{"id":13369,"date":"2009-11-05T00:00:00","date_gmt":"2009-11-04T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13369"},"modified":"2014-11-05T14:01:26","modified_gmt":"2014-11-05T13:01:26","slug":"13369","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13369\/","title":{"rendered":"DDR 1989: Gab es eine Alternative zur kapitalistischen Restauration?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_29348\" aria-describedby=\"caption-attachment-29348\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-29348\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-280x173.jpg\" alt=\"Foto: Ralf Roletschek \/ roletschek.de\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-560x345.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-600x370.jpg 600w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308-534x330.jpg 534w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2009\/11\/1989-11-04-alexanderplatz-RalfR-e1415192426308.jpg 1311w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-29348\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Ralf Roletschek \/ roletschek.de<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>\u00dcber die Bedeutung eines Programms der politischen Revolution und einer marxistischen Organisation<\/strong><\/p>\n<p>4. November 1989, im Zentrum von Ost-Berlin: 500.000 bis eine Million Menschen versammeln sich auf dem Alexanderplatz und in den angrenzenden Stra\u00dfen. Belegschaften, Familien, riesige Ansammlungen von Jugendlichen &#8211; und \u00fcber ihren K\u00f6pfen: ein Meer von selbst gefertigten Transparenten.<\/p>\n<h4><i>von Ren\u00e9 Henze<\/i><\/h4>\n<p>Die Angst vor der Staatsmacht ist verflogen, \u00fcberall wird frei und offen geredet. Eine hoffnungsvolle und optimistische Stimmung herrscht in der Mitte Ost-Berlins. Um 11:25 Uhr wird die Kundgebung er\u00f6ffnet. Die Menschen werden still. Und dann hallt \u00fcber dieses riesige Menschen- und Transparentemeer eine klare Frauenstimme: <i>\u201eLiebe Kollegen und Freunde, Mitdenker und Hierbleiber! Wir, die Mitarbeiter der Berliner Theater, hei\u00dfen Sie herzlich willkommen. Die Stra\u00dfe ist die Trib\u00fcne des Volkes. \u00dcberall dort, wo es von den anderen Trib\u00fcnen ausgeschlossen wird. Hier findet keine Manifestation statt, sondern eine sozialistische Massendemonstration.\u201c <\/i>So er\u00f6ffnete Marion van de Kamp die gr\u00f6\u00dfte Demonstration des Herbst 1989 in der DDR. Kaum waren diese Worte verhallt, setzte ein riesiger Applaus ein.<\/p>\n<p>Heute sagen die Apologeten des Kapitalismus, dass es 1989\/1990 f\u00fcr die Entwicklung der DDR keinen anderen Weg mehr gab, als die Wiedervereinigung mit der BRD und die Einf\u00fchrung der Marktwirtschaft in Ostdeutschland.<\/p>\n<p>Doch der Verlauf der Geschichte ist nicht festgeschrieben. Karl Marx schrieb: <i>\u201eDie Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien St\u00fccken, nicht unter selbst gew\u00e4hlten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden.\u201c<\/i> (In: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852)<\/p>\n<h4>Die Bewegung begann pro-sozialistisch<\/h4>\n<p>Im Herbst 1989 gab es die M\u00f6glichkeit eines anderen Weges. Eines Weges jenseits von Stalinismus und der Wiedereinf\u00fchrung des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Dass das kein Wunschdenken von uns Sozialisten ist, sondern dass es daf\u00fcr vor zwanzig Jahren viele Ans\u00e4tze gab, zeigt ein Blick in damalige Erkl\u00e4rungen .