{"id":13469,"date":"2010-01-07T00:00:00","date_gmt":"2010-01-07T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13469"},"modified":"2010-01-07T00:00:00","modified_gmt":"2010-01-07T00:00:00","slug":"13469","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13469\/","title":{"rendered":"Ist Schweden sozialistisch?"},"content":{"rendered":"<p>  Aufstieg und Fall des &#8222;Schwedischen Modells&#8220;<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In der internationalen Linken wird immer wieder die Frage nach Politik   und Wirtschaft der nordischen Staaten, vor allem Schwedens, aufgeworfen,   und diskutiert, ob diese Gesellschaften eine Art von &#8222;Sozialismus&#8220; oder   eine Alternative zum neoliberalen Kapitalismus darstellen.<\/p>\n<h4>  <i>von Per Olsson, R&#228;ttvisepartiet Socialisterna (Schwesterorganisation   der SAV in Schweden)<\/i><\/h4>\n<p>  &#8222;Schweden war immer eine Volkswirtschaft mit solidem Markt&#8220;, so die   momentane rechts-konservative Regierung auf ihrer Website. Und das ist   sicherlich korrekt. Schweden war nie eine sozialistische Gesellschaft,   die auf &#246;ffentlichem Eigentum an den Produktionsmitteln,   Arbeiterkontrolle und -verwaltung, sozialer Gleichheit und einer   demokratischen Produktionsplanung basiert h&#228;tte. Genauso wenig handelte   es sich bei Schweden um eine &#8222;Mischwirtschaft&#8220; oder um das Beschreiten   eines &#8222;Dritten Weges&#8220; &#8211; eine Alternative zu Kapitalismus und   Sozialismus, falls so etwas &#252;berhaupt m&#246;glich sein sollte.<\/p>\n<p>  Dennoch wurde dank des weltweiten kapitalistischen Booms und einer vor   Ort vorhandenen Arbeiterbewegung in den 1960er und fr&#252;hen 1970er Jahren   ein Wohlfahrtssystem eingef&#252;hrt, das f&#252;r den Rest der Welt   Modellcharakter annahm. Ein durch &#246;ffentliche Ma&#223;nahmen (&#252;ber Steuern)   finanziertes umfassendes System der Daseinsvorsorge stellte ein hoch   entwickeltes Bildungssystem, Gesundheitsversorgung von Weltrang, Renten,   ein System der Kinderbetreuung, das seines Gleichen sucht, und   zahlreiche weitere soziale F&#252;rsorge- und Versicherungseinrichtungen   sicher. Der &#8222;Wohlfahrtsstaat&#8220; und die soziale Harmonie, die in jenen   Tagen herrschten, wurden als das &#8222;Schwedische Modell&#8220; bekannt,   wenngleich dieser Begriff schon in den 1930er Jahren kursierte.<\/p>\n<p>  Dieses Schwedische Modell hat jedoch vor langer Zeit schon aufgeh&#246;rt zu   existieren. &#8222;Seit den gl&#252;cklichen Tagen der 1970er, als das &#8216;Schwedische   Modell&#8217;, in dem es Wohlfahrt f&#252;r alle von der Wiege bis ans Grab gab,   der Welt als Beispiel f&#252;r Modernit&#228;t und Fortschritt pr&#228;sentiert wurde,   ist viel Zeit vergangen&#8220;, berichtete CNN im Jahre 2003 nahezu   triumphierend.<\/p>\n<h4>  Neues Modell der Privatisierung<\/h4>\n<p>  Heute sprechen die meisten kapitalistischen KommentatorInnen vom &#8222;neuen   Schwedischen Modell&#8220; der Privatisierung, Deregulierung und anderer   marktorientierter &#8222;Reformen&#8220;. Sie weisen auch darauf hin, wie Schweden   angeblich seine Bankenkrise Anfang der 1990er Jahre gemeistert habe.   Demnach lese sich das Schwedische Modell wie eine kapitalistische   Erfolgsstory, die zeige, dass der Neoliberalismus &#8222;funktioniert&#8220;.<\/p>\n<p>  &#8222;Von Schweden heute als sozialistisch zu sprechen, ist ziemlich daneben.   Neoliberale Reformen wurden hier in einigen Bereichen weit umfangreicher   durchgef&#252;hrt als in den USA. Schweden ist zu einer Art Versuchsfeld der   Privatisierung geworden&#8220;, kommentierte Brian Palmer,   Anthropologieprofessor an der schwedischen Universit&#228;t von Uppsala. Olle   W&#228;stberg, ein Liberaler und ehemaliger Generalkonsul in New York,   r&#252;hmte, dass &#8222;wir (SchwedInnen) auf vielen Feldern mehr privates   Eigentum vorweisen als andere europ&#228;ische Staaten und die USA. Um die   achtzig Prozent aller neuen Schulen sind in privater Hand, so auch das   Bahn- und das U-Bahnnetz.&#8220;<\/p>\n<p>  Das Ende des Nachkriegsaufschwungs Mitte der 1970er Jahre markierte das   Ende des alten Schwedischen Modells. Doch schon einige Jahre vorher war   es zur volkswirtschaftlichen Stagnation gekommen. Dennoch profitierte   der schwedische Kapitalismus enorm von der Tatsache, dass die   Produktivkr&#228;fte des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg intakt waren &#8211;   Schweden war w&#228;hrend des Krieges nicht besetzt und erkl&#228;rte sich als   neutral. Die Kapitalisten fuhren riesige Kriegsgewinne ein und   verbr&#252;derten sich von Anfang an mit Nazi-Deutschland. &#220;ber viele Jahre   hinweg war Deutschland der gr&#246;&#223;te Exportmarkt f&#252;r Schweden: Eisenerz und   in Schweden hergestellte Kugellager waren f&#252;r Hitlers Kriegsmaschinerie   von gro&#223;er Bedeutung. Als aber klar wurde, dass die Nazis besiegt werden   w&#252;rden, wandte sich der schwedische Kapitalismus den alliierten Staaten   zu, um Waren zu verkaufen und gegen das rasch voran r&#252;ckende   Stalin-Russland gesch&#252;tzt zu werden.