{"id":13464,"date":"2010-01-13T00:00:00","date_gmt":"2010-01-12T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13464"},"modified":"2012-06-28T16:12:26","modified_gmt":"2012-06-28T14:12:26","slug":"13464","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13464\/","title":{"rendered":"Ausbildungsumlage statt Ausbildungsplatzabgabe?"},"content":{"rendered":"<p>  Ausbildungspl&#228;tze sind Mangelware<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Hunderttausende Ausbildungspl&#228;tze fehlen. Im Jahr 2007 standen 625.885   Jugendlichen, die eine Lehrstelle ergattern konnten, 668.227 gegen&#252;ber,   die in so genannten &#8222;Qualifizierungs- und F&#246;rderungsma&#223;nahmen&#8220; geparkt   wurden (Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung).<\/p>\n<p>  Seitdem hat sich die Lage noch versch&#228;rft. Im Krisenjahr 2009 standen   insgesamt nur 408.439 betriebliche Ausbildungspl&#228;tze zur Verf&#252;gung; es   wurden 9,2 Prozent weniger Ausbildungsvertr&#228;ge als im Vorjahr   abgeschlossen. Weniger als ein Viertel aller Betriebe bildet &#252;berhaupt   aus. 25 Prozent der Unternehmen geben an, die Zahl der Lehrstellen   weiter reduzieren zu wollen.<\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund fordern die Gewerkschaften eine   Ausbildungsumlage. Oft wird dieser Begriff mit der   Ausbildungsplatzabgabe durcheinander gebracht. Im Gegensatz zur Abgabe   meint die Umlage aber, dass Unternehmen, die nicht ausbilden, in einen   Ausbildungsfonds (bevorzugt der jeweiligen Berufsgenossenschaft)   einzahlen sollen. Aus diesem Fonds werden dann gerade die ausbildenden   Betriebe unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Mit der Forderung nach einer Abgabe sollen ebenfalls Unternehmen, die   nicht ausbilden, zur Kasse gebeten werden. In diesem Fall werden aber   nicht einfach ausbildende Betriebe subventioniert. Zumal gerade die   privaten Unternehmen heute Azubis besch&#228;ftigen, die sich davon einen   Nutzen, sprich Profit versprechen. Vielmehr sollen mit der Abgabe &#8211;   anders als bei der Umlage &#8211; neue Ausbildungspl&#228;tze im &#214;ffentlichen   Dienst geschaffen werden.<\/p>\n<h4>  PRO:<i> <\/i><\/h4>\n<p>  <i>Thorsten Schmidt, Vorsitzender der DGB-Jugend Saar <\/i><\/p>\n<p>  <i>Holger Meuler, DGB-Landesbezirk Saar<\/i><\/p>\n<p>  Derzeit bilden in Deutschland gerade einmal knapp 23 Prozent der   Betriebe im Dualen System [Berufsschule und Betrieb] aus. Das ist ein   Skandal! Der Exportschlager &#8222;Duale Ausbildung&#8220; wird von der deutschen   Wirtschaft aufgrund vorgeschobener Kostendebatten vernachl&#228;ssigt.   Ausbildung koste zu viel, gesetzliche Einschr&#228;nkungen machten den   Einsatz von Auszubildenden unrentabel &#8211; viele weitere solcher   Scheinargumente werden in Arbeitgeberreihen gern aufgelistet.<\/p>\n<p>  Die Wahrheit jedoch sieht anders aus. Das Bundesinstitut f&#252;r Berufliche   Bildung (BiBB) untersucht in regelm&#228;&#223;igen Abst&#228;nden die Kosten der   Berufsausbildung. Diese Untersuchung belegt, dass Ausbildung in der   Regel f&#252;r die Betriebe einen direkten monet&#228;ren Ertrag bringt. Klar, es   gibt Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausbildungsberufen und   Branchen, aber im Gro&#223;en und Ganzen ist das Ergebnis klar: Nach einer   sachlichen Analyse der Kosten-Nutzen-Rechnung ist eindeutig   festzustellen, dass die Vorteile f&#252;r die ausbildenden Betriebe alle bei   einer Fachausbildung anfallenden Kosten weit in den Schatten stellen.