<\/p>\n<p>Die zu diesem Zeitpunkt gr\u00f6\u00dfte und prominenteste Oppositionsgruppe, Neues Forum, gab am 1. Oktober 1989 eine Erkl\u00e4rung mit folgendem Inhalt ab: <i>\u201eF\u00fcr uns ist die \u201aWiedervereinigung\u2018 kein Thema, da wir von der Zweistaatlichkeit Deutschlands ausgehen und kein kapitalistisches Gesellschaftssystem anstreben.\u201c<\/i> Einer ihrer f\u00fchrenden K\u00f6pfe, der Professor Jens Reich, \u00e4u\u00dferte in einem Interview mit der westdeutschen Frankfurter Rundschau am 15.11.1989, <i>\u201c dass die Mehrzahl unserer Anh\u00e4nger gegen eine kapitalistische Gesellschaft ist. Sie h\u00e4tten lieber einen Wiederaufbau, eine Reform des Sozialismus, so dass er f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung akzeptabel ist\u201c.<\/i><\/p>\n<p>Und selbst die rechtere Oppositionsgruppe \u201eDemokratischer Aufbruch &#8211; DA\u201c, die sich sp\u00e4ter der CDU anschloss, verlautbarte am 2. Oktober, jetzt w\u00fcrden <i>\u201eReform und Erneuerung des sozialistischen Systems in der DDR unvermeidlich.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Auch Westberlins damaliger Regierender B\u00fcrgermeister Walter Momper (SPD) erkannte die zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Stimmung der Massenbewegung in der DDR: <i>\u201eDie Demokratiebewegung in der DDR hat ihre Freiheit nicht durchgesetzt, um unter das Patronat eines gesamtdeutschen Staates gestellt zu werden. Die kritischen und oppositionellen Gruppen wollen vielmehr soziale Demokratie und den dritten Weg eines demokratischen Sozialismus.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Mit keinem Wort und auf keinem Transparent wurden bei den Leipziger Montagsdemonstrationen im Oktober und der Berliner Massenkundgebung am 4. November 1989 die Abkehr vom sozialistischen Ideal und der Anschluss an die BRD verlangt.<\/p>\n<h4>Die Ausgangslage<\/h4>\n<p>Der russische Revolution\u00e4r und Stalingegner, Leo Trotzki fragte in seiner Analyse \u00fcber den Aufstieg und (Macht-)Mechanismus des Stalinismus: <i>\u201eWird der Beamte den Arbeiterstaat auffressen, oder der Arbeiter den Beamten bezwingen?\u201c<\/i> (Trotzki, Verratene Revolution, 1936).<\/p>\n<p>Ende der 1980er zeigte sich im ganzen Ostblock, dass die stalinistische B\u00fcrokratie mit ihrer totalen Kontrolle \u00fcber die Gesellschaft die geplante Wirtschaft zerfressen hatte. Die Produktion stagnierte, \u00f6konomische, soziale und \u00f6kologische Probleme nahmen zu. Im Herbst 1989 brach sich dann der Unmut in der DDR bahn. Sobald aber die Massen auf die Stra\u00dfen gingen, hing die stalinistische SED-B\u00fcrokratie buchst\u00e4blich in der Luft. Denn im Unterschied zu den Unternehmern im Kapitalismus, die materielle und gesellschaftliche Wurzeln in Form ihres Besitzes an Kapital, Betrieben, Grund und Boden haben, hatten die stalinistischen Funktion\u00e4re ihre Macht nur Kraft ihres Partei- und Staatsamtes und auch das nur, solange die Massen still hielten.<\/p>\n<p>In dem Moment aber, wo diese in fast jeder Stadt auf die Stra\u00dfe gingen und demokratische Rechte, wie Meinungs- und Reisefreiheit, demokratische Mitsprache, <i>\u201ePrivilegien f\u00fcr alle!\u201c<\/i> (Transparent Demo, 4. November) und ein Ende von Korruption forderten, wurde die ganze Erb\u00e4rmlichkeit der Stalinisten sichtbar.<\/p>\n<p>Ein Stasi-Offizier gab am Beispiel Leipzig sp\u00e4ter zu Protokoll: <i>\u201eAm 9. Oktober \u00fcberstieg ja erstmals die Zahl der Demonstranten alles, was man erwartet hatte. Selbst das, was wir nach den Berliner Ereignissen <\/i>[gemeint sind die Demonstrationen am 7. Oktober, R.H.] <i>im Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit erwartet hatten, wurde auf eine eindrucksvolle, f\u00fcr uns damals be\u00e4ngstigende Art und Weise \u00fcbertroffen. Noch nie sah man in der DDR so viele Menschen mit einer so eindeutigen Ausrichtung gegen das Herrschaftssystem.