<\/p>\n<h4>  &quot;Goldene&quot; Nachkriegsjahre<\/h4>\n<p>  Nach Kriegsende herrschte weltweit eine enorme Nachfrage nach Waren wie   Stahl, Eisenerz, Bauholz usw. Schwedische Unternehmen konnten daher mit   gutem Profit verkaufen. Anfang der 1950er war Schweden das mit Abstand   reichste Land in Europa.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend des &#8222;goldenen Zeitalters&#8220; des Kapitalismus zwischen 1950-75, als   die weltweite Produktion und die M&#228;rkte auf beispiellose Art und Weise   wuchsen, entwickelte sich die schwedische Wirtschaft um j&#228;hrlich vier   Prozent. Dennoch: lange bevor der weltweite Aufschwung sich in sich   selbst ersch&#246;pfte, begann der schwedische Kapitalismus zu stagnieren,   w&#228;hrend andere kapitalistische L&#228;nder aufholten oder sogar &#252;berholen   konnten. Ab 1965 begann der schwedische Anteil am Weltmarkt   zur&#252;ckzugehen.<\/p>\n<p>  Verglichen mit seinen kapitalistischen Hauptwettbewerbern waren die   1970er Jahre f&#252;r Schweden ein Jahrzehnt relativ langsamen Wachstums. Es   kam zu einer Kette betrieblicher Krisen. Der schwedische Schiffbau, 1975   noch zweitgr&#246;&#223;ter der Welt, brach in den Folgejahren genauso zusammen   wie die Textilindustrie. W&#228;hrend der ganzen 1970er Jahre erlebte   Schweden zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein niedrigeres Jahreswachstum   als der Rest Westeuropas.<\/p>\n<p>  Trotzdem wurde der &#8222;Wohlfahrtsstaat&#8220; in den 1970ern zunehmend   ausgeweitet. Daf&#252;r gab es viele Gr&#252;nde: wieder erwachte Arbeitsk&#228;mpfe,   das Gewicht der Arbeiterbewegung in der Gesellschaft und der Prozess   politischer Radikalisierung, der nach den Ereignissen in Frankreich 1968   einsetzte. Ein gro&#223;er Zustrom an weiblichen Arbeitskr&#228;ften hinein in die   Belegschaften belebte und st&#228;rkte die Arbeiterbewegung. Und in der Tat   erreichte der &#8222;Wohlfahrtsstaat&#8220; in jenen Jahren seinen H&#246;hepunkt. Die   Kapitalisten waren gezwungen, Reformen am Arbeitsplatz zu akzeptieren,   die den Gewerkschaften mehr Rechte einr&#228;umten. So zum Beispiel das   Gesetz &#252;ber das Zustandekommen unternehmerischer Entscheidungen (in   Schweden als MBL bekannt) und das Gesetz &#252;ber die Bedingungen am   Arbeitsplatz, ein neues Gesetz zur Besch&#228;ftigungssicherung etc. Dar&#252;ber   hinaus wurde ein &#246;ffentliches Betreuungssystem f&#252;r Kinder aufgebaut und   eine fortschrittliche Regelung zur Elternzeit trat in Kraft.<\/p>\n<h4>  Kapitalistische Offensive<\/h4>\n<p>  Es gab jedoch schon zu dieser Zeit viele Anzeichen daf&#252;r, dass die   kapitalistische Klasse meinte, zu viele Zugest&#228;ndnisse gemacht zu haben   und dass die Zeit zur&#252;ckgedreht werden m&#252;sse. Die &#196;ra des sozialen   Friedens war vor&#252;ber; eine materiell-&#246;konomische Grundlage f&#252;r   klassischen Reformismus und Burgfrieden zwischen den gesellschaftlichen   Klassen war nicht mehr gegeben. Und das, obwohl die Arbeiterf&#252;hrer immer   noch dieser Illusion und dem Traum eines &#8222;Kapitalismus mit menschlichem   Antlitz&#8220; anhingen. 1980 versuchte die herrschende Klasse eine Grenze zu   ziehen, indem sie eine massive Aussperrung organisierte, der Streiks der   ArbeiterInnen folgten. Jedoch scheiterte diese kapitalistische   Offensive. Nachdem sie auf betrieblicher Ebene geschlagen war, nahm sich   die herrschende Klasse der politischen Ebene an. Kapitalisten und die   Organisationen des Kleinb&#252;rgertums er&#246;ffneten mit Unterst&#252;tzung der   etablierten konservativen Parteien eine boshafte Kampagne gegen den   sogenannten Lohnempf&#228;nger-Fonds. Diese, in Wirklichkeit harmlose   Einrichtung, war vom Gewerkschaftsbund LO schon 1976 als Versuch   eingebracht worden, durch den Kauf von Anteilen Einfluss auf die   Unternehmensf&#252;hrung nehmen zu k&#246;nnen. Das urspr&#252;ngliche Vorhaben der LO   war zuvor etliche Male verw&#228;ssert worden. Doch die schwedischen   Kapitalisten f&#252;hrten keine Kampagne gegen den Lohnempf&#228;nger-Fonds an   sich, sondern gegen die Idee des Sozialismus im Allgemeinen. Die   Gegenoffensive der herrschenden Klasse zahlte sich aus: Sozialdemokraten   und LO-F&#252;hrung kapitulierten und zeigten abermals, dass es nie ihre   Absicht war, den Kapitalismus mit seinem Privateigentum &#252;ber Produktion   und Handel wirklich herauszufordern.<\/p>\n<p>  Ebenso war auch die ab und an so betitelte &#8222;Mischwirtschaft&#8220; in Schweden   niemals eine Kombination aus &#246;ffentlichem und privatem Eigentum an den   Unternehmen. In Wirklichkeit war der schwedische Staatssektor kleiner   als in vielen anderen L&#228;ndern. Und Aufgabe dieses Sektors war es, f&#252;r   billige Energie, Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung der   gro&#223;en Monopole zu sorgen, welche die Wirtschaft dominierten.   