schnell mit Leuten in Kontakt gekommen, die \u00e4hnliche Gedanken hatten. Das ging schnell, denn die Lage war so instabil und die Stimmung insgesamt so kritisch, dass man schnell Ankn\u00fcpfungspunkte fand. Im Oktober 1989 bildeten sich verschiedene Gruppen im Rahmen der sogenannten B\u00fcrgerbewegung, unter anderem auch die Vereinigte Linke. Im Prozess der Formierung der Bewegung bekam ich Kontakt zur \u201aGruppe Demokratischer Sozialisten\u2018. Es gab Verbindungen in verschiedene St\u00e4dte, aber keine feste Organisationsstruktur. In der Gruppe waren ein paar Leute, die auf die Bildung der Vereinigten Linken, bei deren Gr\u00fcndungskonferenz 600 Leute waren, Einfluss nahmen. Diese Leute verstanden sich als Marxisten, und der gr\u00f6\u00dfte theoretische Einfluss ging von den Schriften Ernest Mandels aus, an die man \u00fcber die Universit\u00e4ts-Bibliotheken mit ein bisschen Geschick und Hartn\u00e4ckigkeit auch ran kommen konnte. Mit Mandel stand ich ab Fr\u00fchjahr 89 in Briefkontakt. Man musste die Jungs von der Stasi austricksen, was nicht ganz einfach war, denn die machten ihren Job gut, aber offensichtlich doch nicht gut genug.<b> <\/b><\/p>\n<p><b>Welche Rolle haben Diskussionen \u00fcber Gorbatschow gespielt?<\/b><\/p>\n<p>Die Entwicklung in der Sowjetunion unter Gorbatschow hat das alles beschleunigt und war ein Katalysator. Aber f\u00fcr die Leute, die sich linksoppositionell organisierten, war Gorbatschow Ende der 80er schon kein Bezugspunkt mehr, weil sie dessen Widerspr\u00fcchlichkeit erkannten. Nat\u00fcrlich wurde ein Mehr an demokratischen Freiheiten in der Sowjetunion begr\u00fc\u00dft, aber die Au\u00dfenpolitik und Aspekte seiner Wirtschaftspolitik wurden abgelehnt.<\/p>\n<p><b>Wie hast Du die Bewegung 1989 erlebt?<\/b><\/p>\n<p>Ich habe mich an der Gr\u00fcndung der Vereinigten Linken beteiligt, in der wir als Gruppe Demokratischer Sozialisten aufgegangen sind. In Rostock habe ich versucht, die Initiative zu organisieren. Wir haben Demonstrationen organisiert, nat\u00fcrlich nicht wir allein, aber wir waren eine treibende Kraft und konnten Saalveranstaltungen mit 200 bis 300 Leuten durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Da kam z. B. mal eine Abordnung von Arbeitern aus dem \u00dcberseehafen, die einen Betriebsrat gr\u00fcnden wollten und sofort in Konflikt mit dem staatlichen Management gerieten. Die Kollegen wollten das entscheidende Wort in unternehmerischen Fragen, zu Entlassungen etc. haben. Das wollte die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung verhindern, die dem Rat nur beratende Funktion geben wollte. Wir traten dagegen offensiv f\u00fcr Arbeiterr\u00e4te und R\u00e4temacht als Grundlage f\u00fcr einen sozialistischen Neubeginn ein. Aber dann hat uns die Entwicklung \u00fcberrollt.<\/p>\n<p>Du hast die Stichworte R\u00e4temacht und sozialistische Erneuerung genannt. Was w\u00e4ren neben der R\u00e4temacht Eckpunkte f\u00fcr eine sozialistische Erneuerung gewesen? Wie standet ihr zu den dominierenden Versuchen, das SED-Regime zu reformieren?