{"id":13407,"date":"2009-11-19T00:00:00","date_gmt":"2009-11-19T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13407"},"modified":"2009-11-19T00:00:00","modified_gmt":"2009-11-19T00:00:00","slug":"13407","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13407\/","title":{"rendered":"Die schwarz-gelbe Regierung legt los &#8230; oder doch nicht?"},"content":{"rendered":"<p>  Eine Analyse des Koalitionsvertrags von CDU, CSU und FDP<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nachdem sich 2002 und 2005 die Erwartungen des Kapitals auf eine   schwarz-gelbe Mehrheit nicht erf&#252;llten, haben sie jetzt ihre   Wunschregierung. Trotzdem l&#228;uft es f&#252;r sie nicht nach Wunsch.<\/p>\n<h4>  <i><b>von Wolfram Klein<\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Das liegt nat&#252;rlich nicht nur an der Qualit&#228;t des Personals, &#252;ber das   die &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; zu Halloween spottete: <i>&#8222;Nicht   nur die Kinder haben sich bunt verkleidet, in Berlin haben sich auch   Politiker von Union und FDP gedacht: Hey, da machen wir doch glatt mit!   Selten gab es gruseligere Kost&#252;me: Ex-Verteidigungsminister Franz Josef   Jung zum Beispiel geht als Arbeitsminister. (&#8230;) FDP-Chef Guido   Westerwelle erf&#252;llt sich einen lang gehegten Traum und hat sein   Au&#223;enministerkost&#252;m aus dem Keller hervorgeholt. (&#8230;) Das beste Kost&#252;m   aber hat G&#252;nther Oettinger: Er geht als EU-Kommissar und verbreitet so   in ganz Europa Angst und Schrecken. Im wahren Leben ist das Gute an den   Vampiren und Monstern, dass sie sich bald wieder in Kinder   zur&#252;ckverwandeln. Bei den Politikern steht dagegen zu bef&#252;rchten, dass   der Spuk die n&#228;chsten vier Jahre andauert.&#8220;<\/i><\/p>\n<h4>  <b>Wirtschaftskrise und Regierung<\/b><\/h4>\n<p>  Offensichtlich waren alle Behauptungen vor den Wahlen, dass die   schwerste Wirtschaftskrise nach dem Krieg &#252;berwunden sei,   Zweckoptimismus. In Wirklichkeit haben die Vertreter des Kapitals   heillose Angst, dass sie durch einen scharfen Sparkurs einen R&#252;ckfall in   die Krise verschulden k&#246;nnten. Im Koalitionsvertrag selbst liest sich   das so: <i>&#8222;In der au&#223;ergew&#246;hnlichen Situation, in der sich die deutsche   wie die internationale Wirtschaft befindet, d&#252;rfen das Vertrauen der   B&#252;rger und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen jetzt nicht   durch Entzug von Kaufkraft, h&#246;here Belastung der Arbeitskosten und   K&#252;rzungen bei &#246;ffentlichen und privaten Investitionen gef&#228;hrdet werden.   Dies w&#228;re auch im historischen Ma&#223;stab ein schwerer Fehler.&#8220;<\/i>   (Zeile 23-28)<\/p>\n<p>  Als Kanzlerin Merkel auf dem &#8222;kleinen Parteitag&#8220; der CDU f&#252;r den   Koalitionsvertrag warb, klang es noch vorsichtiger. Der &#8222;Wachstumspfad&#8220;   der Koalition biete &#8222;keine Garantie, dass es klappt. Aber der bietet die   Chance, dass es klappt. Bei Sparen, Sparen, Sparen sehe ich keine   Chance, dass wir es schaffen.&#8220; Der neue Finanzminister Sch&#228;uble blies   ins gleiche Horn:<i> &quot;Wir m&#252;ssen zun&#228;chst einmal die Krise durchstehen &#8211;   und dann k&#246;nnen wir wieder konsolidieren&quot;.<\/i> Er geht noch   einen Schritt weiter: <i>&quot;Wenn sich die Wirtschaftskrise noch   versch&#228;rfen sollte, macht das die Steuersenkung eher wahrscheinlicher.   Denn Steuersenkungen sind weltweit eines der wirksameren Mittel gegen   die Krise.&quot;<\/i><\/p>\n<p>  Auch die b&#252;rgerlichen &#214;konomen lehnen einen schnellen Abbau des   Haushaltsdefizits ab. Die &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; befragte ihren   &#8222;Konjunkturschattenrat&#8220; von Experten: <i>&#8222;Einigkeit herrscht   unter den &#214;konomen dar&#252;ber, dass es falsch w&#228;re, mit der Konsolidierung   in der Krise zu beginnen. Kein einziges Schattenratsmitglied   bef&#252;rwortete in der Umfrage vom Montag, dass mit der R&#252;ckf&#252;hrung der   Strukturdefizite noch 2010 begonnen werden sollte.<\/i> &quot; (FTD 27. 10.   2009)<\/p>\n<p>  Ein Symptom f&#252;r die Kontinuit&#228;t der Regierung in der n&#228;chsten Phase (und   zugleich den neoliberalen, kapitalistischen Charakter der heutigen SPD)   ist, dass Steinbr&#252;cks sozialdemokratischer Staatssekret&#228;r Asmussen im   Amt bleiben soll, dessen Entlassung die FDP wegen seiner Rolle bei der   HRE-Verstaatlichung gefordert hatte.<\/p>\n<p>  Die Regierung kann dabei zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Auf der   einen Seite hofft die Regierung auf eine positive Wirkung auf die   Konjunktur. Auf der anderen Seite hofft sie, dass es sich positiv auf   ihr Ergebnis bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai   auswirkt, wenn sie mit ihren Grausamkeiten noch ein paar Monate wartet.<\/p>\n<p>  Diese Zweiteilung der Regierungs-Agenda bringt es mit sich, dass die   Aussagen des Koalitionsvertrages oft nebul&#246;s sind. Dahinter verbergen   sich teilweise auch echte Meinungsverschiedenheiten zwischen den   Koalitionsparteien, die im Koalitionsvertrag hinter diesen unklaren   Formulierungen versteckt wurden, die aber in den n&#228;chsten Jahren offen   ausbrechen werden. F&#252;r Gewerkschaften und LINKE sollten diese kommenden   Konflikte Motivation sein, die Uneinigkeit der Regierung f&#252;r den Kampf   f&#252;r Arbeiterinteressen zu nutzen.