{"id":13456,"date":"2010-01-11T00:00:00","date_gmt":"2010-01-10T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13456"},"modified":"2012-05-15T15:05:11","modified_gmt":"2012-05-15T13:05:11","slug":"13456","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13456\/","title":{"rendered":"Programmdebatte: Zerrei&#223;probe f&#252;r LINKE"},"content":{"rendered":"<p>  Der Kapitalismus stellt die Systemfrage &#8211; die Linkspartei muss sie   beantworten<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>In der seit langem aufgeschobenen Debatte &#252;ber ein Parteiprogramm der   LINKEN geht es um die politische Identit&#228;t und den eigentlichen   Daseinszweck dieser neuen Partei in der Krise des Kapitalismus. Im Laufe   des n&#228;chsten Jahres werden hierzu die Weichen gestellt. Die nach der   Erkrankung vom Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine hochgesp&#252;lte   F&#252;hrungsdebatte ist nur ein weiterer Hinweis darauf, dass die Partei   einer Richtungsentscheidung nicht mehr l&#228;nger ausweichen kann.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Heino Berg, G&#246;ttingen<\/i><\/h4>\n<p>  Bei der Gr&#252;ndung der LINKEN wurde die programmatische Basis der neuen   Partei nicht gekl&#228;rt, sondern vertagt. Allerdings geben in der   Parteif&#252;hrung diejenigen den Ton an, die &#8222;in der BRD angekommen&#8220; (Lothar   Bisky) sind, sich &#8211; wie beim Bankenrettungspaket &#8211; staatstragend zeigen   und nur Reformen im Rahmen des Kapitalismus anstreben.<\/p>\n<p>  Die Partei hat heute einen reformistischen Charakter. Bei der   Programmdebatte stellt sich aber die Frage, ob dieser Anpassungskurs   festgeschrieben wird. Oder ob eine solche programmatische Festlegung   verhindert werden kann &#8211; und so das mit der LINKEN bestehende Potenzial   zum Aufbau einer Partei von Zehntausenden Lohnabh&#228;ngigen, Erwerbslosen   und AktivistInnen gewahrt bleibt. Einer Partei, die einen Bezugspunkt   f&#252;r betriebliche und soziale K&#228;mpfe darstellen kann, Kampagnen   organisiert, nach au&#223;en geht und in der es einen regen Austausch &#252;ber   politische Fragen und Ziele gibt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Programmatische Eckpunkte&#8220;<\/h4>\n<p>  Die von der &#8222;Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit&#8220; (WASG)   und Links-partei.PDS verabschiedeten &#8222;Programmatischen Eckpunkte&#8220; sind   eine Ansammlung von Formelkompromissen. Im Schlusskapitel, den so   genannten &#8222;Nachbemerkungen&#8220;, listen sie die noch nicht gekl&#228;rten   Schl&#252;sselfragen auf, deren Beantwortung gerade die Aufgabe eines   Parteiprogramms w&#228;re: &#8222;Inwieweit m&#252;ssen (f&#252;r eine umfassende   Demokratisierung der Gesellschaft) auch kapitalistische   Eigentumsverh&#228;ltnisse aufgehoben werden? (&#8230;) Welche Bedeutung hat der   Bezug auf Klasseninteressen und -k&#228;mpfe f&#252;r unsere Politik? (&#8230;) Wie ist   das Verh&#228;ltnis zwischen au&#223;enparlamentarischer und parlamentarischer   Arbeit zu gestalten? (&#8230;) Unter welchen Bedingungen kann sich eine linke   Partei an einer Regierung auf Landes- beziehungsweise Bundesebene   beteiligen?