\u201c<\/i><\/p>\n<h4>R\u00e4te, Gewerkschaften, B\u00fcrgerkomitees<\/h4>\n<p>Nachdem die Massen sp\u00fcrten, dass <i>\u201edie Fenster aufgesto\u00dfen [wurden] nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengedresch und b\u00fcrokratischer Willk\u00fcr\u201c<\/i> (Stefan Heym Rede. 4. November 89), fingen sie an Initiative zu ergreifen. Unz\u00e4hlige \u201aInitiativen zur Initiative zur Gr\u00fcndung einer Initiative\u2018 entstanden.<\/p>\n<p>Wie Pilze nach dem Regen bildeten sich nicht nur die Oppositionsgruppen, sondern auch in den Betrieben entstanden unabh\u00e4ngige Initiativen. Im Rostocker Klinikum bildete sich beispielsweise ein \u201eKlinikrat\u201c, wo sich \u00c4rzte, Schwestern und Pfleger zusammenschlossen, weil sie <i>\u201eein[en] Vertrauensverlust der Mitarbeiter zur Betriebs-, Gewerkschafts- und Parteileitung\u201c<\/i> festsstellten (Erkl\u00e4rung Oktober 89) \u00c4hnliche Entwicklungen gab es in vielen Betrieben und Einrichtungen. Vielerorts gab es Initiativen zur Gr\u00fcndung von Betriebsr\u00e4ten (die sich eher an dem west-deutschen Betriebsr\u00e4te- und Mitbestimmungsmodell orientierten). Doch auch unabh\u00e4ngige Gewerkschaften entstanden, so zum Beispiel s\u00fcdlich von Berlin, beim LKW-Hersteller \u201eIFA\u201c und den angrenzenden Zulieferbetrieben.<\/p>\n<p>Am weitesten jedoch gingen die Prozesse von unabh\u00e4ngiger Organisierung von ArbeiterInnen im Tierpark Berlin und bei Bergmann-Borsig in Berlin-Pankow, in einigen Leipziger Gro\u00dfbetrieben und im Rostocker Klinikum. Dort entstanden Ans\u00e4tze zu \u201eArbeiterr\u00e4ten\u201c, die in Richtung demokratische Kontrolle \u00fcber den Betrieb gingen. Ebenso versuchten Berliner Auszubildende in ihren Betrieben \u201eLehrlingsr\u00e4te\u201c zu gr\u00fcnden und diese auch stadtweit als \u201eLehrlingsrat\u201c von Berlin zu vernetzen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur in den Betrieben wurden die Leute aktiv. Sch\u00fcler und Studierende gr\u00fcndeten ebenfalls R\u00e4testrukturen. \u00dcber diese Strukturen erk\u00e4mpften die Sch\u00fclerInnen zum Beispiel, dass der Samstag in der DDR schulfrei wurde und noch heute hei\u00dft die studentische Vertretung an den Universit\u00e4ten von Rostock und Leipzig StudentenRat.<\/p>\n<p>Selbst bei Teilen der Staatsorgane bildeten sich unabh\u00e4ngige Komitees und Interessenvertretungen. Zum Beispiel wurden beim Stasi-Elite-Regimet, \u201eF. Dziershinsky\u201c von Berlin, im Oktober 89 die stalinistischen \u201eHardliner\u201c-Offiziere f\u00fcr abgesetzt erkl\u00e4rt und eine Vertretung aus der Mannschaft gew\u00e4hlt. Im Januar 1990 wurde ein DDR-weiter Soldatenrat gebildet.<\/p>\n<p>Neben diesen unmittelbaren Komitees und Initiativen bildeten sich in vielen St\u00e4dten unz\u00e4hlige B\u00fcrgerkomitees (zur Aufdeckung von Korruption, Machtmissbrauch, gegen die Staasi etc.). Und schlie\u00dflich entstanden in vielen St\u00e4dten sogenannte Ortsr\u00e4te, wo sich EinwohnerInnen zusammen taten, um lokale Entscheidungen mit zu gestalten.<\/p>\n<p>Fast alle Zutaten f\u00fcr einen \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c waren vorhanden. Es ging um die unmittelbare Entstalinisierung und Demokratisierung der DDR-Gesellschaft und die Beibehaltung der \u201evolkseigenen\u201c Betriebe.