<\/p>\n<h4>  <b>Steuerentlastungen?<\/b><\/h4>\n<p>  Im Wahlkampf hatte es zwischen den Koalitionspartnern Differenzen   gegeben haben, ob und wie stark die Steuern nach der Wahl gesenkt   werden. F&#252;r die Steuersenkungen, die jetzt im Koalitionsvertrag stehen,   gilt Zeile 559 des Vertrages: <i>&#8222;Alle Ma&#223;nahmen des Koalitionsvertrages   stehen unter Finanzierungsvorbehalt.&#8220;<\/i> F&#252;r das kommende Jahr   2010 bestehen die Entlastungen zu zwei Dritteln (14 Milliarden) darin,   die bereits von der Gro&#223;en Koalition beschlossenen Entlastungen nicht   wieder r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Dar&#252;ber hinaus soll der Kinderfreibetrag   von 6.024 auf 7.008 Euro erh&#246;ht werden (und in einem zweiten Schritt,   f&#252;r den kein Datum angegeben ist, auf 8.004 Euro). Laut Bund der   Steuerzahler haben davon Familien erst ab einem Jahreseinkommen von   60.000 Euro etwas. Deshalb soll zus&#228;tzlich das Kindergeld um zwanzig   Euro pro Kind erh&#246;ht werden. Das wird insgesamt etwa f&#252;nf Milliarden   Euro kosten. Insgesamt verspricht die Regierung eine Entlastung von 24   Milliarden Euro. Es bleiben also noch 19 Milliarden, mit denen die   Regierung &#8222;m&#246;glichst&#8220; 2011 die bisherige Einkommenssteuer durch einen   &#8222;Stufentarif&#8220; ersetzen will. Dabei will sie &#8222;insbesondere die unteren   und mittleren Einkommensbezieher vorrangig entlasten und gleichzeitig   den Mittelstandsbauch abflachen&#8220; (Zeile 102f.). Klingt sch&#246;n. Aber   freuen wir uns nicht zu fr&#252;h! Dass das Phrasen sind, zeigen schon die   W&#246;rtchen &#8222;und gleichzeitig&#8220;. Die <i>&#8222;mittleren   Einkommensbezieher&#8220; entlasten hei&#223;t eben &#8222;den Mittelstandsbauch   abflachen&#8220;<\/i>. Es handelt sich also gar nicht um zwei   verschiedene Ma&#223;nahmen! Wenn es nicht um wohlklingendes Wortgebimmel,   sondern um ernst gemeinte Ma&#223;nahmen ginge, w&#252;rde ihnen so etwas doch   auffallen!<\/p>\n<p>  Vergessen wir auch nicht den &#8222;Finanzierungsvorbehalt&#8220; bei &#8222;allen   Ma&#223;nahmen&#8220; und den Charakter der Regierung, der in ihrer ganzen Politik   zum Ausdruck kommt!<\/p>\n<p>  Dieser Charakter zeigt sich schon in ihren anderen steuerpolitischen   Ma&#223;nahmen: Bei der Erbschaftssteuer wird nicht nur ein Extratarif f&#252;r   Geschwister, Neffen und Nichten eingef&#252;hrt. Bisher war die Vererbung von   Firmen steuerfrei, wenn die Lohnsumme 10 Jahre gleich blieb. Das wird   jetzt gelockert &#8211; angesichts der Krise und des zu erwartenden   Stellenkahlschlags h&#228;lt die Regierung das offenbar f&#252;r eine zu harte   Bedingung f&#252;r Firmenerben.<\/p>\n<p>  Der erm&#228;&#223;igte Mehrwertsteuersatz kommt f&#252;r verschiedene Produkte auf den   &#8222;Pr&#252;fstand&#8220;. Das bedeutet, dass f&#252;r eine unbestimmte Zahl von Produkten   der Mehrwertsteuersatz von sieben auf 19 Prozent erh&#246;ht werden soll.   Daf&#252;r soll der erm&#228;&#223;igte Satz f&#252;r Hotels (&#8222;Beherbergungsleistungen&#8220;)   eingef&#252;hrt werden. Das wurde auf Druck der CSU beschlossen, die wieder   der Lobby der bayerischen Hoteliers gehorcht (die behaupten, sie h&#228;tten   Konkurrenznachteile, weil eine entsprechende Regelung in &#214;sterreich   eingef&#252;hrt wurde). Auch b&#252;rgerliche Zeitungen bezweifeln, dass Hotels   die Kostensenkungen an ihre Kunden weitergeben w&#252;rden und weisen darauf   hin, dass erm&#228;&#223;igte Mehrwertsteuers&#228;tze sozialpolitisch motiviert sein   sollten und Hartz-IV-Empf&#228;nger und andere sozial Schwache andere   Probleme als zu hohe Hotelpreise haben. Dieses Steuergeschenk f&#252;r die   Hotels soll 1,9 Milliarden Euro kosten.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend der Verhandlungen gab es Berichte, die Koalition plane, die   Mehrwertsteuerbefreiung der kommunalen Abwasser- und Abfallwirtschaft   aufzuheben, was Geb&#252;hrenerh&#246;hungen von 12 bis 20 Prozent bedeutet h&#228;tte.   Im Koalitionsvertrag steht jetzt &#8222;Aufgaben der Daseinsvorsorge&#8220; nicht   st&#228;rker zu besteuern. Aber was geh&#246;rt zur Daseinsvorsorge? Die Koalition   hat offenbar einen eigenwilligen Gebrauch dieses Wortes. Sie rechnet   z.B. die &#8222;fl&#228;chendeckende Breitbandversorgung&#8220; (Zeile 4797) dazu. Was   f&#252;r sie sonst dazu oder nicht dazu geh&#246;rt, verr&#228;t sie noch nicht.<\/p>\n<h4>  <b>Krankenversicherung<\/b><\/h4>\n<p>  Die heftigsten Angriffe der Regierung sind bisher im Bereich der   Gesundheit und Pflege angek&#252;ndigt. Jahrelang sollten Gesundheitsreformen   die Kosten des Gesundheitswesens begrenzen. Jetzt regiert die Lobby   derjenigen, die am Gesundheitswesen und seinen Kostensteigerungen   verdienen. Der Koalitionsvertrag erkl&#228;rt das Gesundheitswesen zur   &#8222;Zukunftsbranche&#8220; (Zeile 3840f.) und auch der &#8222;Financial Times   Deutschland&#8220; fiel auf: <i>&#8222;ausgerechnet die Partei, die der &#196;rzte-   und Pharmalobby am n&#228;chsten steht, bekommt das Gesundheitsministerium&#8220;<\/i>.   Statt die Kosten zu begrenzen, sollen sie jetzt einseitig den   Besch&#228;ftigten und Kranken aufgeladen werden. Nat&#252;rlich erkl&#228;ren sie die   kommenden Kostensteigerungen nicht mit den Profitinteressen ihrer   Klientel, sondern mit der &#228;lter werdenden Gesellschaft.