Unterdessen sorgten Wohlfahrtssystem und die sozialdemokratischen   Regierungen f&#252;r die n&#246;tige politische und soziale Stabilit&#228;t zur   kapitalistischen Expansion.<\/p>\n<p>  Konzentration und Zentralisation von Kapital wurden in Schweden   vermutlich weiter getrieben als in den meisten anderen entwickelten   kapitalistischen L&#228;ndern. &#8222;Es sind die Familienunternehmen, die den   betrieblichen Sektor des Staates dominieren. Und davon sind einige die   gr&#246;&#223;ten und stabilsten in ganz Europa [&#8230;]&#8220;, schrieb die Financial   Times(12. Juli 2004) in einem Artikel &#252;ber die Familie Wallenberg und   ihr Imperium. Weiter hei&#223;t es darin: &#8222;Keine andere Familie beherrscht so   sehr den Wirtschaftssektor eines entwickelten Landes, wie es die   Wallenbergs in Schweden tun.&#8220; Und: &#8222;Der Dominanz der Wallenbergs &#252;ber   das Unternehmertum in Schweden wurde erfolgreich von   sozialdemokratischen Regierungen beigesprungen.&#8220; Zeitweise kontrollierte   die Familie Wallenberg fast vierzig Prozent der an der Stockholmer B&#246;rse   gehandelten Aktien.<\/p>\n<p>  Sogar Peter Stein, ein extrem neoliberaler schwedischer &#214;konom, r&#228;umt   ein: &#8222;Obwohl Verstaatlichung eine grunds&#228;tzliche Frage im Programm der   Sozialdemokratie war, wurde sie nie durchgef&#252;hrt. Bis 1970 belief sich   die vom Staat kontrollierte Produktion auf insgesamt f&#252;nf Prozent.   Staatliches Eigentum und staatliche Gesch&#228;ftsf&#252;hrung waren dort, wo sie   existierten, von professioneller Ethik geleitet und nicht behindert   durch politische &#220;berlegungen&#8221;. (Peter Stein: Sweden: From capitalist   Success to Welfare &#8211; State Sclerosis, 10. September 1991).<\/p>\n<p>  Verstaatlichung war nie &#8222;das Ziel&#8220;. Die Sozialdemokratie hat das Land   fast vierzig Jahre lang durchgehend von den 1930ern bis 1976 regiert.   Und in dieser Zeit wurde kaum ein Industriebetrieb verstaatlicht. Die   wenigen staatlichen Betriebe, die es gibt, sind nur das Spiegelbild der   Privatunternehmen. Das ist es, was Sozialdemokratie und   Gewerkschaftsf&#252;hrer manifestieren wollen.<\/p>\n<h4>  Die Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>  Die gewerkschaftlichen Vertreter in den Aufsichtsr&#228;ten der Unternehmen   treten als Anw&#228;lte der Aktion&#228;re auf, nicht der Besch&#228;ftigten. Einmal   Mitglied in einem Aufsichtsrat ist die T&#252;r aufgetan zu einem   Extra-Einkommen f&#252;r Gewerkschaftsfunktion&#228;re. Und ohne jede   demokratische Kontrolle von unten oder eine Alternative zum Kapitalismus   sind die Gewerkschaftsvertreter fast immer auf die Seite der   Konzernchefs &#252;bergetreten. Das belegen die j&#252;ngsten Beispiele. Olle   Ludvigsson, von der Metallarbeitergewerkschaft, der seit 1998 die   Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat bei Volvo vertritt, stimmte 2009, als   der Konzern gerade tausende ArbeiterInnen entlie&#223;, sogar einer   umfangreichen Anhebung der Dividenden zu. Die LO-Vorsitzende Wanja   Lundby-Wedin stimmte einem gro&#223;z&#252;gigen Pensionspaket f&#252;r den Chef des   &#8222;Rentenunternehmens&#8220; AMF zu. Es war dieselbe Firma AMF, die die   Rentenzahlungen aktueller Ruhest&#228;ndlerInnen aufgrund gro&#223;er Verluste   seiner Beteiligungen k&#252;rzte. Als dies im Fr&#252;hjahr 2009 &#246;ffentlich   bekannt wurde, zeigte eine Umfrage, dass neunzig Prozent f&#252;r den   R&#252;cktritt Lundby-Wedins vom LO-Vorsitz waren. Ihre Mitgliedschaft in   mehreren Aufsichtsr&#228;ten bringt ihr eine halbe Million Kronen pro Jahr   ein.<\/p>\n<p>  Was die Mitgliederzahlen, ihren Einfluss und ihr gesellschaftliches   Gewicht angeht, war die schwedische Arbeiterbewegung eine der st&#228;rksten   weltweit, vielleicht sogar die st&#228;rkste. Bisweilen waren mehr als 85   Prozent aller Besch&#228;ftigten organisiert. Den H&#246;hepunkt bildete das Jahr   1986 mit 86 Prozent. Seither f&#228;llt der Organisationsgrad, besonders seit   2006. Heute liegt die Zahl bei 71 Prozent und entwickelt sich bis 2025   in Richtung der 61-Prozentmarke, wenn der momentane Trend nicht   umgekehrt werden kann.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend des &#8222;goldenen Zeitalters&#8220; des Kapitalismus konnten die   Gewerkschaften stetig f&#252;r steigende L&#246;hne sorgen, und es gab Arbeit f&#252;r   alle. In dieser Periode wurde die Burgfriedenspolitik zur Normalit&#228;t;   Arbeitgeber, LO-F&#252;hrung und sozialdemokratische Regierung arbeiteten   Hand in Hand, um Wachstum zu f&#246;rdern. Die Tarifautonomie war der   Eckpfeiler, der sich &#8222;zu einem System zentral koordinierter Lohnrunden   entwickelte. Von den 1950ern bis in die 1980er Jahre hinein waren   Lohnverhandlungen in Schweden die Sache von LO und seinem Gegenpol, dem   SAF (schwedische Arbeitgebervereinigung). Es oblag den landesweiten   Gewerkschaften, den allgemeinen Lohnrahmen ihren jeweiligen Branchen des   Arbeitsmarkts anzupassen&#8220;, wie die LO es in einer kurzen Brosch&#252;re   beschrieb.