{"id":13368,"date":"2009-11-04T00:05:00","date_gmt":"2009-11-03T23:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13368"},"modified":"2012-07-18T15:24:19","modified_gmt":"2012-07-18T13:24:19","slug":"13368","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13368\/","title":{"rendered":"Die Macht lag auf der Stra&#223;e"},"content":{"rendered":"<p>  Revolution und Konterrevolution in der DDR 1989\/90<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Liebe Freunde, Mitb&#252;rger, es ist, als habe einer die Fenster   aufgesto&#223;en nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen,   wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von   Phrasengedresch und b&#252;rokratischer Willk&#252;r, von amtlicher Blindheit und   Taubheit. Welche Wandlung! Vor noch nicht vier Wochen: Die sch&#246;n   gezimmerte Trib&#252;ne hier um die Ecke, mit dem Vorbeimarsch, dem   bestellten, vor den Erhabenen! Und heute! Heute hier, die Ihr Euch aus   eigenem freien Willen versammelt habt, f&#252;r Freiheit und Demokratie und   f&#252;r einen Sozialismus, der des Namens wert ist.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Mit diesen Worten begann der Schriftsteller Stefan Heym am 4. November   1989 seine Rede vor bis zu einer Million Menschen auf dem Berliner   Alexanderplatz.<\/p>\n<h4>  <i>von Ingmar Meinecke<\/i><\/h4>\n<p>  In der Tat: Welche Wandlung, eine revolution&#228;re Welle hatte die DDR   innerhalb weniger Wochen erfasst. Der Einsatz der Staatsgewalt gegen die   Demonstranten am 7. und 8. Oktober hatte nichts genutzt. Am 9. Oktober   gingen 70.000 Menschen in Leipzig auf die Stra&#223;e. Am 23. Oktober sind es   in Leipzig allein schon 300.000. In der Zwischenzeit treten am 18.10.   Erich Honecker sowie die Politb&#252;romitglieder Mittag und Herrmann zur&#252;ck.   Egon Krenz folgt Honecker und benutzt als Erster das Wort &#8222;Wende&#8220;. Doch   auch ihm schl&#228;gt Misstrauen und Ablehnung entgegen. Auf der   Demonstration vom 4. November sind Plakate zu lesen wie <i>&#8222;Wendehals,   ick h&#246;r Dir trapsen&#8220;, &#8222;Sozialismus Ja, Ego(n)ismus Nein&#8220;<\/i>   oder <i>&#8222;Egon &#8211; geh zu Erich&#8220;<\/i>. Am 8.11. sieht sich   das gesamte Politb&#252;ro der SED gezwungen, geschlossen zur&#252;ckzutreten,   w&#228;hrend drau&#223;en selbst 50.000 SED-Mitglieder f&#252;r die Erneuerung ihrer   Partei demonstrieren. Einen Tag sp&#228;ter f&#228;llt die Mauer. Eben jene Mauer,   von der Erich Honecker noch im Januar 1989 behauptet hatte, sie werde   &#8222;noch in 50 oder 100 Jahren stehen&#8220;. Und meinte das Politb&#252;romitglied   Kurt Hager 1987 noch in Anspielung auf Perestroika und Glasnost: <i>&#8222;W&#252;rden   Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich   verpflichtet f&#252;hlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?&#8220;<\/i>,   so ging es nun nicht mehr um die Tapete, sondern die ganze Wohnung wurde   f&#252;r ziemlich unbewohnbar befunden.<\/p>\n<p>  Doch wie wir wissen, war das Ende vom Lied die Privatisierung der   Wohnung und die neuen Herren und Vermieter hie&#223;en Kohl &amp; Co und kamen   aus dem Westen. Bei der Volkskammerwahl am 18. M&#228;rz siegt die CDU samt   ihren Verb&#252;ndeten, am 1.7.1990 wird die D-Mark als Zahlungsmittel in der   DDR eingef&#252;hrt, am 3.10.1990 die DDR der BRD nach Artikel 23 Grundgesetz   angeschlossen. Gerade mal ein Jahr nach Beginn der Proteste war die DDR   von der Landkarte verschwunden. Wie konnte der revolution&#228;re Zug   umgeleitet werden auf die Gleise der kapitalistischen Wiedervereinigung?   Wer leitete da? Wer fuhr einfach mit? Oder fuhr der Zug ganz von selbst?   Dieser Artikel skizziert die Gr&#252;nde f&#252;r das Umkippen einer   revolution&#228;ren pro-sozialistischen Bewegung hin zur Wiederherstellung   des Kapitalismus.<\/p>\n<h4>  Der Unmut w&#228;chst<\/h4>\n<p>  Auch nach dem Aufstand von 1953 war in der DDR nie v&#246;llige Ruhe   eingezogen. In den 80ern begannen die Entwicklungen in den anderen   Ostblock-Staaten auch den Unmut in der DDR anzufachen. Die neuen T&#246;ne   aus der Sowjetunion fielen auf fruchtbaren Boden. Dort fanden am   26.3.1989 Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten statt, bei denen   erstmals mehrere Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl standen. In Polen   f&#252;hrten Massenstreiks im Sommer 1988 zur Einrichtung eines &#8222;Runden   Tisches&#8220; von Regierung, der Gewerkschaft Solidarno&#347;&#263; und der   katholischen Kirche. Bei der teilweisen Neuwahl des polnischen   Parlaments im Juni 1989 gewann die Solidarno&#347;&#263; bis auf einen alle Sitze.   Am 12.9.1989 &#252;bernahm sie die Regierung.<\/p>\n<p>  All dies stand in krassem Gegensatz zu den Vorg&#228;ngen in der DDR. Auf   einen Auftritt von Oppositionsgruppen beim   Luxemburg-Liebknecht-Gedenkmarsch 1988 mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat <i>&#8222;Freiheit   ist immer Freiheit des Andersdenkenden&#8220;<\/i> reagierte der   Staatsapparat mit mehr als 200 Verhaftungen. Als die sowjetische   Zeitschrift Sputnik Kritik an der Zustimmung der KPD zum   Hitler-Stalin-Pakt &#252;bte, wurde sie in der DDR kurzerhand verboten.<\/p>\n<p>  Drei Ereignisse heizten 1989 die Stimmung weiter an: die Reaktion der   SED auf die Repression in China, die F&#228;lschung der Kommunalwahlen und   schlie&#223;lich die sich beschleunigende Fluchtwelle aus der DDR. Das   Guthei&#223;en des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni   1989 durch die SED-F&#252;hrung war eine kaum verh&#252;llte Drohung nach innen,   die aber das Regime moralisch weiter untergrub. Gleiches bewirkte die   offensichtlich gef&#228;lschte Kommunalwahl vom 7. Mai. Offiziell erreichte   die Liste der Nationalen Front (die Einheitsliste der SED, der   Blockparteien und anderer Organisationen) 98,77 Prozent Zustimmung. Aber   Beobachter der Wahl kamen zu dem Ergebnis, dass es mindestens zehn bis   zwanzig statt 1,23 Prozent Enthaltungen oder &#8222;Nein&#8220;-Stimmen gegeben   haben musste. Vielen Menschen war das allein durch R&#252;cksprache im   Bekanntenkreis klar. Doch nun kam es zu &#246;ffentlichen Protesten, im   ganzen Land zu mehr als einhundert, am Wahlabend selbst in Leipzig mit   1.500 Beteiligten. Diese Proteste hielten die n&#228;chsten Monate an.<\/p>\n<p>  Den letzten Ansto&#223; f&#252;r den Herbst 1989 gab schlie&#223;lich die   Ausreisewelle. Ungarn hatte die Grenze zu &#214;sterreich ge&#246;ffnet. Im August   begannen gr&#246;&#223;ere Gruppen von DDR-B&#252;rgern auf diesem Weg in den Westen zu   gehen. Bis Ende September waren es schon 25.000. Gleichzeitig wurden die   Botschaften und st&#228;ndigen Vertretungen der BRD in Prag, Budapest und   Ost-Berlin von Ausreisewilligen aus der DDR regelrecht gest&#252;rmt. Diese   Fluchtwelle setzte eine Diskussion in Gang: Warum gehen so viele weg?   