<\/p>\n<p>  Selbst in Zeiten der (selbst verursachten) Krise wissen die Betriebe   genau, dass sie ein Fachkr&#228;ftemangel erwarten wird. Und dies vor dem   Hintergrund, dass j&#228;hrlich &#252;ber 200.000 Jugendliche bei der Suche nach   einem Ausbildungsplatz leer ausgehen.<\/p>\n<p>  Bereits 1980 hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die   Wirtschaft &#8222;ein auswahlf&#228;higes Angebot zur Verf&#252;gung stellen muss&#8220;. Seit   dieser Zeit k&#228;mpft die DGB-Jugend verst&#228;rkt f&#252;r die Ausbildungsumlage.   Das System ist relativ einfach erkl&#228;rt: Betriebe, die nicht ausbilden   oder nicht ausreichend ausbilden (hier ist noch die Frage, wie hoch die   Ausbildungsquote sein muss: sechs oder zehn Prozent?), zahlen den   Betrag, der gem&#228;&#223; der Berechnungen des BiBB die fehlenden   Ausbildungspl&#228;tze kosten w&#252;rde. Somit w&#252;rde verhindert, dass sich die   Betriebe &#8222;freikaufen&#8220;, so wie es leider oft bei der so genannten   &#8222;Schwerbehindertenabgabe&#8220; passiert. Au&#223;erdem w&#252;rde durch diese Koppelung   eine Gerechtigkeit geschaffen, die die realistischen Kosten der   Berufsausbildung widerspiegelt. Mit den eingezahlten Geldern k&#246;nnten   dann Betriebe refinanziert werden, die &#252;ber der festegelegten   Ausbildungsquote ausbilden, oder es k&#246;nnten au&#223;erbetriebliche   Ausbildungseinrichtungen unterst&#252;tzt werden. Allerdings ist auch klar,   dass die Finanzierung betrieblicher Ausbildung Vorrang vor   au&#223;erbetrieblicher Ausbildung haben muss.<\/p>\n<p>  Dieses &#8222;Umlagesystem&#8220; funktioniert schon seit Jahrzehnten in   unterschiedlichen Branchen, zum Beispiel im Baugewerbe oder bei den   Schornsteinfegern. Warum also nicht auch in der gesamten Wirtschaft?<\/p>\n<p>  Bei einer Ausbildungsabgabe, die nicht an die Kosten der Ausbildung   gekoppelt ist, ist ebenfalls nicht geregelt, was mit den eingenommenen   Geldern passiert. Dies birgt die Gefahr der Beliebigkeit. Au&#223;erdem   k&#246;nnte sich die Wirtschaft ebenso &#8222;freikaufen&#8220;, wie es &#8211; wie bereits   erw&#228;hnt &#8211; eben bei der &#8222;Schwerbehindertenabgabe&#8220; geschieht.<\/p>\n<p>  Durch ein System der Ausbildungsumlage k&#246;nnte letztendlich auch eine   Steuerung von zukunftstr&#228;chtigen Ausbildungsberufen erfolgen und sogar   die Berufswahlorientierung verbessert werden. Dadurch k&#246;nnte bei einem   dann vorhandenen und wirklich auswahlf&#228;higen Angebot jede und jeder   Jugendliche den Ausbildungsplatz bekommen, den er oder sie auch m&#246;chte.<\/p>\n<p>  Mit dieser Ma&#223;nahme k&#246;nnte Ausbildungsabbr&#252;chen aufgrund einer viel zu   geringen Auswahl an Ausbildungspl&#228;tzen vorgebeugt werden.<\/p>\n<p>  Bisher hat es einige Versuche gegeben, die Ausbildungsumlage gesetzlich   zu regeln, zuletzt durch die SPD, als diese noch in der   Regierungsverantwortung stand. Allerdings scheiterte dieser   Gesetzesentwurf an der n&#246;tigen Mehrheit im Bund. Es wurde stattdessen   der Ausbildungspakt gegr&#252;ndet, der jedoch ohne finanzielle Sanktionen   agiert, da er lediglich auf Versprechungen der Wirtschaft und deren   Unternehmen basiert. Durch gesch&#246;nte Statistiken werden den B&#252;rgerinnen   und B&#252;rgern angebliche Erfolge dieses Ausbildungspaktes suggeriert.