<\/p>\n<p>  Seitdem hat sich die Lohnentwicklung, wie sie in Schweden genannt wird,   ver&#228;ndert. Heute verhandelt jede landesweite Gewerkschaft unmittelbar   mit ihrem jeweiligen Gegenpart auf der Arbeitgeberseite, und was sie   unterzeichnen, garantiert bestenfalls eine minimale Lohnerh&#246;hung f&#252;r die   betreffenden ArbeiterInnen &#8211; was letztlich auf der Lohnabrechnung   erscheint, obliegt dann Entscheidungen f&#252;r den jeweiligen Arbeitsplatz   oder individuellen &#8222;Verhandlungen&#8220;. Durch den Abbau kollektiver   Kampfkraft hat diese Dezentralisierung und Individualisierung der L&#246;hne   den Besch&#228;ftigten nat&#252;rlich nichts gebracht.<\/p>\n<p>  Dennoch ist die akzeptierte Lohnvereinbarung f&#252;r alle Besch&#228;ftigten   verbindlich. Seit 1928 gilt es als kriminelle Handlung, gegen eine   einmal gef&#228;llte, meist f&#252;r zwei oder drei Jahre g&#252;ltige Vereinbarung zu   streiken. Umgekehrt bedeutet das, dass die Gewerkschaften mit ihren   Untergliederungen hohe Strafen zahlen m&#252;ssen (die Summe ist &#252;ber die   Jahre stark angestiegen), wenn sie in Streik treten oder auch nur verbal   einen Streik unterst&#252;tzen, der innerhalb des Zeitrahmens stattfindet,   f&#252;r den eine Lohnvereinbarung gilt. ArbeiterInnen, die sich an einem so   genannten wilden Streik beteiligen, laufen nicht nur Gefahr, Strafen   zahlen zu m&#252;ssen, sie k&#246;nnen sogar entlassen werden. Kurz gefasst hei&#223;t   das: ist eine Lohnvereinbarung einmal in Kraft, so sind Streiks verboten.<\/p>\n<p>  In den letzten zwanzig Jahren sind die schwedischen Arbeitsgesetze immer   repressiver geworden: h&#246;here Strafen, l&#228;ngere Vorlaufzeiten bei   Streikma&#223;nahmen, verpflichtende Schlichtungsverhandlungen durch   staatliche Einrichtungen (das nationale Schlichtungsb&#252;ro), die die   rechtliche Befugnis haben, betriebliche Aktionen auszusetzen usw. All   diese Ma&#223;nahmen wurden von der Sozialdemokratie entweder unterst&#252;tzt   oder gar eingef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  In der r&#252;ckschrittlichen Phase des Kalten Krieges mit ihrer Hexenjagd   auf KommunistInnen und andere Linke, wurden nahezu alle Elemente von   Arbeiterdemokratie innerhalb der Gewerkschaften abgeschafft. Die Linke   wurde marginalisiert und zum Schweigen gebracht. Die Gewerkschaften   wurden stark b&#252;rokratisiert und zentralisiert, gef&#252;hrt von gut bezahlten   hauptamtlichen Funktion&#228;ren (alle f&#252;hrten das Mitgliedsbuch der   Sozialdemokratischen Partei mit sich) und ohne jede M&#246;glichkeit f&#252;r   Mitglieder, Einfluss auf Entscheidungen und Gewerkschaftspolitik zu   nehmen. Schon in den 1950er Jahren verloren die Mitglieder das Recht,   &#252;ber landesweit geltende Lohnvereinbarungen abzustimmen oder   Gewerkschaftsvertreter zu w&#228;hlen, w&#228;hrend die Periode zwischen den   Gewerkschaftstagen immer mehr ausgedehnt wurde.<\/p>\n<p>  Lange Zeit waren die schwedischen Sozialdemokraten, neben ihrer   &#246;sterreichischen Schwesterpartei, die europ&#228;ische Partei mit dem   h&#246;chsten Anteil an Mitgliedern in Bezug auf ihre Wahlergebnisse. Die   Partei konnte sich Mitte der 1980er Jahre damit r&#252;hmen, 1,2 Millionen   Mitglieder zu haben. Und das in einem Land mit nur 8,3 Millionen   EinwohnerInnen (1985). Die meisten Mitglieder entstammten den lokalen   Gewerkschaftsgliederungen, da diese kollektiv eingegliedert wurden. Als   die kollektive Eingliederung 1990 jedoch ausgesetzt wurde, da die   sozialdemokratische F&#252;hrung damit begann, die Gewerkschaften als &#8222;eine   von vielen Pressure-Groups&#8220; anzusehen, sank die Mitgliederzahl   dramatisch. Schon 1991 war sie um 260.000 zur&#252;ck gegangen, und seitdem   verlor die Partei jedes Jahr fast 10.000 Mitglieder. Wenn der momentane   Trend anh&#228;lt, hat sie in 15 Jahren gar keine Mitglieder mehr!<\/p>\n<h4>  &quot;Systemwechsel&quot;<\/h4>\n<p>  Es war die sozialdemokratische Regierung, die in den sp&#228;ten 1980ern   einf&#252;hrte, was in Schweden als der &#8222;Systemwechsel&#8220; gilt: das   Zur&#252;ckdr&#228;ngen &#246;ffentlicher F&#252;rsorge kombiniert mit Deregulierung und   Privatisierung. Diese Wende nach rechts wurde aufgrund verschiedener   internationaler wie innerer Faktoren m&#246;glich:<\/p>\n<p>  1. Es gab keine linke oder oppositionelle Richtung innerhalb der Partei,   die nach dem Rausschmiss der MarxistInnen (Mitglieder des CWI) in den   fr&#252;hen 1980ern dem neuen Kurs h&#228;tten etwas entgegen setzen k&#246;nnen. Nach   den Ausschl&#252;ssen verkroch sich die Linke innerhalb der Sozialdemokratie,   wie wir zu jenem Zeitpunkt vorausgesagt hatten, oder entwickelte sich   nach rechts, um auf die Suche nach &#8222;neuen Ans&#228;tzen&#8220; zu gehen. Zur   gleichen Zeit nahm auch die Zahl linker AktivistInnen innerhalb der   Gewerkschaften ab.