Was ist das f&#252;r ein Land, aus dem Menschen einfach abhauen, ihre Habe,   Freunde und Familie zur&#252;cklassend? Die offiziellen Reaktionen, man solle   diesen Leuten &#8222;keine Tr&#228;ne nachweinen&#8220;, ekelten viele an. Die Stimmung   fasste G&#252;nther Sattler aus Arnstadt in einem selbst verfassten Flugblatt   Ende September so zusammen: <i>&#8222;Was f&#252;r ein Leben? Wo die Wahrheit zur   L&#252;ge wird, wo der Falsche das Zepter f&#252;hrt. Was f&#252;r ein Leben? Wo die   Freiheit tot geboren, wo schon scheint alles verloren.&#8220;<\/i> Doch   verloren fand sich bald die SED-Spitze.<\/p>\n<h4>  Die Opposition formiert sich<\/h4>\n<p>  Am Montag, dem 4. September, kommen nach dem Friedensgebet in der   Leipziger Nikolaikirche 1.200 Menschen zusammen und demonstrieren. Die   Losungen sind: &#8222;Wir wollen raus!&#8220; und &#8222;Wir wollen eine neue Regierung!&#8220;.   Sicherheitskr&#228;fte greifen ein. Dies wiederholt sich die n&#228;chsten   Montage. Am 25. September versammeln sich dann schon 8.000. Und nun   hei&#223;t es nicht mehr <i>&#8222;Wir wollen raus!&#8220;<\/i>, sondern <i>&#8222;Wir   bleiben hier!&#8220;<\/i> &#8211; eine klare Ansage an das Regime, der Willen,   nun endlich im Land selbst etwas zu ver&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Im September gr&#252;nden sich die ersten oppositionellen Gruppen. Das Neue   Forum wird am 9. September ins Leben gerufen. Es bringt einen Aufruf   heraus, den schon innerhalb der ersten 14 Tage 4.500 Leute   unterzeichnen. Bis Mitte November werden 200.000 Unterschriften   zusammenkommen. Der Aufruf beginnt mit den Worten: <i>&#8222;In unserem Lande   ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich   gest&#246;rt. Belege daf&#252;r sind die weit verbreitete Verdrossenheit bis hin   zum R&#252;ckzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung.&#8220;<\/i>   Er spricht dann eine Reihe von Problemen an wie Umweltzerst&#246;rung oder   das knappe Warenangebot, skizziert eine Reihe allgemeiner Ziele und   Widerspr&#252;che und schlussfolgert dann: <i>&#8222;Um all diese Widerspr&#252;che   zu erkennen, Meinungen und Argumente dazu anzuh&#246;ren und zu bewerten   (&#8230;) bedarf es eines demokratischen Dialogs (&#8230;) Wir bilden deshalb   gemeinsam eine politische Plattform f&#252;r die ganze DDR, die es Menschen   aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen m&#246;glich macht,   sich an der Diskussion und Bearbeitung lebenswichtiger   Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen. F&#252;r eine solche   &#252;bergreifende Initiative w&#228;hlen wir den Namen Neues Forum.&#8220;<\/i>   Obwohl der Aufruf alles in allem recht unkonkret bleibt, trifft er doch   ins Schwarze. Denn der Aufruf zum Dialog erscheint vielen nur als recht   und billig. Dagegen kann doch niemand etwas haben, auch der Honecker   nicht, mag sich mancher denken. Doch Honecker und die SED-F&#252;hrung haben   was dagegen. Sie wollen keinen Dialog, schon gar nicht mit einer   Plattform, die auf landesweiter Ebene agiert. Am 21. September wird der   Antrag auf Registrierung abgelehnt. Doch das macht das Neue Forum erst   recht popul&#228;r.<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;ndungsaufrufe der meisten oppositionellen Gruppen sind   pro-sozialistisch. Demokratie Jetzt schreibt am 12. September: <i>&#8222;Der   Sozialismus muss nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden,   wenn er nicht geschichtlich verloren gehen soll.&#8220;<\/i> Der   Demokratische Aufbruch meint im Oktober: <i>&#8222;Wir wollen neu lernen, was   Sozialismus f&#252;r uns hei&#223;en kann.&#8220;<\/i> Die am 4.   September gegr&#252;ndete Vereinigte Linke schl&#228;gt allen linken   Oppositionsgruppen eine Konferenz vor und meint: &#8222;Inhalt einer solchen   Konferenz sollte die Erarbeitung von Mindestanforderungen an die   Verwirklichung einer grundlegenden Gesellschaftsreform im Sinne eines   freiheitlichen Sozialismus sein.&#8220; Ausscheren aus dieser Front tut nur   die SDP, die Sozialdemokratische Partei in der DDR, die in ihrem   Gr&#252;ndungsaufruf vom 12. September das Wort &#8222;Sozialismus&#8220; nicht erw&#228;hnt,   sondern als Ziel unter anderem eine <i>&#8222;soziale Marktwirtschaft mit   striktem Monopolverbot zur Verhinderung undemokratischer Konzentrationen   &#246;konomischer Macht&#8220;<\/i> formuliert. Damit ist sie die erste   Wegbereiterin der Wiedereinf&#252;hrung des Kapitalismus, besch&#246;nigt als   soziale Marktwirtschaft.<\/p>\n<h4>  Die Massen auf der Stra&#223;e<\/h4>\n<p>  Der Oktober bricht an und mit ihm naht der 40. Jahrestag der Gr&#252;ndung   der DDR. Und kurz vor dem 7. Oktober fahren versiegelte Z&#252;ge durch die   DDR, die die Fl&#252;chtlinge aus den Botschaften der BRD in Prag und   Warschau in den Westen bringen sollen. In Dresden kommt es zu schweren   Zusammenst&#246;&#223;en zwischen Demonstranten und der Polizei. Menschen   versuchen am Dresdner Hauptbahnhof die Z&#252;ge in die BRD zu erreichen und   aufzuspringen. Die Volkspolizei-Einheiten gehen mit Brutalit&#228;t vor. F&#252;r   die DDR-Bev&#246;lkerung unbekanntes Ger&#228;t wie Wasserwerfer werden   aufgefahren. Am 6.10. trifft Gorbatschow in Berlin ein. Seine Pr&#228;senz   ermutigt die Demonstranten. W&#228;hrend am 7.10. zuerst die offizielle   Milit&#228;rparade an der Partei- und Staatsf&#252;hrung vorbei defiliert, finden   sich gegen 17 Uhr einige hundert Jugendliche auf dem Berliner   Alexanderplatz ein, um &#8222;auf die Wahlen zu pfeifen&#8220;, ein Protest gegen   die F&#228;lschung der Kommunalwahlen vom Mai. Um 17:20 Uhr zieht die Menge   Richtung Palast der Republik, die nun 2.000 bis 3.000 Menschen rufen <i>&#8222;Gorbi,   Gorbi!&#8220;<\/i> und <i>&#8222;Wir sind das Volk!&#8220;<\/i>. Um 18 Uhr   setzt sich dann ein Demonstrationszug Richtung Prenzlauer Berg in   Bewegung. Sondereinheiten der Volkspolizei und der Staatssicherheit   riegeln gegen 21 Uhr das Gebiet rund um den Bahnhof Sch&#246;nhauser Allee   ab. Gegen Mitternacht schlagen sie los. &#220;ber 500 werden verhaftet, doch   10.000 waren auf der Stra&#223;e. Noch mehr Menschen str&#246;men in Leipzig   (20.000) und in Dresden (40.000) zusammen.