{"id":13454,"date":"2010-01-10T00:00:00","date_gmt":"2010-01-10T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13454"},"modified":"2010-01-10T00:00:00","modified_gmt":"2010-01-10T00:00:00","slug":"13454","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/01\/13454\/","title":{"rendered":"Ausnahmezustand bei Daimler in Sindelfingen"},"content":{"rendered":"<p>  Chance f&#252;r breite Protestbewegung vergeben<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Das Daimler-Werk in Sindelfingen ist mit 38.000 Besch&#228;ftigten das   gr&#246;&#223;te Autowerk in Deutschland. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel haben   die Besch&#228;ftigten Anfang Dezember die Kampfkraft der Lohnabh&#228;ngigen   demonstriert.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ursel Beck, Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Bereits im September wurden Pl&#228;ne bekannt, die C-Klasse zu verlagern.   4.500 KollegInnen arbeiten direkt, 1.500 weitere indirekt f&#252;r die   C-Klasse. Zudem h&#228;ngen &#252;ber 2.000 Stellen bei Zulieferern daran. Was   machten die Betriebsr&#228;te und die IG-Metall-Spitze? Sie boten   Verhandlungen an. Das Management lehnte ab. Als der Daimler-Vorstand   ank&#252;ndigte, am 1. Dezember endg&#252;ltig zu entscheiden, organisierte die IG   Metall (IGM) zwar eine Kundgebung, an der 12.000 KollegInnen teilnahmen.   Von weiteren Kampfschritten war jedoch nicht die Rede.<\/p>\n<h4>  Spontane Streiks<\/h4>\n<p>  Einen Tag sp&#228;ter verk&#252;ndete der Vorstand, die C-Klasse zu verlagern.   Jetzt gab es kein Halten mehr. Die Belegschaft legte spontan die Arbeit   nieder, Schicht f&#252;r Schicht. Nicht nur einen Tag, sondern zwei Tage   hintereinander. Der Versuch von Betriebsr&#228;ten, Besch&#228;ftigte nach einer   Protestaktion in der Fr&#252;hschicht am zweiten Streiktag zur Aufnahme der   Arbeit zu bewegen, scheiterte.<\/p>\n<p>  Die Stimmung griff auf das Hauptwerk in Stuttgart-Untert&#252;rkheim &#252;ber. Am   3. Dezember streikten dort rund 3.500 Besch&#228;ftigte, davon 2.000 im   Werksteil Mettingen. J&#246;rg Hoffmann, IGM-Bezirksleiter, erkl&#228;rte   gegen&#252;ber der Presse, der IGM drohe, die Kontrolle &#252;ber die Belegschaft   zu verlieren.<\/p>\n<p>  F&#252;r den 4. Dezember wurde in Sindelfingen zu einer Demonstration vom   Werk in die Innenstadt aufgerufen. 15.000 Besch&#228;ftigte beteiligten sich.   Die Stimmung hatte sich seit Anfang der Woche enorm radikalisiert.   W&#228;hrend es am Montag nur Sprechch&#246;re mit der Parole &#8222;C-Klasse bleibt&#8220;   gab, hie&#223; es am Freitag: &#8222;Jetzt geht&#8217;s los&#8220; und &#8222;Vorstand raus&#8220;.<\/p>\n<p>  Inzwischen konnte es Daimler-Chef Dieter Zetsche nicht mehr schnell   genug gehen, in Verhandlungen einzutreten. Der Produktionsausfall von   1.000 Autos am Tag in Sindelfingen und die Streikfolgen im Werk Rastatt   gingen an den Profit. Hinzu kam, dass die Radikalisierung der   Belegschaft der Chefetage Angst und Schrecken einjagte. Als Zetsche am   7. Dezember in allen Schichten auf einer Betriebsversammlung auftrat,   schlug ihm w&#252;tender Protest entgegen. Die Fr&#252;hschicht nahm danach nicht   mehr die Arbeit auf.