<\/p>\n<p>  2. Die Stagnation des schwedischen Kapitalismus lie&#223; keinen Raum f&#252;r   eine Ausweitung des<\/p>\n<p>  Wohlfahrtsstaates. Stattdessen forderte der Kapitalismus K&#252;rzungen bei   den Staatsausgaben und den Anteilen der Besch&#228;ftigten am Volkseinkommen.<\/p>\n<p>  3. Die Beschleunigung der Globalisierung und zunehmender, von au&#223;en   aufgezwungener, Wettbewerb f&#252;hrten zu einem neuen neoliberalen Regime   weltweit, nachdem der Keynesianismus der 1970er gescheiter war.<\/p>\n<p>  4. Der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten 1989 bis 1991 gab   diesen Entwicklungen<\/p>\n<p>  weiteren Auftrieb. Dazu z&#228;hlt auch die Rechtswende der Sozialdemokratie,   nicht nur in Schweden. In Westeuropa war ein Sozialwesen auch deshalb   eingef&#252;hrt worden, um im Wettbewerb mit dem Stalinismus in Russland und   Osteuropa gesellschaftliche Unterst&#252;tzung f&#252;r den Kapitalismus zu   erlangen. Als der Stalinismus zusammenbrach, waren die Kapitalisten noch   mehr denn je &#252;berzeugt, dass der Sozialstaat unn&#246;tig und ein   kostspieliger Luxus sei und dass die Umwandlung &#246;ffentlicher Leistungen   in neue private profitable M&#228;rkte er&#246;ffnen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  In Schweden begann die Sozialdemokratie den Systemwechsel mit der   Deregulierung der Kapitalm&#228;rkte und des Finanzsektors. Die Deregulierung   der 1980er brachte einen innerschwedischen Geldmarkt wie auch einen   exzessiv raschen Kreditboom hervor, der Spekulation und   Spekulationsblasen wachsen lie&#223; (der Gro&#223;teil des geliehenen Geldes ging   in die Anh&#228;ufung von Grundeigentum). Der somit erzeugten Immobilienblase   folgten Kapitalabschreibungen in gro&#223;em Ausma&#223;, Einkommensverluste und   insolvente Banken. Viele Bankh&#228;user brachen zusammen und der Staat   musste eingreifen.<\/p>\n<p>  Ebenfalls in den 1980ern wurde immer weniger zum Beispiel f&#252;r den   Gesundheitssektor zur Verf&#252;gung gestellt. Der Anteil dessen am BIP fiel.   &#8222;Eine weitere Folge ist, dass w&#228;hrend der 1980er der Prozentsatz des   Bruttosozialprodukts, der f&#252;r medizinische Versorgung aufgewendet wurde,   in der Tat in Schweden r&#252;ckl&#228;ufig war. Schweden war das einzige Land   weltweit, in dem so etwas vor 1996 geschah&#8220;, schrieb Andrew C. Twaddle   in seinem Buch &#8222;Gesundheitsreformen in Schweden 1980-1994&#8220;. Die alte   Bedeutung des Begriffes Reform hatte keine G&#252;ltigkeit mehr. Von nun an   waren &#8222;Reformen&#8220; zu Gegen-Reformen geworden. Beispielhaft vorgef&#252;hrt   wurde dies durch die gro&#223;e Steuerreform, die offiziell den Titel   &#8222;Steuerreform des Jahrhunderts&#8220; trug und 1991 umgesetzt wurde. Diese   sogenannte Reform, die gemeinsam von Sozialdemokraten in der Regierung   und der b&#252;rgerlich-liberalen Volkspartei (Folkpartiet) ausgearbeitet   wurde, beendete, was vom progressiven Steuersystem noch &#252;brig war. Die   &#8222;Steuerreform&#8220; senkte die Einkommenssteuern vor allen f&#252;r die   Besserverdienenden, w&#228;hrend die Verbrauchssteuern auf 23 Prozent   angehoben wurden. &#8222;Aufgrund der Steuerwende kam es zu Kontroversen, weil   diese als Abkehr vom Ideal der egalit&#228;ren Gesellschaft betrachtet wurde,   dem viele Schweden anh&#228;ngen&#8220;, kommentierte die New York Times (20.   Februar 1990). Handelte es sich noch um eine moderate Beschreibung des   Ausma&#223;es an Opposition und wie die Durchschnittsb&#252;rgerInnen diese   &#8222;Reform&#8220; wahrnahmen.<\/p>\n<h4>  1990er Jahre<\/h4>\n<p>  Diese rechtslastige Politik der Sozialdemokratie ebnete den Weg f&#252;r die   vernichtende Wahlniederlage im September 1991. Sie kam zur gleichen Zeit   wie die schwerste Krise des schwedischen Kapitalismus seit den   1920er\/1930er Jahren. S&#228;mtliche weitreichenden Ma&#223;nahmen der   konservativen Regierung von 1991 bis 1994 wurden von der   Sozialdemokratischen Partei unterst&#252;tzt. Darunter auch der beginnende   Verkauf von Staatsbetrieben. Trotzdem versch&#228;rfte sich die Krise und im   November 1992 konnte nicht einmal die Anhebung des Leitzinses der   Zentralbank um 500 Prozent den Abzug des spekulativen Kapitals aus dem   Land stoppen. Die Regierung war gezwungen, den festen Wechselkurs   auszusetzen und eine Entwertung durchzuf&#252;hren. Das war die Diktatur des   Marktes. &#8222;Die Bankenkrise kam &#252;ber uns. Um das System vor dem Kollaps zu   bewahren, war die Zentralregierung gezwungen, rasch und mit einer   allgemeinen, f&#252;r alle geltenden Blanko-Garantie einzugreifen, die   versprach, dass alle schwedischen Banken ihre momentanen und zuk&#252;nftigen   Verbindlichkeiten gegen&#252;ber den Schuldnern bedienen konnten.