<\/p>\n<p>  Die Leipziger Volkszeitung bringt am 9.10. die Meldung &#8222;Rowdys   beeintr&#228;chtigten ein normales Leben&#8220;, w&#228;hrend das Neue Deutschland (das   Zentralorgan der SED) Erich Honecker auf drei Seiten mit 18   Gespr&#228;chspartnern abbildet. An diesem Montag sind alle Augen auf Leipzig   gerichtet. Was wird auf der abendlichen Montagsdemonstration passieren?   Wird die DDR ihren &#8222;Platz des himmlischen Friedens&#8220; erleben? Immerhin   wird bekannt, dass ganze Krankenhausstationen ger&#228;umt wurden und   zus&#228;tzliche Blutkonserven bereitstehen. Drei Tage vorher war in der   Leipziger Volkszeitung unter der &#220;berschrift <i>&#8222;Werkt&#228;tige des   Bezirkes fordern: Staatsfeindlichkeit nicht l&#228;nger dulden&#8220;<\/i>   die Drohung erschienen: <i>&#8222;Wir sind bereit und willens (&#8230;) diese   konterrevolution&#228;ren Aktionen endg&#252;ltig und wirksam zu unterbinden. Wenn   es sein muss mit der Waffe in der Hand.&#8220;<\/i> Doch in der   Staatsmacht zeigen sich Risse. Die SED-Funktion&#228;re sind sich nicht   einig: hart zuschlagen oder den Protesten durch Reformen von oben   entgegenkommen und sie so beruhigen? In diesem Moment unterst&#252;tzen die   drei Sekret&#228;re Kurt Meier, Jochen Pommert und Roland W&#246;tzel der   Leipziger SED-Bezirksleitung zusammen mit dem Chefdirigenten des   Gewandhauses Kurt Masur, dem Pfarrer Peter Zimmermann und dem   Kabarettisten Bernd Lutz Lange einen Aufruf zur Deeskalation, der am   Nachmittag &#252;ber Stadtfunk verbreitet wird. Daraufhin erlebt Leipzig mit   70.000 Menschen die bislang gr&#246;&#223;te Demonstration. Machtvoll klingt der   Ruf <i>&#8222;Wir sind das Volk!<\/i>&#8220; &#252;ber den Georgi-Ring. Auch die   Internationale wird gesungen. Am selben Abend demonstrieren 7.000 in   Berlin und weitere 60.000 im ganzen Land.<\/p>\n<p>  Nun beschleunigt sich die Entwicklung. Der eben noch so monolithisch   scheinende Block des Partei- und Staatsapparates bekommt immer breiter   werdende Risse. Das Politb&#252;ro tagt in Permanenz und gibt am 11.10. eine   Erkl&#228;rung heraus, die die Widerspr&#252;che an der Spitze spiegeln, aber   niemand zufrieden stellt. Teile der Herrschenden versuchen auf lokaler   Ebene mit Vertretern der Opposition ins Gespr&#228;ch zu kommen, so wie   Wolfgang Berghofer, Oberb&#252;rgermeister von Dresden, der am 10.10. die   Freilassung von 500 am letzten Wochenende Verhafteten anordnet. Die   Demonstrationen breiten sich bis zum n&#228;chsten Wochenende weiter aus: je   20.000 in Halle und Plauen, 10.000 in Magdeburg, 4.000 in Berlin. Doch   gleichzeitig l&#228;sst die Regierung am 12.10. die Grenzen zur &#262;SSR   schlie&#223;en, um den Ausreisestrom zu stoppen. Der n&#228;chste Montag, der   16.10., bringt einen neuen Rekord an Demonstranten, allein 120.000 in   Leipzig, fast eine Verdoppelung im Vergleich zur letzten Woche,   gleichzeitig 10.000 in Dresden und Magdeburg, 5.000 in Halle, 3.000 in   Berlin. Am folgenden Tag berichten auch die Zeitungen in der DDR zum   ersten Mal kurz in sachlichem Ton &#252;ber die Leipziger Demonstranten, die   eine Woche zuvor noch Randalierer, Rowdys und Konterrevolution&#228;re waren.   Am selben Tag treten Mitarbeiter des Teltower Ger&#228;te- und Reglerwerkes   aus dem FDGB, der Einheitsgewerkschaft der DDR, aus, gr&#252;nden die   unabh&#228;ngige Betriebsgruppe Reform und rufen zur Gr&#252;ndung unabh&#228;ngiger   Gewerkschaften auf. Sie fordern <i>&#8222;Streikrecht, Demonstrationsrecht,   Pressefreiheit, die Beendigung der Reiseeinschr&#228;nkungen und der   offiziellen Privilegien&#8220;<\/i>.<\/p>\n<p>  Die Sensationsmeldung am 18. Oktober: Erich Honecker ist zur&#252;ckgetreten.   Nachfolger: Egon Krenz. Auch die Politb&#252;romitglieder G&#252;nter Mittag   (Wirtschaft) und Joachim Herrmann (Agitation) m&#252;ssen gehen. Doch dieser   Schritt beruhigt die Massen nicht, vielmehr f&#252;hlen sich mehr und mehr   Menschen ermutigt, auf die Stra&#223;en zu gehen. Krenz&#8216; Berufung wird mit   Misstrauen gesehen. Immerhin galt er schon lange als Honeckers   Kronprinz. Auf der Leipziger Montagsdemonstration vom 23. Oktober mit   nun schon 250.000 Teilnehmern sind die Slogans <i>&#8222;Egon, wer hat uns   gefragt?&#8220;<\/i>, f&#252;r <i>&#8222;freie Wahlen&#8220;, &#8222;Visafrei bis Hawai!&#8220;<\/i>   oder <i>&#8222;Die f&#252;hrende Rolle dem Volk!&#8220;<\/i>. Mehr und   mehr SED-Gr&#246;&#223;en auf lokaler und nationaler Ebene m&#252;ssen zur&#252;cktreten.   Andere versuchen sich im Dialog mit dem Volk, wie der Berliner   B&#252;rgermeister Krack und der Berliner SED-Chef Schabowski am 29.10. und   kommen bei diesen Foren unter Druck. Der Berliner Polizeipr&#228;sident muss   sich &#246;ffentlich f&#252;r die &#220;bergriffe vom 7.\/8.10. entschuldigen.<\/p>\n<p>  Doch es wird nicht nur demonstriert. Ein Beispiel aus Magdeburg: Bei der   kasernierten Bereitschaftspolizei w&#228;hlen die Wehrpflichtigen einen   Soldatenrat und Wachtmeistersprecher. F&#252;r allt&#228;gliche Forderungen wie   dem Ausgang in Zivil oder dem Zugang zum Kompanieklub werden   Unterschriften gesammelt. Die Drohung seitens der Offiziere mit einer   Anklage wegen Meuterei verl&#228;uft sich bald im Sand. Sp&#228;ter kommen   Forderungen nach Verk&#252;rzung der Wehrpflicht und einem zivilen   Ersatzdienst dazu.<\/p>\n<p>  Auch auf die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler springt die revolution&#228;re Welle   &#252;ber. Sie sorgen als Erstes f&#252;r die Abschaffung der disziplinierenden   Kopfnoten und des Samstagsunterrichts.<\/p>\n<h4>  Der Durchbruch<\/h4>\n<p>  Die Abl&#246;sung Honeckers durch Krenz hat die Bev&#246;lkerung nicht von der   Stra&#223;e gebracht. Im Gegenteil: Die Demonstrationen schwellen an. Zum   Beispiel in Leipzig: 20.000 am 2.10., 70.000 am 9.10., 120&#8216;000 am   16.10., 250&#8216;000 am 23.10., 300.000 am 30.10 und schlie&#223;lich 400.000 am   6.11. Dazwischen die Manifestation von mehr als 500.000 (manche sprechen   von bis zu einer Million) in Ost-Berlin am 4.11. Die Proteste haben Ende   Oktober das ganze Land erfasst: S&#252;d und Nord, Gro&#223;- und Kleinst&#228;dte,   Arbeiter und Intellektuelle. Bestimmende Themen sind: freie   Reisem&#246;glichkeiten, die Aufkl&#228;rung der &#220;bergriffe vom 7.\/8.10., Schutz   der Umwelt, ein Ende der Privilegien und des Machtanspruchs der SED. Der   b&#252;rokratische Entwurf des neuen Reisegesetzes vom 6.11. st&#246;&#223;t auf   allgemeine Ablehnung. Die Regierung tritt am 7.11. zur&#252;ck. Am 8.11.   folgt das gesamte Politb&#252;ro.<\/p>\n<p>  Am 9.11. abends tritt Politb&#252;romitglied G&#252;nter Schabowski vor die Presse   und berichtet &#252;ber den Verlauf des ZK-Plenums. Kurz vor Ende, um 19:07   Uhr, teilt er mit, die DDR h&#228;tte die Grenzen ge&#246;ffnet. Aufregung macht   sich breit. Ein Reporter fragt: <i>&#8222;Hei&#223;t das, jeder DDR-B&#252;rger kann   jetzt frei in den Westen fahren?