{"id":13452,"date":"2014-12-24T10:00:00","date_gmt":"2014-12-24T09:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13452"},"modified":"2014-12-23T12:13:39","modified_gmt":"2014-12-23T11:13:39","slug":"13452","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2014\/12\/13452\/","title":{"rendered":"Religion und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_29670\" aria-describedby=\"caption-attachment-29670\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/21237172_4c160073ac_o-e1419330673985.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-29670\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/21237172_4c160073ac_o-e1419330673985-280x173.jpg\" alt=\"Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/boskizzi\/ CC BY-NC 2.0\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/21237172_4c160073ac_o-e1419330673985-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/21237172_4c160073ac_o-e1419330673985-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/21237172_4c160073ac_o-e1419330673985.jpg 340w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-29670\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/boskizzi\/ CC BY-NC 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Dieser Artikel ist eine Wiederver\u00f6ffentlichung des zuerst im November 2009 erschienenen Text.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00dcber die Bedeutung der Religion in der heutigen Zeit und die Haltung von MarxistInnen<\/strong><\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien f\u00f6rdert New Labour \u201eGlaubensschulen\u201c, in den Medien wird \u00fcber das Zeigen religi\u00f6ser Symbole und das Tragen entsprechender Kleidung diskutiert, es gibt den \u201eKrieg gegen den Terror\u201c und den politischen Islam, in Birma wurde die Bewegung der buddhistischen M\u00f6nche \u201eSafranrevolution\u201c getauft\u2026 all das sind Beispiele f\u00fcr die h\u00e4ufige Pr\u00e4senz von Religion und damit verwandten Themen in den heutigen Schlagzeilen. Wie The Economist k\u00fcrzlich schrieb: \u201eHeutzutage ist Religion ein unausweichliches Thema der Politik\u201c.<b> <\/b><\/p>\n<p><i>von Niall Mulholland (Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale) <\/i><\/p>\n<p>Im 19. und 20. Jahrhundert haben die religi\u00f6sen Institutionen mehr und mehr an Einflu\u00df und Macht verloren. Die Gesellschaften wurden modernisiert und verweltlicht, und gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung leben inzwischen in St\u00e4dten. Die organisierte ArbeiterInnenbewegung wurde zu einer ernsthaften Bedrohung f\u00fcr die herrschende Klasse und mit ihr die etablierten prokapitalistischen Kirchenhierarchien.<\/p>\n<p>Die Situation heute ist komplex und widerspr\u00fcchlich. In Gro\u00dfbritannien haben gesch\u00e4tzte 36 Prozent (17 Millionen Erwachsene) \u201eeine humanistische Grundhaltung\u201c (British Humanist Association). Eine 2004 durchgef\u00fchrte Studie ergab, dass 44 Prozent der Bev\u00f6lkerung an Gott glaubten und 35 Prozent \u201eseiner Existenz widersprechen.