<\/p>\n<p>  Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung und der Verhinderung von   Schmalspurausbildungen fordern wir, dass die Ausbildungsumlage m&#246;glichst   bald eingef&#252;hrt wird. Auch der selbst verursachte Fachkr&#228;ftemangel   k&#246;nnte noch verhindert werden. Doch die Wirtschaft zahlt das vorhandene   Kapital an die Aktion&#228;rInnen aus, anstatt es in Ausbildung zu   investieren. Nicht zuletzt dadurch wird die Umsetzung der   Ausbildungsumlage verhindert.<\/p>\n<h4>  CONTRA:<\/h4>\n<p>  <i>Krischan Friesecke, erwerbsloser Geb&#228;udereiniger, IG-BAU- und   SAV-Mitglied<\/i><\/p>\n<p>  Wie k&#246;nnen ausreichend Ausbildungspl&#228;tze geschaffen und ein   Ausbildungsplatz f&#252;r jeden im erw&#252;nschten Beruf erm&#246;glicht werden? Die   von den Gewerkschaften geforderte Ausbildungsplatzumlage ist der falsche   Weg. Schlie&#223;lich soll das &#8211; von Unternehmen, die nicht oder zu wenig   ausbilden in einen Fonds eingezahlte &#8211; Geld den ausbildenden Betrieben   zu Gute kommen. Unternehmer werden hier also mit den Fondsmitteln noch   daf&#252;r belohnt, dass sie ausbilden. Auf diesem Weg w&#252;rden vor allem die   Profite der Kapitalisten erh&#246;ht, aber nicht anst&#228;ndig bezahlte   Ausbildungspl&#228;tze geschaffen.<\/p>\n<p>  Gern wird das Baugewerbe als Beispiel angef&#252;hrt. Dort wird den   ausbildenden Betrieben durch andere etwa ein Drittel der Kosten   erstattet, die ein Lehrling verursacht. Hier werden Unternehmen durch   eine Reduzierung der Ausbildungskosten gelockt &#8211; statt daf&#252;r   einzutreten, dass diese Unternehmen gute Ausbildungspl&#228;tze in   ausreichender Zahl anbieten m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Sicher k&#246;nnte eine Ausbildungsumlage auch Unternehmer anregen,   zus&#228;tzliche Ausbildungspl&#228;tze zu schaffen. Die Frage ist aber gerade,   welche Qualit&#228;t diese Ausbildungspl&#228;tze h&#228;tten. Schon heute sind   Auszubildende oftmals billige Arbeitskr&#228;fte. Erschreckende Beispiele   finden sich bei der Online-Beratung des Projekts &#8222;Dr. Azubi&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Ausbildungspl&#228;tze, die durch eine Umlage geschaffen w&#252;rden, w&#228;ren in   der Mehrzahl Schmalspurausbildungen, in denen die Jugendlichen nicht   viel lernen. Kaum ein Unternehmer (sicher gibt es auch einige Ausnahmen)   ist an einer qualitativ hochwertigen Ausbildung interessiert, die   &#252;bergro&#223;e Mehrheit will stattdessen kurzfristig m&#246;glichst viel Gewinn   aus billigen Arbeitskr&#228;ften ziehen. Mit der Umlage w&#252;rde diesen   Unternehmern &#252;ber ihre bisherigen Gewinne hinaus noch zus&#228;tzlich Geld   zur Verf&#252;gung gestellt.<\/p>\n<p>  Auch andere Vorschl&#228;ge des DGB, wie beispiels-weise die K&#252;rzung von   Azubi-Verg&#252;tungen zur Schaffung von mehr Ausbildungspl&#228;tzen, sind   abzulehnen. So wurden in der Vergangenheit beispiels-weise in der Eisen-   und Stahlindustrie in Niedersachsen, Bremen und Nordrhein-Westfalen mehr   Ausbildungspl&#228;tze geschaffen und daf&#252;r die Azubiverg&#252;tungen eingefroren.