{"id":13394,"date":"2009-11-22T00:00:00","date_gmt":"2009-11-21T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13394"},"modified":"2014-11-05T13:56:34","modified_gmt":"2014-11-05T12:56:34","slug":"13394","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13394\/","title":{"rendered":"Der Zusammenbruch des Stalinismus und seine Folgen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_29345\" aria-describedby=\"caption-attachment-29345\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-29345\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-280x173.jpg\" alt=\"Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/truebritishmetal\/ CC BY-NC-ND 2.0\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/4386052469_99c24e21d4_b-e1415192164406.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-29345\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/truebritishmetal\/ CC BY-NC-ND 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Zum 20. Jahrestag von 1989 &#8211; von Peter Taaffe<\/strong><\/p>\n<p><b>Vorbemerkung:<\/b><\/p>\n<p><b>Als die Berliner Mauer 1989 beseitigt wurde und die stalinistischen Regimes zusammenbrachen, erkl\u00e4rte sich der Kapitalismus zum Sieger. Der Zusammenbruch des Stalinismus wurde in einer globalen ideologischen Offensive gegen den Sozialismus genutzt, der zu Unrecht mit diesem diktatorischen, b\u00fcrokratischen System gleichgesetzt wurde, um weltweit brutale, neoliberale kapitalistische Politik durchzusetzen. Als Einleitung f\u00fcr eine Sonderausgabe von Socialism Today (November 2009) zum Jahrestag schaut Peter Taaffe, Generalsekret\u00e4r der Socialist Party (CWI in England und Wales), zur\u00fcck auf die Ereignisse von 1989 und ihre Folgen.<\/b><\/p>\n<p>Zum zwanzigsten Jahrestag von 1989 m\u00f6chten die Ideologen, Politiker und Medien des Weltkapitalismus im Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung die Idee st\u00e4rken, dass die Ereignisse jenes ereignisreichen Jahres nur eines zeigen: Die \u201eendg\u00fcltige Niederlage\u201c des Marxismus, \u201eKommunismus\u201c und Sozialismus, die auf ewig unter den Tr\u00fcmmern der Berliner Mauer begraben seien. Dies bedeute auch den endg\u00fcltigen Sieg des Kapitalismus, der laut Francis Fukuyama \u201edas Ende der Geschichte bedeutete\u201c und dieses System als das einzig m\u00f6gliche Modell f\u00fcr die Organisierung der Produktion und die Leitung der Gesellschaft darstellt. Ein Wirtschaftsmodell, das sogar den Konjunkturzyklus von Boom und Krise des Kapitalismus beseitige, habe eine goldene Treppe geschaffen, die zu einem immer menschlicheren, faireren und zivilisierteren Leben f\u00fchren werde. Die Wirtschaftskrise zu Beginn dieses Jahrzehnts, die von den Irak- und Afghanistankriegen begleitet wurde, tr\u00fcbte diese Prognose sehr ein. Die gegenw\u00e4rtige verheerende \u201egro\u00dfe Rezession\u201c hat sie v\u00f6llig diskreditiert. Obendrein war es der Marxismus \u2013 Mitglieder und Unterst\u00fctzerInnen der Socialist Party und diese Zeitschrift \u2013 der dies vorhersagte. Aber wir waren angeblich an den Rand gedr\u00e4ngt, dazu verdammt, nie wieder Einfluss zu haben.<\/p>\n<p>Das Ergebnis der folgenschweren Ereignisse von 1989 war in der Tat eine \u201eRevolution\u201c, aber eine soziale Konterrevolution, die zu der endg\u00fcltigen Beseitigung dessen f\u00fchrte, was von den Planwirtschaften Russlands und Osteuropas noch \u00fcbrig war. Aber diese Bewegung, die sich von einem Land zum n\u00e4chsten ausdehnte, begann nicht mit dem Ziel der Einf\u00fchrung des Kapitalismus, besonders was die Massen betraf.<\/p>\n<p>Die Kapitalisten \u2013 durch ihre Vertreter wie die britische Premierministerin Margaret Thatcher und den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Fran\u00e7ois Mitterrand \u2013 erwarteten anf\u00e4nglich weder die Massenbewegungen, die den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes begleiteten, noch begr\u00fc\u00dften sie sie.<\/p>\n<p>Das Organ des amerikanischen Finanzkapitals, das \u201eWall Street Journal\u201c, kommentierte die Konkurrenz zwischen dem Kapitalismus und den \u201ekommunistischen\u201c Regimes von Osteuropa, indem es einfach Anfang 1990 erkl\u00e4rte: \u201eWir haben gewonnen\u201c. Ein nicht weniger jubelnder \u201eIndependent\u201c (8. Januar 1990) sprach von dem \u201eVertrauen, dass der Kapitalismus \u2013 als System \u2013 ein Sieger ist\u201d. Der Eindruck, der damals und seitdem gegeben wurde, ist, dass die Olympischen Wahrsager des Kapitalismus die Ereignisse von 1989 vorhergesagt h\u00e4tten. Aber die \u201eFinancial Times\u201c \u2013 das Sprachrohr des Finanzkapital damals und heute \u2013 schrieb: \u201eOstdeutschland hat bisher keine Massenbewegung am Horizont, die F\u00fchrung der Tschechoslowakei kann nicht zulassen, dass die Quelle ihrer Legitimit\u00e4t, die sowjetische Invasion von 1968, in Frage gestellt wird, in Ungarn gibt es Dissidenten, aber noch kein in Bewegung geratenes Proletariat. Bulgarien wird Reformen sowjetischen Stils einf\u00fchren, aber bisher ohne Chaos im sowjetischen Stil oder das K\u00fcken Demokratie, Rum\u00e4nien und Albanien sind eisern\u201d. Dies wurde von John Lloyd, der fr\u00fcher beim New Statesman war, nicht drei Jahrzehnte vorher geschrieben, sondern am 14. Oktober 1989, weniger als einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer!<\/p>\n<h4>Den Stalinismus verstehen<\/h4>\n<p>Um diesen \u201eR\u00fcckschlag\u201c in den \u201ePerspektiven\u201c zu lindern, schrieb der verstorbene Hugo Young im \u201eGuardian\u201c (29. Dezember 1989), \u201ekein einziger Seher sah voraus\u201c, welche gewaltigen Ereignisse es dieses Jahr geben werde. Dies ist nicht wahr. Es war genau der marxistische Theoretiker Leo Trotzki mit seinen \u201evorsintflutlichen\u201c Methoden, der mehr als ein halbes Jahrhundert vorher die unausweichliche Revolte der Arbeiterklasse gegen den Stalinismus (der damals auf die \u201eSowjetunion\u201c beschr\u00e4nkt war) voraussah. Er sagte eine Massenbewegung zum Sturz der b\u00fcrokratischen Machthaber, die den Staat kontrollierten und eine politische Revolution zur Errichtung einer Arbeiterdemokratie voraus. Aber er schrieb auch in den 1930er Jahren in seinem gewaltigen Werk, \u201eDie Verratene Revolution\u201c, dass unter der F\u00fchrung eines Fl\u00fcgels der B\u00fcrokratie eine R\u00fcckkehr zum Kapitalismus stattfinden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Diese Idee hat sich Trotzki nicht aus den Fingern gesogen, sondern sie beruhte auf einer peinlich genauen Analysis der Widerspr\u00fcche der stalinistischen Missherrschaft und der Kr\u00e4fte, die dies unausweichlich heraufbeschw\u00f6ren werde. Karl Marx betonte, dass der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Geschichte die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte war \u2013 Wissenschaft, Technik und die Arbeitsorganisation. Er sagte auch, dass kein System verschwindet, ohne alle in ihr enthaltenen M\u00f6glichkeiten zu ersch\u00f6pfen. Der Kapitalismus, ein Wirtschaftssystem, das auf der Produktion f\u00fcr Profit \u2013 der unbezahlten Arbeit der Arbeiterklasse \u2013 statt f\u00fcr gesellschaftliche Bed\u00fcrfnisse als seinem Existenzgrund beruht, ist mit einem Konjunkturzyklus von Boom und Krise konfrontiert, den jetzt selbst Gordon Brown anerkennen muss. Aber der Stalinismus w\u00fcrde, wie Trotzki analysierte, \u2013 aus anderen Gr\u00fcnden als der Kapitalismus \u2013 auf einer gewissen Stufe durch einen b\u00fcrokratischen W\u00fcrgegriff ein absolutes Hindernis f\u00fcr die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Gesellschaft sein.<\/p>\n<p>In einer Periode bis wahrscheinlich Ende der 1970er Jahre entwickelten sich Industrie und Gesellschaft trotz der Gr\u00e4ueltaten Stalins und des Regimes, an dessen Spitze er stand \u2013 der S\u00e4uberungen, der Sklavenarbeit des Gulags. In dieser Phase spielte der Stalinismus eine relativ fortschrittliche Rolle trotz der gewaltigen gesellschaftlichen Kosten durch die b\u00fcrokratische Misswirtschaft. Es gab manche Analogien zum Kapitalismus mit seinem Aufstieg im neunzehnten Jahrhundert bis 1914, als er ein Hindernis f\u00fcr den weiteren Fortschritt wurde, was in den Schrecken des Ersten Weltkriegs zum Ausdruck kam. Angesichts von Stagnation, R\u00fcckschritt und sogar Zerfall, wie sie in den stalinistischen Staaten \u2013 besonders in Russland nach den sp\u00e4ten 1970er Jahren stattfanden \u2013 taumelten die Regimes von einem Notbehelf zum n\u00e4chsten. Sie gingen von der Zentralisierung zur Dezentralisierung und dann zur Rezentralisierung \u00fcber in vergeblichen Versuchen, aus der b\u00fcrokratischen Sackgasse zu entkommen.<\/p>\n<p>Die Methoden der b\u00fcrokratischen Herrschaft, des Kommandierens, konnten eine gewisse Wirkung haben, als die Aufgabe in Russland darin bestand, industrielle Techniken aus dem Westen zu borgen, eine industrielle Infrastruktur zu entwickeln etc., und als das kulturelle Niveau der Masse der Arbeiterklasse und der Bauernschaft noch niedrig war. Aber in den 1970ern war Russland ein hoch industrialisiertes Land und sogar, auch wenn manche ihrer Erfolgsmeldungen \u00fcbertrieben waren, ein industrieller Rivale f\u00fcr die USA geworden. In einer Phase brachte es sogar mehr WissenschaftlerInnen und TechnikerInnen als selbst die USA hervor. Aber gerade die Schaffung einer kulturell fortgeschritteneren Arbeiterschaft \u2013 die in mancher Hinsicht hoch gebildet war \u2013 bedeutete, dass die Herrschaft von oben mit den Bed\u00fcrfnissen von Industrie und Gesellschaft zusammenprallte. Zum Beispiel wurden Preise f\u00fcr Millionen Waren b\u00fcrokratisch in den zentralen Ministerien in Moskau festgelegt, und das Regime wurde immer mehr ein Hindernis. Massenunzufriedenheit wuchs und spiegelte sich nicht nur in den Versuchen einer politischen Revolution in Ungarn 1956, Polen, der Tschechoslowakei 1968 etc. wider, sondern auch in Russland. Die Streiks 1962 in Nowotscherkassk zum Beispiel zeigten die Gefahr, die der fortgesetzten Herrschaft der B\u00fcrokratie drohte.<\/p>\n<h4>Den Deckel heben<\/h4>\n<p>In dieser Lage kam Michail Gorbatschow in der Sowjetunion als Vertreter eines \u201eliberaleren\u201c Fl\u00fcgels der B\u00fcrokratie an die Macht und versprach eine \u00d6ffnung durch Perestroika (Umgestaltung in Politik und Wirtschaft) und Glasnost (Offenheit). Im historischen R\u00fcckblick wurde Gorbatschow die Gestalt, in dessen Amtszeit die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus in Russland und die Beseitigung der UdSSR stattfand. Aber er begann nicht mit dieser Absicht. Wie alle herrschenden Klassen oder Eliten und in der Tradition der fr\u00fcheren b\u00fcrokratischen Herrscher angefangen mit Stalin versuchte Gorbatschow verzweifelt, Reformen einzuf\u00fchren als Mittel zur Abwendung der Revolution, weil er das massenhafte Grollen der Unzufriedenheit von unten f\u00fchlte. Unausweichlich f\u00fchrte der Versuch, Dampf aus dem Kessel zu lassen, indem der Deckel leicht gehoben wurde, zum Ergebnis der Massenrevolte, das er vermeiden sollte.<\/p>\n<p>Bei der Kommentierung von 1989 haben die Vertreter des Kapitalismus ihr \u00fcbliches Z\u00f6gern, auch nur das Wort \u201eRevolution\u201c zu verwenden, fallen gelassen. Dies steht im Kontrast mit ihrer Beschreibung von Russlands Oktoberrevolution von 1917 als \u201ePutsch\u201c \u2013 die besonders in der j\u00fcngst erschienenen Trotzki-Biografie von Robert Service bis zum Erbrechen wiederholt wird. Bei der Beschreibung von 1989 als Revolution liegen sie zumindest halb richtig. Es gab die Anf\u00e4nge einer Revolution \u2013 genauer: Elemente einer politischen Revolution \u2013 in Ostdeutschland, Rum\u00e4nien, der Tschechoslowakei, in China mit den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens und sogar in Russland selbst, auch wenn die Massenbewegung nicht dieselbe H\u00f6he erreichte. In all diesen L\u00e4ndern gab es anf\u00e4nglich den unmissverst\u00e4ndlichen Ausdruck f\u00fcr demokratische Reformen innerhalb des Systems, womit der Fortbestand der Planwirtschaft unausgesprochen akzeptiert wurde. Diese Bewegung dehnte sich mit gewaltiger Geschwindigkeit wie ein Pr\u00e4riebrand von einem Land zum anderen aus. Auf einem damaligen Poster in Prag stand: \u201ePolen \u2013 10 Jahre. Ungarn \u2013 10 Monate. Ostdeutschland \u2013 10 Wochen. Tschechoslowakei \u2013 10 Tage. Rum\u00e4nien! 10 Stunden\u201c.