\u201c Aber dennoch machten in der Volksz\u00e4hlung 2001 sieben von zehn BewohnerInnen Gro\u00dfbritanniens ihr Kreuz bei \u201echristlich\u201c, als es um den Glauben ging. Atheismus-B\u00fccher wie The God Delusion (Der Gotteswahn) von Richard Dawkins sind internationale Bestseller. Und doch sind es jeden Sonntag mehr als eine Million Menschen, die an den Gottesdiensten der Church of England teilnehmen. Und dazu geh\u00f6ren auch extrem ausgebeutete Immigranten aus \u00e4rmeren L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es auf der Welt mindestens 500 Millionen \u201eerkl\u00e4rte Nichtgl\u00e4ubige\u201c gibt, z\u00e4hlen die Hauptreligionen 2,1 Milliarden Christen, 1,5 Milliarden Muslime, 900 Millionen Hindus, 376 Millionen Buddhisten und 23 Millionen Sikhs sowie Millionen von Anh\u00e4ngern anderer Religionen und Glaubensrichtungen. Angeh\u00f6rige der vier gr\u00f6\u00dften Religionen machten im Jahr 1900 rund 67 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung aus, 2005 war dieser Anteil auf 73 Prozent gestiegen, und wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt, w\u00e4ren es 2050 ungef\u00e4hr 80 Prozent.<\/p>\n<p>Zwar sind organisierte, \u201etraditionelle\u201c Kirchen in vielen L\u00e4ndern auf dem absteigenden Ast, aber daf\u00fcr wachsen andere Kirchen und Religionen schnell. Die katholische Kirche wird von Sex-Skandalen gesch\u00fcttelt und verliert in vormaligen Hochburgen wie Spanien, Italien und Irland viele Anh\u00e4ngerInnen, so dass die Beteiligung an den w\u00f6chentlichen Messen auf unter 20 Prozent gefallen ist. Die Church of England und anglikanische Gemeinden weltweit sind am Punkt der Aufnahme schwuler und lesbischer Priester und bez\u00fcglich gleichgeschlechtlicher Ehen gespalten. In den USA sind 35 episkopale (= anglikanische, d.\u00dc.) Kirchen zur Position von Nigerias Bishop Akinola \u00fcbergelaufen, der sich offen gegen schwule Ehen ausgesprochen hat.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gewinnen evangelikale Kirchen (fundamentalistische Christen, A.d.\u00dc) viele neue Mitglieder, vor allem in Afrika, Lateinamerika, Westeuropa und Teilen Asiens. Evangelikale, Charismatiker (v.a. Freikirchen, A.d.\u00dc) und Pentekostale (Pfingstbewegung, A.d.\u00dc) machten im Jahr 2000 rund 8 Prozent der europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung aus, was fast einer Verdoppelung des Anteils in den 70er Jahren entspricht. In den brasiliansichen Favelas breitet sich die Pfingstbewegung rapide aus. In S\u00fcdkorea w\u00e4chst sie um 3.000 Leute pro Monat \u2013 in Seoul sind 5 Prozent der Stadtbev\u00f6lkerung Mitglied.<\/p>\n<p>Auch der Islam w\u00e4chst schnell, vor allem im Nahen Osten, in Asien, im subsaharischen Afrika und in Minderheitengemeinden in den westlichen Industrienationen. Die in Ostlondon geplante \u201eMega-Moschee\u201c wird 12.000 Menschen fassen \u2013 das f\u00fcnffache der St Paul\u2019s-Kathedrale.<\/p>\n<p>Etwa die H\u00e4lfte bis zwei Drittel der Russen bezeichnen sich als russisch-orthodox, ein gro\u00dfer Anstieg seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Und: \u201eWenn die derzeitige Entwicklung anh\u00e4lt, wird China das gr\u00f6\u00dfte christliche Land der Welt werden \u2013 und vielleicht auch das gr\u00f6\u00dfte muslimische\u201c, schrieb der Economist am 3. November 2007.<\/p>\n<p>Auch in Indien steigt die Anzahl von Christen, teilweise aufgrund von \u00dcbertritten ehemals unterdr\u00fcckter Hindus, den so genannten \u201eUnber\u00fchrbaren\u201c. Als Reaktion haben mehrere indische Bundesstaaten \u201eAnti-Konvertierungs\u201c-Gesetze erlassen.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se Ideen haben weiterhin starken Einflu\u00df, auch in den USA, dem fortgeschrittensten kapitalistischen Land. Obwohl der Anteil der US-B\u00fcrger, die angeben, \u201ekeine religi\u00f6se Pr\u00e4ferenz\u201c zu haben, bei 14 Prozent liegt (bei jungen Leuten sind es 20 Prozent), gehen gesch\u00e4tzte 40% der Bev\u00f6lkerung jede Woche in die Kirche. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte denkt, ihr Land sei \u201evon Gott besonders gesegnet\u201c, und 48 Prozent meinen, \u201eGott schuf die Menschen in ihrer derzeitigen Form\u201c in den letzten 10.000 Jahren.<\/p>\n<p>Des weiteren werden viele Regionen der Welt von religi\u00f6sen Spaltungen und Konflikten &#8211; oder solchen, die mit Religion zu tun haben &#8211; heimgesucht. \u201eVon Nigeria bis Sri Lanka, von Tschetschenien bis Bagdad wurden und werden Menschen im Namen Gottes abgemetzelt.\u201c (The Economist). Sektiererische Spaltungen zwischen schiitischen und sunnitischen Muslime sind im Irak seit der US-gef\u00fchrten Invasion explosionsartig gewachsen und haben enormes Blutvergie\u00dfen verursacht.<\/p>\n<h4>Warum haben Menschen religi\u00f6se \u00dcberzeugungen?<\/h4>\n<p>Manche aufgekl\u00e4rt-b\u00fcrgerlichen Kommentatoren finden es unerkl\u00e4rlich, dass Menschen angesichts der Wunder der modernen Wissenschaft und unseres besseren Verst\u00e4ndnisses der Natur noch religi\u00f6se \u00dcberzeugungen haben k\u00f6nnen, insbesondere fundamentalistische kreationistische Ideen. Aber es gibt viele Faktoren, die auf die Religi\u00f6sit\u00e4t einwirken, darunter die Gesellschaft, Klasse, Geschichte, \u201eTradition und Kultur\u201c, Identit\u00e4t und Politik.<\/p>\n<p>Vor \u00fcber 100 Jahren hat Karl Marx in brillanter Weise den Kern der Sache getroffen, als er Religion beschrieb als \u201eSto\u00dfseufzer der unterdr\u00fcckten Kreatur, Herz einer herzlosen Welt, Seele in seelenlosen Zust\u00e4nden.\u201c<\/p>\n<p>In unserer materialistischen Gesellschaft mit ihrem Ellenbogenkapitalismus \u2013 einer Welt voller Kriege, Armut, Analphabetismus und wirtschaftlicher Instabilit\u00e4t \u2013 bieten die Religionen vielen Menschen ein Schlupfloch. Die sonnt\u00e4glichen Gottesdienste oder die freit\u00e4glichen Gebete bieten gemeinschaftliche Tr\u00f6stung im Gegensatz zum grassierenden kapitalistischen Individualismus. In den heruntergekommenen Innenst\u00e4dten und in Kleinst\u00e4dten sind es h\u00e4ufig die Kirchen, welche den durch jahrzehntelange Sozialk\u00fcrzungen hart getroffenen Familien konkrete Sozialhilfe leisten.<\/p>\n<p>Die von evangelikalen Kirchen angebotene \u201eGewissheit\u201c ist angesichts der unberechenbaren Welt ein Grund f\u00fcr ihr starkes Wachstum. F\u00fcr Muslime, die in der westlichen Welt leben und t\u00e4glich mit Bigotterie, Diskriminierung, Repression und Superausbeutung konfrontiert werden, bietet ihre Religion eine Art Gemeinschaft und Identit\u00e4t. Junge muslimische Frauen tragen oftmals Kopft\u00fccher, die von der Immigrantengeneration ihrer Eltern noch abgelehnt wurden. In mehrheitlich islamischen L\u00e4ndern wird der Islam als Trutzburg gegen die Ausbreitung der imperialistischen westlichen Macht und Kultur gesehen.<\/p>\n<p>Der Zuwachs der Religionen, Kulte und Aberglauben ist auch eine Folge des Niedergangs des Organisationsgrades der Arbeiterklasse und der sozialistischen Bewegungen in den letzten Jahrzehnten, insbesondere nach dem Zusammenbruch des Stalinismus. Eine starke sozialistische ArbeiterInnenbewegung kann hingegen der Arbeiterklasse und den Armen eine brauchbare Alternative zu den blinden, anarchischen Kr\u00e4ften des Kapitalismus bieten und sie aus der sozialen, kulturellen und ideologischen Sackgasse des Profitsystems herausf\u00fchren.