{"id":13408,"date":"2009-11-28T00:00:00","date_gmt":"2009-11-28T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13408"},"modified":"2009-11-28T00:00:00","modified_gmt":"2009-11-28T00:00:00","slug":"13408","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13408\/","title":{"rendered":"Wohin geht Venezuela?"},"content":{"rendered":"<p>  Ein vollst&#228;ndiger Bruch mit dem kapitalistischen Staatsapparat und   Privateigentum an Fabriken ist n&#246;tig<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  J&#252;ngst machte der venezolanische Pr&#228;sident Hugo Ch&#225;vez Schlagzeilen mit   der Verstaatlichung eines Luxushotels und zweier Zuckerfabriken. Mitte   Mai hatte das venezolanische Parlament bereits ein Gesetz zur   Verstaatlichung der &#214;l- und Gasbranche beschlossen und &#252;ber hundert   Unternehmen in staatliches Eigentum &#252;berf&#252;hrt. In seiner Rede vor der   Vollversammlung der UNO Ende September bezog sich Ch&#225;vez positiv auf   Lenin und formulierte f&#252;r Lateinamerika: <i>&#8222;Im Kapitalismus ist   Ver&#228;nderung nicht m&#246;glich. Glauben wir den L&#252;gen nicht. Nur im   Sozialismus werden wir wirkliche Ver&#228;nderungen erreichen, und die   Revolution in Lateinamerika tr&#228;gt einen zutiefst sozialistischen Inhalt   in sich&#8220;<\/i>. Im Mai sagte Ch&#225;vez der FAZ: <i>&#8222;Wir werden den   Kapitalismus begraben.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Die soziale Lage der verarmten Massen, die &#246;konomische Krise, der   Aufwind der rechten Opposition und die Tendenzen der B&#252;rokratisierung im   Staatsapparat sprechen jedoch leider eine andere Sprache. Die   Errungenschaften in Venezuela, die vor dem Hintergrund von   Massenmobilisierungen erk&#228;mpft wurden, sind in Gefahr. Wohin geht   Venezuela?<\/p>\n<h4>  <i>von Lucy Redler, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Der Kampf gegen Neoliberalismus und Kapitalismus, umfangreiche   Sozialprogramme und Alphabetisierungskampagnen und Reden vom   &#8222;Sozialismus des 21. Jahrhundert&#8220; begeisterten lange nicht nur   VenezolanerInnen, sondern auch viele Linke und SozialistInnen weltweit.   Im Zuge der &#246;konomischen und sozialen Entwicklung Venezuelas und   aufgrund der Innenpolitik der Regierung scheint sich die Begeisterung   und Aktivit&#228;t der Massen Venezuelas jedoch einzutr&#252;ben. Auch die   Au&#223;enpolitik von Ch&#225;vez wie die gemeinsame Front mit dem iranischen   Pr&#228;sidenten Ahmadinedschad f&#252;hrt zu Verwirrung und Abwendung bei Linken   und Sozialisten.<\/p>\n<h4>  Wirtschaft in der Krise<\/h4>\n<p>  Nach f&#252;nf Jahren Wachstum ist die venezolanische Wirtschaft in der   Krise. Aufgrund des Fall des &#214;lpreises und der weltweiten   Wirtschaftskrise schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal diesen   Jahres um 2,4 Prozent. Einige Analysten warnen bereits f&#252;r 2010 vor   einem Minus von ein bis zwei Prozent.<\/p>\n<p>  Venezuela exportiert haupts&#228;chlich &#214;l: Der Export davon macht 90 Prozent   aller Ausfuhren aus. Die H&#228;lfte des bisherigen Haushalts basiert auf   &#214;leinnahmen. Mit dem drastischen gefallen Preis von 86 Dollar pro   Barrell im August 2008 auf jetzt um die 40 US-Dollar bricht ein gro&#223;er   Teil der Einnahmen weg, aus dem die Regierung ihre Sozialprogramme   finanziert.<\/p>\n<p>  Bereits jetzt lebt &#8211; aller sozialen Verbesserungen zum Trotz &#8211; immer   noch ein Drittel der Bev&#246;lkerung unter der Armutsgrenze (zu Beginn von   Ch&#225;vez Amtszeit waren es 50 Prozent). Wenn die Einnahmen im Zuge der   Krise weiter wegbrechen, droht auf kapitalistischer Grundlage eine   dramatische Zunahme von Armut, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Schon   jetzt hat die Regierung die Mehrwertsteuer um drei Prozent angehoben und   Ausgaben um 30 Prozent gek&#252;rzt. Diese Ma&#223;nahmen werden vor allem die   arme Bev&#246;lkerung treffen.<\/p>\n<p>  Zu weiterem Unmut in der einfachen Bev&#246;lkerung f&#252;hrt, dass die   Inflationsrate weiterhin sehr hoch ist und auch im kommenden Jahr   zwischen 20 und 26 Prozent betragen soll.