<\/p>\n<p>Wir strebten die R\u00e4temacht auf allen Ebenen an, demokratisch gew\u00e4hlte Machtorgane, aus denen man die Delegierten auch wieder abw\u00e4hlen kann. Das war eine grunds\u00e4tzlich andere Perspektive, als die Versuche, die Apparatherrschaft irgendwie zu reformieren. Nat\u00fcrlich gab es eine gewisse Konfusion, denn diese firmierten ja auch unter \u00bbsozialistischer Erneuerung\u00ab. Hier gab es zwei Anl\u00e4ufe: Den ersten unter Egon Krenz, der in der Bev\u00f6lkerung keinerlei R\u00fcckhalt hatte, weil er als selbstherrlicher Apparatschik galt. Wenn der von Neubeginn sprach, klang es wie eine Drohung, denn jedermann hatte noch gut im Ged\u00e4chtnis, wie er im Fr\u00fchsommer 1989 die Repression auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking begr\u00fc\u00dft hatte. Den zweiten Anlauf unternahm Hans Modrow, der zweifellos ein integrer Reformsozialist ist und eine gewisse Popularit\u00e4t hatte. Aber die Ereignisse \u00fcberst\u00fcrzten sich, und die Perspektiven dieses Reformismus wurden bald genauso hinweggefegt, wie unsere Aussichten auf einen revolution\u00e4ren Neubeginn von unten.<\/p>\n<p>In anderen ehemals \u00bbrealsozialistischen\u00ab L\u00e4ndern, deren staatliche Integrit\u00e4t nicht so fragil war, wie die der DDR, haben sich solche Kr\u00e4fte l\u00e4nger halten k\u00f6nnen. Aber im Grunde haben sie nirgends etwas anderes zustande gebracht, als den klassischen sozialdemokratischen Film vom \u00bbfriedlichen \u00dcbergang\u00ab in unterschiedlichem Tempo r\u00fcckw\u00e4rts abzuspielen. Die Teile der B\u00fcrokratie, die etwas von Wirtschaft und Gesch\u00e4ftemachen verstanden, haben sich in eine Art Kompradorenbourgeoisie verwandelt. Die, die nie etwas anderes konnten, als Ideologie zu produzieren, tun dies weiter und bilden zum Teil obskure \u00bbkommunistische Parteien\u00ab oder geben \u00bbVertriebenenbl\u00e4ttchen\u00ab heraus, wie hierzulande den famosen \u00bbRotfuchs\u00ab. Es ist offensichtlich, dass die Arbeiterklasse mit diesen Leuten keinen Blumentopf gewinnen kann.<\/p>\n<p>Du sagst, die linksoppositionellen Kr\u00e4fte wurden von den Ereignissen in Richtung Vereinigung von BRD und DDR \u00fcberrollt. Gab es dazu \u00fcberhaupt eine Alternative?<\/p>\n<p>Die h\u00e4tte es sicher geben k\u00f6nnen. Stell Dir vor, die polnischen Massenstreiks von 1980, mit ihrem Programm der selbstverwalteten Arbeiterrepublik, der \u00bbPrager Fr\u00fchling\u00ab und unsere Bewegung w\u00e4ren auf einen Zeitpunkt gefallen. So war es aber leider nicht. Also muss man im Nachhinein sagen, dass die Chance sehr, sehr gering war. Vielleicht h\u00e4tte man das Ruder herumrei\u00dfen k\u00f6nnen, wenn sich in einer sehr kurzen Zeit eine politische Kraft mit einem solchen Programm, wie ich es eingangs skizziert habe, formiert h\u00e4tte. So etwas konnte sich in den wenigen Wochen aber einfach nicht im notwendigen Ma\u00dfe herausbilden.<\/p>\n<p>Durch die besondere Situation der Existenz der Bundesrepublik Deutschland, die auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Macht war und die M\u00f6glichkeit zum Eingreifen hatte, gab es schnell eine andere Alternative, die \u00fcberm\u00e4chtig war und alles an den Rand dr\u00e4ngen konnte. Den Wendepunkt kann man ziemlich genau datieren auf den 19. Dezember 1989, als Kohl seinen gro\u00dfen Auftritt vor der Dresdner Frauenkirche hatte. Bis dahin dominierte \u00fcberall der Slogan \u201aWir sind das Volk\u2018. Jetzt hie\u00df es \u201aWir sind ein Volk\u2018. Das war politisch ein Schwenk um 180 Grad, und dem konnte man nichts wirksames mehr entgegen setzen. `89 war nicht `68 oder `73, die Linke und Arbeiterbewegung im Westen war v\u00f6llig eingesch\u00fcchtert und in die Defensive zur\u00fcck gepr\u00fcgelt. Die Initiative lag bei Helmut Kohl. Lafontaine meinte, die Wiedervereinigung sei zu teuer, die westdeutschen Linksradikalen zogen sich, bis auf wenige Ausnahmen, auf ihre \u00bbNie wieder Deutschland\u00ab-Position zur\u00fcck, was uns aber praktisch in keiner Weise weiter half.