{"id":13377,"date":"2009-11-06T00:00:00","date_gmt":"2009-11-05T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13377"},"modified":"2012-05-15T15:06:25","modified_gmt":"2012-05-15T13:06:25","slug":"13377","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13377\/","title":{"rendered":"DIE LINKE vorm Landtags-Wahlkampf in NRW"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Wolfgang Zimmermnann und Angela Banckert<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Bei der Kommunalwahl im August 2009 verpasste die Partei DIE LINKE in   Nordrhein-Westfalen noch den Sprung &#252;ber die F&#252;nf-Prozent-H&#252;rde. Bei der   Bundestagswahl kam sie hingegen auf 8,4 Prozent. Was ist f&#252;r die   Landtagswahl im n&#228;chsten Jahr zu erwarten?<\/b><\/p>\n<p>  <i><b>Wolfgang Zimmermann:<\/b><\/i> Kommunalwahlen sind mit Bundestags-,   aber auch mit Landtagswahlen nicht zu vergleichen. Kommunalwahlen sind   sehr personenbezogen. Die W&#228;hler w&#228;hlen h&#228;ufig ihnen bekannte   Kandidatinnen und Kandidaten, die eine l&#228;ngere politische Erfahrung   haben und deren Wirken sie lange kennen. In den meisten St&#228;dten waren   unsere Kandidaten nicht sehr bekannt. Auf der Landes- und Bundesebene   werden eher die allgemeinen politischen Positionen der Parteien   bewertet, wonach dann die Wahlentscheidung getroffen wird. F&#252;r die   Landtagswahlen am 9. Mai 2010 in NRW ist zu erwarten, dass wir deutlich   &#252;ber f&#252;nf Prozent kommen und mit einer starken linken Fraktion in das   Landesparlament einziehen werden.<\/p>\n<p>  <i><b>Angela Banckert:<\/b><\/i> Bei der Kommunalwahl konnten wir viele   uns nahestehende W&#228;hler offenbar nicht mobilisieren. Das mag zum einen   daran liegen, dass unsere W&#228;hler diese Wahlen f&#252;r nicht so wichtig   hielten. Zum anderen aber vielleicht auch daran, dass wir kommunal   vielerorts noch nicht verankert und profiliert genug sind, oder aber   auch &#8211; wie zum Beispiel in K&#246;ln &#8211; in den lokalen Medien vor allem als   Anh&#228;ngsel von Rot-Gr&#252;n vorkamen.<\/p>\n<p>  Bei Landtagswahlen sieht die Sache schon wieder anders aus. Ich gehe   davon aus, dass wir den Sprung in den NRW-Landtag schaffen.<\/p>\n<p>  <b>Wie ist der Programmentwurf zu bewerten? Die FAZ f&#252;rchtet: &#8222;Die   Linkspartei will einen Systemwechsel.&#8221; Laut SPIEGEL versetzten die   Forderungen der NRW-LINKEN auch die Berliner &#8222;Spitzenleute in   Alarmstimmung&#8220;.<\/b><\/p>\n<p>  <i><b>Banckert:<\/b><\/i> Wir sollten offensiv vertreten, dass wir einen   Systemwechsel wollen. Denn dieses kapitalistische System wird selbst   elementarsten Lebensbed&#252;rfnissen der Masse der Bev&#246;lkerung immer weniger   gerecht.<\/p>\n<p>  Und was die Furcht mancher Berliner Spitzenleute betrifft: Wir in NRW   sind kein stromlinienf&#246;rmiger, sondern ein etwas unkonventioneller   Landesverband. Und das ist gut so.<\/p>\n<p>  <i><b>Zimmermann:<\/b><\/i> In der Tat versetzt der Programmentwurf   offenbar einige b&#252;rgerliche Medien in Panik. Meiner Meinung nach h&#228;ngt   das vor allem damit zusammen, dass wir die Vergesellschaftung der   Energiekonzerne E.ON und RWE anstreben. Wenn das bereits als   Systemwechsel gesehen wird, dann h&#228;tten wir ja zu den Zeiten, als RWE,   die Bundesbahn und die Post noch vollst&#228;ndig in staatlicher Hand waren,   bereits den Sozialismus gehabt.