<\/p>\n<p>Diese Haltung ist mit ein Grund, warum im Herbst\/Winter 89\/90 kaum gestreikt wurde. Die Belegschaften wollten \u201eihre\u201c Betriebe und \u201eihre\u201c Wirtschaft als Ganzes nicht noch mehr sch\u00e4digen. Es ging nicht um die Einf\u00fchrung von Privateigentum an Produktionsmitteln, Marktkonkurrenz und Profitmaximierung \u2013 das war nicht Teil der von den Volksmassen, den Initiativen und Oppositionsgruppen ge\u00e4u\u00dferten W\u00fcnsche und Forderungen.<\/p>\n<p>Die Massen betraten die B\u00fchne der Geschichte, brachen ihr Schweigen und fingen an, erste Initiativen der Selbstorganisation zu entwickeln. Die Herrschenden geraten in die Defensive und wankten &#8211; doch wer h\u00e4tte sie st\u00fcrzen k\u00f6nnen? Und wie h\u00e4tte eine eine neue, nicht-stalinistische Gesellschaft aussehen sollen?<\/p>\n<h4>Trotzkis Programm der \u201epolitischen Revolution\u201c<\/h4>\n<p>In \u201eVerratene Revolution\u201c, seinem sehr lesenswerten Buch \u00fcber den Stalinismus, skizziert Leo Trotzki einen Sturz der stalinistischen Machtclique folgenderma\u00dfen: <i>\u201eBei energischem Druck der Volksmassen und in diesem Fall unvermeidlicher Zersetzung des Regierungsapparats kann der Widerstand der Herrschenden sich als viel schw\u00e4cher erweisen, als es heute scheinen m\u00f6chte. Aber hier\u00fcber sind nur Vermutungen m\u00f6glich. Jedenfalls ist die B\u00fcrokratie nur durch eine revolution\u00e4re Kraft zu entheben, was wie immer um so weniger Opfer kosten wird, je k\u00fchner und entschiedener der Angriff sein wird. (&#8230;) <\/i><\/p>\n<p><i>Die Revolution, die die B\u00fcrokratie gegen sich selbst vorbereitet, wird nicht wie die Oktoberrevolution von 1917 eine soziale sein. Diesmal gilt es nicht, die \u00f6konomischen Grundlagen der Gesellschaft zu \u00e4ndern und die bestehenden Eigentumsformen durch andere zu ersetzen. Die Geschichte hat in der Vergangenheit nicht blo\u00df soziale Revolutionen aufzuweisen, die das Feudalregime durch das b\u00fcrgerliche ersetzten, sondern auch politische, die, ohne die \u00f6konomischen Grundlagen der Gesellschaft anzutasten, die alte herrschende Spitze hinwegfegten (1830 und 1848 in Frankreich, Februar 1917 in Russland u.a.). Der Sturz der bonapartistischen Kaste wird selbstverst\u00e4ndlich tiefe soziale Folgen haben, aber an sich wird er im Rahmen eines politischen Umsturzes bleiben. (&#8230;) <\/i><\/p>\n<p><i>Es handelt sich nicht darum, eine herrschende Clique durch eine andere zu ersetzen, sondern darum, die Methoden zu \u00e4ndern, nach denen Wirtschaft und Kultur geleitet werden. Das b\u00fcrokratische Selbstherrschertum muss der Sowjetdemokratie Platz machen. Wiederherstellung des Rechts auf Kritik und einer wirklichen Wahlfreiheit ist notwendige Vorbedingung f\u00fcr die weitere Entwicklung des Landes. Das setzt voraus, dass den Sowjetparteien, angefangen mit der Partei der Bolschewiki. die Freiheit wiedergegeben wird und die Gewerkschaften wiederauferstehen. Auf die Wirtschaft \u00fcbertragen bedeutet die Demokratie gr\u00fcndliche Revision der Pl\u00e4ne im Interesse der Werkt\u00e4tigen. Freie Diskussion der Wirtschaftsprobleme wird die Unkosten der b\u00fcrokratischen Fehler und Zickzacks senken. Die teuren Spielzeuge \u2013 Sowjetpal\u00e4ste, neue Theater, protzige Untergrundbahnen \u2013 werden zur\u00fccktreten zugunsten von Arbeiterwohnungen. Die \u201eb\u00fcrgerlichen Verteilungsnormen\u201c werden auf das unbedingt Notwendige zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, um in dem Ma\u00dfe, wie der gesellschaftliche Reichtum w\u00e4chst, sozialistischer Gleichheit Platz zu machen. Die Titel werden sofort abgeschafft, der Ordensplunder wird in den Schmelztiegel wandern. Die Jugend wird frei atmen, kritisieren, sich irren und reifen d\u00fcrfen. Schlie\u00dflich wird die Au\u00dfenpolitik zu den Traditionen des revolution\u00e4ren Internationalismus zur\u00fcckkehren.