<\/p>\n<p>Neue Religionen und Mystizismen, wie die \u201cNew Age-Welle\u201d, kamen in den westlichen Industriel\u00e4ndern auf und zeigten, wie gro\u00df die Entfremdung vom modernen Kapitalismus bei den Mittelklassen und den ArbeiterInnen ist \u2013 die Menschen suchten eine Alternative zum Profitsystem. Sogar im angeblich \u201ekommunistischen\u201c China haben Kulte wie Falun Gong Wurzeln geschlagen. Diese Sekte traf den Nerv von Millionen ChinesInnen, denen es immer schlechter geht.<\/p>\n<p>Das Wachstum des politischen Islam wird durch die schrecklichen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen verursacht, in denen Millionen Muslime leben. Massenorganisationen der ArbeiterInnen wie die kommunistischen Parteien versagten bei der Durchf\u00fchrung der sozialistischen Revolution im Nahen Osten und in Asien. Der politische Islam \u2013 der im kalten Krieg vielerorts durch die westlichen M\u00e4chte ermutigt und gef\u00f6rdert wurde und den auch die saudischen \u00d6leinnahmen anheizten, um wahhabitische Auslegungen des Islams voranzutreiben \u2013 f\u00fcllt teilweise die L\u00fccke aus, die das Scheitern der Linken und des arabischen Nationalismus gerissen haben. Er ist eine opportunistische Ausdrucksm\u00f6glichkeit f\u00fcr w\u00fctende Muslime, welche durch die Armut und Unterdr\u00fcckung, die sie durch diktatorische Regime und durch den Imperialismus erfahren, gedem\u00fctigt werden.<\/p>\n<h4>Wie entstehen Religionen?<\/h4>\n<p>In den fr\u00fchesten menschlischen Gesellschaften (J\u00e4ger-und-Sammler-Wirtschaften) spiegelten \u201emagisch-religi\u00f6se\u201c \u00dcberzeugungen den Versuch wider, Ph\u00e4nomene zu erkl\u00e4ren, die einen gro\u00dfen Einflu\u00df auf das Leben der Menschen hatten: Feuer, Wechsel der Jahreszeiten, astronomische Ereignisse, Naturkatastrophen, die Wanderungsbewegungen von Tierherden\u2026<\/p>\n<p>Als sich diese fr\u00fchen Gesellschaften zu Klassengesellschaften entwickelten, entstand eine privilegierte Schicht von Priestern und Magiern. Besondere Institutionen, Ideen und Moralvorstellungen entstanden, um die neue soziale und wirtschaftliche Ordnung zu rechtfertigen. Religionen wurden zur ideologischen Rechtfertigung f\u00fcr die Verslavung der Mehrheit der Menschen, denen als \u201eBelohnung\u201c f\u00fcr das auf der Erde erlittene Elend ein Leben nach dem Tode versprochen wurde.<\/p>\n<p>Aber Marx wies auch darauf hin, dass Religion neben der Flucht vor dem Elend und der Armut auf der Welt auch ein Protest dagegen ist. Das Christentum war urspr\u00fcnglich eine revolution\u00e4re Massenbewegung gegen priesterliche Ausbeuter und das R\u00f6mische Imperium. Aber die Elemente von Klassenzorn wurden bald entfernt, und als r\u00f6mische Staatsreligion wurde das Christentum dazu benutzt, die unteren Schichten zur Akzeptierung ihrer Lebensumst\u00e4nde zu bringen.<\/p>\n<p>Die protestantische Reformation reflektierte die Erhebung der neuen Kapitalistenklasse gegen den im Niedergang befindlichen Feudalismus, zu dessen Hauptpfeilern die m\u00e4chtige Kirche geh\u00f6rte. Dennoch lie\u00dfen die neuen europ\u00e4ischen kapitalistischen M\u00e4chte den Kirchen gewisse Macht und Einflu\u00df, um die arbeitenden Massen dort zu halten, \u201ewo sie hingeh\u00f6rten\u201c. Und im aufkommenden Imperialismus wurde die christliche Ideologie benutzt, um die kolonialen V\u00f6lker zu unterjochen.<\/p>\n<p>Um ihre Macht und Privilegien zu verteidigen, schlugen sich die Kirchenspitzen offen auf die Seite der Ausbeuter und der Gro\u00dfkapitalisten. Die katholische Kirche unterst\u00fctzte Mussolini in Italien und Hitler in Deutschland. Evangelikale Kirchen unterst\u00fctzten in Lateinamerika in den 1970ern und 1980ern verschiedenste rechte Diktatoren.