<\/p>\n<p>  Erstens soll der Arbeitgeberanteil der Versicherungsbeitr&#228;ge bei sieben   Prozent eingefroren werden. Also sollen die Lohnabh&#228;ngigen und Kranken   kommende Kostensteigerungen aus ihrer eigenen Tasche zahlen.<\/p>\n<p>  Zweitens will die Regierung &#8222;langfristig&#8220; &#8222;einkommensunabh&#228;ngige   Arbeitnehmerbeitr&#228;ge&#8220; einf&#252;hren. Das wurde in der Vergangenheit als   Kopfpauschale bekannt. Es bedeutet, dass die H&#246;he der Beitr&#228;ge nicht   mehr vom Einkommen abh&#228;ngt, sondern alle ArbeitnehmerInnen gleich hohe   Beitr&#228;ge zahlen: also m&#252;ssen Versicherte mit niedrigen Einkommen viel   mehr, Versicherte mit hohen Einkommen viel weniger zahlen als heute. Der   Koalitionsvertrag verspricht zwar, das solle &#8222;sozial ausgeglichen&#8220;   werden. Sie versprechen aber nicht, dass es vollst&#228;ndig sozial   ausgeglichen wird. Au&#223;erdem stehen ja alle Versprechen im   Koalitionsvertrag unter &#8222;Finanzierungsvorbehalt&#8220; und die Finanzl&#246;cher im   Haushalt sind riesig (siehe unten).<\/p>\n<p>  Warum wollen sie &#252;berhaupt Geringverdiener durch h&#246;here Beitr&#228;ge   belasten, wenn sie angeblich vorhaben, es ihnen aus Steuermitteln   wiederzugeben?<\/p>\n<p>  Die offizielle Begr&#252;ndung ist, dass die Finanzierung aus Steuern sozial   gerechter sei. Dabei wird darauf verwiesen, dass es Bev&#246;lkerungsgruppen   au&#223;erhalb der Krankenversicherung gibt. Aber bei einer Bev&#246;lkerung von   82 Millionen sind 70 Millionen Versicherte nicht gerade wenig. Und wer   zahlt denn die Steuern? In den letzten Jahren wurden die Steuern f&#252;r   Unternehmen immer wieder gesenkt. Im Koalitionsvertrag sind weitere   Steuersenkungen geplant. Auch die Spitzensteuers&#228;tze beim Einkommen   wurden gesenkt. Zugleich wurden z.B. die Verbrauchssteuern immer wieder   erh&#246;ht (z.B. die Mehrwertsteuer 2005 von 16 auf 19 Prozent). Solche   Verbrauchssteuern sind aber die unsozialsten Steuern. Je niedriger das   Einkommen ist, desto gr&#246;&#223;er der Anteil des Einkommens, das konsumiert   wird und f&#252;r den daher Mehrwertsteuer anf&#228;llt. Anders gesagt:   Mehrwertsteuer m&#252;ssen auch Hartz-IV-Empf&#228;ngerInnen zahlen. Oder: heute   sind Kinder von ArbeitnehmerInnen bei der Krankenversicherung   mitversichert, ohne dass die Eltern zus&#228;tzliche Beitr&#228;ge zahlen m&#252;ssen.   Aber wenn Kinder Nahrung und Kleidung brauchen, dann m&#252;ssen die Eltern   daf&#252;r Mehrwertsteuer etc. zahlen. Eine Bezuschussung von   Krankenversicherungsbeitr&#228;gen &#252;ber Steuern ist also gar nicht sozial,   solange die Steuern nicht grundlegend umgekrempelt werden.<\/p>\n<p>  Aber damit sind die Zumutungen von Union und FDP noch nicht zu Ende.   Bisher gibt es Festzusch&#252;sse, Festbetr&#228;ge und Mehrkostenregelungen bei   Zahnersatz, Arzneimitteln und Reha-Ma&#223;nahmen. Die Regierung will   &#8222;pr&#252;fen&#8220;, ob &#8222;Mehrkostenregelungen&#8220; dar&#252;ber hinaus m&#246;glich sind. Sie   beteuern zwar, sie wollten PatientInnen nicht vom medizinischen   Fortschritt ausschlie&#223;en oder &#252;berfordern &#8211; aber wer diesen Politikern   glaubt, ist selber schuld. &#8222;Mehrkostenregelungen&#8220; bedeuten genau das:   eine bestimmte Grundversorgung wird noch von der Krankenkasse   &#252;bernommen, alles was dar&#252;ber hinaus geht, m&#252;ssen die Versicherten   selber zahlen &#8211; oder eben bleiben lassen, wenn sie es nicht mehr zahlen   k&#246;nnen. Und bei sinkenden L&#246;hnen (die Regierung rechnet f&#252;r 2009 mit   einem Sinken der Bruttolohnsumme um 0,4 Prozent und 2010 um 0,5 Prozent   wegen Kurzarbeit etc.) und steigenden Beitr&#228;gen wird die Zahl der   Menschen, die sich so etwas nicht mehr leisten k&#246;nnen, zunehmen.<\/p>\n<p>  Zugleich wird der Gesundheitsfonds aufgeweicht: statt dem bisherigen   Einheitsbeitrag von 14,9 Prozent, sollen die &#252;ber 180 Krankenkassen   einen Teil direkt einziehen. Anscheinend soll Merkels glorreicher   Gesundheitsfonds beibehalten werden, damit nicht seine Abschaffung nach   wenigen Monaten an ihrem Image kratzt. Aber sein Zweck, den Kampf der   Kassen um die &#8222;besten Risiken&#8220; zu beenden, soll wieder abgeschafft   werden. Die Gesundheitsfonds-B&#252;rokratie bleibt, ihr Zweck geht verloren.   Es soll auch &#8222;regionale Differenzierungsm&#246;glichkeiten&#8220; geben. Offenbar   ist das ein Zugest&#228;ndnis an die CSU, die hofft, in Bayern w&#252;rden die   Beitr&#228;ge niedriger sein.<\/p>\n<h4>  Pflegeversicherung<\/h4>\n<p>  Die Pflegeversicherung wurde 1995 eingef&#252;hrt, Ihr Arbeitgeberanteil   wurde von den ArbeitnehmerInnen durch einen zus&#228;tzlichen Arbeitstag   (Wegfall des Bu&#223;- und Bettags) finanziert. Jetzt reichen die Einnahmen   nicht mehr. Es soll eine Erg&#228;nzung des bestehenden Umlageverfahrens   durch &#8222;Kapitaldeckung&#8220; geben. Das ist eine Art Zwangs-Riester-Rente f&#252;r   die Pflege. Die heutigen BeitragszahlerInnen sollen die heutigen   Pflegebed&#252;rftigen und ihre eigene Pflege bezahlen. Dadurch wird ein   weiteres Feld f&#252;r die private Versicherungswirtschaft ge&#246;ffnet. Die   damalige bayrische Sozialministerin Stewens schlug das 2005 schon vor.   