<\/p>\n<p>Obendrein waren die Methoden, um die stalinistischen Regimes wegzufegen, Massendemonstrationen und Generalstreiks \u2013 nicht die \u00fcblichen Methoden der b\u00fcrgerlichen Konterrevolution \u2013 mit Forderungen nach Verringerung oder Abschaffung der Privilegien der B\u00fcrokratie. In einem der vielen Berichte in \u201eMilitant\u201c (dem Vorl\u00e4ufer des \u201eSocialist\u201c) vor dem Zusammenbruch des stalinistischen Regime in Ostdeutschland waren die Forderungen nach Demokratie offenkundig. Am 24. Oktober berichteten wir: \u201eEin paar Tausend Jugendliche marschierten durch die Stra\u00dfen. Ihr Weg wurde von einer Polizeikette mit untergehakten Armen versperrt. Die Jugendlichen marschierten zu ihnen hin und begannen Sprechch\u00f6re: \u201aIhr seid die Volkspolizei. Wir sind das Volk. Wen besch\u00fctzt ihr?\u2019 Sie sangen die Internationale und begannen dann ein Lied aus dem Kampf gegen die Faschisten namens \u201aEinheitsfrontlied\u2019. Seine Worte hatten eine besondere Wirkung auf die Polizei: \u201aReih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist\u2019. Die Polizei stand einfach da und wurde zur Seite geschoben, als die Jugendlichen vorw\u00e4rts dr\u00e4ngten. In den Kneipen diskutierten Armeeeinheiten offen mit Arbeitern und Jugendlichen. Eine Gruppe diskutierte, ob dem Regiment der Befehl gegeben werde, auf Demonstranten zu schie\u00dfen. Ein Wehrpflichtiger warf ein: \u201aVielleicht befehlen sie das, aber wir werden nie auf das Volk schie\u00dfen. Wenn sie das machen, wenden wir uns vielleicht stattdessen gegen die Offiziere\u2019.\u201d<\/p>\n<p>In Russland erschienen Poster: \u201eNicht das Volk f\u00fcr den Sozialismus sondern Sozialismus f\u00fcr das Volk; weg mit den Sonderprivilegien f\u00fcr Politiker und B\u00fcrokraten, Diener des Volkes sollten Schlange stehen m\u00fcssen\u201c. Zu dieser Zeit zeigte eine Umfrage in Russland, dass bei Mehrparteienwahlen nur 3% f\u00fcr eine kapitalistische Partei stimmen w\u00fcrden. Die ernsthaften Vertreter des Kapitalismus f\u00fcrchteten, dass Forderungen nach einer politischen Revolution \u00fcber die prokapitalistische Stimmung, die es in manchen Schichten zweifellos gab, die Oberhand gewinnen w\u00fcrden. Eine, vielleicht zwei Millionen ArbeiterInnen waren auf den Stra\u00dfen von Peking, eine halbe Million begr\u00fc\u00dfte Gorbatschow im Mai. Nach der blutigen Unterdr\u00fcckung auf dem Platz des Himmlischen Friedens erschien der fr\u00fchere britische Tory-Premierminister Edward Heath zusammen mit Henry Kissinger im Fernsehen, der ber\u00fcchtigten rechten Hand von US-Pr\u00e4sident Nixon bei der Bombardierung von Vietnam und Kambodscha. Heath erkl\u00e4rte: \u201eDie chinesischen Studenten und Arbeiter streben nicht die Art von Demokratie an, f\u00fcr die wir eintreten \u2026 sie sangen die Internationale\u201d. Kissinger beklagte sich, dass es \u201ebedauerlich\u201c sei, dass die Massenbewegung das Ende der Karriere des chinesischen F\u00fchrers Deng Xiaoping befleckt habe.<\/p>\n<p>Zwar lehnten beide das Blutvergie\u00dfen an. Aber f\u00fcr sie war die Beibehaltung von Handels- und anderen Beziehungen mit der chinesischen B\u00fcrokratie wichtiger. Widerlicherweise erkl\u00e4rte der rechte Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman \u2013 der k\u00fcrzlich beim Spesenskandal der Abgeordneten ber\u00fchmt wurde, weil er seine Hand in der Kasse hatte \u2013, der damals Labours au\u00dfenpolitischer Sprecher war: \u201eMan k\u00f6nnte verstehen, dass die chinesische Regierung die Kontrolle \u00fcber den Platz bekommen wollte, obwohl sie beim Zur\u00fcckgewinnen der Kontrolle ma\u00dflos zu weit ging \u201d.<\/p>\n<h4>Alarm im Westen<\/h4>\n<p>Thatcher war auch alarmiert \u00fcber die Ereignisse in Osteuropa, besonders \u00fcber die Aussicht auf deutsche Wiedervereinigung nach dem Fall der Berliner Mauer. Unterlagen, die j\u00fcngst aus Russland geschmuggelt und in der \u201eTimes\u201c im September ver\u00f6ffentlicht wurden, erw\u00e4hnen, dass Thatcher \u201ezwei Monate vor dem Fall der Mauer \u2026 Pr\u00e4sident Gorbatschow sagte, dass weder Britannien noch Westeuropa die Wiedervereinigung Deutschlands wolle und machte klar, dass sie von dem sowjetischen F\u00fchrer wolle, alles in seiner Macht stehende zu tun, sie aufzuhalten\u201d. Sie erkl\u00e4rte: \u201eWir wollen kein vereinigtes Deutschland \u2026 Dies w\u00fcrde zu einer Ver\u00e4nderung in den Nachkriegsgrenzen f\u00fchren, und wir k\u00f6nnen das nicht zulassen, weil eine derartige Entwicklung die Stabilit\u00e4t der ganzen internationalen Lage untergraben und unsere Sicherheit gef\u00e4hrden k\u00f6nne\u201d.<\/p>\n<p>In einem Treffen mit Gorbatschow bestand sie darauf, dass das Tonband ausgeschaltet werde. Zu ihrem Pech wurden Notizen von ihren Bemerkungen gemacht. Sie k\u00fcmmerte sich nicht um das, was in Polen geschah, wo die Kommunistische Partei bei der ersten offenen Abstimmung in Osteuropa seit der stalinistischen \u00dcbernahme besiegt wurde. Das war \u201enur ein Teil der Ver\u00e4nderungen in Osteuropa\u201d. Unglaublicherweise, besonders angesichts der folgenden kriegerischen Aussagen von US-Pr\u00e4sident George Bush senior \u00fcber den Warschauer Pakt, wollte sie, dass er \u201eerhalten bleibt\u201d. Sie dr\u00fcckte besonders ihre \u201etiefe Sorge\u201c \u00fcber das aus, was in Ostdeutschland geschah.<\/p>\n<p>Mitterrand war auch alarmiert \u00fcber die Aussicht auf eine deutsche Wiedervereinigung und dachte sogar \u00fcber eine milit\u00e4rische Allianz mit Russland nach, \u201eum sie aufzuhalten\u201d. Er war bereit, dies als \u201egemeinsame Nutzung der Armeen zum Kampf gegen Naturkatastrophen\u201c zu tarnen. Es diente praktisch als Warnung an die ostdeutschen Massen davor, zu weit zu gehen. Auf der anderen Seite dr\u00fcckte die Haltung von Thatcher und Mitterrand die Furcht vor einem gest\u00e4rkten deutschen Kapitalismus aus, aber auch, dass die R\u00fcckwirkungen dieser Entwicklungen eine unkontrollierte Massenbewegung in Westeuropa und anderswo ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Einer von Mitterrands Beratern, Jacques Attali, sagte sogar, er werde \u201egehen und auf dem Mars leben, wenn die [deutsche] Vereinigung stattfinden w\u00fcrde\u201d. Thatcher schrieb in ihren Erinnerungen: \u201eWenn es einen Fall gab, in dem eine von mir verfolgte Au\u00dfenpolitik unzweideutig gescheitert ist, war es meine Politik zur deutschen Wiedervereinigung\u201d.