<\/p>\n<p>Aber SozialistInnen erkennen an, dass es einen himmelweiten Unterschied gibt zwischen der Religion der Armen \u2013 beispielsweise der armen Muslime im Nahen Osten \u2013 und dem \u201eGlauben\u201c der herrschenden Klassen \u2013 beispielsweise der diktatorischen arabischen Regimes. F\u00fcr die herrschende Klasse dient Religion dem \u201eTeile und Herrsche\u201c \u00fcber die arbeitenden Menschen und der Ruhigstellung der Massen.<\/p>\n<h4>Religion und der Staat<\/h4>\n<p>Die heutigen Vertreter der herrschenden Klasse, wie George Bush und Gordon Brown, identifizieren ganz offen das Christentum mit dem Kapitalismus des \u201efreien Marktes.\u201c Die etablierte Church of England wurde sogar als \u201edie Tory-Partei beim Gebet\u201c bezeichnet. Und Bush hat Gott als einen seiner Gr\u00fcnde bezeichnet, den Irak zu \u00fcberfallen.<\/p>\n<p>Trotz der Tatsache, dass die \u201eGr\u00fcnderv\u00e4ter\u201c der USA die Trennung von Kirche und Staat in den Verfassungsrang erheben wollten, versucht Bush mit dem Banner der rechten christlichen Ideologie, seinen Unterst\u00fctzerkreis zu verbreitern.<\/p>\n<p>Er unterst\u00fctzte eine Verfassungs\u00e4nderung, die schwule Hochzeiten in den USA verbieten sollte. W\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft wurden die Finanzhilfen f\u00fcr rechte christliche Organisationen massiv aufgestockt, unter anderem durch die F\u00f6rderung von \u201eglaubensbasierten\u201c Schulprogrammen und der bibelkreationistischen \u201eIntelligent Design\u201c-Bewegung. Letzten Juni legte Bush sein Veto gegen ein Gesetz ein, welches der Stammzellenforschung mehr Bundesmittel zur Verf\u00fcgung gestellt h\u00e4tte, und berief sich dabei auf seine christlich-\u201cethischen\u201c Sorgen \u2013 obwohl die Stammzellenforschung die M\u00f6glichkeit essentieller wissenschaftlicher Durchbr\u00fcche bietet, die zur Heilbarkeit mehrerer Krankheiten f\u00fchren k\u00f6nnen. Die m\u00e4chtige \u201ereligi\u00f6se Rechte\u201c der US-Christen wird jetzt auch in anderen L\u00e4nderen kopiert, zum Beispiel durch die s\u00fcdkoreanische \u201eNeue Rechte\u201c-Bewegung mit 200.000 Anh\u00e4ngern, die einen rechtsgerichteten Pr\u00e4sidentschaftskandidaten unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>SozialistInnen sind gegen jedwede staatlichen Privilegien f\u00fcr irgendeine Religion, wie zum Beispiel die 26 Sitze im nicht gew\u00e4hlten House of Lords, welche Bisch\u00f6fen der Church of England zugeteilt sind. Wir fordern die vollst\u00e4ndige Trennung von Kirche und Staat und die R\u00fccknahme aller Gesetze, die \u2013 wie diejenigen zur Blasphemie \u2013 Menschen im Zusammenhang mit Religion bestrafen.<\/p>\n<p>Seit dem 11. September machen dem Gro\u00dfkapital nahestehende Parteien in den westlichen Industrienationen Stimmung gegen Muslime und gegen Immigranten, um sie als S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in der kapitalistischen Gesellschaft darzustellen. SozialistInnen k\u00e4mpfen gegen jede Art von Diskriminierung, ob wegen Religion, Geschlecht, Rasse, Nationalit\u00e4t und so weiter. JedeR sollte das Recht haben, seine\/ihre Religion zu praktizieren \u2013 oder gar keine. Der Ausgangspunkt f\u00fcr SozialistInnen ist der Kampf um die Einheit der ArbeiterInnen und f\u00fcr Sozialismus. Um die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, muss sich die Arbeiterklasse, einschlie\u00dflich der religi\u00f6sen ArbeiterInnen, unter einem sozialistischen Programm vereinen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig k\u00e4mpfen SozialistInnen gegen reaktion\u00e4re religi\u00f6se F\u00fchrer und Gruppen, insbesondere, wenn diese die Rechte von Frauen und der Jugend attackieren. Die r\u00f6misch-katholische Kirche wird von einem sehr konservativen Papst gef\u00fchrt, der Verh\u00fctungsmittel, Scheidung, Abtreibungen und gleiche Rechte f\u00fcr Schwule und Lesben ablehnt. Der russisch-orthodoxe Patriarch Alexei II. beschreibt Homosexualit\u00e4t als \u201eS\u00fcnde und Krankheit\u201c &#8211; und die k\u00f6rperlichen Angriffe auf Schwule und Lesben nehmen in Russland zu. Frauen in \u201eislamistischen Staaten\u201c wie Saudi-Arabien werdem besonders schlimm unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<h4>Religion und der Kampf der unterdr\u00fcckten Massen<\/h4>\n<p>Religion hat soziale Wurzeln und reagiert somit auf die Klassenk\u00e4mpfe. Die Kirchen k\u00f6nnen, insbesondere in der neokolonialen Welt, mit hineingezogen werden. In Lateinamerika ist die Befreiungstheologie ein Instrument f\u00fcr die niederen R\u00e4nge der katholischen Kirche, sich f\u00fcr die Interessen der Armen und Unterdr\u00fcckten einzusetzen \u2013 in der sandinistischen Regierung im Nicaragua der 80er Jahre waren vier Priester. F\u00fcr dieses Eintreten werden sie oft von den lokalen Regimes und von der Establishment-freundlichen vatikanischen Hierarchie angegriffen. Heutzutage sind \u201elinkslastige amerikanische Evangelen\u201c \u201ebesorgter \u00fcber Globalisierung\u201c, kommentiert der Economist, und \u201eEvangelikale unterst\u00fctzen linke AktivistInnen in einigen der \u00e4rmeren Regionen Brasiliens.\u201c<\/p>\n<p>Junge buddhistische M\u00f6nche in Burma, die vor allem aus den \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten kommen, waren bei den Protesten gegen das brutale burmesische Regime im September 2007 in vorderster Front dabei. Teile der buddhistischen Hierarchien wurden hingegen von der Milit\u00e4rjunta ins Regime kooptiert, was \u201edie j\u00fcngeren M\u00f6nche emp\u00f6rte und entfremdete.\u201c (International Herald Tribune, 1. Oktober 2007)<\/p>\n<p>Aber die Theologie der Befreiung und andere religi\u00f6se Ideologien haben die ArbeiterInnen nicht aus der sozialen und wirtschaftlichen Unterdr\u00fcckung befreit. Und in den letzten Jahrzehnten sind vormals radikale christliche Organisationen \u201ezunehmend von einer generellen Opposition zum Kapitalismus dazu \u00fcbergegangen, seine Exzesse einzud\u00e4mmen.\u201c (The Economist, 3. November 2007) Auch wenn viele Leute aus vollem Herzen die christlichen \u201efair trade\u201c- (fairer Handel, A.d.\u00dc) und \u201eArbeiterInnenrechte\u201c-Kampagnen unterst\u00fctzen wollen \u2013 es braucht mehr als solche Flickenteppiche, um alle \u00dcbel des Kapitalismus zu heilen. N\u00e4mlich den Aufbau machtvoller unabh\u00e4ngiger Parteien der Arbeiterklasse und der Armen mit sozialistischen Programmen, welche ArbeiterInnen aus allen Schichten im Widerstand gegen den Kapitalismus vereinen.<\/p>\n<p>Millionen von Muslimen sehen im politischen Islam eine L\u00f6sung f\u00fcr Arbeit und Unterdr\u00fcckung. Er umfasst ein sehr breites Spektrum: Von der Hamas (Islamische Widerstandsbewegung) im Gaza-Streifen \u00fcber die Hisbollah (Partei Gottes) im Libanon bis zur gro\u00dfkapitalistischen, \u201epostislamistischen\u201c AKP (Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung), die in der T\u00fcrkei an der Regierung ist. Ein extrem entfremdeter Teil junger Muslime, davon einige auch in den westlichen Insutriel\u00e4ndern, orientieren sich sogar am Terrorismus so reaktion\u00e4rer Gruppen wie Al Qaida. Islamistische Schulen in Pakistan, die Madrassas, welche vom Westen der Heranziehung neuer Generationen von \u201eJihad-K\u00e4mpfern\u201c beschuldigt werden, sind oftmals die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr arme Familien, ihren Kindern eine reale Ausbildungsperspektive zu bieten.