&#8220; (Aus einer   Rede des stellv. Vorsitzenden der Zentralbank Lars Nyberg, M&#228;rz 2006).   Verschiedene Banken wurden verstaatlicht oder waren gen&#246;tigt, um   &#246;ffentliche Gelder zu bitten, um das Gesch&#228;ft weiterf&#252;hren zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Laut New York Times gab die Regierung vier Prozent des BIP oder   mindestens 65 bis 70 Milliarden Kronen (ca. 65 Millionen Euro; Erg. d.   &#220;bers.) aus, um die Banken zu retten. Ein Haushaltsplus des Jahres   1990\/91 verwandelte sich in ein Defizit von zehn Prozent des BIP im   Haushaltsjahr 1993\/94, und die Staatsverschuldung stieg von 43 Prozent   des BIP 1990 auf 78 Prozent im Jahre 1994. Als die Sozialdemokraten   allerdings 1994 wieder an die Macht kamen, wurde die Verschuldung als   Grund f&#252;r ein wildes K&#252;rzungsprogramm mit Ausgabek&#252;rzungen,   Steuererh&#246;hungen und marktorientierten Reformen genommen. In seinen   Grundz&#252;gen wurde dieses Programm von der Linkspartei, der ehemaligen   Kommunistischen Partei, unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  F&#252;r Menschen aus der Arbeiterklasse war die Krise damit freilich nicht   vor&#252;ber. Dem Wirtschaftswachstum nach 1994 folgten keine Verbesserungen   bei Lebensbedingungen oder Jobsicherheit. Es f&#252;hrte noch nicht einmal zu   einer Pause neoliberaler Attacken &#8211; im Gegenteil.<\/p>\n<p>  &#8222;Die 1990er k&#246;nnen in Schweden als Jahrzehnt der Massenarbeitslosigkeit   beschrieben werden. Ein betr&#228;chtlicher Teil der Bev&#246;lkerung war in   diesem Jahrzehnt zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen. Nicht weniger   als 1,8 Millionen Menschen &#8211; nahezu vierzig Prozent aller zwischen 18   und 60 Jahren in den 1990ern &#8211; waren zumindest zweitweise als   arbeitssuchend registriert&#8220;, gab die Wohlfahrtskomission bekannt.<\/p>\n<p>  Die Zahl der ArbeiterInnen, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag   hatten, sank w&#228;hrend der 1990er von 3,6 Millionen auf nur noch etwas   &#252;ber drei Millionen, w&#228;hrend die Zahl der ZeitarbeiterInnen von 400.000   auf 520.000 (15 Prozent aller Besch&#228;ftigten) wuchs. Trotz jahrelangem   &#246;konomischen Wachstums lag die Arbeitslosigkeit 1999 bei 5,6 Prozent,   verglichen mit 1,7 Prozent 1990. Schweden war pl&#246;tzlich meilenweit   entfernt vom alten sozialdemokratischen Ziel &#8222;Arbeit f&#252;r alle&#8220;. Und in   der Tat wurde dieser Wahlspruch zu jener Zeit auch aufgegeben. Die 1994   gew&#228;hlte sozialdemokratische Regierung ging sogar noch weiter als ihre   Vorg&#228;nger, die etablierten b&#252;rgerlichen Parteien.<\/p>\n<p>  K&#252;rzungen beim Kinderfreibetrag wurden durchgef&#252;hrt: Zum ersten Mal   &#252;berhaupt wurde der Realwert dieser Sozialleistung gek&#252;rzt. Die   Arbeitslosenhilfe wurde 1996 auf 75 Prozent des Einkommens   heruntergefahren, nachdem sie 1993 noch bei 90 Prozent gelegen hatte.   Und trotzdem erhielten immer weniger ArbeiterInnen diese 75 Prozent, da   bei der Arbeitslosenversicherung eine Obergrenze existiert &#8211; als maximal   auszahlbare Summe. Wegen dieser Ver&#228;nderungen fiel die durchschnittliche   Bezugsrate beim Arbeitslosengeld von 81,3 Prozent auf 70,5 Prozent der   Einkommen. (Nach den aktuellen K&#252;rzungen der Regierung bei der   Arbeitslosenunterst&#252;tzung im Jahr 2006 liegt die durchschnittliche   Bezugsrate bei unter 51 Prozent).<\/p>\n<p>  Dar&#252;ber hinaus wurde auch bei der Krankenversicherung gestrichen, es ist   schwerer geworden, Mietzusch&#252;sse zu erhalten und so weiter. Alle Teile   des sozialen Sicherungssystems waren betroffen. Diese Angriffe l&#246;sten   die gr&#246;&#223;te Protestbewegung seit Jahrzehnten aus. Es begann mit Streiks   und Demonstrationen der Sch&#252;lerInnen. Der Kampf der Sch&#252;lerInnen wurde   initiiert von &#8222;Elevkampanjen&#8221;, einer sozialistischen Jugendbewegung, die   1989\/90 von jungen Mitgliedern des CWI gegr&#252;ndet wurde. Insgesamt nahmen   45.000 Sch&#252;lerInnen an den Demonstrationen und dem von &#8222;Elevkampanjen&#8221;   organisierten Protesttag im Fr&#252;hjahr 1995 teil. Den K&#228;mpfen der   Sch&#252;lerInnen folgten die der ArbeiterInnen, Arbeitslosen, Kranken,   Behinderten und weiterer von den Ma&#223;nahmen der Regierung betroffener   Gruppen.