<\/p>\n<h4>  Fauler Kompromiss<\/h4>\n<p>  In sage und schreibe zwei Tagen einigten sich IGM-F&#252;hrung und   Daimler-Vorstand am Verhandlungstisch. Das Versprechen von   Ersatzarbeitspl&#228;tzen und der Ausschluss betriebsbedingter K&#252;ndigungen   sind zweifellos Erfolge, Erfolge des zweit&#228;gigen wilden Streiks. Der   Abschluss ist aber ein fauler Kompromiss, weil die enorme Kampfkraft   nicht genutzt wurde, um den Erhalt der C-Klasse durchzusetzen. Die   Vereinbarung bedeutet auch keine Arbeitsplatzgarantie. Denn f&#252;r den Fall   von Absatzr&#252;ckg&#228;ngen gibt es f&#252;r Daimler eine Ausstiegsklausel. Zudem   sollen mehr KollegInnen in Altersteilzeit und &#252;ber Abfindungen zur   Aufgabe ihres Arbeitsplatzes gedr&#228;ngt werden.<\/p>\n<p>  In einer Protokollnotiz zur Vereinbarung hei&#223;t es, dass &#8222;weiterhin   Ma&#223;nahmen zur Effizienzsteigerung erforderlich sind, um die   Wettbewerbsf&#228;higkeit des Standorts Sindelfingen zu erhalten&#8220;. Diese   &#8222;Effizienzsteigerung&#8220; k&#246;nnte noch &#246;fter Widerstand provozieren. Schon in   den letzten Monaten hatte es vier Mal spontane Arbeitsniederlegungen in   verschiedenen Bereichen gegeben. So kam es in der E-Klassen-Produktion   im Juli zwei Mal zu kurzen Streiks gegen die Reduzierung der Taktzeit   von 100 auf 85 Sekunden.<\/p>\n<h4>  M&#246;glichkeit vertan<\/h4>\n<p>  W&#228;ren die Besch&#228;ftigten am Freitag, den 7. Dezember nicht nur in   Sindelfingen, sondern auch in Untert&#252;rkheim auf die Stra&#223;e gegangen &#8211;   wie aus der Belegschaft gefordert &#8211;, dann h&#228;tte das ein Fanal sein   k&#246;nnen f&#252;r einen gemeinsamen Aufstand aller derzeit in   Auseinandersetzungen stehenden Belegschaften in der gesamten Region.   W&#228;re der Kampf gegen Stellenstreichungen mit den ohnehin stattfindenden   Uni-Protesten und den Konflikten um kommunale K&#252;rzungen sowie gegen das   Wahnsinnsprojekt Stuttgart 21 verbunden worden, h&#228;tten gro&#223;e Teile der   Bev&#246;lkerung einbezogen werden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Einen Tag nach der Kundgebung am 7. Dezember mit 15.000 Besch&#228;ftigten   verabschiedete die Stadt Sindelfingen ihren K&#252;rzungshaushalt. Gegen die   Schlie&#223;ung einer Schule hatte es in den Wochen zuvor bereits Proteste   gehagelt. Das Potenzial f&#252;r eine gemeinsame Gro&#223;demonstration existierte   also. Dar&#252;ber hinaus h&#228;tten die Gewerkschaften Mitte Dezember mit einem   eint&#228;gigen regionalen Generalstreik die verschiedenen K&#228;mpfe   zusammenbringen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Auch wenn es dazu nicht kam, hat die Belegschaft in Sindelfingen   trotzdem enorm an Selbstbewusstsein gewonnen. KollegInnen in anderen   Betrieben wurden durch ihren Streik ermutigt. Gleichzeitig setzt die   Krise im Mittleren Neckarraum immer mehr Belegschaften unter Druck.   Parallel dazu k&#246;nnte sich der Widerstand gegen Stuttgart 21 zuspitzen.   All das sind Zutaten f&#252;r einen Fl&#228;chenbrand in der Region, bei dem das   Wasser im Neckar nicht reichen wird, um ihn zu l&#246;schen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Chance f&#252;r breite Protestbewegung vergeben\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[221],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13454"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13454"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13454\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13454"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13454"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13454"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}