<\/p>\n<p><b>Du w\u00fcrdest also zustimmen, dass die Massenbewegung ihren Charakter qualitativ ver\u00e4ndert hat?<\/b><\/p>\n<p>Das ist ganz offensichtlich, und dar\u00fcber kann man auch nicht streiten. Das ist belegbar. Die Ausrichtung hat sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit v\u00f6llig gewandelt. Es klingt vielleicht nicht plausibel, dass Leute im Oktober\/November noch f\u00fcr die Erneuerung des Sozialismus auf die Stra\u00dfe gegangen sind und kurze Zeit sp\u00e4ter Kohl unterst\u00fctzt haben. Zum einen waren das aber nicht mehr zu hundert Prozent die selben Leute. Die CDU und ihre \u00bbAllianz f\u00fcr Deutschland\u00ab mobilisierten im Dezember Gesellschaftsschichten, die im Herbst noch abwartend zu Hause geblieben waren. Andererseits war ein Teil der Demonstranten vom Oktober\/November schwankend und hatte nur diffuse Vorstellungen, wie das in sozialen Umbruchsituationen und revolution\u00e4ren Krisen immer der Fall ist. Um in solchen Situationen zu gewinnen, muss der politisch fortschrittlichste Teil der arbeitenden Klasse angemessen organisiert sein, sollte wissen, worauf er hinaus will und darf sich die politische Initiative nicht entrei\u00dfen lassen. Das war in der K\u00fcrze der Zeit dann doch ein bisschen zu viel f\u00fcr uns.<\/p>\n<p><b>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch. <\/b><\/p>\n<h4>Anhang<\/h4>\n<p><b>Was war die Vereinigte Linke (VL)?<\/b><\/p>\n<p>Mit dem \u201eB\u00f6hlener Appell \u2013F\u00fcr eine vereinigte Linke in der DDR\u201c formierte sich Anfang September 1989 DDR-weit ein Zusammenschluss von anti-stalinistischen SozialistInnen. Darin hei\u00dft es: \u201eAngesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Stagnation und der sich versch\u00e4rfenden politischen Krise in unserem Land wenden wir uns mit diesem Aufruf an alle politischen Kr\u00e4fte in der DDR, die f\u00fcr einen demokratischen und freiheitlichen Sozialismus eintreten. Ein linkes alternatives Konzept f\u00fcr eine Wende wird immer dringlicher! (\u2026) Wir sind der Auffassung, dass insbesondere die DDR vor einer historischen Chance radikaler Erneuerung des sozialistischen Gesellschaftskonzepts steht.\u201c<\/p>\n<p>Die Vereinigte Linke verstand sich nicht als Partei, sondern als Sammlungsbewegung von Gruppen und Einzelpersonen. Ihre Mitglieder kamen aus unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden. TrotzkistInnen, die in illegalen Zirkeln in der DDR arbeiteten und sich dem Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale (dem von Ernest Mandel damals gef\u00fchrten internationalen Zusammenschluss, der sich auf Trotzki berief) zugeh\u00f6rig f\u00fchlten, Teilen der prominenten Berliner Umweltbibliothek, fast die gesamte linksoppsitionelle \u201eKirche von Unten\u201c, Vertreter der \u201eautonomen Antifa\u201c und schlie\u00dflich einige SED-Mitglieder.