<\/p>\n<h4>  Unterst&#252;tzung br&#246;ckelt<\/h4>\n<p>  In der Vergangenheit sind zu mehreren Anl&#228;ssen Hunderttausende Menschen   zur Verteidigung der Ch&#225;vez-Regierung auf die Stra&#223;e gegangen. Angriffe   oder gar ein Putschversuch der rechten Opposition konnten durch aktive   Massenmobilisierungen und Initiativen von unten verhindert werden.<\/p>\n<p>  Diese aktive Unterst&#252;tzung scheint jedoch zu br&#246;ckeln. Bei den letzten   Regionalwahlen im November 2008 und beim Referendum zur &#196;nderung der   Verfassung im Februar 2009 verlor Ch&#225;vez an Unterst&#252;tzung. Nur 54   Prozent stimmten f&#252;r die &#196;nderungen der Verfassung. Ch&#225;vez konnte zwar   die Regionalwahlen in den meisten Provinzen gewinnen, die rechte   Opposition ging jedoch gest&#228;rkt aus den Wahlen hervor.<\/p>\n<p>  Der Grund f&#252;r die sinkende Identifikation der Massen mit der Regierung   und die entstehende M&#252;digkeit und Resignation ist neben dem Unmut &#252;ber   die soziale Lage, das langsame Tempo von Verbesserungen, die wachsende   Korruption und hohe Kriminalit&#228;tsrate auch die Unzufriedenheit &#252;ber die   B&#252;rokratisierung im Staatsapparat und der neuen Partei PSUV von Ch&#225;vez   (Vereinigte Sozialistische Partei Venezuela). Bei j&#252;ngsten Umfragen   liegt die PSUV gerade mal bei 32,3 Prozent Zustimmung   (venezuelanalysis.com), wobei die Zustimmungsraten f&#252;r Hugo Ch&#225;vez   weitaus h&#246;her liegen.<\/p>\n<p>  Der n&#228;chste Parteikongress der PSUV beginnt am 21. November. Seit Ende   Oktober laufen die Delegiertenwahlen zum Kongress. F&#252;r Unmut sorgt, dass   die PSUV-F&#252;hrung vor der Delegiertenwahl in jeder Region eine Auswahl   der KandidatInnen trifft, die gew&#228;hlt werden k&#246;nnen. Dieses   undemokratische Wahlverfahren hat zur Folge, dass sich kritische   KandidatInnen kaum durchsetzen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Ende diesen Jahres finden Parlamentswahlen statt. Die rechte Opposition   scheint ihre Taktik ge&#228;ndert zu haben: Weg von konspirativen   Putschversuchen und hin zu dem Versuch &#8222;demokratisch&#8220; Mehrheiten zu   erobern durch Mobilisierungen auf der Stra&#223;e und Wahlen. War es fr&#252;her   aufgrund der klaren Ablehnung durch die Massen noch undenkbar, dass die   F&#252;hrer der Opposition in &#246;ffentlichen Institutionen Wahlkampf betreiben   und politisch auftreten, werden sie von der Masse der Bev&#246;lkerung heute   nicht mehr daran gehindert.<\/p>\n<h4>  Stagnation = R&#252;ckschritt<\/h4>\n<p>  <i>&#8222;Stagnation bedeutet R&#252;ckschritt&#8220;<\/i> formulierte   bereits Rosa Luxemburg treffend. Die Prozesse in Venezuela sind ein   Beleg daf&#252;r: Wenn der revolution&#228;re Prozess nicht weiter voran   schreitet, sondern stagniert, kann die rechte Opposition an   Unterst&#252;tzung gewinnen.<\/p>\n<p>  Momentan sieht es nicht danach aus, als w&#252;rde die Opposition auf einen   Putsch gegen Ch&#225;vez setzen. Der Putsch gegen den honduranischen   Pr&#228;sident Zelaya zeigt jedoch, wie weit die rechte Opposition bereit ist   zu gehen, wenn sie erstmal Morgenluft wittert und wie schnell soziale   Errungenschaften in Gefahr geraten k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Wenn die Regierung Ch&#225;vez, gest&#252;tzt auf die Mobilisierung der Massen,   nicht den Bruch mit dem Kapitalismus und dem kapitalistischen   Staatsapparat vollzieht, k&#246;nnen die Errungenschaften nicht von Dauer   sein und Armut und Arbeitslosigkeit nicht beseitigt werden. Eine   grundlegende Verbesserung der Lebensverh&#228;ltnisse der Mehrheit der   Bev&#246;lkerung ist nur m&#246;glich durch eine sozialistische Umgestaltung der   Gesellschaft.<\/p>\n<h4>  Vollst&#228;ndiger Bruch mit System n&#246;tig<\/h4>\n<p>  Die Politik der Regierung Ch&#225;vez scheint jedoch keinem klaren Plan zu   folgen. Die bisherigen Verstaatlichungen sind weder vom Ausma&#223; besonders   umfassend noch stellen sie einen radikalen Bruch mit den Eigent&#252;mern   dar. In vielen Bereichen sind private Konzerne weiterhin beteiligt. So   investiert beispielsweise der franz&#246;sische Konzern Total derzeit 17   Milliarden Euro in die weitgehend staatliche &#214;lf&#246;rderung.