<\/p>\n<p>Aber alle Formen des politischen oder \u201eradikalen\u201c Islam werden sich als schwere Entt\u00e4uschung f\u00fcr die Massen herausstellen, weil sie keinen Bruch mit dem Profitsystem und der Klassenausbeutung darstellen. Die Massen f\u00fchrten Ende der 1970er eine Revolution im Iran durch, welche das verhasste Schah-Regime st\u00fcrzte \u2013 und sahen sie in der Sackgasse der Mullah-Herrschaft enden. Das schreckliche Leben im Afghanistan der Taliban zeigte, dass der fundamentalistische Islam keine L\u00f6sungen bereit h\u00e4lt. Auf der anderen Seite des Spektrums setzt die \u201egem\u00e4\u00dfigt islamistische\u201c AKP-Regierung in der T\u00fcrkei eine schonungslos neoliberale Politik, die vor allem die Armen trifft, durch.<\/p>\n<h4>Religion und Sozialismus<\/h4>\n<p>Vor neunzig Jahren wurde durch die Russische Revolution der erste ArbeiterInnenstaat geschaffen. Das war nur m\u00f6glich, weil die Bolschewiki die Masse der vom Zarismus unterdr\u00fcckten ArbeiterInnen und Bauern \u2013 aus verschiedensten V\u00f6lkern, Millionen von ihnen religi\u00f6s \u2013 f\u00fcr sich gewonnen hatten.<\/p>\n<p>Im Vorfeld der Revolution entwickelte Lenin eine prinzipielle und feinf\u00fchlige Herangehensweise an Religion. Er schrieb 1905: \u201eDer Staat darf sich nicht mit Religion besch\u00e4ftigen, und religi\u00f6se Gesellschaften d\u00fcrfen nicht mit dem Staat verquickt sein. JedeR muss absolut frei sein, die Religion auszu\u00fcben, welche er oder sie m\u00f6chte, oder gar keine.\u201c Lenin verurteilte auch die \u201epseudo-revolution\u00e4re Ansicht, dass Religion in einer sozialistischen Gesellschaft verboten w\u00fcrde.\u201c Solch eine Herangehensweise w\u00e4re eine Ablenkung vom politischen Kampf und w\u00fcrde die Religionen nur st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Lenin stellte zwar klar, dass der Marxismus die materialistische Weltsicht vertritt, aber die Reihen der Bolschewiki waren auch f\u00fcr religi\u00f6se Mitglieder offen. An erster Stelle standen aber die konkreten Forderungen des Klassenkampfes. Dieser umfassende Ansatz Lenins und der Bolschewiki erm\u00f6glichte es der Oktoberrevolution, die religi\u00f6sen und abergl\u00e4ubischen Bauernmassen aufzuwecken. Gesch\u00e4tzte 15 Prozent der Parteimitglieder in Zentralasien waren islamischen Glaubens.<\/p>\n<p>Der obsz\u00f6ne Reichtum der russischen orthodoxen Kirche, deren F\u00fchrer sich mit der gnadenlosen kapitalistischen Konterrevolution verb\u00fcndeten, wurde in Staatsh\u00e4nde genommen, um der ganzen Bev\u00f6lkerung zu dienen. Das durch die noch junge Sowjetunion 1918 erlassene Dekret zur \u201eFreiheit des Bewu\u00dftseins und der religi\u00f6sen Organisationen\u201c schaffte die enormen Subventionen und Privilegien des zaristischen Regimes f\u00fcr die orthodoxe Kirche komplett ab. Ihr wurde der Status einer freiwilligen Gesellschaft gegeben, die f\u00fcr ihre Aktivit\u00e4ten Beitr\u00e4ge ihrer Mitglieder annehmen konnte. Das Dekret gab auch vorher verfolgten religi\u00f6sen Sekten gr\u00f6\u00dfere Freiheiten. Die Bolschewiki f\u00fchrten auch Bildungskampagnen durch, in denen fortschrittliche Ideen, Kultur und Wissenschaft vermittelt wurden. Aber Lenin und Trotzki hatten immer sehr viel Gesp\u00fcr f\u00fcr die religi\u00f6sen Gef\u00fchle der Armen und Unterdr\u00fcckten.