{"id":13370,"date":"2009-11-04T00:00:28","date_gmt":"2009-11-04T00:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13370"},"modified":"2014-11-05T14:03:59","modified_gmt":"2014-11-05T13:03:59","slug":"13370","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13370\/","title":{"rendered":"Der Zusammenbruch des Stalinismus und seine Folgen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_29352\" aria-describedby=\"caption-attachment-29352\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-29352\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-280x173.jpg\" alt=\"Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/ariczzz\/ CC BY-SA 2.0\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/7389975192_532fdc346b_h-e1415192618545.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-29352\" class=\"wp-caption-text\">Foto: https:\/\/www.flickr.com\/photos\/ariczzz\/ CC BY-SA 2.0<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>20 Jahre danach<\/strong><\/p>\n<p>Das Jahr 1989 war ein Wendepunkt der Geschichte. Die Spaltung der Welt in zwei antagonistische soziale Systeme \u2013 Kapitalismus (auf Privateigentum an Produktionsmitteln, Konkurrenz und Profitproduktion basierende Gesellschaft) und Stalinismus (auf Staatseigentum an Produktionsmitteln, staatlichem Au\u00dfenhandelsmonopol, b\u00fcrokratisch gelenkter wirtschaftlicher Planung basierende Gesellschaft)\u2013 wurde durch den Zusammenbruch der stalinistischen Regimes in der Sowjetunion und Osteuropa aufgehoben und der Kapitalismus war in der Lage den Teil der Welt, den er 1917 und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren hatte, sich wieder einzuverleiben.<\/p>\n<h4><i>von Sascha Stanicic<\/i><\/h4>\n<p>Damit best\u00e4tigte sich die historische Alternative, die der russische Revolution\u00e4r und K\u00e4mpfer gegen die Stalinisierung der Sowjetunion Leo Trotzki, in den drei\u00dfiger Jahren auf warf: entweder w\u00fcrde die parasit\u00e4re herrschende Clique privilegierter Parteib\u00fcrokraten in der UdSSR durch eine politische Revolution der Arbeiterklasse gest\u00fcrzt und eine sozialistische Demokratie errichtet oder der Kapitalismus w\u00fcrde wieder eingef\u00fchrt werden. Der Stalinismus war nur eine \u00dcbergangsgesellschaft, keine notwendige neue Stufe der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.<\/p>\n<p>Beide von Trotzki aufgezeigten Entwicklungsvarianten best\u00e4tigten sich, denn die Ereignisse des Jahres 1989 (wie schon andere Ereignisse wie der Arbeiteraufstand in Ungarn 1956 oder die Massenstreikbewegung um die Gr\u00fcndung von Solidarnosc in Polen 1980\/81) enthielten starke Elemente der politischen Revolution und entwickelten sich dann in Richtung kapitalistischer Konterrevolution.<\/p>\n<p>Diese Konterrevolution hatte weitreichende Folgen f\u00fcr die Entwicklung der Welt in den letzten zwanzig Jahren und f\u00fcr die Lage der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung weltweit. Stalinismus war kein Sozialismus. Aber die Existenz der stalinistischen, nicht-kapitalistischen Staaten brachte zum Ausdruck, dass ein anderes System als der Kapitalismus m\u00f6glich war. Die enormen wirtschaftlichen Fortschritte, die in der Sowjetunion und anderen Staaten ihres Modells bis in die siebziger Jahre hinein erreicht wurden, waren vor allem f\u00fcr die unterdr\u00fcckten und verarmten Massen auf der S\u00fcdhalbkugel von gro\u00dfer Anziehungskraft. In vielen L\u00e4ndern Afrikas und des Nahen Ostens gab es Kommunistische Parteien mit Hunderttausenden und Millionen Anh\u00e4ngern, wie im Sudan oder dem Irak. Die stalinistischen Kommunistischen Parteien waren in vielen L\u00e4ndern ein wichtiger Teil der organisierten Arbeiterbewegung. Gleichzeitig war der Stalinismus und die KPen ein enormes Hindernis f\u00fcr den Aufbau authentischer marxistischer Parteien und f\u00fcr die sozialistische Ver\u00e4nderung der Welt. Aus zwei Gr\u00fcnden: erstens weil ein gro\u00dfer Teil der Arbeiterklasse, vor allem in den imperialistischen Metropolen, von den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen in der Sowjetunion und Osteuropa abgeschreckt war und sich nicht f\u00fcr eine Ein-Parteien-Herrschaft und die Abschaffung demokratischer und gewerkschaftlicher Rechte begeistern konnte. Zweitens weil es nicht im Interesse der herrschenden Eliten der stalinistischen Staaten war, den weltweit bestehenden status quo zu ver\u00e4ndern. Sie f\u00fcrchteten weitere sozialistische Revolutionen geradezu, weil in diesen eine demokratische Arbeitermacht sich h\u00e4tte entwickeln k\u00f6nnen und das wiederum die Massen in der UdSSR und ihren Satellitenstaaten auf die Idee h\u00e4tte bringen k\u00f6nnen, dass eine staatliche Planwirtschaft gar keine abgehobene B\u00fcrokratie braucht, um zu funktionieren.<\/p>\n<h4>Auswirkungen des Zusammenbruchs<\/h4>\n<p>Der Zusammenbruch des Stalinismus hatte dementsprechend zwei Wirkungen: erstens eine St\u00e4rkung der Kapitalseite im internationalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen Kapital und Arbeit. Zweitens wurde aber auch ein riesiges Hindernis f\u00fcr die Arbeiterklasse auf dem Weg zum Aufbau tats\u00e4chlich sozialistischer Parteien hinweggefegt.<\/p>\n<p>In den letzten zwanzig Jahren wirkte der erste Punkt jedoch deutlich st\u00e4rker. Der Sieg der Kapitalisten \u00fcber den vermeintlichen Sozialismus war vor allem ein ideologischer Sieg. Die Idee einer Alternative zum Kapitalismus war in den Augen der Mehrheit diskreditiert. Die B\u00fcrgerlichen gingen in die ideologische Offensive und propagierten bei jeder Gelegenheit den freien Markt, das Privateigentum, Flexibilit\u00e4t, Deregulierung und Globalisierung. Diese Ideen drangen auch wie nie zuvor in die Arbeiterbewegung ein. Sozialdemokratische Parteien, die bis in die achtziger Jahre trotz ihrer pro-kapitalistischen F\u00fchrung \u00fcber eine aktive Arbeiterbasis verf\u00fcgten und zumindest eine gewisse Bremse f\u00fcr die Angriffe des Kapitals darstellten, verwandelten sich in durch und durch b\u00fcrgerliche, pro-kapitalistische Parteien. In vielen L\u00e4ndern brachen die Kommunistischen Parteien weitgehend zusammen oder machten eine qualitativen Rechtsruck in ihrer Politik. Die Gewerkschaftsf\u00fchrungen \u00fcbernahmen die neoliberale Logik und predigten Verzicht statt Gegenwehr. So f\u00fchrte der Zusammenbruch des Stalinismus zu einer allgemeinen Schw\u00e4chung der Arbeiterbewegung und erm\u00f6glichte den Kapitalisten durch neoliberale Ma\u00dfnahmen die Ausbeutung der Arbeiterklasse international zu intensivieren und ihre Profitraten zu steigern.<\/p>\n<p>Auch das internationale Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis wurde nachhaltig ver\u00e4ndert. Die Weltlage war \u00fcber Jahrzehnte von einem relativen Kr\u00e4ftegleichgewicht zwischen dem stalinistischen und kapitalistischen Block gekennzeichnet. Die Systemkonkurrenz schwei\u00dfte die imperialistischen Staaten zusammen und d\u00e4mpfte deren Spannungen. Mit dem Wegfall der Systemkonkurrenz haben auch die Konflikte zwischen den verschiedenen imperialistischen Staaten zugenommen und eine neue Qualit\u00e4t von milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen und Kriegen hat sich entwickelt. Gerade f\u00fcr das wiedervereinigte kapitalistische Deutschland bedeutete der Zusammenbruch des Stalinismus auch die M\u00f6glichkeit auf dem internationalen Parkett wieder eine gr\u00f6\u00dfere politische und milit\u00e4rische Rolle zu spielen. Nur neun Jahre nach der Vereinigung von BRD und DDR f\u00fchrte Deutschland wieder Krieg als Teil des Nato-Angriffs auf Serbien. \u201eVon deutschem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen\u201c wurde zu <i>\u201eVerteidigung deutscher Interessen am Hindukusch\u201c<\/i>.