&#8220;<\/i> Schabowski verliest   daraufhin folgenden Text: <i>&#8222;Privatreisen nach dem Ausland k&#246;nnen ohne   Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanl&#228;sse und   Verwandtschaftsverh&#228;ltnisse) beantragt werden.&#8220;<\/i> Er   erkl&#228;rt, ab 8 Uhr des morgigen Tages k&#246;nnten alle ihr Visum abholen.   Doch die Bev&#246;lkerung wartet nicht auf das Visum, sondern beginnt die   Grenz&#252;berg&#228;nge nach West-Berlin zu belagern. Die Grenzer sind   &#252;berrascht. Um Mitternacht entschlie&#223;en sich einzelne Kommandeure   angesichts des Drucks der Massen, die &#220;berg&#228;nge zu &#246;ffnen. Die Mauer   f&#228;llt.<\/p>\n<p>  In den n&#228;chsten Wochen geht ein ganzes Land auf Reisen. Die Z&#252;ge platzen   aus allen N&#228;hten. Die Menschen sind euphorisch, aber nicht blind.   Bundeskanzler Kohl wird auf einer Kundgebung vor dem Rathaus Sch&#246;neberg   ausgepfiffen und ausgebuht. Das Absingen der bundesdeutschen   Nationalhymne ger&#228;t zur peinlichen Veranstaltung. Doch gleichzeitig   er&#246;ffnen die neuen Reisem&#246;glichkeiten den DDR-B&#252;rgern einen Vergleich   des Warenangebots in Ost und West. Und sie merken, dass die DDR-Mark   nicht viel wert ist im goldenen Westen.<\/p>\n<h4>  Tauziehen<\/h4>\n<p>  Nach der Euphorie &#252;ber die ersten Erfolge macht sich eine ungeduldige   Stimmung breit. Ein Transparent auf der Demonstration am 4. November   formuliert es so: <i>&#8222;Wir brauchen endlich neue Taten statt neuer   Phrasen!&#8220;<\/i> Die Massen sp&#252;ren den Widerstand der B&#252;rokratie, ihr   Spielen auf Zeit. Traut sich doch zum Beispiel der Neubrandenburger   SED-Chef Chemnitzer noch am 25.10. 20.000 ihn auspfeifenden   Demonstranten zu drohen: <i>&#8222;Wenn ihr nicht still seid, k&#246;nnen wir auch   anders!&#8220;<\/i> Die SED-B&#252;rokratie ist zwar konfus und h&#228;ngt in der   Luft, aber weg ist sie nicht. Zumindestens kommt nun am 17.11. die neue   Regierung unter Hans Modrow, der sich des Rufs eines Reformers erfreut,   ans Ruder. Doch die ehemals Herrschenden sind zunehmend unf&#228;hig, das   Land zu regieren. Im Staatsapparat machen sich Aufl&#246;sungserscheinungen   breit. Angetrieben wird das Feuer auch von der Entdeckung immer neuer   Privilegien der alten Machtclique, insbesondere der Bonzensiedlung   Wandlitz und anderer &#8222;Paradiese&#8220;. So berichtet ADN am 28.11. &#252;ber einen   Besuch im Jagdgebiet des einstigen Premiers Willi Stoph: <i>&#8222;Auf Dr&#228;ngen   l&#228;sst man uns ins Haus mit seinen f&#252;nf B&#228;dern, den vielen Wohn- und   Schlafzimmern, dem Videoraum und der Bar im Keller. Mehr als zehn   K&#252;hlschr&#228;nke stehen dort, gef&#252;llt nicht nur mit &#196;pfeln und Fleisch,   sondern auch mit teuren S&#252;&#223;ig- und K&#246;stlichkeiten &#8211; von A bis Z aus   westlicher Produktion.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Auch die Modrow-Regierung beharrt zun&#228;chst auf einer Fortf&#252;hrung der   gehassten Stasi, nun unter dem Namen Amt f&#252;r Nationale Sicherheit.   Ger&#252;chte &#252;ber die Vernichtung von Akten machen die Runde. Als   Wehrpflichtige bei der Bereitschaftspolizei in Magdeburg vom   Stasi-Verbindungsoffizier Akteneinsicht verlangen, &#246;ffnet dieser einen   leeren Stahlschrank und meint: <i>&#8222;Sie sehen doch, ich habe nichts.&#8220;<\/i>   Die verbl&#252;fften Vertreter geben sich damit erst einmal zufrieden.<\/p>\n<p>  Doch die anf&#228;ngliche Naivit&#228;t verfliegt. Am 5.12. umstellen auf eigene   Initiative Einheiten des Wachregiments &#8222;Feliks Dzierzynski&#8220; das Amt f&#252;r   Nationale Sicherheit und lassen keine Fahrzeuge mehr passieren, um den   Abtransport von Akten zu verhindern. Am 8.12. sieht sich die Regierung   gezwungen, die Aufl&#246;sung des Amtes anzuk&#252;ndigen. B&#252;rgerkomitees   versuchen die Aufl&#246;sung zu kontrollieren. Ihre Verschleppung f&#252;hrt am   15.1.1990 schlie&#223;lich zur Erst&#252;rmung der Stasi-Zentrale in der   Normannenstra&#223;e in Berlin durch aufgebrachte Demonstranten.<\/p>\n<p>  &#220;ber Wochen und Monate kommt es nun zum Tauziehen zwischen den Massen   auf der Stra&#223;e, den Oppositionsgruppen und der B&#252;rokratie, die   ihrerseits wiederum in mehrere Fl&#252;gel zerbricht. Die Frage, die niemand   wirklich laut stellt, die aber &#252;ber allem schwebt, ist: Wer hat die   Macht? Der Staats- und Parteiapparat offenbar zunehmend nicht mehr, die   Oppositionsgruppen aber auch nicht. Die Macht lag auf der Stra&#223;e, auf   denen die Massen demonstrierten, an denen niemand vorbei kam. Doch wer   w&#252;rde die Macht aufheben, wer das Vertrauen des Volks bekommen? Zuerst   blickten die Massen auf die F&#252;hrer der Oppositionsgruppen, oft genug   unter Zuf&#228;llen &#252;ber Nacht ins Rampenlicht geraten, auch auf einige   SED-Reformer und auf die K&#252;nstler und Intellektuellen, die auf der   Demonstration vom 4.11. so zahlreich auftraten. Die Erneuerung der SED   aus sich heraus ging den meisten zu langsam und war f&#252;r viele nicht   &#252;berzeugend genug. Als das ganze Ausma&#223; der Korruption Anfang Dezember   aufflog, waren die Arbeiter und Arbeiterinnen entschlossener als zuvor,   die ganze alte Spitze loszuwerden. Hatten sie doch gerade in der &#262;SSR   gesehen, dass ein zweist&#252;ndiger Generalstreik die dortige KP schnell zur   R&#228;son brachte. Nun forderte auch das Neue Forum in Karl-Marx-Stadt einen   eint&#228;gigen landesweiten Generalstreik f&#252;r den 6. Dezember. Dieser Aufruf   wurde sofort unisono vom FDGB, den Block-Parteien und B&#228;rbel Bohley,   eine der landesweiten F&#252;hrerinnen des Neuen Forums, verurteilt. Alle   f&#252;rchteten, die Situation k&#246;nnte au&#223;er Kontrolle geraten. Der Aufruf   wurde zur&#252;ckgezogen. Nichtsdestotrotz kam es in Plauen am 6.12. zu einem   zweist&#252;ndigen politischen Warnstreik mehrerer Betriebe, auch in anderen   Orten gab es eigenst&#228;ndige Streikaktionen.<\/p>\n<p>  Die Stimmung im Land ist nun so aufgeheizt, dass die B&#252;rokratie weiter   zur&#252;ckweichen muss. Die Volkskammer streicht Artikel 1 der Verfassung   und damit die f&#252;hrende Rolle der SED. Am 3.12. tritt das gesamte   Politb&#252;ro und ZK der SED zur&#252;ck, nachdem vorher noch Honecker, Stoph   (Ex-Ministerpr&#228;sident), Tisch (Ex-Gewerkschaftschef), Sindermann   (Ex-Volkskammerpr&#228;sident) und Mielke (Ex-Stasi-Minister) aus der SED   ausgeschlossen wurden. Am 6.12. muss Egon Krenz weichen. Am 8.12.   