<\/p>\n<p>Eine sozialistische Gesellschaft w\u00fcrde das Leben der Menschen ver\u00e4ndern, und in der demokratisch geplanten Wirtschaft w\u00fcrde es riesige Fortschritte in Wissenschaft und Technik geben. Karl Marx sagte, Religion sei notwendig wegen der \u201eungl\u00fccklichen Lebensumst\u00e4nde\u201c in der Klassengesellschaft. Er glaubte, dass solche \u00dcberzeugungen abnehmen w\u00fcrden, wenn die sozialen Bedingungen, die zu ihrem Aufstieg gef\u00fchrt hatten, ausgemerzt seien. Seine Voraussage war, dass in einer sozialistischen Gesellschaft der Hauptgrund f\u00fcr das allm\u00e4hliche Verschwinden von Religion \u201edie soziale Entwicklung, in welcher Bildung eine gro\u00dfe Rolle spielen muss\u201c sein wird.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der stalinistischen Konterrevolution entwickelte sich in Russland aber ein monstr\u00f6ser b\u00fcrokratischer Staatsapparat, und es gab Repressalien gegen die orthodoxe Kirche und Gl\u00e4ubige allgemein sowie gegen wirkliche SozialistInnen. Der freie Austausch der Ideen, eingeschlossen religi\u00f6ser, wurde nicht toleriert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges wurde hingegen eine Allianz zwischen dem Regime und den Spitzen der orthodoxen Kirche geschlossen. Stalin f\u00f6rderte einen plumpen russischen Chauvinismus \u2013 und die russisch-orthodoxe Kirche. In den Nachkriegsjahren hielt das stalinistische Regime seine Allianz mit den orthodoxen Hierarchien gro\u00dfteils aufrecht, was die Autorit\u00e4t der Kirche hob, und unterdr\u00fcckte religi\u00f6se Oppositionelle.<\/p>\n<p>Die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in der ehemaligen Sowjetunion in den 1990ern brachte die R\u00fcckkehr der Macht und des Einflusses der Hierarchie der orthodoxen Kirche. Pr\u00e4sident Putin st\u00fctzt sich auch auf die Kirche, um seine Herrschaft zu festigen. Diese versucht derzeit, ihren Religionsunterricht in den Schulen durchzusetzen, und sch\u00fcrt so Spaltungstendenzen im multi-religi\u00f6sen Russland.<\/p>\n<p>Die Geschichte der internationalen ArbeiterInnenbewegung lehrt uns, dass SozialistInnen im Kampf um die Abschaffung des Kapitalismus alles tun m\u00fcssen, um alle Arbeiterinnen und Arbeiter einzubeziehen \u2013 dies gilt ganz besonders in L\u00e4ndern, in denen Religionen Masseneinfluss haben. SozialistInnen k\u00f6nnen mit Gl\u00e4ubigen zusammen f\u00fcr gemeinsame politische Ziele k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Heutzutage k\u00e4mpfen SozialistInnen gegen religi\u00f6se Diskriminierung und Ungerechtigkeit, aber an die ArbeiterInnen wenden sie sich vor allem auf Basis gemeinsamer Klasseninteressen und des Kampf f\u00fcr Sozialismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bedeutung der Religion in der heutigen Zeit und die Haltung von MarxistInnen<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":29670,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[34],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13452"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13452"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13452\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29670"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13452"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13452"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13452"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}