&#8220;<\/p>\n<p>  Bis heute sind diese Kernfragen in der Linkspartei nicht grundlegend   diskutiert und gekl&#228;rt worden. Die Antworten, die einzelne   Landesverb&#228;nde und Parlamentarier geben, sind widerspr&#252;chlich: In   Brandenburg wird ein Koalitionsvertrag mit der SPD unterschrieben, der   sich zu massivem Stellenabbau und zum Lissabonner EU-Vertrag bekennt,   w&#228;hrend die Delegierten in Nordrhein-Westfalen ein Wahlprogramm   verabschieden, das sich f&#252;r das genaue Gegenteil einsetzt.<\/p>\n<h4>  Fahrplan<\/h4>\n<p>  Auf Dauer kann dieser Widerspruch nicht unter dem Deckel gehalten   werden. Bereits im Oktober 2007 hatte der Parteivorstand eine   fl&#252;gel&#252;bergreifende Programmkommission eingesetzt, die bis Mitte 2008   einen ersten Programmentwurf vorlegen sollte. Mit Hinweis auf die   anstehenden Wahlk&#228;mpfe wurde dieser Auftrag jedoch bisher nicht   umgesetzt. Anstatt programmatische Unterschiede in der Kommission &#8211; die   zwischen den Vertretern des &#8222;Forum Demokratischer Sozialismus&#8220;, wie der   Bundestagsabgeordneten Caren Lay auf der einen, oder Vorstandsmitglied   und Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht und der emeritierte   FU-Professor Elmar Altvater auf der anderen Seite niemanden &#252;berraschen   w&#252;rden &#8211;, in alternativen Stellungnahmen f&#252;r alle Parteimitglieder   transparent zu machen, wurde die Debatte auf Eis gelegt.<\/p>\n<p>  Inzwischen dr&#228;ngt auch der rechte Parteifl&#252;gel auf eine Entscheidung.   Denn die SPD-F&#252;hrung verlangt als &#8222;Eintrittspreis&#8220; f&#252;r ein &#8211; inzwischen   nicht mehr grunds&#228;tzlich ausgeschlossenes &#8211; Regierungsb&#252;ndnis mit der   LINKEN im Bund nicht zuletzt eine Aufweichung der bisherigen Absage an   Auslandseins&#228;tze der Bundeswehr, die der Regierungsfl&#252;gel der LINKEN   deshalb in ein &#8222;Ausstiegsszenario&#8220; verwandeln m&#246;chte, das den Weg in die   H&#246;lle des Krieges mit guten Vors&#228;tzen pflastert.<\/p>\n<p>  Laut Fraktionschef Gregor Gysi sollen nun im Februar\/M&#228;rz 2010   Programm-Thesen vorgelegt werden. Ein erster Entwurf soll dann im Mai   folgen, aber auf dem Rostocker Bundesparteitag noch keine Rolle spielen,   um die NRW-Wahlen abzuwarten. Die Verabschiedung des Programms ist nun   f&#252;r das zweite Halbjahr 2011 geplant.<\/p>\n<h4>  WASG und LINKE<\/h4>\n<p>  Die WASG war im Gegensatz zur PDS weder durch die SED-Vergangenheit noch   durch die Regierungspraxis in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern   belastet. Sie entstand als Reaktion auf die rot-gr&#252;ne Agenda 2010 und   die Politik des angeblich &#8222;kleineren &#220;bels&#8220;, mit dem Sozial- und   Stellenabbau gerechtfertigt werden. Der Anspruch der WASG, diese   Umverteilungspolitik abzulehnen, hatte &#8211; vor dem Hintergrund der   Anti-Hartz-Proteste &#8211; ihren spektakul&#228;ren Aufschwung und der LINKEN die   nachhaltige Ver&#228;nderung der politischen Landschaft erst erm&#246;glicht. Der   Ablehnung jeder Form von Sozialk&#252;rzungen sollte auch DIE LINKE in ihrem   Programm verpflichtet sein.