<\/p>\n<p>  Wir wollen einen grundlegenden Politikwechsel, und zwar in dem Sinne,   dass die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach   oben radikal gestoppt und umgekehrt wird. Wir wollen eine soziale und   gerechte Gesellschaft. Wir wollen in NRW unter anderem die Abschaffung   des mehrgliedrigen Schulsystems, kostenlose Bildung f&#252;r alle, keine   Privatisierung &#246;ffentlichen Eigentums sowie die R&#252;ckf&#252;hrung bereits   verkaufter Betriebe, eine effektive Wirtschaftsdemokratie, f&#252;r ein   umfassendes Wahlrecht aller hier lebender Menschen. Es gibt aber in der   Tat auch in den eigenen Reihen Stimmen, die glauben, manche Forderung   k&#246;nnte einige W&#228;hler oder vielleicht die SPD zu sehr erschrecken.<\/p>\n<p>  <b>Den Kommunen drohen schon dieses Jahr Gewerbesteuerausf&#228;lle von   durchschnittlich 15 Prozent; in Duisburg, das weitgehend vom   Stahlproduzenten ThyssenKrupp abh&#228;ngig ist, k&#246;nnten sich die Einnahmen   gegen&#252;ber dem Vorjahr sogar halbieren. Welche Aufgaben stellen sich hier   f&#252;r DIE LINKE?<\/b><\/p>\n<p>  <i><b>Zimmermann:<\/b><\/i> DIE LINKE NRW setzt sich f&#252;r ein   Zukunftsinvestitionsprogramm ein, das den Kommunen 21 Milliarden Euro   zur Verf&#252;gung stellt. Unter anderem wollen wir die Umwandlung der   Gewerbesteuer in eine Gemeindewirtschaftssteuer, die schon allein rund   zwei Milliarden f&#252;r die Kommunen bringt. Dar&#252;ber hinaus verlangen wir   eine Million&#228;rssteuer, mit der wir die Kommunen entschulden k&#246;nnen &#8211; in   NRW mit etwa 8,8 Milliarden.<\/p>\n<p>  <i><b>Banckert:<\/b><\/i> DIE LINKE hat auf allen Ebenen Vorschl&#228;ge   vorgelegt, wie das Steuersystem massiv umgeschichtet werden kann, und   zwar von oben nach unten und zur St&#228;rkung gerade der Kommunalfinanzen.<\/p>\n<p>  Und um noch mal auf die Landesebene zu kommen: Die von uns geforderte   Wiedereinf&#252;hrung der Verm&#246;genssteuer flie&#223;t den L&#228;ndern zu. Ebenso   sollten und k&#246;nnen auf Landesebene zum Beispiel die betrieblichen   Steuerpr&#252;fungen drastisch ausgedehnt werden.<\/p>\n<p>  Einer der gr&#246;&#223;ten Schulden-Posten bei Kommunen wie auch Land und Bund   sind &#252;brigens die Zinszahlungen an die Banken. In unserer   kommunalpolitischen Erkl&#228;rung zum Krisen-Konjunkturpaket ist der   NRW-Landesverband hier richtigerweise f&#252;r ein Zinsmoratorium eingetreten.<\/p>\n<p>  <b>Bei Opel Bochum und anderen Betrieben stehen in den n&#228;chsten Wochen   und Monaten &#8211; also im Vorfeld der Landtagswahl &#8211; Massenentlassungen an.   Wie k&#246;nnte und sollte der Landesverband der LINKEN darauf reagieren?<\/b><\/p>\n<p>  <i><b>Banckert: <\/b><\/i>Um gegen Entlassungen und drohende   Betriebsschlie&#223;ungen vorzugehen, m&#252;ssen Arbeitskampfma&#223;nahmen bis hin zu   Betriebsbesetzungen organisiert werden, bevor es zu sp&#228;t ist. Gerade bei   Opel Bochum kann an die Erfahrungen aus dem Streik 2004 angekn&#252;pft   werden. Wir als LINKE k&#246;nnen das dann unterst&#252;tzen und auch dabei   helfen, bundesweit wie international Kontakte zu kn&#252;pfen, damit   k&#228;mpfende Belegschaften nicht isoliert werden.