{"id":13362,"date":"2009-11-02T00:00:00","date_gmt":"2009-11-02T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13362"},"modified":"2009-11-02T00:00:00","modified_gmt":"2009-11-02T00:00:00","slug":"13362","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/11\/13362\/","title":{"rendered":"China 2009: Vor einer sozialen Explosion"},"content":{"rendered":"<p>  Die Errungenschaften von Revolution und Planwirtschaft sind weitgehend   beseitigt<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Seit 1978 betreibt das chinesische Regime umfassende Marktreformen.   Vermutlich wollte ein Teil der Machthaber urspr&#252;nglich den Stalinismus   durch Marktelemente effizienter machen. Aber sp&#228;testens seit dem   Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion 1989-91 ging der Kurs   auf die Wiederherstellung des Kapitalismus.<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Im heutigen China gibt es in Wirtschaft und Staatsapparat sicher noch   deutliche Unterschiede zu normalen kapitalistischen Verh&#228;ltnissen ohne   stalinistische Vergangenheit. Der hohe Anteil von Staatsbetrieben macht   einen bedeutenden Unterschied aus. Das hat praktische Folgen, wie man   zum Beispiel bei dem riesigen staatlichen Konjunkturprogramm dieses Jahr   sehen konnte. Chinesische Staatsbanken haben anders als westliche   Privatbanken die Kredith&#228;hne weit aufgedreht. Eine Kreditklemme gibt es   dort nicht.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Masse der Bev&#246;lkerung bedeuten die Lebensverh&#228;ltnisse trotzdem   in vieler Hinsicht eine besonders brutale Form von neoliberalem   Kapitalismus. Unter dem Stalinismus war die soziale Ungleichheit im   internationalen Vergleich sehr gering. Inzwischen ist sie mit am   H&#246;chsten in der Welt.<\/p>\n<h4>  Bildung nur noch f&#252;r Reiche<\/h4>\n<p>  China gibt nur 3,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts f&#252;r Bildung aus.   Selbst Indien schafft die UN-Vorgabe von vier Prozent. 44 Prozent der   Kosten des Bildungswesens m&#252;ssen privat aufgebracht werden. Die   Schulgeb&#252;hren in weiterf&#252;hrenden Schulen betragen in den meisten St&#228;dten   zwei durchschnittliche Monatsgeh&#228;lter im Jahr. F&#252;r die Kinder von   Wanderarbeitern ist der Schulunterricht miserabel. Der Analphabetismus   nimmt wieder zu. Die Studiengeb&#252;hren betragen im Durchschnitt   umgerechnet 1.170 Dollar im Jahr. Trotzdem haben die Unis so wenig Geld,   dass sie auf 65 Milliarden Dollar Schulden sitzen. Der Anteil der Kinder   aus Arbeiter- und Bauernfamilien an den Elitehochschulen sank von 37,3   Prozent 1978 auf 3,3 Prozent.<\/p>\n<h4>  Krank sein ist unbezahlbar<\/h4>\n<p>  Die Gesundheitskosten haben sich seit 1990 verachtzehnfacht und machen   die H&#228;lfte der Haushaltseinkommen aus. Eine Krankenhausbehandlung kostet   ein Jahreseinkommen (f&#252;r die &#228;rmsten 20 Prozent der Bev&#246;lkerung mehr als   das doppelte Jahreseinkommen). 35 Prozent der st&#228;dtischen und 43 Prozent   der l&#228;ndlichen Haushalte k&#246;nnen sich gar keine Gesundheitsversorgung   mehr leisten. Sie haben keinen Zugang zu ihr oder verarmen, wenn sie sie   in Anspruch nehmen m&#252;ssen. Ein Drittel der l&#228;ndlichen Krankenh&#228;user ist   pleite, ein weiteres Drittel dicht davor.<\/p>\n<h4>  Massenarbeitslosigkeit<\/h4>\n<p>  In den letzten 20 Jahren sind 70 Millionen Bauern von ihrem Land   vertrieben worden, um Platz f&#252;r Fabriken, Stra&#223;en oder Luxusprojekte   (Hotels, Golfpl&#228;tze und so weiter) zu machen. Unter den 40 reichsten   chinesischen Milliard&#228;ren sind mehr als ein Dutzend   Immobilienspekulanten.<\/p>\n<p>  Nach manchen Sch&#228;tzungen muss China j&#228;hrlich 24 Millionen Jobs schaffen,   um eine soziale Explosion zu verhindern. Die chinesische Wirtschaft   wurde aber trotz Konjunkturprogramm stark von der globalen Krise   betroffen, weil sie auf die Endfertigung von Masseng&#252;tern spezialisiert   ist: Die Vorprodukte werden importiert, die fertigen Waren exportiert.