\u201c<\/i><\/p>\n<h4>Ein revolution\u00e4res Programm f\u00fcr die DDR<\/h4>\n<p>Die Sto\u00dfrichtung der Massenbewegung ging genau in die von Trotzki skizzierte Richtung. Privilegien und Korruption wurden angeprangert, die Allmacht der herrschenden SED-B\u00fcrokratie wurde in Frage gestellt und demokratische Diskussionen \u00fcber Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft wurden eingefordert. Gleichzeitig gab es Ans\u00e4tze zur Selbstorganisation der ArbeiterInnen.<\/p>\n<p>Die Aufgabe einer linken und sozialistischen Opposition w\u00e4re also gewesen, eine Vorgehensweise zu entwickeln, wie die ArbeiterInnen und die Bev\u00f6lkerung die stalinistischen Parteifunktion\u00e4re im Betrieb, in der Stadt, in der Kultur und in der Regierung absetzen kann \u2013 ohne dass das dazu f\u00fchrt, dass einfach eine neue Clique sich in die Amtssessel setzt.<\/p>\n<p>Dazu w\u00e4ren ein Programm, eine Strategie und eine revolution\u00e4re F\u00fchrung f\u00fcr die Bewegung n\u00f6tig gewesen.<\/p>\n<h4>Kriterien f\u00fcr sozialistische Demokratie<\/h4>\n<p>Das obige Trotzki-Zitat skizziert einige wichtige Aspekte eines Programms zur Durchsetzung einer sozialistischen Demokratie. In Anlehnung an die Prinzipien der Pariser Kommune von 1871 sind die jederzeitige W\u00e4hl- und Abw\u00e4hlbarkeit aller Staatsfunktion\u00e4re und die Begrenzung der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter f\u00fcr solche auf ein durchschnittliches Arbeitereinkommen die zentralen Eckpunkte f\u00fcr eine sozialistische Demokratie bzw. einen demokratischen Arbeiterstaat. Die Rotation von \u00c4mtern und die Ersetzung von Armee und Polizei durch demokratisch gew\u00e4hlte und kontrollierte Milizen sind zwei weitere wichtige Eckpunkte. In diesem Rahmen h\u00e4tten sich Freiheit der Kritik und Meinungs\u00e4u\u00dferung, Pressefreiheit, Abschaffung aller Privilegien, Aufl\u00f6sung der Stasi und anderer staatlicher Unterdr\u00fcckungsorgane entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ebenso h\u00e4tten demokratisch gew\u00e4hlte Untersuchungskommissionen aus der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zur Aufkl\u00e4rung von Korruption, Machtmissbrauch und Verbrechen der stalinistischen Periode eingefordert werden m\u00fcssen. In einer sozialistischen Demokratie h\u00e4tte ein demokratisch gew\u00e4hltes Justizwesen \u00fcber diese F\u00e4lle urteilen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Angesichts der in der DDR nur auf dem Papier existierenden Existenz unterschiedlicher Parteien und freier Gewerkschaften, h\u00e4tte die Forderung nach Koalitionsfreiheit, also der freien Organisierung von Parteien, Gewerkschaften und anderen Organisationen \u2013 mit Ausnahme von faschistischen Organisationen und anderen, die die sozialistische Demokratie mit Waffengewalt st\u00fcrzen wollen \u2013 ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt.<\/p>\n<p>Die Durchsetzung eines solchen Programms stand im diametralen Gegensatz zu den Interessen aller Teile der SED-B\u00fcrokratie. Eine solch v\u00f6lliger Machtverlust und vollst\u00e4ndige Demokratisierung der Gesellschaft einschlie\u00dflich des kompletten Verlusts aller materieller Privilegien war auch f\u00fcr die sogenannten \u201eReformer\u201c um Modrow in der SED eine Bedrohung. Ein solches Programm konnte sich nicht in der SED entwickeln und h\u00e4tte auch nicht mit der SED (bzw. der im Dezember 89 umbenannten \u201ereformierten\u201c SED-PDS) umgesetzt werden k\u00f6nnen. Es w\u00e4re also n\u00f6tig gewesen, dazu aufzurufen, dass die verschiedenen Initiativen, R\u00e4te, Komitees, Gewerkschaftsans\u00e4tze und die Oppositionsgruppen sich DDR-weit vernetzen und demokratisch die Kontrolle und Leitung in den Betrieben, Einrichtungen, St\u00e4dten und schlie\u00dflich die Gesamt-Regierung \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Der Autor dieser Zeilen, schrieb damals in der marxistischen Oppositionszeitung \u201eWas tun!