<\/p>\n<p>Ihre Zielsetzung war die Schaffung einer \u201esozialistischen R\u00e4terepublik\u201c, dementsprechend propagierte die VL auch, die Schaffung und Vernetzung von Arbeiterr\u00e4ten und unabh\u00e4ngigen Initiativen in den Betrieben. Gleichzeitig grenzte sie sich nicht klar und deutlich genug von der SED ab und hatte Illusionen in die dort an die Spitze gesp\u00fclten Reformkr\u00e4fte. Dementsprechend entwickelte sie kein ausreichendes Programm f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Machteroberung durch gew\u00e4hlte Organe der Arbeiterklasse und selber auch keine Organisationsstruktur, die die n\u00f6tige Geschlossenheit und Handlungsf\u00e4higkeit erm\u00f6glicht h\u00e4tte. Ihr entscheidender Fehler war, dass sie als Teil der Opposition politisch auch Teil der Modrow-Regierung war und aus dieser erst am 2. Februar 1990 austrat, nachdem Modrow sich f\u00fcr eine Vereinigung von BRD und DDR ausgesprochen hatte.<\/p>\n<p>Einer der Gr\u00fcnder der VL, Bernd Gehrke sagte in einem Interview 2004 f\u00fcr die Zeitung a&amp;k;: \u201eNach der ersten richtig gro\u00dfen Demonstration am 9. Oktober war das Politb\u00fcro ja sofort eingeknickt und hat ein Dialogangebot formuliert. Wir haben dieses Dialogangebot zur\u00fcckgewiesen und haben gesagt, das ganze Politb\u00fcro muss weg. Wir haben gesagt, wir m\u00fcssen in diesem Machtvakuum ein Provisorium schaffen, das aus anerkannten Vertretern der Kirchenopposition besteht und aus anerkannten Reformern aus der SED. Die sollten eine \u00dcbergangsregierung bilden und einen \u2018Volkskongress\u2019organisieren, in dem Belegschaftsvertreter, gew\u00e4hlte Vertreter aus den Stadtteilen usw. mit eben den oppositionellen Kr\u00e4ften, die es gab, zusammenkommen. (&#8230;) Das h\u00e4tte ein Projekt der Demokratisierung von unten sein sollen. Wir wollten damit ein Angebot auch an Erneuerer in der SED machen; damals haben wir an Modrow und Gysi und solche Leute gedacht. Die h\u00e4tten einen Volkskongress oder R\u00e4tekongress, der sich von unten entwickelt, politisch erm\u00f6glichen sollen. Das haben wir versucht, in den Prozess einzubringen, und damit sind wir gescheitert. Und zwar ganz und gar gescheitert. Stattdessen hat sich eine Verhandlungsl\u00f6sung durchgesetzt, die am Ende zum \u201cRunden Tisch\u201d gef\u00fchrt hat.\u201c<\/p>\n<p><i><b>Von Ren\u00e9 Henze<\/b><\/i><\/p>\n<h5><i>Dokumente zur VL und anderen Oppositionsgruppen finden sich auf <a href=\"http:\/\/www.ddr89.de\">www.ddr89.de<\/a><\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit J&#246;rn Boewe &#252;ber seine Erfahrungen in der DDR-Opposition<br \/>\n      und im Jahr 1989\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":29342,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87],"tags":[256],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13473"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13473"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13473\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29342"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13473"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13473"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13473"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}