beginnt die SED ihren Sonderparteitag, in dessen Verlauf sie sich in   SED-PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) umbenennt und den   Rechtsanwalt Gregor Gysi an ihre Spitze w&#228;hlt. Doch zu gro&#223; war der   verspielte Kredit, die Verquickung mit dem Staatsapparat, die   Entt&#228;uschung und Wut &#252;ber die entdeckten Privilegien, als dass dies   allein die Lage beruhigt h&#228;tte.<\/p>\n<h4>  Z&#246;gerliche Opposition<\/h4>\n<p>  Die Regierung versucht nun, die Opposition einzubeziehen, um die Lage zu   stabilisieren. Am 22.11. spricht sich das Politb&#252;ro der SED daf&#252;r aus,   mit der Opposition einen &#8222;Runden Tisch&#8220; zu bilden. Dieser tritt am 7.12.   das erste Mal zusammen. In der anschlie&#223;enden Erkl&#228;rung hei&#223;t es: <i>&#8222;Obwohl   der &#8218;Runde Tisch&#8219; keine parlamentarische oder Regierungsfunktion aus&#252;ben   kann, will er sich mit Vorschl&#228;gen zur &#220;berwindung der Krise an die   &#214;ffentlichkeit wenden. Er fordert, von der Volkskammer und der Regierung   rechtzeitig (&#8230;) informiert und einbezogen zu werden. Er versteht sich   als Bestandteil der &#246;ffentlichen Kontrolle in unserem Land.&#8220;<\/i>   Aber Kontrolle ist halt noch lange nicht regieren. Nun zeigt sich mehr   und mehr die Schw&#228;che der neuen Oppositionsgruppen. &#220;berrascht vom Tempo   der Entwicklungen wollen sie weiter einen Dialog mit der SED und den   Staatsorganen betreiben, anstatt die Machtverh&#228;ltnisse grundlegend zu   ver&#228;ndern und die Reste der alten Parteib&#252;rokratie zu st&#252;rzen. Rolf   Henrich, Mitbegr&#252;nder des Neuen Forums, meinte am 28.10. in einem   Interview mit der Zeitung &#8222;Der Morgen&#8220;, dass man vorl&#228;ufig ohne   umfassendes Programm auskommen will. Henrich: <i>&#8222;Wir m&#252;ssen auch die   ganze Kl&#228;glichkeit eines Anfangs ertragen lernen.&#8220;<\/i> Er   will einen themenbezogenen Dialog, der nicht mehr allein auf der Stra&#223;e   stattfinden k&#246;nne. Doch auch die Vereinigte Linke kann sich am 26.11.,   also noch einmal einen Monat sp&#228;ter, nicht auf feste landesweite   Arbeitsstrukturen einigen. Stattdessen verzettelt sie sich in   Arbeitsgruppen, ein Diskussionsforum, eine Koordinationsstelle und ein   Dokumentationszentrum. Auch in den Aktionsformen bleibt man hinter den   Anforderungen des Tages zur&#252;ck. W&#228;hrend es in der &#262;SSR zum Generalstreik   kommt, wird in der DDR am 3.12. eine Menschenkette durch das ganze Land   gebildet, quer von S&#252;d nach Nord und Ost nach West. Hunderttausende   treten um 12 Uhr mittags auf die Fahrbahnen und fassen sich an den   H&#228;nden. Ein sch&#246;nes Symbol, aber eben ein Symbol.<\/p>\n<p>  Diese Halbherzigkeit und Unentschlossenheit der Opposition hatte eine   inhaltliche Grundlage. Es stellten sich zwei grundlegende Fragen.   Erstens: Wie konnte man die alte Spitze und die B&#252;rokratie tats&#228;chlich   von der Macht vertreiben? Zweitens: Wie sollte die neue Gesellschaft   aussehen, insbesondere ihr Wirtschaftssystem und welche Rolle spielte   dabei der andere Teil Deutschlands, die kapitalistische BRD? Diese   Fragen waren nun permanent auf der Tagesordnung und dabei nicht immer   klar abgegrenzt, sondern durchwoben einander.<\/p>\n<p>  Zentral wurde dabei die wirtschaftliche Lage. Diese versch&#228;rfte sich zum   Einen durch die anhaltende Abwanderung in den Westen, riss diese doch   empfindliche L&#252;cken in das Reservoir an Arbeitskr&#228;ften. Zum Anderen   setzte nach der Mauer&#246;ffnung ein Druck auf die DDR-W&#228;hrung ein.   Subventionierte Artikel waren nun f&#252;r D-Mark zu Spottpreisen zu haben.   Die Regierung verh&#228;ngte als Notma&#223;nahme h&#228;rtere Zollkontrollen und   schr&#228;nkte die freie Verk&#228;uflichkeit subventionierter Waren ein. Doch   wesentlicher war die Aufdeckung der desolaten Lage der DDR-Wirtschaft   als solches.<\/p>\n<p>  Die DDR-Wirtschaft stagnierte und die Schulden wuchsen. Zeichnen   b&#252;rgerliche Kommentatoren die Lage heute noch schlimmer und behaupten   den unmittelbaren Staatsbankrott der DDR so tun sie das, um die Wirkung   der sp&#228;teren W&#228;hrungsunion zu vertuschen. Doch die Lage war mehr als   ernst. Die Produktivit&#228;t eines DDR-Arbeiters wurde auf etwa die H&#228;lfte   der eines BRD-Arbeiters gesch&#228;tzt. Die Subventionen der   Grundnahrungsmittel und anderer allt&#228;glicher Waren wurden zunehmend   nicht mehr erwirtschaftet, sondern durch Schulden finanziert. Ein Abbau   der Schulden durch Einschr&#228;nkung der Importe und Steigerung der Exporte   verknappte das Warenangebot in der DDR weiter. Diese gef&#228;hrliche   wirtschaftliche Lage kam nun ans Tageslicht. Im November gab   Finanzminister Hoefner in der Volkskammer zu, dass die Exporte der DDR   statt eines Preisverh&#228;ltnisses von einer DDR-Mark zu einer DM in   Wirklichkeit bei 4,5 zu 1 abgewickelt wurden. Er bezifferte die   Inlandsverschuldung auf 130 Milliarden DDR-Mark, weigerte sich aber die   Auslandsverschuldung bekannt zugeben. Am 3. Januar legte die neue   Wirtschaftsministerin Christa Luft dem Runden Tisch die wirtschaftlichen   Daten vor: das Zahlungsbilanzdefizit betrug 1989 2,4 Milliarden   US-Dollar. Die gesamte Brutto-Hartw&#228;hrungsverschuldung lag bei 20,6   Milliarden US-Dollar, bei eigenen W&#228;hrungsreserven zwischen sieben und   neun Milliarden US-Dollar. Wenig sp&#228;ter kam heraus, dass das   Bruttosozialprodukt zwischen 1986 und 1989 im Jahresdurchschnitt um 3,1   Prozent gefallen war.<\/p>\n<p>  Angesichts der desolaten Lage beschloss die Modrow-Regierung   Sofortma&#223;nahmen wie zum Beispiel die K&#252;rzung von Subventionen und die   damit einhergehende massive Verteuerung bei Blumen, Kinderkleidung und   Schuhen im Januar 1990. Doch wie sollte es prinzipiell weitergehen? Bis   in den November hinein war die DDR-Revolution eindeutig   pro-sozialistisch. Das bezeugen fast alle &#196;u&#223;erungen der   Oppositionsgruppen mit Ausnahme der SDP. Das ist zu sehen an den   Transparenten und Sprechch&#246;ren auf den Demonstrationen, an den Reden am   4. November oder zu anderer Zeit, am Singen der Internationale. Die   Schriftstellerin Christa Wolf meinte: &#8222;Stellt Euch vor, es ist   Sozialismus und keiner rennt weg!&#8220; und bekam daf&#252;r einen Riesenapplaus.   Auch die Mitbegr&#252;nderin des Neuen Forums B&#228;rbel Bohley sprach von einem <i>&#8222;besseren   Sozialismus&#8220;<\/i>. Auch die Bildung von R&#228;ten wurde vorgeschlagen: <i>&#8222;Unbekrenzte   Macht den R&#228;ten!&#8220;<\/i> war auf einem Transparent am 4.   