Der Beitrag sollte mit vier Euro im Monat beginnen und j&#228;hrlich um   f&#252;nfzig Cent steigen. Der Rentenexperte Raffelh&#252;schen erkl&#228;rte das   damals f&#252;r viel zu niedrig und pl&#228;dierte f&#252;r einen Betrag, der mit 8,50   im Monat beginnen und bis 2050 auf f&#252;nfzig Euro monatlich steigen solle.   Seitdem sind die Kosten gestiegen. Wenn die Regierung mit Zahlen   herausr&#252;ckt, d&#252;rften die h&#246;her liegen.<\/p>\n<p>  Der Unterschied zwischen diesem &#8222;Pflege-Riester&#8220; und der &#8222;Riester-Rente&#8220;   ist nicht nur, dass es diesmal eine Zwangsversicherung ist. Bei der   Rentenversicherung hing die H&#246;he der Rente traditionell von der H&#246;he der   Beitr&#228;ge ab. Der &#8222;Versicherungscharakter&#8220; der Rentenversicherung besteht   darin, dass die Menschen verschieden lange leben und damit die Menschen,   die bald nach der Verrentung sterben, wenig davon haben, und die   Menschen, die danach noch lange leben, viel davon haben. Im Unterschied   dazu h&#228;ngt traditionell bei der Kranken- und Pflegeversicherung der   Umfang der Leistungen nicht von der H&#246;he der Beitr&#228;ge ab, sondern vom   Bedarf. Die Einf&#252;hrung einer kapitalgedeckten Versicherung in die   Pflegeversicherung, bei der die H&#246;he der Beitr&#228;ge nicht von der H&#246;he des   Einkommens abh&#228;ngt (so wenig wie bei einer KFZ- oder Lebensversicherung)   bedeutet damit neben dem Zwangscharakter auch die Einf&#252;hrung der   Kopfpauschale auch in die Pflegeversicherung.<\/p>\n<p>  Bei der Riester-Rente f&#252;hrte das Vertrauen auf den Kapitalmarkt dazu,   dass viele fondsbasierte Vertr&#228;ge an Wert verloren. Jetzt soll mit der   Kapitaldeckung auch die Pflegeversicherung den Wechself&#228;llen der B&#246;rse   ausgesetzt werden.<\/p>\n<h4>  <b>Weitere Verarmung<\/b><\/h4>\n<p>  Bei neuen Branchen-Mindestl&#246;hnen bekommt die FDP faktisch ein Vetorecht:   sie werden &#8222;einvernehmlich im Kabinett&#8220; (Zeile 640) beschlossen, w&#228;hrend   sie bisher der Arbeitsminister unter bestimmten Umst&#228;nden allein   entscheiden konnte. (Wenn diese Kompetenz bei Arbeitsminister Jung l&#228;ge,   der nur weiter im Kabinett sitzen darf, weil er aus der Zeit der   CDU-Spendenaff&#228;re mit Roland Koch gemeinsam Leichen im Keller hat, w&#228;re   das allerdings auch nicht beruhigend.) Die bestehenden Mindestl&#246;hne   kommen bis Oktober 2011 auf den Pr&#252;fstand. Damit drohen die kleinen   Schritte Richtung Mindestlohn gestoppt und dann wieder r&#252;ckg&#228;ngig   gemacht zu werden.<\/p>\n<p>  Die beabsichtigte Pauschalisierung von Unterkunfts-, Energie- und   Nebenkosten beim ALG II kann faktisch eine Senkung von ALG II bedeuten.   Und die Anhebung der Schonverm&#246;gen f&#252;r Hartz-IV-Empf&#228;nger? Sie n&#252;tzt   laut Deutschem parit&#228;tischen Wohlfahrtsverband nur zwei bis drei Prozent   der Hartz-Familien. Und sie gilt nur f&#252;r Ersparnisse f&#252;r die private   Altersvorsorge. Mit anderen Worten: die Regierung rechnet damit, dass   als Folge der Krise massenhaft besser bezahlte Besch&#228;ftigte in Hartz IV   abrutschen werden (denn schlecht bezahlte ArbeitnehmerInnen k&#246;nnen sich   die Riester-Rente kaum leisten) und hat Angst, dass die Riester-Rente   v&#246;llig unattraktiv wird. Deshalb sollen diese Ersparnisse (und   Eigenheime) besser gesch&#252;tzt werden.<\/p>\n<p>  Daf&#252;r werden die Rechte der MieterInnen verschlechtert. Die   K&#252;ndigungsfrist f&#252;r Vermieter wird von bis zu neun auf drei Monate   herabgesetzt. Gek&#252;ndigte MieterInnen haben so noch weniger Zeit, eine   neue Wohnung zu finden. Damit nicht genug: <i>&#8222;Mietrechtliche Anspr&#252;che   m&#252;ssen auch wirksam vollstreckt werden k&#246;nnen.&#8220;<\/i>   (Zeile 5075f.) Auf deutsch: wenn die Mieter gek&#252;ndigt sind, soll die   Zwangsr&#228;umung erleichtert werden.<\/p>\n<h4>  <b>Innenpolitik<\/b><\/h4>\n<p>  Im Wahlkampf hat die FDP sich noch als Verteidigerin von B&#252;rgerrechten   ausgegeben. Tats&#228;chlich bleiben Sch&#228;ubles &#220;berwachsungsgesetze mit   minimalen &#196;nderungen bestehen. Zum Beispiel wird der <i>&#8222;Zugriff   der Bundesbeh&#246;rden auf die gespeicherten Vorratsdaten der   Telekommunikationsunternehmen bis zur Entscheidung des   Bundesverfassungsgerichts &#252;ber die Verfassungsm&#228;&#223;igkeit der   Vorratsdatenspeicherung&#8220;<\/i> ausgesetzt und <i>&#8222;bis dahin auf   Zugriffe zur Abwehr einer konkreten Gefahr f&#252;r Leib, Leben und Freiheit&#8220;<\/i>   beschr&#228;nkt (Zeile 4898.4900). Aber die Polizei ist weitgehend   L&#228;ndersache &#8211; und Landesbeh&#246;rden werden nicht erw&#228;hnt.<\/p>\n<p>  Die Rechte der Polizei werden ausgeweitet:<i> &#8222;Wir werden eine   gesetzliche Verpflichtung schaffen, wonach Zeugen im   Ermittlungsverfahren nicht nur vor dem Richter und dem Staatsanwalt,   sondern auch vor der Polizei erscheinen und &#8211; unbeschadet gesetzlicher   Zeugenrechte &#8211; zur Sache aussagen m&#252;ssen.