{"id":13441,"date":"2009-12-16T11:30:00","date_gmt":"2009-12-16T11:30:00","guid":{"rendered":".\/?p=13441"},"modified":"2009-12-16T11:30:00","modified_gmt":"2009-12-16T11:30:00","slug":"13441","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/12\/13441\/","title":{"rendered":"Repression auf d&#228;nisch"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Erlebnisbericht aus Kopenhagen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Wir kamen am Samstag Vormittag um 10 Uhr mit neun Mitgliedern der   Berliner SAV und von Linksjugend[&quot;solid] in Kopenhagen an. Um halb zwei   in der Nacht waren wir aus Berlin mit dem Bus gestartet und bis auf eine   Routinekontrolle der Polizei in Rostock, die uns f&#252;r eine Weile   aufhielt, erreichten wir Kopenhagen ungest&#246;rt.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ren&#233; Kiesel, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Direkt nachdem wir unsere Sachen in der Lagerhalle, in der wir   schliefen, abgelegt hatten, machten wir uns auf den Weg ins Zentrum der   Stadt, um auf die GenossInnen der schwedischen und belgischen Sektionen   des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI, die internationale   sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen ist) zu treffen.   Diese hatten vor dem Klimazentrum einen Infotisch aufgebaut, an dem wir   uns mit Informationen und Material versorgten, um aktiv an der Demo   teilzunehmen.<\/p>\n<p>  Es gab noch einen kurzen Austausch &#252;ber bereits gelaufene Aktionen und   eine Vorstellung der Unterschriftenlisten, mit der wir Unterst&#252;tzung f&#252;r   eine alternative Wirtschaft sammelten, bis wir uns in den Zug von   Demonstrierenden einreihten, der an uns vorbeizog.<\/p>\n<p>  Am Auftaktort des Umzuges, an dem 100.000 Menschen teilnahmen,   angekommen, trafen wir auf weitere Mitglieder des CWI.<\/p>\n<p>  Um etwa 14 Uhr ging der Zug los und zog in Richtung Congresscenter, in   dem tausende Politiker, Lobbyisten und Vertreter der UNO tagten. Wir als   Internationale bildeten einen eigenen Block mit Bannern, Fahnen und   eigenen Slogans, die wir skandierten. Dabei stellten wir die Systemfrage   in den Mittelpunkt und erkl&#228;rten, dass die Rettung des Klimas nur durch   eine Abschaffung des kapitalistischen Profitsystems zu erreichen ist.<\/p>\n<p>  Hinter uns formierte sich dann nach dem Losgehen schnell ein schwarzer   Block, der uns immer wieder &#252;berholte. Als wir uns das letzte Mal vor   dem Block absetzten, rannten einige aus dem Block unvermittelt los und   bahnten sich einen Weg durch die Demonstrierenden.<\/p>\n<p>  Pl&#246;tzlich fuhren aus der Seitenstra&#223;e vor und hinter uns   Mannschaftswagen der d&#228;nischen Polizei vor uns sperrten die Stra&#223;e   komplett ab und uns damit ein.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/CWI_KopenhagenKlein.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<h4>  Der Kessel<\/h4>\n<p>  Innerhalb k&#252;rzester Zeit standen wir einer dichten Reihe von PolistInnen   und Hundestaffeln gegen&#252;ber, die uns gewaltsam zur&#252;ckdr&#228;ngten. Wir   bildeten schnell Ketten und setzten uns auf die Stra&#223;e, um zu   verhindern, dass sie vereinzelt Leute aus unseren Reihen herausziehen   und verpr&#252;geln oder verhaften konnten.<\/p>\n<p>  Als dann eine Linie auf beiden Seiten gebildet wurde, fingen die   d&#228;nischen Staatsbeamten an, langsam auf uns zuzugehen, so dass wir immer   enger zusammenr&#252;cken mussten, solange bis hinter uns ein gro&#223;er Raum   zwischen der Polizei und den Wagen, die die Stra&#223;e absperrten entstand.<\/p>\n<p>  Es wurden laut Spr&#252;che von uns gerufen wie &#8222;This is what democracy looks   like&#8220; oder &#8222;Let us go&#8220;, die von den DemonstrantInnen au&#223;erhalb des   Kessels aufgegriffen wurden und den Hall durch die Stra&#223;en verst&#228;rkten.