November zu lesen. Doch wie dieser <i>&#8222;bessere Sozialismus&#8220;<\/i>   oder eine R&#228;teherrschaft zu erreichen w&#228;ren, dazu gab es wenig zu h&#246;ren.   Die unkonkreten Vorschl&#228;ge der Oppositionsf&#252;hrer und Intellektuellen   blieben abstrakt.<\/p>\n<h4>  Pro Markt, pro Einheit<\/h4>\n<p>  Die Arbeiter und Arbeiterinnen z&#246;gerten am Anfang zu streiken, wollten   sie doch die Wirtschaft des Landes nicht weiter an den Abgrund f&#252;hren.   Daher fanden die meisten Aktionen auf der Stra&#223;e, nicht aber in den   Betrieben statt. Kam es zwar ab Dezember auch verst&#228;rkt zu Streiks, so   gab es doch keine &#220;bernahme der Betriebe durch Arbeiterr&#228;te. Hier machte   sich gewiss auch die fehlende Tradition von Selbstorganisation der   Arbeiterinnen und Arbeiter bemerkbar. Bernd Rei&#223;mann, damals   Programmierer bei Robotron in Dresden, berichtet davon, dass sich zwar   Komitees der Belegschaft bildeten, die Betriebsleitung aber nicht   abgesetzt wurde: <i>&#8222;Wir hatten zwei sehr krasse F&#228;lle: das war der   Betriebsdirektor selbst und dann noch ein anderer. (&#8230;) Man hat die   Leiter noch mal angeh&#246;rt. (&#8230;) Und dieser Chef hat es verstanden, seine   Vorstellungen so geschickt darzustellen, dass sich die anderen haben   beschwatzen lassen (&#8230;) jedenfalls ist er dann geblieben.&#8220;<\/i>   Bernd Rei&#223;mann berichtet ebenfalls &#252;ber die ersten Westkontakte der   Betriebsb&#252;rokratie: <i>&#8222;Ende &#8218;89, im Dezember, wurden auf einmal   Leute nach Berlin zu Siemens-Lehrg&#228;ngen geschickt und die kriegten auch   schon Westgeld als Taschengeld. Da waren wir schon etwas verbl&#252;fft.   (&#8230;) Wie wir von einer Mitarbeiterin erfahren haben, die verantwortlich   war f&#252;r den Stahlschrank, wo das Geld in verschiedenen W&#228;hrungen drin   lag, gab es einzelne Leute im Betrieb, die ohne Kontrolle dort rein   konnten und zugreifen. Und einer dieser Leute war dann der Chef dieser   Gruppe, die zu dieser Siemens-Ausbildung gefahren ist. (&#8230;) Diese Joint   Ventures wurden ja dann sehr aktuell, und da wurde er auch Chef eines   solchen Betriebes.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Schon fr&#252;hzeitig begannen Teile der B&#252;rokratie und der Intelligenz f&#252;r   mehr Markt in der Wirtschaft einzutreten. Am 30.11. fordert der bekannte   Dresdner Wissenschaftler Manfred von Ardenne unverbl&#252;mt, dass Betriebe   mehr Eigenst&#228;ndigkeit erhalten, das Au&#223;enhandelsmonopol des Staates   beseitigt und der &#220;bergang zur Marktwirtschaft eingeleitet wird. Am   9.12. erkl&#228;rt die neue Wirtschaftsministerin Christa Luft (SED-PDS) dem   Hamburger Abendblatt, dass die DDR eine bunte Vielfalt in den   Eigentumsformen ansteuere, schr&#228;nkt allerdings noch ein, das   gesellschaftliche Eigentum werde die Dominanz behalten. Die   Blockparteien LDPD und CDU setzen bald noch st&#228;rker auf die   Marktwirtschaft und versuchen sich so neu aufzustellen. Aber auch die   neue Opposition schwenkt auf die Marktwirtschaft ein. Auf dem   Gr&#252;ndungsparteitag des Demokratischen Aufbruchs am 16.12. erkl&#228;rt ein   Delegierter unter starkem Beifall: <i>&#8222;Die Planwirtschaft ist tot, wir   wollen diese Leiche nicht wiederbeleben, keine sozialistischen   Experimente mehr.&#8220;<\/i> Dieser Fl&#252;gel setzt sich durch. Und auch im   Neuen Forum kommt diese Welle an. Joachim Gauck antwortet am 13.1. auf   die Frage der taz nach dem Festhalten an sozialistischen Grundwerten: <i>&#8222;Wir   werden alle diese S&#228;tze im Programm des Neuen Forum revidieren. (&#8230;) Im   Moment stellt sich die Frage der Einheit und der Marktwirtschaft.&#8220;<\/i>   Selbst die linkeren Kr&#228;fte finden keine klare Position. So meint eine   Abspaltung von der SED, die Nelken, die sich als marxistisch verstanden,   sie w&#228;ren f&#252;r die Marktwirtschaft, da <i>&#8222;Marx nur gegen das   Chaos des Kapitalismus zu seiner Zeit&#8220; <\/i>gewesen sei. Andere   sprechen vom <i>&#8222;dritten Weg&#8220;<\/i> (Gysi) oder <i>&#8222;sozialistischer   Marktwirtschaft&#8220;<\/i>, niemand spricht von einer sozialistischen   Demokratie unter Kontrolle und bei Verwaltung der arbeitenden   Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p>  Der Zwilling des Wirtschaftssystems war die deutsche Einheit. Eine   eigenst&#228;ndige DDR auf kapitalistischer Grundlage machte auf Dauer keinen   Sinn. Insofern war die Frage der Wiedervereinigung nicht einfach eine   nationale, sondern vor allem eine soziale Frage. Die schnelle   Wiedervereinigung ist nur zu verstehen als Antwort auf die Aufgaben der   DDR-Revolution, allerdings als r&#252;ckw&#228;rtsgewandte, restaurative Antwort.<\/p>\n<p>  Am Anfang spielt die Frage der Einheit Deutschlands fast gar keine   Rolle, es geht vielmehr um Reisefreiheit. In gr&#246;&#223;erem Ma&#223;e tauchen   erstmals bei der Montagsdemonstration am 20. November in Leipzig andere   T&#246;ne auf. Ein Sprecher des Neuen Forums sagt noch: <i>&#8222;Aber wir   wollen nicht das Armenhaus Gro&#223;deutschlands werden.&#8220;<\/i> Doch   ein anderer Redner meint, er habe vierzig Jahre Sozialismus ertragen und   keine Lust mehr auf neue Varianten, freie Marktwirtschaft und   Wiedervereinigung seien der einzige Ausweg. Es gibt langen Beifall und   Sprechch&#246;re &#8222;Deutschland, einig Vaterland!&#8220;. Noch ist das nicht die   tonangebende Stimmung im Land. Doch die Forderung nach der Einheit   Deutschlands gewinnt von nun ab stark an Boden. Die Stimmung ist   geteilt. Eine Meinungsumfrage ergibt am 17.12. folgendes Bild: 73   Prozewnt f&#252;r eine souver&#228;ne DDR, 71 Prozent f&#252;r die Idee des   Sozialismus, 39 Prozent halten das Wirtschaftssystem der BRD f&#252;r   erstrebenswert, 61 Prozent geben einem <i>&#8222;gr&#252;ndlich reformierten   sozialistischen Wirtschaftssystem&#8220;<\/i> den Vorzug. W&#228;hrend   einerseits Bundeskanzler Helmut Kohl in Dresden am 19.12. von 20-30.000   Menschen gefeiert wird, demonstrieren andererseits 50.000 in Berlin am   gleichen Tag unter dem Motto <i>&#8222;F&#252;r eine souver&#228;ne DDR, gegen   Wiedervereinigung und einen Ausverkauf des Landes&#8220;<\/i>.