&#8220;<\/i> (Zeile   5008-5011)<\/p>\n<p>  Die Verharmlosung des Rechtsextremismus durch die Regierung ist   widerw&#228;rtig. Obwohl seit 1993 140 Menschen durch Gewalt von rechts und   kein einziger durch Gewalt von links ums Leben kam (wie die linke   Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke vorrechnete), werden im   Koalitionsvertrag st&#228;ndig Rechtsextremismus, Islamismus und   Linksextremismus in einem Atemzug genannt oder wird einfach nur von   &#8222;Extremismus&#8220; geschrieben. Die bisherigen Programme gegen   Rechtsextremismus werden auf Linksextremismus und Islamismus   ausgeweitet. Geschmackvollerweise z&#228;hlt das der Koalitionsvertrag auf   als eine der Ma&#223;nahmen, <i>&#8222;um der Verkl&#228;rung der SED-Diktatur   entgegenzuwirken&#8220;<\/i> (Zeile 4334 und Zeile 4345-47).   Offensichtlich findet diese Regierung die M&#246;glichkeit, dass Menschen aus   der tiefsten Krise des Kapitalismus in der Nachkriegszeit sozialistische   Schlussfolgerungen ziehen k&#246;nnten bedrohlicher als die zunehmende   Nazigewalt. Aus ihrer Sicht haben sie nicht Unrecht, denn die Nazis sind   die n&#252;tzlichen Idioten des Kapitals.<\/p>\n<h4>  <b>Energie und Umwelt<\/b><\/h4>\n<p>  Die Laufzeit der Atomkraftwerke (die bei schwarz-gelb nat&#252;rlich   &#8222;Kernkraftwerke&#8220; hei&#223;en, um den Zusammenhang zwischen Atomkraft und   Atomwaffen zu vertuschen) wird verl&#228;ngert. Nat&#252;rlich sollen dabei die   &#8222;deutschen und internationalen Sicherheitsstandards&#8220; eingehalten werden.   Aber erstens geht es um viel Geld, das Regierung und   Energieversorgungsunternehmen untereinander aufteilen wollen. Wer kann   da solchen Versprechen vertrauen? Zweitens werden Atomkraftwerke immer   unsicherer, je l&#228;nger sie im Betrieb sind. Drittens bedeutet der   Weiterbetrieb der AKWs zus&#228;tzlich 450 Tonnen hochradioaktiven M&#252;ll   j&#228;hrlich (weshalb auch der rotgr&#252;ne &#8222;Atomkompromiss&#8220; unverantwortlich   war), obwohl die Endlagerung nach wie vor nicht gekl&#228;rt ist: In Gorleben   soll die Erkundung &#8222;ergebnisoffen&#8220; wieder aufgenommen werden. &#8222;Die   Endlager Asse II und Morsleben sind in einem z&#252;gigen und transparenten   Verfahren zu schlie&#223;en&#8220; (Zeile 1041f.) Die Ironie, Lager als &#8222;Endlager&#8220;   zu bezeichnen, die wieder geschlossen werden, f&#228;llt ihnen gar nicht auf.<\/p>\n<p>  Es sollen keine weiteren AKWs mehr gebaut werden. Die Atomkraft wird als   &#8222;Br&#252;ckentechnologie&#8220; bezeichnet. Aber Br&#252;cke wohin? Die Koalition hat   kein Konzept f&#252;r einen Umbau der Energief&#246;rderung auf erneuerbare   Energien.<\/p>\n<p>  Neben der Atomkraft kommt auch die Gentechnologie auf ihre Kosten: Der   Anbau der Industrie-Genkartoffel Amflora wird unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem wird die Zerschlagung des umweltfreundlichsten Verkehrsmittels   &#8211; der Bahn &#8211; weiter betrieben. Nachdem die Gro&#223;e Koalition gegen den   Willen der gro&#223;en Mehrheit der Bev&#246;lkerung die Bahnprivatisierung durch   Verfassungs&#228;nderung m&#246;glich gemacht hat, soll jetzt nicht nur eine   Minderheitsbeteiligung der Bahn verkauft werden, sondern die Bahn   zerschlagen und Teilbereiche ganz verkauft werden: Personen- und   G&#252;terverkehr und Logistik. Die Regierung meint, man k&#246;nne beim   Schienenverkehr ebenso wie beim Stra&#223;enverkehr die (staatliche)   Infrastruktur von den privaten Verkehrsteilnehmern trennen. Das verkennt   v&#246;llig die technischen Unterschiede. Wenn auf der Autobahn ein LKW einen   anderen &#252;berholt, mag das f&#252;r andere Verkehrsteilnehmer nervig sein,   aber es geht. Ein Zug kann den anderen nicht einfach so &#252;berholen, denn   die fahren auf Schienen, bei denen es nur eine begrenzte Anzahl von   Weichen gibt. Aus diesem Grund gibt es bei der Bahn Fahrpl&#228;ne, die man   f&#252;r den Stra&#223;enverkehr nicht braucht. Beim Schienenverkehr gibt es also   rein technisch einen viel engeren Zusammenhang zwischen Infrastruktur   und Fahrzeugen als beim Stra&#223;enverkehr. Diesen Zusammenhang durch die   Privatisierung zu zerrei&#223;en bedeutet, den m&#246;glichen Beitrag der Bahn zum   Umweltschutz (und zu Verkehrssicherheit, Fahrkomfort etc.) drastisch   einzuschr&#228;nken und m&#246;glicherweise langfristig zu zerst&#246;ren. Neben einem   ger&#252;ttelten Ma&#223; an ideologischer Borniertheit stecken die   kapitalistischen Profitinteressen dahinter: beim Personen- und   G&#252;terverkehr und bei der Logistik winken neue profitable   Anlagem&#246;glichkeiten f&#252;r das Kapital, w&#228;hrend die Infrastruktur f&#252;r   Investoren nicht attraktiv ist (erstens ist sie zu gro&#223;en Teilen   ziemlich heruntergewirtschaftet und zweitens betr&#252;gen die   Umschlagszeiten f&#252;r dort investiertes Kapital Jahrzehnte &#8211; nicht gerade   profitversprechend).<\/p>\n<h4>  <b>Bildung<\/b><\/h4>\n<p>  Der Koalitionsvertrag tr&#228;gt die &#220;berschrift <i>&#8222;Wachstum.   Bildung. Zusammenhalt.&#8220;<\/i> Wenn man diese &#220;berschrift liest,   k&#246;nnte man meinen, dass die Bildung ein zentrales Thema sei. Die   Wirklichkeit sieht anders aus. Das ist nicht &#252;berraschend, weil die   F&#246;deralismusreform von 2006 die Kompetenzen des Bundes in der   Bildungspolitik fast vollst&#228;ndig beseitigt hat. Wenn man sich den   Koalitionsvertrag betrachtet, sieht man, dass das Kapitel zu Bildung und   Forschung das k&#252;rzeste Kapitel des Vertrages ist: es macht nur 6,4   Prozent des Textes aus, wovon noch einmal fast die H&#228;lfte die Forschung   behandelt. So bleiben f&#252;r die ein Drittel des Titels einnehmende   &#8222;Bildung&#8220; nur noch 3,5 Prozent des Textes. Nach wohlklingenden Worten   &#252;ber die Bedeutung von Bildung hei&#223;t es dann: &#8222;Deswegen sagen wir der   Bildungsarmut den Kampf an.