<\/p>\n<p>  Staatliche B&#252;rgschaften und Steuergelder hinterher zu werfen, die dann   unkontrolliert im Konzern versickern, bringt nichts, wie man gerade   wieder in Bayern sieht, wo die Landesregierung vor kurzem 50 Millionen   Euro an Quelle gezahlt hat.<\/p>\n<p>  Stattdessen m&#252;ssen wir uns auf der politischen Ebene daf&#252;r einsetzen,   dass die Gesch&#228;ftsb&#252;cher ge&#246;ffnet werden und eine direkte Kontrolle   stattfindet. Die &#220;bernahme in &#246;ffentliches Eigentum, wie es auch der   Artikel 27 der Landesverfassung NRW erm&#246;glicht, bietet eine Perspektive   des Erhalts und Produktionsumbaus. Entscheidend daf&#252;r ist aber: anders   als bisher m&#252;ssen diese &#246;ffentlichen Betriebe demokratischer Verwaltung   und Kontrolle unterliegen, durch gew&#228;hlte Betriebsleitungen aus   Vertretern seitens Belegschaft, Gewerkschaften und Regierung, auch unter   Einbeziehung von Verbraucher- oder Umweltorganisationen. Dann kann   gepr&#252;ft, diskutiert und entschieden werden, welche Produktion und welche   &#246;ffentlichen Investitionen gesellschaftlich Sinn machen.<\/p>\n<p>  <i><b>Zimmermann:<\/b><\/i> Sollte es zu Massenentlassungen kommen, womit   in der Tat zu rechnen ist, werden unsere Mitglieder konsequent an der   Seite der Kolleginnen und Kollegen stehen und jegliche Hilfe leisten, um   diese Entlassungen zu verhindern.<\/p>\n<p>  <b>Sollte es im Mai n&#228;chsten Jahres am Wahlabend in NRW f&#252;r Rot-Rot-Gr&#252;n   reichen &#8211; wie sollte sich die Linkspartei dann verhalten? W&#252;rde es Sinn   machen, Mindestbedingungen f&#252;r eine Regierungsbeteiligung aufzustellen?   K&#246;nnte die Tolerierung einer rot-gr&#252;nen Minderheitsregierung eine Option   sein?<\/b><\/p>\n<p>  <i><b>Zimmermann:<\/b><\/i> Wir werden mit allen gesellschaftlichen   Kr&#228;ften, die bereit sind, mit uns und den Menschen gemeinsam einen   grundlegenden Politikwechsel herbeizuf&#252;hren, zusammenarbeiten. F&#252;r uns   sind das in erster Linie die Gewerkschaften, die Sozial- und   Wohlfahrtsverb&#228;nde und die neuen sozialen Bewegungen. Wenn Parteien dazu   &#8211; aber in Taten, nicht nur in Worten &#8211; auch dazu bereit sind, sind sie   willkommen. Eine Zusammenarbeit &#8211; welcher Art auch immer &#8211; ist davon   abh&#228;ngig, ob die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mehrheit der   nordrhein-westf&#228;lischen Bev&#246;lkerung konkret verbessert werden k&#246;nnen.   Wie eine eventuelle Zusammenarbeit aussehen k&#246;nnte, h&#228;ngt von den   Parlamentskonstellationen, vom Verhalten der Parteien und von den   politischen Rahmenbedingungen im Land ab. Dar&#252;ber hinaus entscheiden   unsere Mitglieder &#252;ber Koalitionsbeteiligungen und Unterst&#252;tzung einer   Minderheitsregierung. In unserer Landessatzung ist diesbez&#252;glich ein   Mitgliederentscheid zwingend vorgeschrieben.<\/p>\n<p>  <i><b>Banckert:<\/b><\/i> M&#252;ntefering meinte ja, Opposition sei Mist. F&#252;r   Parteipolitiker, die vor allem an die Fleischt&#246;pfe der Regierung wollen,   mag das zutreffen. Aber gerade in den letzten paar Jahren haben wir als   LINKE gezeigt: Allein schon durch unsere Existenz haben wir auch aus der   Opposition heraus viel bewegt, die politischen Verh&#228;ltnisse zum Tanzen   gebracht.