<\/p>\n<p>Gorbatschow und seine Kreml-Clique waren zwar geschmeichelt durch die Hosiannas f\u00fcr ihn in den westlichen kapitalistischen Kreisen, aber zugleich in Panik \u00fcber das Tempo und die Abfolge der Ereignisse in Osteuropa. Gorbatschow glaubte naiverweise, dass bei Teilzugest\u00e4ndnissen, einer Weigerung, die stalinistischen Dinosaurier in Ostdeutschland zu st\u00e4rken (er hielt Erich Honecker, Ostdeutschlands unnachgiebigen Herrscher, f\u00fcr ein \u201eArschloch\u201c), die Massen dankbar sein und Feierabend machen w\u00fcrden. Gorbatschow hatte am Anfang keine Absicht, den Stalinismus wegzu\u201cliberalisieren\u201c. Er hatte gewiss keine erkl\u00e4rte Absicht, den Kapitalismus einzul\u00e4uten. Aber wie der Rest der herrschenden stalinistischen Regimes wurde er von den Ereignissen mitgerissen. Nicht nur Honecker, die Ceausescus in Rum\u00e4nien, die herrschenden stalinistischen Banden in Bulgarien und anderswo wurden gest\u00fcrzt. Schlie\u00dflich breiteten sich die Bewegungen in Osteuropa \u2013 an der \u201ePeripherie\u201c des Stalinismus \u2013 auf das russische Herzland aus. Unter dem Strich war das Ergebnis die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus in ganz Osteuropa und Russland.<\/p>\n<h4>War die kapitalistische Restauration unausweichlich?<\/h4>\n<p>War dies ein unausweichliches Ergebnis? Es gibt nichts \u201eUnausweichliches\u201c in der Geschichte, wenn die Bedingungen f\u00fcr eine Revolution reif sind und der \u201esubjektive Faktor\u201c in Form einer erprobten revolution\u00e4ren F\u00fchrung und Partei vorhanden ist. Diese fehlte klar in allen stalinistischen Staaten, besonders in Russland selbst. Es gab weit verbreitete Abscheu \u00fcber die unbegrenzte Herrschaft der B\u00fcrokratie und Forderungen nach Zusammenstreichen der Privilegien und der weit verbreiteten Korruption. In allen Staaten gab es ein Sehnen, ein Suchen der Massen nach dem Programm der Arbeiterdemokratie. Obendrein wurden die Ereignisse haupts\u00e4chlich auf den Stra\u00dfen, in den Fabriken und Betrieben vorangetrieben. Davor hofften MarxistInnen und hielten f\u00fcr m\u00f6glich, dass beim Beginn einer Massenrevolte selbst mit einer begrenzten Zahl marxistischer Kader eine Massenpartei geschaffen werden k\u00f6nne. Dann k\u00f6nnte das den Massen mit der notwendigen F\u00fchrung bei der Durchf\u00fchrung der Aufgaben der politischen Revolution helfen: die Planwirtschaft beibehalten, aber sie auf der Grundlage von Arbeiterdemokratie erneuern. Aber sie tappten haupts\u00e4chlich im Dunkeln, ohne Wurzeln und eine wirkliche Pr\u00e4senz in den stalinistischen Staaten. Angesichts des fortbestehenden Erscheinungsbildes von \u201estarken Staaten\u201c mit totalit\u00e4rem Charakter in der Periode bis zu den Ereignissen von 1989 war besonders ernsthafte Massenarbeit problematisch.<\/p>\n<p>Dies war in Polen weniger der Fall, wo in den ganzen 80er Jahren ausgesprochene prokapitalistische Tendenzen offensichtlich waren, aber nach dem Scheitern der Solidarno\u015b\u0107-Bewegung 1980-81 besonders stark wurden. Damals gab es die Elemente einer politischen Revolution selbst im Programm von Solidarno\u015b\u0107, wenn sie auch unter der F\u00fchrung von Lech Wa\u0142esa unter dem Schild der Religion, der katholischen Kirche waren. Aber es gab schon neben diesen Elementen prokapitalistische Stimmungen. Die milit\u00e4rische Niederschlagung der Solidarno\u015b\u0107-Bewegung 1981 wurde nicht von der polnischen \u201eKommunistischen\u201c Partei vollzogen \u2013 deren Autorit\u00e4t bis dahin v\u00f6llig verpufft war \u2013 sondern von dem stalinistischen milit\u00e4risch-bonapartistischen Regime von General Jaruzelski. Dies dr\u00e4ngte in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des Kapitalismus w\u00e4hrend der ganzen 1980er Jahre die Hoffnungen auf Arbeiterdemokratie und die Beibehaltung der Planwirtschaft in den Hintergrund. Die Massenstimmung wandte sich anderen Alternativen zu, besonders einer R\u00fcckkehr zum Kapitalismus, was sich w\u00e4hrend der Besuche von Thatcher und Bush in Polen 1988 enth\u00fcllte. Sie wurden von den Massen auf den Stra\u00dfen von Warschau willkommen gehei\u00dfen, wobei die Massen \u2013 naiverweise, wie sich zeigte \u2013 bessere Ergebnisse hinsichtlich eines wachsenden Lebensstandards erwarteten als durch das diskreditierte stalinistische Modell, das um sie herum zerfiel.<\/p>\n<p>Dieser Prozess war anderswo nicht so ausgepr\u00e4gt, besonders nicht in Russland. Dort war die Hoffnung auf eine politische Revolution unter MarxistInnen in Russland und international nicht v\u00f6llig ausgel\u00f6scht, auch nicht angesichts der Ereignisse in Polen. Schlie\u00dflich war der Revolte des ungarischen Volkes 1956 von der Schaffung von Arbeiterr\u00e4ten nach dem Modell der russischen Revolution begleitet. Dies geschah, nachdem die Massen 20 Jahre in der Dunkelheit von Horthys faschistischem Terror gehalten worden waren, worauf zehn Jahre stalinistischer Terror folgten. 1956 gab es keinen vorherrschenden Trend f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zum Kapitalismus. Dasselbe galt f\u00fcr Polen im selben Jahr, 1970 und 1980-81. 1968 in der Tschechoslowakei gab es Kr\u00e4fte, die f\u00fcr eine R\u00fcckkehr zum Kapitalismus eintraten, aber sie waren in einer Minderheit, die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Massen suchte nach den Ideen einer Arbeiterdemokratie, die in der Formulierung \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c von Ministerpr\u00e4sident Alexander Dubcek ausgedr\u00fcckt wurde.<\/p>\n<p>Die Zerschlagung des tschechoslowakischen \u201eFr\u00fchlings\u201c 1968 \u2013 bevor er zum Sommer einer politischen Revolution erbl\u00fchen konnte \u2013 versetzte der Perspektive einen schweren Schlag, dass die Idee der Arbeiterdemokratie ein Ausweg aus dem sterbenskranken Stalinismus sei. Geschichte steht nicht still; die Todeskrise des Stalinismus, die sich \u00fcber ein Jahrzehnt und mehr erstreckte, in Verbindung mit dem scheinbaren wirtschaftlichen Feuerwerk des weltkapitalistischen Booms der 1980er Jahre schuf die Illusion, dass das System \u201ehinter der Mauer\u201c, der westliche Kapitalismus, eine besseres Modell f\u00fcr den Fortschritt als das erstickende System von Osteuropa und Russland biete.