&#8220; (Zeile 2543f.) Die Koalition verspricht,   bis zum Jahr 2013 zus&#228;tzliche zw&#246;lf Milliarden Euro f&#252;r Bildung und   Forschung auszugeben &#8211; macht pro Jahr drei Milliarden. Wie viel davon   wirklich f&#252;r Bildung ist und wie viel f&#252;r Forschung, wird nicht gesagt.   Au&#223;erdem gibt es ja noch die Zeile 559 des Koalitionsvertrags: &#8222;Alle   Ma&#223;nahmen des Koalitionsvertrages stehen unter Finanzierungsvorbehalt.&#8220;   Wenn man annimmt, dass die H&#228;lfte der drei Milliarden im Jahr in die   Forschung flie&#223;t, sind das noch anderthalb Milliarden f&#252;r Bildung,   weniger als die 1,9 Milliarden, mit denen die Hotels durch den   erm&#228;&#223;igten Mehrwertsteuersatz subventioniert werden. Aber wenn der   Koalitionsvertrag statt &#8222;Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.&#8220; z.B. <i>&#8222;Pharmakonzerne.   Hotels. Energieversorgungsunternehmen.&#8220;<\/i> hie&#223;e, kl&#228;nge das   nat&#252;rlich nicht so gut.<\/p>\n<p>  Die Regierung verspricht f&#252;r jedes Kind ein Startguthaben von 150,-   Euro. Einzahlungen von Gro&#223;eltern, Paten etc. sollen durch Pr&#228;mien   gef&#246;rdert werden. Allerdings d&#252;rfte ein Startguthaben von 150,- Euro   gerade mal die Kita-Geb&#252;hren f&#252;r ein paar Wochen abdecken und dann   aufgebraucht sein.<\/p>\n<p>  Die Regierung will die Begabtenf&#246;rderung ausweiten. Die Zahl der   Stipendiaten soll von zwei auf zehn Prozent steigen. Wie diese F&#246;rderung   derjenigen, die schon im Bildungssystem Erfolg haben, die Bildungsarmut   bek&#228;mpfen soll, ist das Geheimnis der Regierung. Damit werden   &#252;berwiegend die gef&#246;rdert, deren Eltern schon hohe Bildung und hohe   Einkommen haben. Und wenn es mal ein Kind aus &#8222;bildungsfernen Schichten&#8220;   unter die besten 10 Prozent schafft, werden 300,- im Monat nicht   reichen, um sich voll dem Studium zu widmen. Wenn der Kampf gegen die   Bildungsarmut Ernst gemeint w&#228;re, w&#228;re eine Ausweitung des Baf&#246;g der   nahe liegende Weg. Das Geld f&#252;r die Stipendien soll zun&#228;chst von   &#8222;Wirtschaft und Privaten&#8220; eingeworben werden. Bis zur H&#228;lfte soll aus   &#246;ffentlichen Zusch&#252;ssen kommen, davon soll wiederum die H&#228;lfte vom Bund   und von den L&#228;ndern kommen. Der Anteil des Bundes liegt also maximal bei   25 Prozent.<\/p>\n<p>  Das sind die einzigen konkreten Aussagen in dem Koalitionsvertrag, in   dessen &#220;berschrift gro&#223; &#8222;Bildung&#8220; steht. Ansonsten gibt es   Absichtserkl&#228;rungen (&#8222;wir wollen&#8220; und &#8222;wir streben an&#8220;) und Worth&#252;lsen.   Und nicht vergessen: Alle Aussagen stehen unter Finanzierungsvorbehalt.<\/p>\n<h4>  <b>Riesige Haushaltsl&#246;cher&#8230; <\/b><\/h4>\n<p>  Und die Finanzlage ist tats&#228;chlich so schlimm, wie noch nie. Am 26.   Oktober zitierte das Handelsblatt Berechnungen des Instituts f&#252;r   Weltwirtschaft, wonach die Steuersch&#228;tzung vom November keine besseren   Aussichten bieten wird als die vom Mai. Seitdem wurden zwar die   Konjunkturerwartungen nach oben korrigiert: von minus sechs auf minus   f&#252;nf Prozent f&#252;r dieses Jahr und plus 1,2 f&#252;r n&#228;chstes Jahr (und plus   2,1 Prozent 2011). Trotzdem sollen die Steuereinnahmen dieses Jahr noch   einmal zwei Milliarden niedriger sein, als im Mai gesch&#228;tzt, n&#228;chstes   Jahr nur zwei Milliarden mehr. Demnach gehen die Steuereinnahmen dieses   Jahr um mehr als sechs Prozent gegen&#252;ber dem Vorjahr zur&#252;ck, im   kommenden Jahr um weitere 13 Milliarden Euro. Die tats&#228;chlichen   Steuereinnahmen von Bund und L&#228;ndern waren im September 2009 7,4 Prozent   niedriger als im September 2008. F&#252;r die neun Monate vom Januar bis   September 2009 lagen sie um sechs Prozent unter dem Vorjahresniveau   (352,84 Milliarden). Dazu kommen Milliardenausf&#228;lle der Kommunen vor   allem durch den Einbruch der Gewerbesteuer.<\/p>\n<p>  Von dem erwarteten Defizit der Krankenkassen von 7,5 Milliarden 2010   sollen vier Milliarden aus dem Haushalt gezahlt werden. Au&#223;erdem sollen   16 Milliarden Euro, die bisher als Darlehen an die   Arbeitslosenversicherung vorgesehen waren, in einen Zuschuss verwandelt   werden.<\/p>\n<p>  Nach konservativen Sch&#228;tzungen betragen die Haushaltsl&#246;cher 2010 90   Milliarden, laut SPD-Angaben 100 Milliarden Euro. Michael Schlecht von   der Linken gibt auf der Grundlage von Zahlen des Finanzministeriums vom   August das Defizit von Bund, L&#228;ndern, Gemeinden und Sozialversicherungen   mit 113 Milliarden 2009 und 132 Milliarden 2010 an. Selbst wenn die   Hoffnungen der Regierung bez&#252;glich wirtschaftlicher Erholung und damit   steigenden Steuereinnahmen und konstanten Ausgaben sich erf&#252;llen,   betr&#228;gt das Defizit f&#252;r 2009 bis 2013 zusammen 500 Milliarden Euro, eine   halbe Billion. Dazu kommen noch die m&#246;glichen Kosten f&#252;r die   Bankenrettung.