<\/p>\n<p>  &#8222;Schweden in Aufruhr&#8220;, lautete 1996 die Schlagzeile des Expressen, eine   der gr&#246;&#223;ten Tageszeitungen des Landes. Am Ende des Jahres stand Schweden   kurz vor einem politischen Streik gegen die Regierung. Zuvor dachten   viele ArbeiterInnen, dass die Sozialdemokraten m&#246;glicherweise vom Weg   abgekommen seien; jetzt realisierten sie, dass die Partei einen   vollkommen neuen, kapitalistischen Weg des Abbaus des Wohlfahrtsstaates   und zuvor erreichter Errungenschaften beschritten hatten.<\/p>\n<p>  Der sozialdemokratische Premierminister r&#252;hmte sich sogar damit, dass   Schweden den Weltrekord bei Ausgabenk&#252;rzungen gebrochen hatte. Vom IWF   beispielsweise wurden die Sozialdemokraten und ihre Politik gelobt, der   1999 schrieb: &#8222;Die finanzpolitische Neuausrichtung wurde seit Einf&#252;hrung   des Konsolidierungsprogramms 1994 tiefgreifend. Eine Kombination aus   Ausgabenk&#252;rzungen und Steuererh&#246;hungen sorgte, erg&#228;nzt durch reduzierte   Zinss&#228;tze, f&#252;r eine strukturelle Verbesserung in H&#246;he von bis zu zehn   Prozent des BIP und f&#252;hrte zu einem Finanzplus von 2,2 Prozent im Jahre   1998 [&#8230;.]. Mit Blick in die Zukunft wird die Ausgabenkontrolle durch   eine umfangreiche Reform des Altersrentensystems verst&#228;rkt und erg&#228;nzt   durch ein im Aufbau begriffenes Programm der Restrukturierung und   Privatisierung von Unternehmungen des &#246;ffentlichen Sektors [&#8230;]&#8220;   (IWF-Bericht &#252;ber Schweden, 2. September 1999).<\/p>\n<p>  W&#228;hrend der 1990er Jahren hat sich der Anteil jener Privatangestellten,   die &#252;ber privatisierte oder ausgegliederte Bereiche letztlich f&#252;r die   Kommunen arbeiten verdoppelt und steigt seither weiter an. Auch im   staatlichen Sektor gibt es dieselbe Entwicklung. Die Zahl der   Staatsangestellten hat sich von 400.000 im Jahr 1997 auf 200.000 zwanzig   Jahre sp&#228;ter halbiert. Die sozialdemokratischen Regierungen, die   zwischen 1994 und 2006 regierten, haben Staatsverm&#246;gen im Wert von 116   Milliarden Kronen (16,4 Milliarden U.S.-Dollar) verkauft. In vielen   Bereichen hat das sozialdemokratisch regierte Schweden bei der   Einf&#252;hrung der &quot;marktwirtschaftlichen Reformen&quot; und der neoliberalen   Agenda der Europ&#228;ischen Union (EU) die F&#252;hrung &#252;bernommen.<\/p>\n<p>  &quot;&#214;ffentliche Einrichtungen&quot;, die aber von einem nicht &#246;ffentlichen   Akteur &quot;produziert&quot; werden, wurden in Bereichen wie Kinderbetreuung,   Sozialarbeit und Altenbetreuung immer h&#228;ufiger.1996 hat Schweden seinen   Elektrizit&#228;tssektor dereguliert und privaten Wettbewerb bei der   Verteilung zugelassen. Auch die Telekommunikation, die Post und der   &#246;ffentliche Transport wurden dereguliert. Und staatliche Betriebe,   inklusive Banken, die w&#228;hrend der Krise 1992-93 verstaatlicht worden   waren wurden verkauft nachdem ihre Verluste der &#246;ffentlichen Hand   aufgebrummt worden waren.<\/p>\n<h4>  Rentenreform<\/h4>\n<p>  &#8222;Ein anderes Gebiet, auf dem Schweden den Weg gewiesen hat, ist das der   Rentenreform [&#8230;]. Mit der Umsetzung der Rentenreform zur   Beitragsdeckelung wurde 1998 ein System geschaffen, welches in der Tat   nicht dazu f&#252;hrt, dass Einzahlern in die Rentenkassen ein hohes   Altersgeld garantiert wird.&#8220; (Schweden in Europa, Rede des stellv.   Vorsitzenden der Zentralbank Lars Nyberg, 2003). Diese sogenannte   Rentenreform &#8211; die Privatisierung und K&#252;rzung der Renten &#8211; f&#252;hrte im   restlichen Europa &#252;berall dort zu Aufruhr, wo Regierungen planten, sie   zu kopieren.<\/p>\n<p>  Die Sozialdemokraten kehrten auch das sogenannte System von der freien   Schulwahl nicht um, das 1992 von ihren politischen Gegnern eingef&#252;hrt   wurde und Grund daf&#252;r war, weshalb es zu einem Anstieg der Zahl an   Privatschulen kam. 1991 lag der Anteil der Sch&#252;lerInnen an   weiterf&#252;hrenden Schulen, die zu einer Privatschule gingen, bei 1,5   Prozent. Heute liegt die Zahl bei 17 Prozent. In den 1990er Jahren wurde   auch der Gesundheitssektor f&#252;r private Anbieter ge&#246;ffnet. Die in   Schweden gezahlten Steuern sollten den B&#252;rgerInnen das Recht auf soziale   Sicherheit, Gesundheitsschutz usw. einr&#228;umen. Das steht allerdings nur   auf dem Papier. Zu den Steuerforderungen addieren sich noch Geb&#252;hren   beim Arztbesuch, f&#252;r den Krankenhausaufenthalt etc. Das alles sind   Extrageb&#252;hren, die &#252;ber die Jahre hinweg zugenommen haben. In Stockholm   kostet ein Arztbesuch jetzt 140 Kronen (ca. 13,- &#8364;; Erg. d. &#220;bers.) und   300 Kronen (gut 30,- &#8364;; Erg. d. &#220;bers.) macht es, will man einen   Facharzt konsultieren. Der Besuch eines Zahnarztes kostet ein halbes   Verm&#246;gen: normaler Weise &#252;ber 600 Kronen (rund 60,- &#8364;; Erg. d. &#220;bers.)   f&#252;r eine Kontrolluntersuchung, wobei f&#252;r eine einfache Zahnf&#252;llung noch   mehr verlangt wird. 850.000 SchwedInnen k&#246;nnen sich laut einer j&#252;ngsten   Studie nicht mehr leisten, einen Zahnarzt aufzusuchen.