<\/p>\n<p>  Auch der Umfang der Verstaatlichungen ist nicht so umfassend: Aufgrund   des Wachstums vor der Rezession ist der private Sektor der Wirtschaft   heute sogar noch gr&#246;&#223;er als zu Ch&#225;vez Amtsantritt. In Nicaragua war die   Konterrevolution m&#246;glich, weil die Sandinisten 1979 nicht gewillt waren,   vollst&#228;ndig mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln und dem   Kapitalismus zu brechen. Das k&#246;nnte auch Venezuela drohen, wenn es nicht   zu einem Bruch mit dem System kommt.<\/p>\n<h4>  Revolution oder Konterrevolution<\/h4>\n<p>  Ganz Lateinamerika steht vor einer Epoche von Revolution und   Konterrevolution. In Venezuela stellt sich diese Frage in aller Sch&#228;rfe.   Im ersten Halbjahr 2009 gab es eine Zunahme von Streiks. Die Zunahme der   Krise kann dazu f&#252;hren, dass Ch&#225;vez durch den Druck der Massen zu   weitergehenden Ma&#223;nahmen gedr&#228;ngt wird. Das ist aber aufgrund der   sinkenden Begeisterung der Massen alles andere als sicher.<\/p>\n<p>  Die Einf&#252;hrung von Verschlechterungen wie Ausgabenk&#252;rzungen einhergehend   mit einer Propaganda f&#252;r den &#8222;Sozialismus des 21. Jahrhundert&#8220; f&#252;hrt bei   den Massen eher zur Verwirrung als zu Klarheit &#252;ber die anstehenden   Herausforderungen.<\/p>\n<p>  Momentan st&#252;tzt sich Ch&#225;vez einerseits auf die Massen und fordert den   US-Imperialismus weiter heraus. Andererseits sucht er immer wieder einen   Ausgleich und die Vermittlung zwischen den Interessen der Arbeiter,   Bauern und der verarmten Masse der Bev&#246;lkerung einerseits und den   Interessen des Kapitals und Gro&#223;grundbesitz andererseits. Mit einer   Zuspitzung der &#246;konomischen und politischen Situation wird der Druck auf   die Regierung weiter steigen.<\/p>\n<h4>  Rolle der arbeitenden und verarmten Bev&#246;lkerung<\/h4>\n<p>  Die bisherigen Errungenschaften k&#246;nnen nur gegen den Druck der rechten   Opposition und des US-Imperialismus verteidigt werden, wenn die Massen   sie aktiv verteidigen und nicht nur einzelne Betriebe, sondern die   gesamten Schl&#252;sselbereiche der Wirtschaft verstaatlicht werden, die   bisher in den H&#228;nden von f&#252;nf reichen Familien Venezuelas sind.   Entsch&#228;digungen sollten bei Enteignungen nur bei erwiesener   Bed&#252;rftigkeit gezahlt werden.<\/p>\n<p>  Es geht bei den Enteignungen jedoch nicht nur um eine Verteilungsfrage,   sondern darum, wer die Macht innehat: die alte venezolanische Elite oder   die arbeitende Bev&#246;lkerung Venezuelas?<\/p>\n<p>  N&#246;tig w&#228;re ein Aufruf an Besch&#228;ftigte ihre Betriebe zu besetzen und die   Kontrolle &#252;ber die Betriebe selbst zu &#252;bernehmen als erster Schritt zu   Arbeiterverwaltung. Die verstaatlichten Betriebe m&#252;ssten Teil eines   nationalen demokratischen Produktionsplans werden.<\/p>\n<p>  &#196;hnliche Komitees m&#252;ssen in der Armee, in Gemeinden, Unis und Schulen   aufgebaut werden und sich lokal, regional und national vernetzen. Dies   w&#228;re die Basis f&#252;r eine Regierung der ArbeiterInnen und verarmten   Landbev&#246;lkerung, die den alten kapitalistischen Staatsapparat ersetzen   kann.<\/p>\n<p>  F&#252;r eine Verteidigung der Errungenschaften und eine erfolgreiche   Revolution ist eine demokratische sozialistisch-revolution&#228;re Partei   n&#246;tig. CWI-Mitglieder setzen sich innerhalb der PSUV f&#252;r demokratische   Strukturen und ein revolution&#228;res Programm ein. Eine solche Partei kann   ein Forum bilden, um &#252;ber die weiteren Schritte im revolution&#228;ren   Prozess zu diskutieren und daf&#252;r zu k&#228;mpfen, dass der Sozialismus im 21.   Jahrhundert in Venezuela und international Wirklichkeit wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein vollst&#228;ndiger Bruch mit dem kapitalistischen Staatsapparat und<br \/>\n      Privateigentum an Fabriken ist n&#246;tig\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[219],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13408"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13408"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13408\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}