<\/p>\n<h4>Warum war der Widerstand begrenzt?<\/h4>\n<p>Zu den verbl\u00fcffendsten Aspekten, vor denen MarxistInnen damals und seitdem standen, geh\u00f6rte, wie wenig Widerstand es unter den Massen der Bev\u00f6lkerung zu geben schien, sobald Russland Schritte Richtung Kapitalismus unternahm. Aber eine Antwort auf diese schmerzliche Frage kann in der Geschichte des Stalinismus gefunden werden, besonders in den verschiedenen Phasen, durch die er gegangen ist. Besonders die von Stalin organisierten S\u00e4uberungen 1936-38 stellten einen entscheidenden Wendepunkt dar. Durch die Vernichtung der letzten \u00dcberbleibsel der Bolschewistischen Partei \u2013 selbst Leute, die wie Sinowjew und Kamenjew kapituliert hatten, wurden vernichtet \u2013 hoffte Stalin, das Ged\u00e4chtnis der Arbeiterklasse der UdSSR unleserlich zu machen. Bis dahin war eine Reihe von Generationen immer noch mit der russischen Revolution und ihren Errungenschaften in Form der Verstaatlichung der Produktivkr\u00e4fte und einem Produktionsplan verbunden.<\/p>\n<p>Obendrein gab es verallgemeinerte Unterst\u00fctzung international unter den damals entwickelten Schichten der Arbeiterklasse f\u00fcr die Vorteile und Haupterrungenschaften der russischen Revolution. Dies war so, obwohl es schon in Russland in den 1930er Jahren weit verbreitete Kritik an dem b\u00fcrokratischen Regime gab, an dessen Spitze Stalin stand, worauf Trotzki hinwies. Der Beginn der spanischen Revolution hatte auch eine elektrisierende Wirkung in Russland, sowohl indem sie Hoffnungen auf den Triumph der Weltrevolution weckte als auch, indem sie die Erinnerung an das wachrief, was in Russland zwei Jahrzehnte vorher geschehen war. Stalin f\u00fchrte daher einen \u201eeinseitigen B\u00fcrgerkrieg\u201c um die letzten \u00dcberreste der Bolschewistischen Partei zu zerst\u00f6ren. Aber die S\u00e4uberungen gingen viel weiter als das. Stalin nutzte auch die Lage \u2013 indem er Trotzki und die Internationale Linke Opposition als Agenten einer vom Ausland gesteuerten Konterrevolution in der UdSSR verleumdete \u2013 um alle mit der Erinnerung an die Revolution verbundenen \u00dcberbleibsel der B\u00fcrokratie zu beseitigen. Nicht nur Linksoppositionelle wurden ermordet, sondern Hunderttausands ArbeiterInnen und B\u00e4uerInnen, einschlie\u00dflich betr\u00e4chtlicher Teile der B\u00fcrokratie. Durch diese barbarischen Methoden hatte Stalin praktisch eine b\u00fcrokratische Maschine geschaffen, die in keiner Weise mit der heroischen Periode der Oktoberrevolution verbunden war. Leute wie Nikita Chruschtschow, Jurij Andropow und der Rest, die den Staat w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Jahrzehnte dominierten, hatten nicht am bolschewistischen Untergrund oder an der Oktoberrevolution teilgenommen und waren in diesem Sinne \u201eohne Geschichte\u201c, sicher ohne Russlands reiche revolution\u00e4re Geschichte. Alle kritischen Elemente innerhalb der Arbeiterklasse wurden in dieser Phase auch beseitigt.<\/p>\n<p>Trotz der monstr\u00f6sen Verbrechen des Stalinismus \u2013 einschlie\u00dflich der Hinrichtung der milit\u00e4rischen F\u00fchrung der Roten Armee, die Hitlers Invasion 1941 erleichterte \u2013 waren die Vorteile der Planwirtschaft immer noch ein Plus. Obendrein litt der Kapitalismus unter Krisen, samt der Massenarbeitslosigkeit der gro\u00dfen Depression der 1930er Jahre. Trotzki wies darauf hin, dass es Massenopposition gegen den Stalinismus gab, aber die Hand der Arbeiterklasse durch eine Verbindung von Faktoren vom Sturz des Regimes zur\u00fcckgehalten wurde. Nicht der geringste Faktor war die Furcht, dass es das Tor der kapitalistischen Konterrevolution \u00f6ffnen w\u00fcrde, wenn man gegen Stalin und die B\u00fcrokratie vorgehen w\u00fcrde. Zugleich machten Industrie und Gesellschaft allgemein gesprochen \u2013 und in gewissem Ausma\u00df der Lebensstandard der Massen \u2013 trotz B\u00fcrokratie Fortschritte.<\/p>\n<p>Aber der Tod Stalins f\u00fchrte zu den Enth\u00fcllungen Chruschtschows auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und seinem so genannten \u201eTauwetter\u201c. Chruschtschow griff Stalin und manche seiner Verbrechen an, aber in der Wirklichkeit wurden nur \u201ezul\u00e4ssige\u201c Dosen mancher Wahrheiten erlaubt. Selbst diese Dosen vermischten Halbwahrheiten mit L\u00fcgen und ber\u00fchrten nicht die stalinistischen Mythen und F\u00e4lschungen. Chruschtschow f\u00fcrchtete, zu weit zu gehen und die russischen stalinistischen F\u00fchrer wie Leonid Breschnew, die Chruschtschow st\u00fcrzten, machten mit weiteren \u201eEnth\u00fcllungen\u201c von Stalins Verbrechen und der Ursachen des Stalinismus selbst Schluss. Sp\u00e4ter stimmten sie sogar seiner teilweisen Rehabilitierung zu. Deshalb gab es in Russland, als das System zu zerfallen begann, keine wirkliche marxistische Alternative, ganz zu schweigen von einem entwickelten Massenbewusstsein oder Kr\u00e4ften, die ein Programm der Arbeiterdemokratie vertraten.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re zur Zeit des Zusammenbruchs des Stalinismus Ende der 1980er Jahre v\u00f6llig m\u00f6glich gewesen, ein klares Bild der S\u00e4uberungen, der Schauprozesse, der Ursachen des Stalinismus und der Alternative zu diesem diskreditierten System zu geben. Aber ironischerweise hatten die S\u00e4uberungen und die Unterdr\u00fcckungsmaschine jeden \u201esubjektiven Faktor\u201c beseitigt, der sich h\u00e4tte entwickeln und eine entscheidende Rolle spielen k\u00f6nnen. Es w\u00e4re aber ein Fehler, zu folgern, dass es in Russland keine Elemente gegeben h\u00e4tte, die nach einem Programm f\u00fcr Arbeiterdemokratie suchten. Aber sie waren zu schwach, sich dem Sog des kapitalistischen Westens entgegenzustellen, besonders f\u00fcr eine v\u00f6llig unvorbereitete neue Generation, die von dem scheinbaren \u00dcberfluss an Konsumg\u00fctern angelockt wurde, nach denen man nur fragen musste, wie man sie Glauben machte.