<\/p>\n<p>  In der Zwischenzeit r&#252;ckte immer mehr Verst&#228;rkung der Uniformierten an   und als sie gen&#252;gend Platz hinter uns geschaffen hatten, fingen sie an,   zu zweit einen Demonstranten oder eine Demonstrantin heraus zu greifen   und f&#252;hrten ihn bzw. sie rabiat aus der Gruppe von mehreren hundert   Menschen in den r&#252;ckw&#228;rtigen Teil des Kessels. Dort wurden uns dann in   einer unnat&#252;rlich schmerzhaften Position die H&#228;nde mit Kabelbindern aus   Plastik hinter dem R&#252;cken gefesselt. So bewegungsunf&#228;hig und wehrlos   gemacht, wurden wir in enge Reihen platziert und dort von den Polizisten   zu Boden gedr&#228;ngt, die Finger am Schritt der Person hinter uns und   unsere Ellenbogen, die einen &#252;blen Druck aus&#252;bten, auf den   Oberschenkelarterien. Die Beine mussten wir in einem offenen &quot;V&quot;   positionieren, damit noch eine Person vor uns die gleiche Stellung   einnehmen konnte.<\/p>\n<p>  Die Errichtung des Kessels geschah etwa um 15 Uhr und bis alle   &#8222;aufgereiht&#8220; waren, verging circa eine Stunde. Die gesamte Zeit &#252;ber   herrschte Unklarheit dar&#252;ber, was als n&#228;chstes passieren w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  Nach der Festnahme<\/h4>\n<p>  Viele hundert Menschen sa&#223;en auf dem gefrorenem Boden, w&#228;hrend die   Beamten st&#228;ndig darauf achteten, dass niemand seine Stellung &#228;nderte   oder seine H&#228;nde l&#246;sen konnte. Bei vielen Gefangenen waren die Fesseln   so fest angebracht, dass sie tief ins Fleisch schnitten und Verletzungen   hinterlie&#223;en. Den meisten blieb es verweigert, auf die Toilette zu gehen   und so mussten sich manche in die Hose machen und weiter verharren.   Andere hielten die &#228;u&#223;erst erniedrigende Situation nicht aus und   begannen unkontrolliert zu zittern; wenn sie aufsprangen und weg   rannten, wurden sie brutal zu Boden geworfen und abgef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Auf die Frage, was der Grund unserer Festnahme w&#228;re, wurde die Antwort   verweigert. Es fehlte an medizinischer Versorgung, es gab nichts zu   Essen und auch nichts zu Trinken. Durch die K&#228;lte, der man schutzlos   ausgeliefert war, k&#252;hlten alle Verhafteten aus und konnten nach einiger   Zeit ihre H&#228;nde nicht mehr sp&#252;ren.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig hatte man keine Ahnung, was mit denen passiert war, mit   denen man vorher in einer Gruppe war, da die Polizei Gruppen trennte und   die Personen in unterschiedliche Reihen platzierte. Es war eine   unheimliche physische und psychische Belastung. Ein junger Mann wurde   ohnm&#228;chtig und bekam Muskelkr&#228;mpfe, viele weinten.<\/p>\n<p>  Nur nach und nach kamen vereinzelt Busse, die uns an einen unbekannten   Ort brachten, der eigens f&#252;r die Internierung der Festgenommenen   eingerichtet worden war. Die gesamte Zeit auf dem kalten Boden betrug   &#252;ber drei Stunden.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Kopenhagen3klein.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<h4>  Der Abtransport<\/h4>\n<p>  Da nicht gen&#252;gend Busse vorhanden waren, um alle Gefangenen gleichzeitig   abzutransportieren, wurden wir zum Schluss in die Mannschaftswagen der   Polizei gesetzt und fortgebracht. Wir mussten uns dort zwischen zwei   Sitzreihen auf den Boden setzen, immer noch mit den H&#228;nden auf dem   R&#252;cken gefesselt. Mittlerweile schmerzten die Schultergelenke wegen   dieser Haltung auf unertr&#228;gliche Weise.<\/p>\n<p>  Die Fahrt f&#252;hrte au&#223;erhalb der Stadt zu einer Lagerhalle, in der wir   wieder in diese Position zur&#252;ckkehren mussten. V&#246;llig willk&#252;rlich wurden   einige von uns bereits dort nach Aufnahme ihrer Personalien direkt aus   den Bussen freigelassen, andere wurden weiter in der Lagerhalle   festgehalten. Im Hintergrund waren K&#228;fige f&#252;r die politischen H&#228;ftlinge   aufgebaut, die man vom vorderen Teil der Gefangenensammelstelle nicht   sehen, aber sehr deutlich h&#246;ren konnte. Es waren &#252;ber 500 in diesen   &#8222;H&#252;hnerk&#228;figen&#8220; zusammengepfercht.<\/p>\n<p>  Zu unterschiedlichsten Zeiten wurden wir frei gelassen, einige ziemlich   bald, andere wurden noch bis zum Ablauf der zw&#246;lfst&#252;ndigen, gesetzlich   legitimierten, Zeit der Festsetzung dort behalten. In diesem Lager gab   es ebenfalls keine medizinische Versorgung, der Gang auf die Toilette   und Versorgung wurde den Menschen weiterhin verwehrt und in regelm&#228;&#223;igen   Abst&#228;nden konnte man beobachten, wie Gefangene zusammenbrachen.