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich wollen wir nicht die ewige Opposition sein, wir wollen unser   Programm auch in politisches Handeln umsetzen, wir wollen letztlich   mehrheitsf&#228;hig werden. Aber nicht durch Anpassung und faule Kompromisse   in Koalitionen. Wir wollen und d&#252;rfen ja gerade nicht diesen Weg gehen,   wie SPD oder Gr&#252;ne. Und daraus ergibt sich ganz sicher eine   Mindestbedingung: Wenn wir unsere Anh&#228;nger nicht tief frustrieren und   entt&#228;uschen wollen, dann d&#252;rfen wir uns an keiner Regierung oder   parlamentarischen Tolerierungs-Vereinbarung beteiligen, die Soziallabbau   und Verschlechterung f&#252;r die Menschen bedeutet.<\/p>\n<p>  Falls es in NRW rechnerisch f&#252;r SPD, Gr&#252;ne und LINKE reichen w&#252;rde, wird   der Druck auf die LINKE seitens der anderen beiden Parteien, der Medien   et cetera hoch sein, nun &#8222;vern&#252;nftig&#8220; und &#8222;realistisch&#8220; zu werden und   die schwarz-gelbe Landesregierung abzul&#246;sen. Da wir aber auch die   rot-gr&#252;ne Politik zu Lasten der Masse der Bev&#246;lkerung sowohl im Bund wie   auch NRW zur Gen&#252;ge &#8222;genossen&#8220; haben, k&#246;nnen wir darauf meines Erachtens   nur so antworten: Wir sind bereit, die schwarz-gelbe Landesregierung   unter R&#252;ttgers abzul&#246;sen und eine Ministerpr&#228;sidentin Hannelore Kraft   mit zu w&#228;hlen. Wir sind bereit, Gesetzesvorhaben zu unterst&#252;tzen, die   soziale oder sonstige Verbesserungen beinhalten, wir selbst werden   solche Vorlagen einbringen. Wir stellen einer rot-gr&#252;nen Landesregierung   aber keinen Blankoscheck aus, sondern wir werden jede Sachfrage pr&#252;fen.   Wir werden keine Vorlage und keinen Landeshaushalt mittragen, der   Verschlechterungen, Verkauf und Privatisierung &#246;ffentlichen Eigentums   beinhaltet.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem m&#252;ssen wir grundlegend klarmachen: Die wirkliche Macht liegt   ohnehin nicht in den Parlamenten, sondern in den Chefetagen der Banken   und Konzerne. Wenn man einen Bruch mit den chaotischen und elenden   kapitalistischen Verh&#228;ltnissen will, dann muss man auch deutlich sagen:   Das geht nicht allein parlamentarisch oder aus der Regierung heraus, das   geht nur im Gleichschritt mit gro&#223;en sozialen Bewegungen und   Klassenk&#228;mpfen. Diese anzusto&#223;en, zu unterst&#252;tzen und koordinieren zu   helfen, ist eine unendlich wichtigere Aufgabe und Herausforderung f&#252;r   DIE LINKE, als parlamentarische Taktiken auszut&#252;fteln.<\/p>\n<h5>  Wolfgang Zimmermann ist Landessprecher der Partei DIE LINKE in NRW,   Angela Banckert ist Landesparteitagsdelegierte aus dem Kreisverband K&#246;ln   und Mitglied der SAV.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Wolfgang Zimmermnann und Angela Banckert\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[219],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13377"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13377"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13377\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}