<\/p>\n<h4>Gangsterkapitalismus<\/h4>\n<p>Die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus machte kurzen Prozess mit jedem Versuch, die Wurzeln und Gr\u00fcnde f\u00fcr den Stalinismus ehrlich zu untersuchen, um die Wiederherstellung der Planwirtschaft auf der Grundlage von Arbeiterdemokratie vorzubereiten. Die paar, die es versuchten, wurden von einer Welle von b\u00f6swilliger antikommunistischer Propaganda von so genannten \u201edemokratischen\u201c Zeitschriften im Dienst der sich herausbildenden Bourgeoisie \u00fcberflutet. Diese waren ein b\u00fcrgerliches Spiegelbild der stalinistischen F\u00e4lschungsschule. Der stalinistische Totalitarismus sei, hie\u00df es, aus dem \u201ekriminellen\u201c Charakter des Bolschewismus entsprungen; die russische Revolution ein \u201ePutsch\u201c gewesen etc.<\/p>\n<p>Was folgte, war eine Orgie kapitalistischer Propaganda, die Russland nach 1989 durchflutete. Diese war begleitet von Versprechungen von \u201ebl\u00fchenden Landschaften\u201c in einer nachstalinistischen Welt, wie sie der damalige deutsche Kanzler, Helmut Kohl, vorhersagte. Auf dem Weg zu einer R\u00fcckkehr zum Kapitalismus w\u00fcrden die Massen in diesen Staaten schlie\u00dflich bei einem deutschen oder gar amerikanischen Lebensstandard ankommen. \u201eAuf dem Umweg \u00fcber Bangladesch\u201c, antwortete die kleine Gruppe von MarxistInnen in Osteuropa. Wir argumentierten, dass das Beste, was man f\u00fcr die Arbeiterklasse von Russland und Osteuropa erhofften k\u00f6nnte, vielleicht sei, dass sie auf lateinamerikanischen Lebensstandard herabsinken w\u00fcrde. Wir m\u00fcssen heute zugeben, dass dies eine hoffnungslos optimistische Perspektive war. Russland erlebte einen beispiellosen Zusammenbruch seiner Produktivkr\u00e4fte, der in seinem Ausma\u00df und seiner Tiefe die gro\u00dfe Depression der 1930er Jahre \u00fcbertraf.<\/p>\n<p>Zwischen 1989 und 1998 gingen fast die H\u00e4lfte (45%) seiner Produktion verloren. Dies war in der ganzen fr\u00fcheren UdSSR von einem beispiellosen Verfall der Grundelemente einer \u201ezivilisierten\u201c Gesellschaft begleitet. Mord- und Verbrechensraten verdoppelten sich. Mitte der 1990er Jahre stand die Mordrate bei \u00fcber 30 auf 100.000 Personen, im Vergleich zu ein oder zwei in Westeuropa. Nur zwei L\u00e4nder hatten damals h\u00f6here Raten: S\u00fcdafrika und Kolumbien. Selbst die Zahlen in den notorisch von Kriminalit\u00e4t ersch\u00fctterten L\u00e4ndern Brasilien und Mexiko waren 50% niedriger als in Russland. Die Mordrate der USA, die h\u00f6chste in der \u201eentwickelten\u201c Welt mit 6 bis 7 auf 100.000 EinwohnerInnen, verblasste im Vergleich dazu. Im Jahr 2000 lebte ein Drittel von Russlands Bev\u00f6lkerung unter der offiziellen Armutsgrenze. Die Ungleichheit hatte sich verdreifacht.<\/p>\n<p>Die Mordrate war ein Produkt und ein Symptom eines unbeschr\u00e4nkten Gangsterkapitalismus. Ex-Mitglieder des Komsomol (Kommunistischer Jugendverband), wie der Eigent\u00fcmer des Chelsea Fu\u00dfballclubs, Roman Abramowitsch, rissen sich lukrative Teile der fr\u00fcheren Staatsunternehmen \u2013 wie die \u00d6lindustrie \u2013 unter den Nagel. Zwischen den verschiedenen Gruppen fand ein Bandenkrieg im Stil Chicagoer Gangster im nationalen oder sogar kontinentalen Ma\u00dfstab um die Verteilung des staatlichen Kuchens statt. Die russische Wirtschaft halbierte sich praktisch wegen der Zerst\u00f6rung durch die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus. Realeinkommen brachen in den 1990er Jahren um 40% ein. In der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre lebten mehr als 44 Millionen von Russlands 148 Millionen Menschen in Armut \u2013 definiert als Leben mit weniger als 32 US-Dollar pro Monat. Drei Viertel der Bev\u00f6lkerung lebten mit weniger als 100 Dollar im Monat. Selbstmorde verdoppelten sich und Todesf\u00e4lle durch Alkoholmissbrauch hatten sich Mitte der 1990er Jahre auch verdoppelt. Die Kindersterblichkeit stieg auf Dritte-Welt-Niveau, w\u00e4hrend die Geburtenziffer zusammenbrach. In nur f\u00fcnf Jahren \u201eReform\u201c fiel die Lebenserwartung um zwei Jahre auf 72 f\u00fcr Frauen und um vier Jahre auf 58 f\u00fcr M\u00e4nner. Unglaublicherweise war das f\u00fcr M\u00e4nner niedriger als ein Jahrhundert vorher! Wenn die Sterbeziffer sich weiter so entwickelt h\u00e4tte, w\u00e4re die russische Bev\u00f6lkerung um eine Million pro Jahr geschrumpft auf 123 Millionen, ein demographischer Zusammenbruch, wie es ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben hat, als Russland zwischen 25 und 30 Millionen Menschen verlor. Ende 1998 waren mindestens zwei Millionen russische Kinder Waisen \u2013 mehr als 1945. Nur etwa 650.000 lebten in Waisenh\u00e4usern, w\u00e4hrend der Rest dieser ungl\u00fccklichen verwahrlosten Kinder obdachlos war!<\/p>\n<p>Die neue Bourgeoisie stahl bei dem, was als h\u00f6llisches Gerangel der \u201ePl\u00fcndervatisierung\u201c [leider gibt es keine passende deutsche \u00dcbersetzung f\u00fcr \u201eprikhvatizatsiya\u201c bzw. \u201egrabification\u201c, eine Wortzusammensetzung aus \u201eschnappen\u201c und \u201ePrivatisierung\u201c &#8211; der \u00dcbersetzer] bezeichnet wurde, praktisch alles, was nicht niet- und nagelfest war. Sie pl\u00fcnderten den Reichtum der Nation und die Rohstoffe, verkauften staatliche Goldreserven, Diamanten, \u00d6l und Gas. Die Schrecken der industriellen Revolution \u2013 der Geburt des modernen Kapitalismus \u2013, die plastisch in Marx \u201eKapital\u201c beschrieben wurden, waren nichts im Vergleich zu den monstr\u00f6sen Verbrechen, mit denen die neue russische Bourgeoisie ihren Eintritt in die Welt feierte. Diese H\u00f6lle auf Erden milderte sich etwas gegen Ende der 1990er Jahre mit einem Wachstum im Volkseinkommen, das vor allem durch den Export von \u00d6l und Gas angetrieben wurde, das wiederum eine Folge des weltkapitalistischen Booms war und jetzt eine Vollbremsung machte. Politisch wurde das Chaos der 1990er Jahre durch die \u201eOrdnung\u201c von Wladimir Putin und jetzt Dmitri Medwedjew ersetzt. Aber Russland hat zumindest bei der Industrieproduktion noch nicht wieder das Niveau von 1989-90 erreicht. Dies ist eine verheerende Anklage gegen die \u201eWiedergeburt\u201c des Kapitalismus in Russland. Verglichen mit dem gesunden, starken Kind der industriellen Revolution bei der Geburt des Kapitalismus muss sein modernes russisches Gegenst\u00fcck immer noch atmen lernen, vom Laufen und Rennen ganz zu schweigen. Die Massen aller exstalinistischen Staaten zahlen wirklich einen schrecklichen Preis f\u00fcr die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus.<\/p>\n<h4>Weitreichende Folgen<\/h4>\n<p>Die Arbeiterklasse international hat auch einen hohen Preis bezahlt. Der 1989 eingeleitete Zusammenbruch betraf nicht nur den stalinistischen Apparat, sondern mit ihm die Planwirtschaften, die von der russischen Revolution selbst geerbte Haupterrungenschaft. Die soziale Konterrevolution, die das Rad der Geschichte in diesen Staaten zur\u00fcckdrehte, \u00e4nderte auch die Weltbeziehungen f\u00fcr eine Periode. Unter den MarxistInnen erkannte allein das Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale (Committee for a Workers\u2019 International, CWI), was dieser R\u00fcckschlag darstellte. Es war eine historische Niederlage f\u00fcr die Arbeiterklasse. Vor ihr gab es ein alternatives Modell f\u00fcr die Leitung der Wirtschaft \u2013 trotz der monstr\u00f6sen Verzerrungen des Stalinismus \u2013 in Russland, Osteuropa und in gewissem Ma\u00df auch in China. Dies war nun beseitigt. Fidel Castro verglich das Verschwinden dieser Staaten damit, dass \u201edie Sonne verdeckt worden\u201c sei. F\u00fcr MarxistInnen stellten diese Gesellschaften nicht die Sonne dar. Aber sie stellten, zumindest in ihrer wirtschaftlichen Form, eine Alternative dar, die auf der Grundlage von Arbeiterdemokratie die Gesellschaft h\u00e4tte vorw\u00e4rts bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir anerkannten zwar, was stattgefunden hatte, wir zeigten aber auch, dass diese Niederlage nicht das Ausma\u00df der 1930er Jahre hatte, als Hitler, Mussolini und Franco die Arbeiterorganisationen zerschlugen und dadurch die Grundlage f\u00fcr die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs schufen. Die Niederlage am Ende der 1980er Jahre hatte mehr einen ideologischen Charakter, der es den kapitalistischen Ideologen erlaubte, sich \u00fcber jedes k\u00fcnftige sozialistische Projekt lustig zu machen.<\/p>\n<p>Der Zusammenbruch des Stalinismus war zwar weitgehend ein ideologischer Schlag f\u00fcr die Arbeiterklasse international, er hatte aber auch ernsthafte materielle Auswirkungen. Er f\u00fchrte zum v\u00f6lligen politischen Zusammenbruch der F\u00fchrer der Arbeiterorganisationen, die den Sozialismus selbst als historisches Ziel aufgaben und sich kapitalistischen Ideen in der einen oder anderen Form an den Hals werfen. Nicht nur in Britannien mit dem Amtsantritt von New Labour sondern international kollabierten die fr\u00fcheren Arbeiterparteien in kapitalistische Formationen. Sie unterschieden sich von offen b\u00fcrgerlichen Parteien so wie sich in der Vergangenheit und weiterhin in den USA in der Form von Demokraten und Republikanern \u201eradikale\u201c liberale kapitalistische Parteien unterschieden \u2013 verschiedene Seiten derselben kapitalistischen Medaille. In den Gewerkschaften gaben die F\u00fchrungen weitgehend jede Idee einer Alternative zum Kapitalismus auf. Sie versuchten daher, sich an das System anzupassen, zwischen Arbeit und Kapital zu feilschen statt es grundlegend herauszufordern.<\/p>\n<p>Wenn man den Kapitalismus akzeptiert, akzeptiert man seine Logik, die Gesetze des Kapitalismus, besonders den kapitalistischen Trieb, die gr\u00f6\u00dfte Rentabilit\u00e4t zu maximieren zum Nutzen der Bosse und zum Schaden der Arbeiterklasse. Dies geht Hand in Hand mit \u201eSozialpartnerschaft\u201c. Dies kann zu Ko-Management f\u00fchren, das jede k\u00e4mpferische Bewegung der Arbeiterklasse beschr\u00e4nkt, wenn sie mehr fordert als die Bosse angeblich geben k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich st\u00e4rkte die Entwicklung zahmer Gewerkschaftsf\u00fchrer, die sich an die Grenzen des Systems anpassten zusammen mit der Aufgabe des historischen Ziels des Sozialismus durch die F\u00fchrer der Arbeiterorganisationen enorm das Selbstvertrauen und die Macht der Kapitalisten. Dies erm\u00f6glichte \u2013 ohne wirklichen Widerstand durch die Gewerkschaftsf\u00fchrer \u2013 die massive Einkommensungleichheit in einem Ausma\u00df, wie man es seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte. Der z\u00fcgellose Kapitalismus wurde nicht durch die Gewerkschaftsf\u00fchrer in Schach gehalten. Im Gegenteil haben sie ihm freie Hand gegeben, aus der Arbeiterklasse erbarmungslos mehr Produktion herauszupressen, w\u00e4hrend ein immer kleinerer Anteil an die L\u00f6hne geht \u2013 all das auf dem Altar eines wiederbelebten Kapitalismus.<\/p>\n<h4>Ein Test f\u00fcr die Linke<\/h4>\n<p>Die Ereignisse 1989 und ihre Folgen waren Tests f\u00fcr MarxistInnen und diejenigen, die beanspruchten, auf einer trotzkistischen Position zu stehen. Mit Ausnahme des CWI war die Reaktion der meisten marxistischen Organisationen gelinde gesagt unzul\u00e4nglich. Die Morenoisten in Lateinamerika (die Internationale Arbeiterliga, LIT) versuchte, den Kopf in den Sand zu stecken und weigerte sich anzuerkennen, dass der Kapitalismus wiederhergestellt worden sei. Sie \u00e4nderten ihre Position erst, als die Ereignisse ihnen ins Gesicht schlugen und es nicht mehr m\u00f6glich war, die Realit\u00e4t zu leugnen. Die \u201eStaatskapitalisten\u201c \u2013 die F\u00fchrung der Internationalen Sozialistischen Tendenz, einschlie\u00dflich der britischen SWP \u2013 glaubten, dass Russland und Osteuropa keine deformierten Arbeiterstaaten sondern staatskapitalistisch seien. Die R\u00fcckkehr zum Kapitalismus wurde nicht als Niederlage sondern als \u201eSchritt zur Seite\u201c betrachtet. In Ostdeutschland unterst\u00fctzte die IST die Wiedervereinigung Deutschlands auf kapitalistischer Grundlage. Diese Herangehensweise wurde von der verheerenden Theorie begleitet, dass sich in der Welt nichts grundlegend ge\u00e4ndert habe und dass daher die 1990er Jahre g\u00fcnstig f\u00fcr den Marxismus seien, weil sie die \u201e1930er Jahre in Zeitlupe\u201c seien. Leider zogen die Anh\u00e4ngerInnen des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale auch pessimistische Schlussfolgerungen. Ihr Haupttheoretiker, Ernest Mandel, gab kurz vor seinem Tod gegen\u00fcber Tariq Ali zu, dass das \u201esozialistische Projekt\u201c f\u00fcr mindestens 50 Jahre nicht mehr auf der Tagesordnung stehe!