<\/p>\n<h4>  System- und Klassenfrage<\/h4>\n<p>  Ausgangspunkt des Programms der LINKEN sollte eine Analyse des   kapitalistischen Systems sein. Anders als die etablierten Parteien darf   DIE LINKE die gegenw&#228;rtige Krise nicht als eine reine Finanzkrise abtun,   sondern muss ausarbeiten, dass solche Krisen auf Basis des Kapitalismus   unvermeidlich sind.<\/p>\n<p>  Zudem ist die in den &#8222;Programmatischen Eckpunkten&#8220; aufgeworfene Frage   nach dem &#8222;Bezug auf Klasseninteressen&#8220; eine Schl&#252;sselfrage. Die   Zugeh&#246;rigkeit zu einer Klasse bestimmt sich durch die Stellung, die   jeder in den &#246;konomischen Prozessen einnimmt. Folglich sollte die   Linkspartei entschieden f&#252;r diejenigen eintreten, die gezwungen sind,   ihre Ware Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen &#8211; also &#8222;Partei&#8220;   ergreifen f&#252;r Besch&#228;ftigte und Erwerbslose (aber auch f&#252;r Jugendliche   und Rentner-Innen).<\/p>\n<h4>  Wirtschaftspolitik<\/h4>\n<p>  In den &#8222;Eckpunkten&#8220; strebt DIE LINKE keine Vorherrschaft &#246;ffentlichen   Eigentums an, sondern &#8222;sieht im Vorhandensein unterschiedlicher   Eigentumsformen eine Grundlage f&#252;r eine effiziente und demokratische   Wirtschaft&#8220;. Der Berliner Parteitag lehnte die Verstaatlichung der   Schl&#252;sselindustrien explizit ab und ersetzte dies durch   Minderheitsbeteiligungen sowie Mitbestimmungsrechte f&#252;r die   Belegschaften.<\/p>\n<p>  Das Ziel einer sozialistischen Gesellschaft w&#252;rde jedoch ohne eine   Forderung nach Umw&#228;lzung der Eigentumsverh&#228;ltnisse ausgerechnet in der   tiefsten Krise des Kapitalismus seit 80 Jahren zu einer hohlen Phrase   degradiert, die auch von der Sozialdemokratie in ihrem Hamburger   Programm strapaziert werden kann.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich vage bleiben die &#8222;Eckpunkte&#8220; auch bez&#252;glich der DDR. Sie   &#8222;verurteilen&#8220; zwar den &#8222;Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des   Sozialismus&#8220;, lassen aber offen, ob sie das staatliche Eigentum an den   Produktionsmitteln oder die b&#252;rokratische Kontrolle der SED-Clique   dar&#252;ber f&#252;r den Zusammenbruch der DDR verantwortlich machen. N&#246;tig ist   im Programm jedenfalls eine klare Abgrenzung vom Stalinismus als ein   System, in dem nicht die arbeitende Bev&#246;lkerung, sondern eine abgehobene   B&#252;rokratie das Sagen hatte.<\/p>\n<h4>  Forderungen<\/h4>\n<p>  Im Programm, aber auch in den Forderungen, die die Partei in den   gesellschaftlichen Auseinandersetzungen aufstellt, sollte die &#8211;   vollst&#228;ndige und dauerhafte &#8211; Verstaatlichung, nicht nur der Banken,   sondern auch der Konzerne zentral sein. Aufgrund der Erfahrungen mit der   DDR, aber auch der Staatsbetriebe in der BRD, ist es unerl&#228;sslich, das   Ziel der Verstaatlichung mit der Forderung nach demokratischer Kontrolle   und Verwaltung durch die arbeitende Bev&#246;lkerung zu verbinden.<\/p>\n<p>  Friedrich Engels kritisierte das Erfurter SPD-Programm 1891 f&#252;r die   Trennung in Minimal- und Maximalforderungen. In der Tat f&#252;hrte diese   Trennung dazu, dass die grundlegende Ver&#228;nderung der Machtverh&#228;ltnisse   immer weniger als aktuelle Aufgabe angesehen wurde und Reformforderungen   kapitalistischen &#8222;Sachzw&#228;ngen&#8220; zum Opfer fielen. Um so wichtiger ist es   heute, Forderungen nach &#8222;Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und   Personalausgleich&#8220;, einem &#8222;&#246;ffentlichen, kostenlosen Bildungs- und   Gesundheitswesen&#8220; und der &#8222;Verstaatlichung von Banken und Konzernen&#8220;   aufzustellen, diese und weitere Forderungen aber nicht vom Ziel einer   sozialistischen Gesellschaft abzunabeln.