<\/p>\n<p>  Dank der Idee vom &#8222;kleineren &#220;bel&#8220;, waren die Sozialdemokraten in der   Lage, nach den Wahlen von 1998 und 2002 im Amt zu bleiben. ArbeiterInnen   votierten vielmehr gegen die etablierten rechts-konservativen Parteien   als f&#252;r die Sozialdemokratie. Die Partei genie&#223;t nicht die Unterst&#252;tzung   fr&#252;herer Zeiten und ihr Stimmenanteil geht seit 1994 stark zur&#252;ck. Bei   den letzten Wahlen 2006 fuhr die Partei ihr schlechtestes Ergebnis seit   1921 ein, dem Jahr, als das Frauenwahlrecht &#252;berhaupt erst eingef&#252;hrt   wurde. Es war ein Wahldesaster, das Parteichef Persson zum R&#252;cktritt   zwang.<\/p>\n<p>  Die Partei wechselte ihre F&#252;hrungsriege aus, doch die Politik blieb   dieselbe. Auf diversen Feldern ist die Sozialdemokratie nach ihrer   Niederlage 2006 weiter nach rechts ger&#252;ckt. Die neuen K&#246;pfe hoben die   Notwendigkeit hervor, Stimmen der st&#228;dtischen Mittelschicht zu gewinnen.<\/p>\n<p>  Die jetzige konservative Regierung, die 2006 gew&#228;hlt wurde, begann ihre   Amtszeit mit drastischen K&#252;rzungen bei der Arbeitslosenhilfe und den   Sozialversicherungen mit dem Ziel, einen Niedriglohnsektor zu   etablieren. Als die globale kapitalistische Krise einsetzte, machte dies   die Lage nur noch schlimmer. Nie zuvor in der modernen Geschichte war   Schweden mit so gro&#223;en L&#246;chern im sozialen Netz in eine Krise geraten.<\/p>\n<p>  Diese Regierung will fast alle verbliebenen staatlichen Betriebe   verkaufen, s&#228;mtliche &#246;ffentlichen Aktivit&#228;ten dem &#8222;Wettbewerb&#8220; &#246;ffnen   und &#220;bernahmen durch Privatunternehmen erm&#246;glichen. Weil schwedische   ArbeiterInnen schlechter abgesichert sind als fr&#252;her &#8211; mehr Menschen als   zuvor fehlt es beispielsweise an einer Arbeitslosenversicherung &#8211;   entwickelt sich die momentane Wirtschaftskrise mehr und mehr zu einer   sozialen Krise. In den letzten zw&#246;lf Monaten ist die Arbeitslosigkeit   von 5,9 Prozent auf 8,3 Prozent gestiegen und wird 2011 voraussichtlich   die 12-Prozent-Marke erreichen.In Schweden ist es recht einfach,   unbefristet angestellte Besch&#228;ftigte zu entlassen. Der Arbeitgeber muss   nur den Mangel an Auftr&#228;gen anf&#252;hren, um Arbeitsvertr&#228;ge aufl&#246;sen zu   k&#246;nnen. Das erkl&#228;rt, warum die Arbeitslosigkeit in Schweden schneller   zunimmt als in vielen anderen L&#228;ndern. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt   bei 30 Prozent und ist damit eine der h&#246;chsten in ganz Europa.<\/p>\n<p>  Sozialdemokraten, Linkspartei und die Gr&#252;nen haben j&#252;ngst ein B&#252;ndnis   gegr&#252;ndet, das sich Rot-Gr&#252;n nennt. Es ist aber weder rot noch gr&#252;n.   Sozialdemokraten und die Gewerkschaftsbewegung in Schweden stehen vor   einer historischen Krise. Sie haben ihre Wurzeln, ihren Einfluss und   ihre Unterst&#252;tzung verloren und keine Aussicht darauf, ihre alten   Grundfesten wieder zu Erlangen, weil ihre Politik und ihre Methoden   weitere Angriffe darauf bedeuten, was vom allgemeinen Wohlfahrtssystem   noch &#252;brig ist. Die sozialdemokratische Partei ist zu einer leeren H&#252;lle   verkommen. Die neue Vorsitzende, Mona Sahlin, sagte vor kurzem: &#8222;Ich   habe das Gef&#252;hl, das j&#252;ngste Parteimitglied zu sein, und ich bin 53.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Aufgabe, die sich f&#252;r wirkliche SozialistInnen in Schweden, wie auch   in anderen L&#228;ndern stellt, ist der Wiederaufbau der Arbeiterbewegung auf   sozialistischer Basis &#8211; eine neue sozialistische Massenpartei der   ArbeiterInnen muss aufgebaut und die Gewerkschaften m&#252;ssen zu   demokratischen und k&#228;mpfenden Organisationen gemacht werden. Die   wichtigste Schlussfolgerung, die aufgrund der Erfahrungen in Schweden   gezogen werden muss, ist, dass keine soziale Errungenschaft von Dauer   ist, so lange der Kapitalismus weiter besteht. Dies gilt umso mehr in   einer Krisenperiode, wenn revolution&#228;re K&#228;mpfe vonn&#246;ten sind, um auch   nur die geringsten Zugest&#228;ndnisse von der Kapitalistenklasse zu   erzwingen und Arbeitspl&#228;tze zu retten. Aus diesem Grund, da die Basis   f&#252;r soziale Reformen innerhalb des Kapitalismus ausgeh&#246;hlt ist, besteht   der einzig gangbare Weg darin, den Kampf f&#252;r Sozialismus und eine   demokratisch geplante Wirtschaftsweise zu f&#252;hren.<\/p>\n<p>  <b>Webseite der Sozialistischen Gerechtigkeitspartei: <a href=\"http:\/\/www.socialisterna.org\">www.socialisterna.org<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Aufstieg und Fall des &#8222;Schwedischen Modells&#8220;\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13469"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13469"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13469\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}