<\/p>\n<p>Alle, die eine gewaltige Ausdehnung des Lebenszyklus des Kapitalismus vorhersagten, die von der Beerdigung des Sozialismus f\u00fcr Generationen begleitet werde, wurden in der Theorie durch die Argumente und Ideen beantwortet, die der wirkliche Marxismus in den letzten zwei Jahrzehnten vertrat. Aber die Auswirkung der Ereignisse, besonders die gegenw\u00e4rtige verheerende Weltkrise des Kapitalismus, war die gr\u00f6\u00dfte Antwort auf die SkeptikerInnen. Das wirtschaftliche Eingreifen der kapitalistischen Regierungen weltweit hat es, vielleicht nur vor\u00fcbergehend, geschafft, eine unmittelbare Wiederholung der Weltdepression der 1930er Jahre zu vermeiden. Gleichzeitig ist das Bewusstsein der Arbeiterklasse bez\u00fcglich der Schwere der Lage noch nicht auf der H\u00f6he der objektiven Lage. Dies stellte das vorher ersch\u00fctterte Vertrauen der Sprecher des Weltkapitalismus wieder her, die gef\u00fcrchtet hatten, dass sich im Gefolge der Krise Massenunruhen entwickeln w\u00fcrden, die die Grundlagen ihres System in Frage stellen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen ist das menschliche Denken sehr konservativ; das Bewusstsein der Arbeiterklasse hinkt immer hinter den Ereignissen her. Dies wird verst\u00e4rkt, wenn die Arbeiterklasse keine Massenorganisation hat, die als Bezugspunkt im Kampf gegen den Kapitalismus wirken kann. Die Rechten, sogar die Rechtsextremen, scheinen die ersten politischen Hauptnutznie\u00dfer dieser Krise zu sein. Dies ist in der ersten Phase einer Wirtschaftskrise nicht einmalig oder au\u00dfergew\u00f6hnlich. Etwas \u00c4hnliches entwickelte sich in manchen L\u00e4ndern in den 1930er Jahren, worauf der britische politische Kommentator Seumus Milne k\u00fcrzlich im \u201eGuardian\u201c hinwies. Aber er war zu pauschal, wenn er den Eindruck erweckte, dass dies damals die unmittelbare Reaktion in allen L\u00e4ndern gewesen w\u00e4re. In den 1930er Jahren gab es auch eine politische Radikalisierung in der Arbeiterklasse in einem viel gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df als sie sich bisher in dieser Krise entwickelt hat.<\/p>\n<p>Es stimmt, dass es als Folge der Krise der 1930er Jahre die St\u00e4rkung der Nazis in Deutschland gab. Aber auch die spanische Revolution begann sich zu entfalten und in Frankreich trat die Masse von 1931 an sp\u00e4t aber entschlossen in Aktion. Der Faktor, den es in den 1930er Jahren gab, wenn auch unvollkommen, und der heute noch nicht vorhanden ist, waren sozialistische und kommunistische Massenparteien und Organisationen der Arbeiterklasse, die, zumindest formell, in Opposition zum Kapitalismus standen. Selbst in den US war die Arbeiterklasse zwar w\u00e4hrend der Krise 1929-33 zwar auf der betrieblichen Ebene gel\u00e4hmt, aber betr\u00e4chtliche Teile wurden politisch radikalisiert und selbst die Kommunistische Partei zum Beispiel f\u00fcllte sich mit neuen Mitgliedern. Dass dies bisher nicht in betr\u00e4chtlichem Ausma\u00df geschehen ist, ist weitgehend das Ergebnis des Fehlens selbst von kleinen Massenparteien der Arbeiterklasse, deren Schaffung eine dringende Aufgabe f\u00fcr SozialistInnen, MarxistInnen und die Arbeiterbewegung bleibt. Aber selbst dann k\u00f6nnen viele dieser neuen Entwicklungen ins Stocken kommen, manche k\u00f6nnen Fehlgeburten werden und sogar zusammenbrechen, wenn es keinen festen marxistischen Kern gibt, der das theoretische R\u00fcckgrat dieser Formationen bildet. Dies haben die Versuche, solche Organisationen zu schaffen, schon unterstrichen. Trotzdem bleibt die Schaffung der Grundlage solcher Formationen in der n\u00e4chsten Periode eine grundlegende Aufgabe.<\/p>\n<p>1989 war ein Wendepunkt allgemein und auch f\u00fcr den Marxismus. Als optimistischste aber auch realistischste Str\u00f6mung innerhalb der Arbeiterbewegung anerkannten wir, dass das, was geschehen war, ein betr\u00e4chtlicher R\u00fcckschlag f\u00fcr die Arbeiterbewegung war. Aber wir gerieten nicht aus dem Gleichgewicht. Der Zusammenbruch des Stalinismus beseitigte nicht die inneren Widerspr\u00fcche des Kapitalismus. Es stimmt, dass das System einen Auftrieb erhielt. Der Prozess der Globalisierung wurde durch die Zufuhr billiger Arbeitskr\u00e4fte, eine neue Quelle der Ausbeutung und sogar der Superausbeutung durch den Kapitalismus gef\u00f6rdert. Gerade die Schw\u00e4che der Arbeiterbewegung ermutigte das Selbstvertrauen, in der Tat die \u00fcberhebliche Arroganz der herrschenden Klasse, die sich in den Seifenblasenwirtschaften der letzten zwei Jahrzehnte \u00fcbernommen hat. Auf die Hybris folgte die Nemesis dieser Krise. Die Landschaft des Weltkapitalismus \u201ebl\u00fcht\u201c \u00fcberhaupt nicht, sondern ist gespickt mit Millionen ausrangierten Arbeitslosen und der wachsenden Armee der Armen.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse reckt die Glieder und wehrt sich. Der Marxismus, der durch die kapitalistischen Ideologen an den Rand gedr\u00e4ngt wurde, hat in dieser schwierigen Periode seine Lebensf\u00e4higkeit gezeigt, indem er sich dieser Lage stellte. Aber er zeigt seine \u00dcberlegenheit nicht nur in Perioden der Niederlage durch eine n\u00fcchterne Analyse. In dieser neuen Periode der zunehmenden Mobilisierung der Massen gegen den Kapitalismus werden auch sein Programm und seine Politik durch die Socialist Party und das CWI zu seinem Recht kommen. 1989 hat den Sozialismus oder Marxismus nicht begraben. Es hat die Wahrnehmung der Arbeiterklasse vor\u00fcbergehend getr\u00fcbt, die jetzt wieder klar wird durch die gegenw\u00e4rtige Krise und die Unf\u00e4higkeit dieses Systems, auch nur die grundlegenden Bed\u00fcrfnisse der Masse der Menschen auf dem Planeten zu erf\u00fcllen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zum 20. 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