<\/p>\n<h4>Kapitalismus nur \u00fcbrig geblieben<\/h4>\n<p>Diese St\u00e4rkung des Kapitalismus war aber keine nachhaltige. Der Satz \u201eder Kapitalismus hat nicht gesiegt, er ist nur \u00fcbrig geblieben\u201c best\u00e4tigt sich sp\u00e4testens mit der aktuellen Weltwirtschaftskrise, die tats\u00e4chlich eine weltweite Systemkrise des Kapitalismus ist. Die Wiedereinf\u00fchrung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse in den ehemaligen b\u00fcrokratischen Planwirtschaften hat weder zu einer Stabilisierung des kapitalistischen Systems noch zu einem Wirtschaftsaufschwung neuer Qualit\u00e4t oder Dauer gef\u00fchrt, wie er in der Nachkriegsperiode bis zur ersten weltweiten Rezession 1973-75 stattfand. Tats\u00e4chlich ist die Welt heute instabiler, unsicherer und krisenhafter \u2013 der \u201anormale\u2018, ungebremste Kapitalismus ist wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die ideologische Verwirrung, die in weiten Teilen der Arbeiterklasse nach 1989 um sich griff, ist noch nicht g\u00e4nzlich aufgehoben. Der Kapitalismus ist zweifellos weltweit in einer Legitimations- und Vertrauenskrise, antikapitalistisches Bewusstsein w\u00e4chst und Sozialismus ist nicht mehr in der selben Art und Weise diskreditiert, wie unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber ein sozialistisches Bewusstsein hat sich noch nicht auf breiter Front heraus gebildet, wenn es auch eine wachsende Offenheit f\u00fcr sozialistische Ideen und einen positiven Bezug bei vielen ArbeiterInnen und Jugendliche zum Beispiel auf Marx gibt. Doch die Vorstellung einer Alternative zum bestehenden kapitalistischen System und die \u00dcberzeugung, dass eine solche erreichbar ist, fehlen heute im Denken der Massen. Es bedarf weiterer Ereignisse und Erfahrungen, vor allem gr\u00f6\u00dfere Klassenk\u00e4mpfe und das bewusste Eingreifen von MarxistInnen mit einem sozialistischen Programm in solche K\u00e4mpfe, um ein massenhaftes sozialistisches Bewusstsein wieder zu entwickeln. Aber, und das ist eine positive Folge des Zusammenbruchs des Stalinismus, die erst jetzt und in der Zukunft wirklich zur Geltung kommen wird: der Weg f\u00fcr die Arbeiterklasse sich authentische Ideen der sozialistischen Demokratie und des revolution\u00e4ren Marxismus anzueignen ist nicht mehr mit den stalinistisch-reformistischen Karikaturen auf Sozialismus gepflastert und dementsprechend \u201afrei\u2018.<\/p>\n<p>Es besteht kein Anlass der DDR oder den anderen so genannten \u201arealsozialistischen\u2018 Staaten nach zu trauern. Sie sind untergegangen, weil sie unf\u00e4hig waren die Gesellschaft harmonisch weiter zu entwickeln. Sie sind gescheitert an ihren diktatorisch-b\u00fcrokratischen Charakter, daran, dass sie eben nicht sozialistisch waren. Die Auflehnung der Massen gegen die Parteidiktaturen war gerechtfertigt und barg den Kern einer sozialistischen Entwicklung in sich, die sich nicht entfalten konnte, weil es keine starke marxistische Kraft gab, die Programm, Strategie und F\u00fchrung anbieten konnte. Und weil viele der vormals \u201akommunistischen\u2018 B\u00fcrokraten schnell das Hemd wechselten und sich zu \u201aroten\u2018 Kapitalisten verwandelten, als sie die Chance dazu sahen. In der DDR war das wegen der Existenz der westdeutschen Kapitalistenklasse weniger der Fall, da diese den Osten einfach \u00fcbernahm (wobei es auch hier genug \u201aWendeh\u00e4lse\u2018 gab). Die Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus in den vormals stalinistischen Staaten war nicht zwangsl\u00e4ufig. Aber die Entfremdung der Massen, vor allem der jungen Generation, mit dem, was sie als Sozialismus pr\u00e4sentiert bekamen zusammen mit dem reichhaltigeren Warenangebot und den demokratischen Freiheiten in Westeuropa f\u00fchrte zu massiven Illusionen in den Kapitalismus. Die Verantwortung daf\u00fcr tragen aber die Stalinisten. \u03bd<\/p>\n<h5><i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV und verantwortlicher Redakteur von sozialismus.info. Er lebt in Berlin.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      20 Jahre danach\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":29352,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87,90],"tags":[647,256],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13370"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13370\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29352"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}