<\/p>\n<h4>  Die Freilassung<\/h4>\n<p>  Bevor man endg&#252;ltig freigelassen wurde, wurde man in einen Teil der   Halle gebracht, in dem Beamte die Personendaten aufnahmen. Erst dann   wurde &#252;ber das weitere Verfahren entschieden, ob man den Ausgang   benutzte oder weiter nach hinten in einen K&#228;fig gebracht wurde. Die   gesamte Zeit wurde man in Ungewissheit gelassen, was als n&#228;chstes   passiert, ohne dass jemand bereit war, Informationen zu geben.<\/p>\n<p>  Die, die herausgelassen wurden, f&#252;hrte man unter Polizeibegleitung in   einen Bus, in dem uns Pl&#228;tze zugeteilt wurden und der dann zu   verschiedenen Orten in Kopenhagen fuhr, um uns abzusetzen. Ohne weitere   Angabe, an welcher Stelle der Stadt wir uns befanden.<\/p>\n<h4>  Fazit<\/h4>\n<p>  Der Klimagipfel ist eine Farce. Kein Vertreter einer b&#252;rgerlichen   Regierung dieser Welt wird dort effektive Schritte unternehmen und sich   verpflichten, den absolut notwendigen Umweltschutz durchzusetzen. Die   westlichen imperialistischen Staaten verteidigen dort die   Profitinteressen der multinationalen Konzerne gegen die Weltbev&#246;lkerung   und gegen die L&#228;nder der halbkolonialen Welt.<\/p>\n<p>  Die Gegendemonstration war von ihrer politischen Zusammensetzung her   enorm vielf&#228;ltig, es waren Gr&#252;ne dort, die Jugendorganisationen der   Sozialdemokraten verschiedenster L&#228;ndern und viele   UmweltschutzaktivistInnen.<\/p>\n<p>  Von der Kampagne &#8222;Hopenhagen&#8220;, die auf Plakaten das Gesicht Obamas mit   sich trugen, &#252;ber Mitglieder der Sekte Hare Krishna bis zu   verschiedensten sozialistischen Organisationen waren viele vertreten.   Die Stimmung der meisten TeilnehmerInnen war offen f&#252;r sozialistische   Ideen und f&#252;r eine antikapitalistische Alternative zur Umweltzerst&#246;rung,   die durch den Kapitalismus verursacht wird.<\/p>\n<p>  Mitglieder unserer Internationale konnten mit vielen DemonstrantInnen   ins Gespr&#228;ch kommen und &#252;ber sozialistische Ideen diskutieren. Es wurden   viele Unterschriften f&#252;r unsere Forderungen gesammelt.<\/p>\n<p>  Das CWI stie&#223; mit einem sozialistischen Programm f&#252;r eine demokratisch   geplante Wirtschaft in Einklang mit den Bed&#252;rfnissen der Menschen und   der Natur auf breites Interesse und Zustimmung. Insgesamt konnten &#252;ber   700 Exemplare davon an die TeilnehmerInnen verkauft werden.<\/p>\n<p>  Das Vorgehen der d&#228;nischen Polizei hat allen, die dort beteiligt waren   und den Menschen auf der Welt noch einmal vor Augen gef&#252;hrt, wie der   b&#252;rgerliche Staat auf politische Gegner reagiert. Eine Pr&#228;ventivhaft von   SystemkritikerInnen kennt man sonst nur aus Staaten mit einem   diktatorischen Regime, doch das zeigt auch das wahre Gesicht der viel   gelobten b&#252;rgerlichen Demokratie.<\/p>\n<p>  Die Schlussfolgerung, die unsere GenossInnen aus diesen Geschehnissen   zogen war einig &#8211; f&#252;r eine sozialistische Demokratie weltweit. Jetzt   erst recht!<\/p>\n<\/p>\n<p>  <b><i>Artikel auf der Webseite des CWI <a href=\"http:\/\/www.socialistworld.net\/eng\/2009\/12\/1402.html\">hier<\/a>.<\/i><\/b><\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Kopenhagen6Klein.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Kopenhagen7klein.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Kopenhagen8Gross.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Kopenhagen_CWI2.jpg\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Erlebnisbericht aus Kopenhagen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[104,119],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13441"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13441"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13441\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13441"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13441"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13441"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}