\u201c, dass zum Beispiel die Arbeiter in den Betrieben, Betriebsversammlungen einfordern sollten, wo dann der SED-Parteisekret\u00e4r sowie der von der SED eingesetzte Betriebsleiter vor der Belegschaft offen legen sollte, wo die Investitionen hingegangen sind, wie der Stand der Produktion aussieht.. Der Sinn dieses Aufrufs an die Besch\u00e4ftigten war auch, die Unf\u00e4higkeit der meisten Betriebschefs offen zulegen und so den KollegInnen die Notwendigkeit, dass sie aus ihrer Mitte eine Leitung des Betriebes w\u00e4hlen m\u00fcssen, darzulegen. Wir argumentierten damals au\u00dferdem, dass die KollegInnen, Kontakt zu den Zulieferbetrieben, bzw. anderen Betriebsteilen im Kombinat aufnehmen sollten.<\/p>\n<p>Ausgehend von einer Koordination der ArbeiterInnen schlugen wir die Erstellung von \u201eM\u00e4ngellisten\u201c vor. Darin sollte festgehalten werden, was alles f\u00fcr eine sinnvolle und reibungslose Produktion n\u00f6tig ist \u2013 und was durch die stalinistische Desorganisation alles unsinnig geplant wurde. Mit solchen \u201eM\u00e4ngellisten\u201c in den Betrieben w\u00e4re auch eine \u201eNeuausrichtung des Planes\u201c m\u00f6glich gewesen. Das ist ein Beispiel daf\u00fcr die Frage der vollst\u00e4ndigen Ver\u00e4nderung der Machtverh\u00e4ltnisse konkret in den Alltagserfahrungen und -auseinandersetzungen der Arbeiterklasse aufzuwerfen.<\/p>\n<p>Doch leider sah die \u00fcberwiegende Mehrheit der DDR-Opposition diesen Weg nicht und da viele eher aus Intellektuellen- oder K\u00fcnstlerkreisen kamen und keine Orientierung auf die Arbeiterklasse hatten, fehlte ihnen oftmals der Zugang zur Arbeiterklasse. So sahen sie ihre Rolle eher darin Druck auf die weiterhin herrschende stalinistische SED zu machen. Selbst die am weitesten links stehende \u201eVereinigte Linke\u201c, die sich teilweise auf Trotzkis Programm der politischen Revolution berief, rief zwar zu einer Vernetzung der verschiedenen betrieblichen Initiativen auf, aber gleichzeitig st\u00fctzten sie die \u2013 durch den Druck der Massen \u2013 gewendete Modrow-Regierung von links.<\/p>\n<p>Viele Elemente eines solchen Programms einer politischen Revolution f\u00fcr eine sozialistische R\u00e4tedemokratie waren in den Forderungen der DemonstrantInnen und verschiedenen Oppositionsgruppen zu finden. Aber niemand hat es zu einem in sich geschlossenen Programm ausgearbeitet und eine strategische Vorstellung f\u00fcr seine Durchsetzung entwickelt. Wirklich niemand? In verschiedenen trotzkistischen Gruppen gab es \u00dcberlegungen dieser Art. Das Komitee f\u00fcr eine Arbeiterinternationale und seine im Herbst 1989 in der DDR gegr\u00fcndete Gruppe \u201aMarxisten f\u00fcr R\u00e4tedemokratie\u2018 machte entsprechende Vorschl\u00e4ge. Doch zu einer materiellen Kraft konnten diese Ideen nicht werden, weil die Kr\u00e4fte des Trotzkismus zu schwach, isoliert und ohne eine Verankerung in der Oppositionsbewegung und der Arbeiterklasse waren. Zur Durchsetzung eines solchen Programms und einer solchen Strategie h\u00e4tte es aber einer revolution\u00e4ren, trotzkistischen Organisation bedurft, die zumindest in den wichtigsten Betrieben