<\/p>\n<p>  Stefan Heym hatte zuvor am 26.11. den Aufruf <i>&#8222;F&#252;r unser Land&#8220;<\/i>   pr&#228;sentiert, der konstatierte, dass nicht viel Zeit bleibt um einen   Ausweg aus der Krise zu finden und dann die Alternative pr&#228;sentierte: <i>&#8222;Entweder   k&#246;nnen wir auf der Eigenst&#228;ndigkeit der DDR bestehen und versuchen (&#8230;)   in unserem Land eine solidarische Gesellschaft zu entwickeln, in der   Frieden und soziale Gerechtigkeit, Freiheit des einzelnen, Freiz&#252;gigkeit   aller und die Bewahrung der Umwelt gew&#228;hrleistet sind. Oder wir m&#252;ssen   dulden, dass, veranlasst durch starke &#246;konomische Zw&#228;nge und durch   unzumutbare Bedingungen, an die einflussreiche Kreise aus Wirtschaft und   Politik in der Bundesrepublik ihre Hilfe f&#252;r die DDR ankn&#252;pfen, ein   Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte beginnt und &#252;ber   kurz oder lang die Deutsche Demokratische Republik durch die   Bundesrepublik Deutschland vereinnahmt wird. Lasst uns den ersten Weg   gehen.&#8220;<\/i> Diesen Aufruf unterschrieben bis zum 23.1.1990   immerhin 1.167.048 Menschen, doch unter ihnen auch Egon Krenz. Der   Aufruf hatte es unterlassen, sich klarer von der alten SED-B&#252;rokratie   abzusetzen. Dies war das Dilemma jener Oppositionellen, die eine   eigenst&#228;ndige sozialistische Entwicklung der DDR wollten. Sie   entwickelten keine wirklich eigenst&#228;ndige Position, sondern blieben mehr   oder weniger eng mit den SED-Reformern verbunden. Denen aber traute die   breite Masse trotz hoher Popularit&#228;tswerte f&#252;r Einzelne wie Modrow   insgesamt nicht &#252;ber den Weg. Angesichts des Fehlens einer glaubw&#252;rdigen   konkreten sozialistischen Alternative begannen mehr und mehr in der   Vereinigung mit der BRD die L&#246;sung zu sehen. Dazu kamen betr&#228;chtliche   Illusionen in die Marktwirtschaft, die nach Aussage aller ja auch eine   soziale sein sollte und nicht hunderttausende arbeitslos machen w&#252;rde.   Einen nicht unbetr&#228;chtlichen Anteil an diesen Illusionen hatte die   Tatsache, dass sich die BRD in dieser Zeit nicht selbst in einer Krise   befand, und dass Kr&#228;fte wie die SDP und nat&#252;rlich auch die   bundesdeutsche SPD ihr Gewicht in die Waagschale warfen, dass schon   alles sozial zugehen werde.<\/p>\n<p>  Die Herrschenden der BRD waren nicht von Anfang an auf Kurs   Wiedervereinigung bzw. Anschluss der DDR aus. Im August 1989 meinte Kohl   noch: <i>&#8222;Niemand hat Interesse an einer krisenhaften Entwicklung in der   DDR.&#8220;<\/i> Auch die herrschende Klasse der BRD war &#252;berrascht von   den rasanten Entwicklungen im &#246;stlichen Nachbarstaat Ihre politischen   Repr&#228;sentanten improvisierten.<\/p>\n<p>  Selbst als Kohl vor dem Bundestag am 28.11. seinen Zehn-Punkte-Plan   erl&#228;utert, bleibt er noch vorsichtig und v&#246;llig unverbindlich bez&#252;glich   einer Zeitschiene, wird in wirtschaftlicher Hinsicht aber deutlich: <i>&#8222;Die   b&#252;rokratische Planwirtschaft muss abgebaut werden. Wir wollen nicht   unhaltbar gewordene Zust&#228;nde stabilisieren. Wir wissen: Wirtschaftlichen   Aufschwung kann es nur geben, wenn sich die DDR f&#252;r westliche   Investitionen &#246;ffnet, wenn sie marktwirtschaftliche Bedingungen schafft   und privatwirtschaftliche Bet&#228;tigungen erm&#246;glicht. Wer in diesem   Zusammenhang den Vorwurf der Bevormundung erhebt, den verstehe ich   nicht.&#8220;<\/i> In gewisser Weise propagiert die SPD sogar eher die   Einheit, sowohl &#252;ber ihren Ehrenvorsitzenden Brandt wie durch die   ostdeutsche SDP, die sich noch vor den Volkskammerwahlen in SPD   umbenennt. Doch die anhaltende Ausreisewelle und die zunehmende   Zersetzung des Staatsapparates in der DDR setzen die BRD-Regierung unter   Zugzwang. Aber Kohl und die West-CDU m&#252;ssen erst schauen, auf welche   Organisation in der DDR sie setzen sollen. Sie entscheiden sich   schlie&#223;lich f&#252;r die ehemalige Blockpartei CDU, die zumindestens &#252;ber   einen eingespielten Apparat verf&#252;gt. Dem gesellt sich Anfang Februar   dann in der Allianz f&#252;r Deutschland der Demokratische Aufbruch und die   Deutsche Soziale Union hinzu.<\/p>\n<h4>  Endspiel<\/h4>\n<p>  Mitte, Ende Januar wird die Situation in der DDR kritisch. Die Regierung   Modrow will einen neuen Sicherheitsdienst, nun Verfassungsschutz   genannt, was auf entschiedene Ablehnung st&#246;&#223;t. Au&#223;erdem kommen Fakten   ans Tageslicht, die zeigen, dass die Stasi nur sehr schleppend   abgewickelt wird. Daraufhin mehren sich Streikaktionen, die   Stasizentrale in Berlin wird gest&#252;rmt. Rufe nach einem landesweiten   Streik am 26. Januar werden laut. Sowohl die Regierung wie die   Opposition wollen alles tun, um die Lage wieder unter Kontrolle zu   bekommen. Die SED-PDS erkl&#228;rt am 22. Januar gegen&#252;ber dem Runden Tisch: <i>&#8222;Angesichts   der Situation im Lande halten wir es f&#252;r notwendig, der Polarisierung   Einhalt zu gebieten. Sie reicht bekanntlich stellenweise so weit, die   Aufl&#246;sung unserer Partei ultimativ zu fordern und teilweise mit Streiks   erzwingen zu wollen. (&#8230;) Die SED-PDS spricht sich daf&#252;r aus, dass   (&#8230;) Mitglieder von nicht der Koalition angeh&#246;renden Parteien und   Bewegungen zur &#220;bernahme von Ministerfunktionen, die bisher von   Mitgliedern unserer Partei eingenommen werden, in der Regierung Modrow   eingeladen werden (&#8230;)&#8220;<\/i> Am 5. Februar wird daraufhin eine   neue &#8222;Regierung der Nationalen Verantwortung&#8220; gebildet, der nun acht   Minister ohne Gesch&#228;ftsbereich angeh&#246;ren, die der Opposition des Runden   Tisches entstammen. Als weitere Ma&#223;nahme zur Beruhigung der Massen   werden die Volkskammerwahlen auf den 18. M&#228;rz vorgezogen. Angesichts   m&#246;glicher sich weiter radikalisierender Massenproteste entscheidet sich   die B&#252;rokratie nun f&#252;r den Weg einer geordneten Vereinigung mit der BRD.   Modrow reist Ende Januar nach Moskau und holt sich das Einverst&#228;ndnis   Gorbatschows. Moskau stimmt zu, da es nicht bereit ist und es sich   politisch nicht leisten kann, gewaltsam einzugreifen, doch anders der   Lage nicht mehr Herr wird. Gorbatschow hofft, au&#223;enpolitische Vorteile   und ein neutrales Deutschland zu erreichen. Das wird bekanntlich   scheitern. Nun erkl&#228;rt Modrow am 1. Februar: <i>&#8222;Deutschland soll   wieder einig Vaterland aller B&#252;rger deutscher Nation werden.&#8220;<\/i>   Modrow hofft noch auf eine Vertragsgemeinschaft und dann eine   Konf&#246;deration. Doch die Weichen sind gestellt. Nur die Vereinigte Linke   nimmt daraufhin nicht an der Regierung teil. Nun sind quasi alle   politischen Gruppierungen pro Vereinigung mit der BRD und die Einf&#252;hrung   der Marktwirtschaft, sprich des Kapitalismus. Nur &#252;ber das &#8222;Wie&#8220; gibt es   sehr unterschiedliche Meinungen.