<\/p>\n<h4>  &#8230; und billige Tricks<\/h4>\n<p>  Die Gr&#252;nde f&#252;r diese freigebige Politik wurden oben schon genannt:   Angst, die Konjunktur kaputt zu sparen und Angst, durch unsoziale   Ma&#223;nahmen die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010 zu   verlieren. Es gibt aber noch einen weiteren Grund. Im Sommer wurde die   Verfassung ge&#228;ndert und eine &#8222;Schuldenbremse&#8220; in sie aufgenommen. Damit   sollte die Neuverschuldung begrenzt werden. Kurzfristig ist sie aber ein   Anreiz, sie zu steigern. Die Schuldenbremse verlangt von 2011 bis 2016   einen schrittweisen Abbau des strukturellen Haushaltsdefizits auf 0,35   Prozent des BIP. Die eigent&#252;mliche Folge ist, dass das strukturelle   Defizit 2011 umso h&#246;her sein kann, je h&#246;her es 2010 ist. Wenn das   strukturelle Defizit 2010 2,5 Prozent des BIP statt 1,6 Prozent des BIP   betr&#228;gt, darf es 2011 2,14 Prozent statt 1,4 Prozent des BIP betragen.   Die Regierung darf dann 2011 etwa 18 Milliarden Euro mehr ausgeben. Das   ist ungef&#228;hr so sinnvoll, wie wenn ein Raucher beschlie&#223;t, das Rauchen   aufzuh&#246;ren, indem er jede Woche weniger raucht &#8211; und als Auftakt so viel   raucht, wie noch nie in seinem Leben, damit die n&#228;chsten Schritte des   Abgew&#246;hnens leichter fallen.<\/p>\n<p>  Der Vorteil ist sogar doppelt: es geht nicht um das wirkliche Defizit,   sondern um das &#8222;strukturelle&#8220; Defizit. Wie wir gerade sehr plastisch   sehen, f&#252;hrt eine Wirtschaftskrise zu Einnahmeausf&#228;llen und   Ausgabensteigerungen in den &#246;ffentlichen Kassen. Man kann also das   Haushaltsdefizit in ein konjunkturelles und ein strukturelles Defizit   einteilen &#8211; und die Schuldenbremse verlangt nur, den strukturellen Teil   bis 2016 auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Bund) bzw. bis 2020   auf Null (L&#228;nder) zu verringern.<\/p>\n<p>  Aber wo die Grenze zwischen strukturellem und konjunkturellem Defizit   verl&#228;uft, h&#228;ngt davon ab, welches Wirtschaftswachstum man als normal   ansieht. Je h&#246;her das &#8222;normale&#8220; Wachstum, desto eher kann man die   wirkliche Konjunkturentwicklung als Krise deklarieren und   Haushaltsdefizite als durch diese Krise verursachte konjunkturelle   Defizite. Wenn man jetzt durch Pumpen von Geld in die Wirtschaft ein   konjunkturelles Strohfeuer erzeugt, kann man ein h&#246;heres Wachstum f&#252;r   &#8222;normal&#8220; erkl&#228;ren. Damit erscheint die Differenz zwischen dem wirklichen   Wachstum (oder Schrumpfen) und dem normalen Wachstum gr&#246;&#223;er, folglich   erscheint der konjunkturelle Anteil am Haushaltsdefizit gr&#246;&#223;er und der   strukturelle Anteil kleiner und damit auch der von der Schuldenbremse   geforderte K&#252;rzungsbedarf kleiner.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich &#228;ndern all diese Tricks nichts daran, dass Schulden Schulden   sind, f&#252;r die Zinsen gezahlt werden m&#252;ssen. Wenn die Zinsen wieder   steigen, die momentan als Folge der Krise sehr niedrig sind, wird die   Zinsbelastung entsprechend steigen.<\/p>\n<h4>  Voodoo-&#214;konomie<\/h4>\n<p>  Mittelfristig ist das nat&#252;rlich keine L&#246;sung. Ein Teil der Regierung   versucht es mit &#8222;Voodoo-&#214;konomie. Den Begriff pr&#228;gte George Bush senior   1980. Der bewarb sich damals um die Pr&#228;sidentschaftskandidatur der   Republikaner und verspottete damit das Programm seines innerparteilichen   Rivalen Ronald Reagan, die Steuern zu senken, die Ausgaben zu erh&#246;hen   und zugleich das Haushaltsdefizit zu verringern. Reagan machte damals   Bush zu seinem Vizepr&#228;sidentschaftskandidaten. Der hat dann 12 Jahre   lang als Vizepr&#228;sident und Pr&#228;sident diese Voodoo-&#214;konomie praktiziert.   Die Tatsachen haben seine urspr&#252;ngliche Kritik voll best&#228;tigt. Statt die   Staatsverschuldung abzubauen, stiegen die Staatsschulden von 1980 auf   1992 von 909 Milliarden auf 4002 Milliarden US-Dollar.<\/p>\n<p>  Teile der Regierung verk&#252;nden jetzt unbelehrbar, dass Steuersenkungen   (f&#252;r die Unternehmen) zu Investitionen, Wachstum. Arbeitspl&#228;tzen und   h&#246;heren Steuereinnahmen f&#252;hren w&#252;rden. FDP-Haushaltsexperte Fricke sagte   z.B., <i>&#8222;dass ohne Steuersenkungen der Pfad in die Verschuldung   weitergehen wird. Denn wir bekommen keine Investitionen und keine   zus&#228;tzlichen Arbeitspl&#228;tze.&#8220;<\/i> Immerhin denkt er den   Gedanken nicht zu Ende und behauptet nicht, dass bei einer Abschaffung   der Steuern die Steuereinnahmen ins Unendliche steigen w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Andere Vertreter der herrschenden Klasse sind realistischer.   Bundesbankpr&#228;sident Weber m&#246;chte <i>&#8222;ausdr&#252;cklich davor   warnen, die Selbstfinanzierungseffekte von steuerlichen Entlastungen und   Ausgabenerh&#246;hungen zu hoch zu veranschlagen&quot;<\/i>. Mit Bert   R&#252;rup, der jahrelang als &#8222;Wissenschaftler&#8220; f&#252;r die private   Altersvorsorge Propaganda machte und heute einen Job bei einem der   Profiteure der auf seinen Rat eingef&#252;hrten Politik hat, haben wir wenig   gemein, aber wenn er sagt: <i>&quot;Man kann nicht drei Dinge gleichzeitig   tun: Steuern senken, Abgaben stabil halten und den Haushalt sanieren&quot;<\/i>,   hat er Recht.<\/p>\n<p>  Manche &#214;konomen gehen so weit, nicht nur zu bezweifeln, dass   Steuergeschenke (f&#252;r Reiche) die Wirtschaft so ankurbeln, dass die   Steuereinnahmen unter dem Strich steigen, sondern, dass sie &#252;berhaupt   etwas n&#252;tzen. Die &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; schrieb: <i>&#8222;Breite   Steuersenkungen sind wenig zielgenau. Viele Leute sparen das zus&#228;tzliche   Geld lieber, als es f&#252;r den Konsum auszugeben.