<\/p>\n<p>  Nach einem Bericht der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften im   September haben durch die Krise 41 Millionen ihre Arbeit verloren, 23   Millionen davon noch keine neue gefunden. Danach fanden 40 Prozent der   weltweiten Jobverluste durch die Krise in China statt!<\/p>\n<h4>  Umweltproteste<\/h4>\n<p>  Auch die &#246;kologische Lage ist katastrophal. Zehn Prozent der   landwirtschaftlichen Nutzfl&#228;che ist vergiftet. 300 Millionen (von 1,3   Milliarden Menschen) haben kein sauberes Wasser. Nur ein Prozent der   StadtbewohnerInnen haben Atemluft nach EU-Standards.<\/p>\n<p>  Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die Umweltzerst&#246;rung. Am 31.   August demonstrierten in Quanzhou 10.000 Menschen gegen die Vergiftung   ihres Trinkwassers. Die gegen sie aufgebotene Polizei wurde mit Steinen   beworfen. In mehreren Orten gab es in den letzten Wochen Proteste gegen   die Bleiemissionen von Fabriken (China ist der weltgr&#246;&#223;te   Bleiproduzent). Laut offiziellen Angaben haben die &#8222;Massenzwischenf&#228;lle&#8220;   (Demonstrationen, Streiks) zu Umweltthemen j&#228;hrlich um 30 Prozent   zugenommen.<\/p>\n<h4>  Arbeitsk&#228;mpfe<\/h4>\n<p>  Im Juli streikten 30.000 ArbeiterInnen des Tonghua-Stahlwerks gegen die   beschlossene Privatisierung. Ein Manager des privaten Stahlunternehmens,   der das Werk gekauft hatte, drohte alle Streikenden zu entlassen. Diese   verpr&#252;gelten ihn so heftig, dass er an den Verletzungen starb. Andere   ArbeiterInnen der Stadt solidarisierten sich. Die Provinzregierung   versprach darauf, das Werk nicht an diese Privatfirma zu verkaufen.   Wenige Wochen sp&#228;ter wurde das Hunderte Kilometer entfernte   Linzhou-Stahlwerk f&#252;nf Tage lang von bis zu 3.000 ArbeiterInnen besetzt.   Ein Funktion&#228;r wurde vier Tage als Geisel gehalten. Auf einem   Transparent stand: &#8222;Lernt von den Tonghua-Stahlarbeitern! Verteidigt   kollektiven Reichtum!&#8220; Nachdem es Ende 2008 schon einen Taxifahrerstreik   in einem Dutzend St&#228;dte gegeben hatte, ist dies ein neuer Fall, dass   Streiks auf K&#228;mpfe in anderen Orten Bezug nehmen. Da nach der   Niederschlagung der Bewegung von 1989 K&#228;mpfe meist lokal isoliert waren,   ist das eine wichtige Entwicklung.<\/p>\n<h4>  Ethnische Spannungen<\/h4>\n<p>  Im Unterschied zu diesen positiven Entwicklungen sind die Ereignisse in   Urumtschi, der Hauptstadt von Xinjiang, in den letzten Wochen ein   Vorgeschmack f&#252;r das, was drohen kann. Nach Krawallen zwischen   Han-Chinesen und Uiguren (die zur muslimischen Minderheit in China   geh&#246;ren) im Juli mit &#252;ber 200 Toten gab es eine Reihe von Angriffen auf   (meist) Han-Chinesen mit Spritzen. Ger&#252;chte &#252;ber Infizierung mit Aids   kamen auf. Leute gerieten in Panik, wenn sie von Insekten gestochen   wurden. Zehntausende Han-Chinesen demonstrierten, teils gegen die   Beh&#246;rden, vor allem aber gegen die Uiguren.<\/p>\n<p>  In den letzten 60 Jahren nahm der Anteil von Han-Chinesen in Xinjiang   von f&#252;nf auf &#252;ber 40 Prozent zu. Uiguren werden stark diskriminiert.   Diese Teile-und-Herrsche-Politik des Staates soll die arbeitenden   Menschen gegeneinander aufhetzen, damit sie sich nicht gemeinsam wehren.   Zugleich f&#252;hrt die Medienzensur (in Urumtschi sind seit Juli auch   Internet und Mobiltelefone gesperrt) dazu, dass Ger&#252;chte kursieren, die   zu Hysterie und Krawallen f&#252;hren. Mittelfristig kann das zu   B&#252;rgerkriegen wie in Jugoslawien in den neunziger Jahren f&#252;hren &#8211; wenn   die ArbeiterInnen es nicht schaffen, sich &#252;ber ethnische Grenzen hinweg   zu organisieren und das Regime zu st&#252;rzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Errungenschaften von Revolution und Planwirtschaft sind weitgehend<br \/>\n      beseitigt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[218],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13362"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13362"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13362\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}