<\/p>\n<h4>  Regierungsfrage<\/h4>\n<p>  In den &#8222;Eckpunkten&#8220; hei&#223;t es: &#8222;DIE LINKE wird aber nur unter Beachtung   ihrer Grunds&#228;tze Koalitionen mit anderen Parteien eingehen. (&#8230;) DIE   LINKE wird in Regierungen daf&#252;r eintreten, &#246;ffentliche Dienstleistungen   f&#252;r B&#252;rgerinnen und B&#252;rger nicht durch Personalabbau zu verschlechtern   und K&#252;rzungen sozialer Leistungen nach Kr&#228;ften zu verhindern.&#8220;<\/p>\n<p>  Hier ist der Ausschluss von Personal- und Sozialabbau keine   (Minimal-)Voraussetzung f&#252;r eine Regierungsbeteiligung, sondern   lediglich ein Ziel, das DIE LINKE in diesen Regierungen &#8222;beachten&#8220; und   wof&#252;r sie sich &#8222;nach Kr&#228;ften&#8220; einsetzen soll. Wohin diese &#8222;guten   Vors&#228;tze&#8220; f&#252;hren, sieht man in Berlin und nun in Brandenburg.<\/p>\n<p>  Eine Partei, die sich in der Regierungspraxis am Sozialabbau beteiligt   und dann auch noch programmatisch auf sozialistische Perspektiven zur   Umw&#228;lzung der Produktionsverh&#228;ltnisse verzichtet, w&#228;re nur eine Kopie   der Sozialdemokratie, die letztendlich keinen eigenen Platz in der   Gesellschaft h&#228;tte. Kein Wunder, dass Parteichef Lothar Bisky   perspektivisch auch eine Vereinigung der LINKEN mit der SPD bef&#252;rwortet,   anstatt mit Rosa Luxemburg die sozialistischen Urspr&#252;nge der   Arbeiterbewegung in konsequenter Opposition zur Sozialdemokratie zu   verteidigen.<\/p>\n<h4>  Aufgaben<\/h4>\n<p>  MarxistInnen kann der Verlauf des innerparteilichen Ringens um   sozialistische Perspektiven nicht gleichg&#252;ltig sein. Eine weitere   Aufweichung antikapitalistischer Positionen w&#252;rde die politische Linke   generell zur&#252;ckwerfen und k&#246;nnte &#8211; als Reaktion auf entt&#228;uschte   Hoffnungen &#8211; die extreme Rechte st&#228;rken. Deshalb ist eine marxistische   Opposition gegen die Linie von Gysi und Co. erforderlich. SAV-Mitglieder   werden sich jedenfalls an der Programmdebatte beteiligen und daf&#252;r   eintreten, dass sie f&#252;r alle Mitglieder und W&#228;hlerInnen der Partei   ge&#246;ffnet wird.<\/p>\n<p>  N&#246;tig ist aber nicht nur ein sozialistisches Programm, sondern vor allem   auch eine Ausrichtung der Partei darauf, K&#228;mpfe gegen Regierungen und   Unternehmer anzusto&#223;en, zu unterst&#252;tzen sowie politisch und   programmatisch zu st&#228;rken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der Kapitalismus stellt die Systemfrage &#8211; die Linkspartei muss sie<br \/>\n      beantworten\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[29],"tags":[221],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13456"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13456"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13456\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}