&#8220; Von den zehn   Chef&#246;konomen und Konjunkturchefs, die an einer Blitzumfrage dieser   Zeitung teilnahmen (&#8222;Konjunkturschattenrat&#8220;), meinten vier, &#8222;dass es   trotz Steuersenkung zu keiner Stimulierung der Konjunktur kommt.&#8220;<\/i><\/p>\n<h4>  Belastung der L&#228;nder und Kommunen<\/h4>\n<p>  Die im Koalitionsvertrag angek&#252;ndigten Steuergeschenke zeichnen sich   auch dadurch aus, dass sie nur zum Teil zu Lasten des Bundes gehen. 2010   soll es Steuerentlastungen von 21 Milliarden Euro geben (von denen 14   Millionen noch von der Gro&#223;en Koalition beschlossen wurden). 42,5   Prozent davon gehen je zu Lasten von Bund und L&#228;ndern, 15 Prozent zu   Lasten der Kommunen.<\/p>\n<p>  Die K&#252;rzungen der Erbschaftssteuer in H&#246;he von 1,1 Milliarden gehen voll   zu Lasten der L&#228;nder. Nach Angaben von Michael Schlecht   (LINKE-Bundesvorstand und ver.di) bringen die Steuergeschenke der   Koalition f&#252;r die Unternehmen Steuerausf&#228;lle von 2,3 Milliarden Euro,   von denen aber nur 600 Millionen den Bund, aber 800 Millionen die L&#228;nder   und 900 Millionen die Gemeinden betreffen.<\/p>\n<p>  Laut Gerd Landsberg, Hauptgesch&#228;ftsf&#252;hrer des St&#228;dte- und Gemeindebunds,   bescheren die schwarz-gelben Steuergeschenke den Kommunen 2010 insgesamt   Steuerausf&#228;lle von 3,6 Milliarden.<\/p>\n<p>  Die L&#228;nder hatten 2007 einen &#220;berschuss, 2008 einen ausgeglichenen   Haushalt, aber 2009 haben sie laut Finanzplanungsrat ein Defizit von   27,5 Milliarden, 2010 auch ohne die schwarz-gelben Steuergeschenke ein   Defizit von 30,5 Milliarden Euro. Der Berliner Finanzsenator Ullmann   sch&#228;tzt, dass von den angek&#252;ndigten 24 Milliarden Euro Steuerentlastung   14 Milliarden auf Kosten der L&#228;nderfinanzen gehen. Die Bremer   Finanzsenatorin Linnert sch&#228;tzt den Anteil der L&#228;nder sogar auf 16   Milliarden Euro.<\/p>\n<p>  Die knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat (37 Stimmen &#8211; und sie   brauchen 35) bedeutet, dass alle schwarz-gelb regierten L&#228;nder zustimmen   m&#252;ssen. Baden-W&#252;rttemberg und Sachsen haben schon Ablehnung   signalisiert. Die Medien spekulieren bereits, ob Merkel diese L&#228;nder mit   irgendwelchen Zugest&#228;ndnissen kaufen wird, oder ob es ihr Recht ist,   wenn Ma&#223;nahmen im Bundesrat scheitern, die sie nur auf Druck von FDP   oder CSU in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Dass die   Steuergeschenke unpopul&#228;r sind (nach Umfragen lehnen sie zwei Drittel   der Bev&#246;lkerung ab) kommt hinzu.<\/p>\n<h4>  Widerstand<\/h4>\n<p>  Der Koalitionsvertrag ist also keineswegs ein Programm, das wie ein   unabwendbares Geschick umgesetzt werden wird. Wenn der saarl&#228;ndische   Ministerpr&#228;sident M&#252;ller den Koalitionsvertrag versehentlich   &#8222;Diskussionsvertrag&#8220; nannte, war das wohl ein freudscher Versprecher.<\/p>\n<p>  In den USA haben die Kapitalisten jahrelang ihre Profite gesteigert und   versucht, soziale Spannungen und einen Einbruch der Massenkaufkraft zu   vermeiden, indem sie die private Verschuldung (Hypotheken, Kreditkarten   etc.) immer h&#246;her trieben. Diese Politik war nicht beliebig fortsetzbar   und m&#252;ndete in der aktuellen Krise. Die schwarz-gelbe Regierung versucht   jetzt mittels Staatsverschuldung etwas &#196;hnliches zu erreichen. Auch das   kann nicht beliebig lange funktionieren.<\/p>\n<p>  Ob die riesigen Geldbetr&#228;ge, die in verschiedenen L&#228;ndern in die   Wirtschaft gepumpt wurden, zur &#220;berwindung der Krise ausreichen, ist   ungewiss. Die Ursachen der Krise, wie faule Kredite bei den Banken und   gro&#223;e &#220;berkapazit&#228;ten in verschiedenen Branchen, sind keineswegs   beseitigt. Damit ist im g&#252;nstigsten Fall eine neue schwere Krise in ein   paar Jahren vorprogrammiert. Im ung&#252;nstigen Fall wird sich die Erholung   der letzten Monate als Strohfeuer erweisen, nach dessen Ende die   Wirtschaft in die Krise zur&#252;ck rutschen wird. So oder so wird sich die   Frage, wer f&#252;r die Krise zahlt, nicht durch Schuldenaufnahme umgehen   lassen, sondern durch Klassenkampf ausgek&#228;mpft werden m&#252;ssen. Und wegen   der Tiefe der Krise und dem Ausma&#223; der Staatsverschuldung werden die   Kapitalisten und ihre schwarz-gelbe Regierung Umverteilung von unten   nach oben in beispiellosen Dimensionen von zig Milliarden Euro versuchen.<\/p>\n<p>  Ein erfolgreicher Kampf gegen den Versuch, die Lasten der Krise der   Masse der Bev&#246;lkerung aufzuladen, muss angesichts der Tiefe der Krise an   die Grenzen des kapitalistischen Systems sto&#223;en und uns die Aufgabe   stellen, sie zu &#252;berschreiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine Analyse des Koalitionsvertrags von CDU, CSU und FDP\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13407"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13407"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13407\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13407"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13407"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}