<\/p>\n<p>  Kohl und die CDU\/FDP-Regierung in Bonn z&#246;gern noch, welches Tempo sie   anschlagen sollen. Zuerst pl&#228;dieren sie f&#252;r ein schrittweises Umsetzen   der W&#228;hrungsunion. Doch die Ost-CDU unter Lothar de Maizi&#232;re macht Kohl   am 5. Februar klar, dass nur die schnelle Einf&#252;hrung der DM eine weitere   massive Abwanderung in den Westen verhindern wird. Kohl entscheidet sich   nun f&#252;r den schnellen Weg und verk&#252;ndet am n&#228;chsten Tag, &#8222;sofortige   Verhandlungen mit der DDR &#252;ber eine W&#228;hrungsunion und wirtschaftliche   Reformen&#8220; aufzunehmen. Damit hat sich die Regierung der BRD entschieden,   die DDR zu &#252;bernehmen. Diesen Kurs setzt Kohl nun mit allen Mitteln um.   Eine Soforthilfe von 10 bis 15 Milliarden DM wird der Modrow-Regierung   verweigert. Hatte der Runde Tisch gerade noch entschieden, dass im   Wahlkampf keine Westpolitiker auftreten d&#252;rfen, so setzen diese sich   einfach dar&#252;ber hinweg. Insbesondere die Allianz f&#252;r Deutschland (CDU,   DA, DSU) ist nur eine Marionette der CDU\/CSU aus dem Westen. &#196;hnliches   gilt f&#252;r die SPD und die Liberalen. Der wegen Steuerhinterziehung   vorbestrafte FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff jubelt am 9. M&#228;rz   schon in Wernigerode: <i>&#8222;Die Welt erlebt den endg&#252;ltigen Untergang des   Sozialismus.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Der deutliche Sieg der Allianz f&#252;r Deutschland am 18. M&#228;rz ist f&#252;r viele   eine &#220;berraschung. Doch angesichts des eingeschlagenen Weges entscheidet   sich die Mehrheit nun f&#252;r diejenigen, die diesen anscheinend am   sichersten und schnellsten umsetzen k&#246;nnen. Die CDU erlangt 40,6   Prozent, die SPD 21,8 Prozent, die PDS 16,3 Prozent und die   B&#252;rgerrechtsgruppen, die sich im B&#252;ndnis 90 zusammengetan haben,   katastrophale 2,9 Prozent der Stimmen. Es folgen traurige sechs Monate,   in denen die erste frei gew&#228;hlte DDR-Regierung unter Lothar de Maizi&#232;re   nichts Besseres zu tun haben wird, als die DDR abzuwickeln und eine   korrupte Figur wie G&#252;nther Krause den Einigungsvertrag aushandeln l&#228;sst.   Schon am 23. April verpflichtet sich die DDR-Regierung, das zu   arbeiterfreundliche neue DDR-Gewerkschaftsgesetz zur&#252;ckzuziehen. Noch   einmal kommt es zu heftigen Protesten in der Frage des Umtauschkurses.   Nach der W&#228;hrungsunion am 1. Juli 1990 erlebt die DDR die schnellste und   heftigste Deindustrialisierung, die es wohl je in einem Industrieland   gab. Liegt die Industrieproduktion im Juni 1990 bei 86,5 Prozent der des   Juni 1989, so war sie im August 1990 schon auf 48,1 Prozent gefallen.   Die Arbeitslosigkeit erreicht bereits im Juli 1990 7,2 Prozent. Am 3.   Oktober 1990 h&#246;rt die DDR auf zu sein. Ein Jahr nach Beginn der   Revolution ist das Land, das sie revolutionieren sollte, von der   Landkarte verschwunden.<\/p>\n<h4>  Die verpasste Chance<\/h4>\n<p>  Im September, Oktober und November 1989 und selbst danach noch gab es in   der DDR viele Elemente der politischen Revolution, die der russische   Revolution&#228;r Leo Trotzki gegen den Stalinismus, gegen dieses System der   b&#252;rokratischen Entstellung des Sozialismus f&#252;r notwendig erachtete. Doch   im Endeffekt kam es zur anderen von Trotzki f&#252;r m&#246;glich gehaltenen   Entwicklung: der kapitalistischen Restauration. Ma&#223;geblich daf&#252;r war,   dass sich keinerlei Oppositionskraft herausgebildet hatte, die einen   gangbaren konkreten Weg zu einer wirklichen sozialistischen Gesellschaft   weisen konnte. Diese Kraft war nicht in der DDR vorhanden und bildete   sich auch nicht in der kurzen Zeit heraus. Aber sie war auch in der BRD   nicht existent. So kam auch von dort kein Ansto&#223; f&#252;r einen   sozialistischen Weg Deutschlands. Und einmal mehr hintertrieben die   Sozialdemokraten auch diese Revolution.<\/p>\n<p>  Die Macht lag auf der Stra&#223;e. Aber die Opposition des Herbstes 1989 lie&#223;   sie dort liegen, bis sie Kohl und Co schlie&#223;lich aufhoben. Stefan Heym,   ehrlich mit sich selbst, &#228;u&#223;erte sich sp&#228;ter zu seiner Rede am 4.   November: <i>&#8222;Ich erinnere mich an den riesigen Applaus, den ich   bekommen habe, und ich wusste nat&#252;rlich, dass eine Menge Stasi-Leute um   den LKW herumstanden, von dem aus wir sprachen. Ich beendete meine Rede   damit, dass ich sagte, das Wort &#8218;Demokratie&#8219; k&#228;me aus dem Griechischen   und bedeutete &#8218;Herrschaft des Volkes&#8219; und ich sagte: &#8218;Lasst uns diese   Herrschaft errichten.&#8219; Aber ich dachte, sollte ich nicht in dem Moment   handeln und dazu aufrufen, loszugehen und auf die Regierungsgeb&#228;ude zu   marschieren, die nur zwei Stra&#223;en entfernt waren, das B&#252;ro des   Ministerpr&#228;sidenten war nur ein paar Stra&#223;enecken entfernt. Lasst uns da   reingehen und den Fernsehturm besetzen und, mit anderen Worten,   tats&#228;chlich eine Revolution machen. Aber ich fragte mich, ob das   wirklich ohne Blutvergie&#223;en gehen w&#252;rde und ob die Polizei, die dort   &#252;berall stand, Befehl hatte, in solch einem Fall zu schie&#223;en. Ich wusste   es nicht. Und so beendete ich meine Rede sozusagen mit der Theorie, was   Demokratie bedeutet, und nicht mit der tats&#228;chlichen Herbeif&#252;hrung von   Demokratie. Vergessen Sie nicht, es gab keine Gruppe, keine organisierte   Gruppe, die die Macht &#252;bernehmen wollte. Es gab keine Verschw&#246;rung, die   Regierung abzusetzen. Es gab nur Einzelpersonen, die zusammengekommen   waren und ein Forum oder eine Gruppe oder so etwas gebildet hatten, aber   nichts, was man braucht, um eine Revolution zu machen. Das gab es nicht.   Und deshalb ist das alles implodiert und es gab niemandem, der die Macht   &#252;bernahm, au&#223;er dem Westen. (&#8230;) Stellen Sie sich vor, wir h&#228;tten die   Zeit und die Gelegenheit gehabt, in der DDR einen neuen Sozialismus,   einen Sozialismus mit einem menschlichen Antlitz, einen demokratischen   Sozialismus zu entwickeln. Das h&#228;tte ein Beispiel dann auch f&#252;r   Westdeutschland sein k&#246;nnen und die Entwicklung h&#228;tte anders verlaufen   k&#246;nnen.&#8220;<\/i><\/p>\n<h5>  <i>Ingmar Meinecke ist Mitglied des Bundesvorstands der SAV. Im Herbst   1989 war er 16 Jahre alt und lebte als Sch&#252;ler in Erfurt. Heute lebt und   arbeitet er in Leipzig.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Revolution und Konterrevolution in der DDR 1989\/90\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[87],"tags":[270,256],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13368"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13368"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13368\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}