<\/p>\n<p>  In der Chemiebranche lie&#223; sich die IG BCE darauf ein, zugunsten der   Auszubildenden Abstriche bei den sonstigen Forderungen f&#252;r die   Besch&#228;ftigten zu machen. Einen solchen Kuhhandel darf es nicht geben.<\/p>\n<p>  Um die fehlenden Ausbildungspl&#228;tze zu schaffen und Wahlfreiheit zu   erm&#246;glichen, ist eine Ausbildungsabgabe und die Schaffung von   zus&#228;tzlichen Ausbildungspl&#228;tzen im &#214;ffentlichen Dienst notwendig. Wer   nicht ausbildet, muss zahlen! Um die Urheber der Misere zur   Verantwortung zu ziehen, m&#252;ssen Unternehmen, die weniger als zehn   Prozent (gemessen an der Besch&#228;ftigtenzahl von 2008) ausbilden, eine   Abgabe in H&#246;he von 25.000 Euro pro Jahr und Ausbildungsplatz aufbringen.   25.000 Euro sind erstmal eine Orientierung, zusammengesetzt aus 18.000   Euro f&#252;r Entlohnung und die restlichen Mittel f&#252;r Meister,   Ausbildungsleiter und Arbeitsmaterial.<\/p>\n<p>  Eine Ausbildungsquote in H&#246;he von zehn Prozent ist n&#246;tig, damit   Jugendliche eine freie Wahl haben und nicht irgendeine Ausbildung   aufgedr&#252;ckt bekommen.<\/p>\n<p>  Neue Ausbildungspl&#228;tze w&#252;rden durch die Abgabe im &#214;ffentlichen Dienst,   fernab von unternehmerischer Willk&#252;r, geschaffen werden. Heute kann fast   jeder Lehrberuf im &#214;ffentlichen Dienst angeboten werden. Viele Bereiche,   in denen heute privat ausgebildet wird, waren vormals staatlich. Das   trifft beispielsweise auch auf die Geb&#228;udereinigerbranche zu, in der ich   meine Ausbildung absolviert habe. In der Ausbildung wurde mir   beigebracht, wie ich m&#246;glichst schnell arbeiten soll, um so viel   Reinigungsfl&#228;che wie m&#246;glich zu schaffen. Die Qualit&#228;t der Arbeit und   der Ausbildung haben dabei ganz sch&#246;n gelitten. W&#228;re die Ausbildung im   &#246;ffentlichen Bereich gewesen, h&#228;tte es diesen Zeitdruck nicht gegeben.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die Qualit&#228;t in der Privatwirtschaft oftmals leidet, muss das im   &#214;ffentlichen Dienst anders aussehen. Wir brauchen einen   hochqualifizierten &#246;ffentlichen Ausbildungssektor, der den Jugendlichen   die Zeit und den Raum gibt, wirklich zu lernen und sich zu entwickeln.   Profitinteressen haben in der Ausbildung nichts zu suchen. Privatisierte   Bereiche m&#252;ssen rekommunalisiert, der Stellenabbau im &#214;ffentlichen   Dienst muss r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden. Zum Beispiel wurde in Berlin in   den letzten acht Jahren unter dem SPD\/LINKEN-Senat fast die H&#228;lfte aller   Stellen in den Bezirks&#228;mtern weggek&#252;rzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ausbildungspl&#228;tze sind Mangelware\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[48],"tags":[263,270,221],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13464"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13464"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13464\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13464"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13464"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13464"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}