und Bewegungen eine starke Verankerung und ein effektives Netz von AktivistInnen h\u00e4tte aufgebaut haben m\u00fcssen. Nur mit einem solchen organisierten Netz von AktivistInnen h\u00e4tte ein Programm der politischen Revolution gezielt in die revolution\u00e4re Massenbewegung getragen werden k\u00f6nnen und an verschiedenen Orten die n\u00f6tigen praktischen Schritte der Bildung von R\u00e4ten und derenDazu w\u00e4ren ein Programm, eine Strategie und eine revolution\u00e4re F\u00fchrung f\u00fcr die Bewegung n\u00f6tig gewesen. Vernetzung ergriffen werden k\u00f6nnen. Eine solche Organisation, ein solches Netz, existierte nicht und konnte in der Hitze der Ereignisse ab Oktober 1989 auch nicht aufgebaut werden. Das bedeutet aber nicht, dass die Geschichte des Herbstes \u201a89 in der DDR nicht h\u00e4tte anders verlaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Opposition hatte allerdings weder konkrete Konzepte noch wirklich charismatische Pers\u00f6nlichkeiten, die sie h\u00e4tten vermitteln k\u00f6nnen. Stefan Heym res\u00fcmiert das Dilemma folgenderma\u00dfen: <i>\u201e(&#8230;) die Revolution wurde von Leuten ohne Konzeption gemacht, von Dilettanten. Im Grunde h\u00e4tte es in dieser Situation eines neuen Lenin bedurft, wobei ich allerdings nicht unbedingt an den Lenin der politischen Theorien denke, sondern an den Mann, der eine politische Konzeption besa\u00df, die er klar zu formulieren wusste. Dann w\u00e4re die Geschichte anders verlaufen. Wir dagegen hatten niemanden &#8211; niemanden jedenfalls von diesem Schlag. Einen de Maizi\u00e8re hatten wir, der auch noch unter Druck stand, und einen Krause &#8230; Gott helfe uns! Damit ist die DDR dann wirklich zu Pott gegangen.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Wenn statt der B\u00e4rbel Bohleys des Neuen Forums ein Kern ausgebildeter, organisierter und in der Arbeiterklasse verankerter MarxistInnen an der Spitze der Oppositionsbewegung gestanden h\u00e4tte, h\u00e4tten de Maizi\u00e8re und Krause m\u00f6glicherweise niemals die DDR an den kapitalistischen Westen ausverkaufen k\u00f6nnen. Dann s\u00e4he die Welt heute vielleicht anders aus. Denn eine erfolgreiche anti-stalinistische und tats\u00e4chlich sozialistische Revolution in der DDR h\u00e4tte eine Kettenreaktion in Richtung der anderen stalinistischen Staaten ausgel\u00f6st und aus dem Generalstreik in der Tschechoslowakei oder dem Aufstand in Rum\u00e4nien h\u00e4tte sich die Grundlage f\u00fcr eine internationale sozialistische Entwicklung ergeben.<\/p>\n<h5><i>Ren\u00e9 Henze ist Mitglied des Bundesvorstands der SAV. Im Herbst 1989 war er ein Aktivist der sozialistischen Opposition gegen das SED-Regime und Mitbegr\u00fcnder des Revolution\u00e4r Autonomen Jugendverbandes (RAJV) in Berlin. Er geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der ersten Gruppe des Komitees f\u00fcr eine Arbeiterinternationale in der DDR. Heute lebt er in Rostock.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bedeutung eines Programms der politischen Revolution und einer marxistischen Organisation<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":29348,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87],"tags":[647,270,256],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13369"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13369"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13369\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13369"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13369"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13369"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}