{"id":13329,"date":"2009-10-01T00:00:00","date_gmt":"2009-10-01T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13329"},"modified":"2009-10-01T00:00:00","modified_gmt":"2009-10-01T00:00:00","slug":"13329","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/10\/13329\/","title":{"rendered":"Ohrfeige f&#252;r CDU &#8211; Pr&#252;gel f&#252;r SPD"},"content":{"rendered":"<p>  Bundestagswahl ist Abfuhr f&#252;r Regierungspolitik &#8211; trotzdem wird diese   fortgesetzt<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  CDU\/CSU und SPD verloren circa acht Millionen W&#228;hlerInnen im Vergleich   zu den Bundestagswahlen 2005. Die Gr&#252;nde f&#252;r die Abkehr der Parteien der   gro&#223;en Koalition liegen auf der Hand. Die zentralen politischen Inhalte   und die Richtung der Politik von Merkel und Steinmeier werden von einer   Mehrheit der Bev&#246;lkerung abgelehnt, das geht aus vielen Umfragen hervor.   Agenda 2010 und Hartz IV, Privatisierung der Bahn und Rente ab 67,   Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und Abbau demokratischer Rechte haben   keine Mehrheit in der Bev&#246;lkerung. Aber Demokratie funktioniert im   Kapitalismus so, dass die neue Regierung mit dieser Politik nicht nur   weiter machen, sondern sie sogar intensivieren wird.<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Die Wahlbeteiligung ist um &#252;ber sechs Prozentpunkte auf 70,9 Prozent   gefallen und damit die niedrigste in der Geschichte der Bundesrepublik   Deutschland bei einer Bundestagswahl. Damit ist die Gruppe der   Nichtw&#228;hlerInnen gr&#246;&#223;er als jede W&#228;hlergruppe einer der Parteien. Das   f&#252;hrt dazu, dass weder die neue schwarz-gelbe Regierung noch eine Gro&#223;e   Koalition eine Mehrheit der wahlberechtigten Bev&#246;lkerung repr&#228;sentieren   ( der Gesamtbev&#246;lkerung ohnehin nicht, da Millionen MigrantInnen und   Jugendliche unter 18 Jahren kein Wahlrecht haben). Auch die Parteien der   neuen Regierung zusammen haben, trotz des Zuwachses f&#252;r die FDP, Stimmen   verloren. Von einem Rechtsruck in der Gesellschaft kann also nicht die   Rede sein. Die Legitimations- und Vertrauenskrise der b&#252;rgerlichen   Institutionen und Parteien geht weiter.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die CDU\/CSU zwei Millionen W&#228;hlerInnen verloren hat und nicht   gest&#228;rkt in die neue Regierung geht, hat die SPD ein historisches   Desaster erlebt. Niemals zuvor seit Ende des Zweiten Weltkriegs stimmten   weniger Menschen f&#252;r die Sozialdemokratie. Der Politologe Franz Walter   wies auf SPIEGEL Online darauf hin, dass &#8220;gewisserma&#223;en in das Jahr 1893   zur&#252;ckgefallen&#8221; ist. Damals erzielt sie 23,4 Prozent, was allerdings   Teil des Aufstiegs der einst m&#228;chtigen Arbeiterpartei war. Seit 1998 hat   die SPD gut die H&#228;lfte ihrer W&#228;hlerInnen verloren! Walter spricht von   einem Personal in der SPD, dass &#8220;Hunderttausende von Mitgliedern   verprellt, Millionen von W&#228;hlern vertrieben und das Selbstbewusstsein   von einst berufsstolzen Arbeitern und Angestellten nahezu zerst&#246;rt&#8221; hat.   Der Niedergang der SPD zeichnet ihre Entwicklung von einer   Arbeiterpartei (wenn auch mit b&#252;rgerlicher, pro-kapitalistischer   F&#252;hrung) zu einer durch und durch b&#252;rgerlich-kapitalistischen Partei,   die in den elf Jahren ihrer Regierungsbeteiligung ein Motor von   Sozialabbau und neoliberaler Politik war.<\/p>\n<p>  Dass DIE LINKE mit 11,9 Prozent zur viertst&#228;rksten Partei geworden ist   und eine Million W&#228;hlerInnen mehr als im Jahr 2005 mobilisieren konnte,   ist ein Erfolg, aber f&#252;nf Sechstel der W&#228;hlerInnen, die der SPD den   R&#252;cken gekehrt haben, und das Gros der Nichtw&#228;hlerInnen konnte sie nicht   erreichen. Das zeigt, dass sie ihr Potenzial bei weitem nicht   aussch&#246;pft, aber auch dass es nur eingeschr&#228;nktes Vertrauen in die   Partei gibt (mehr dazu auf Seite 5).<\/p>\n<p>  Die st&#228;rksten Zugewinne hatte die FDP zu verbuchen. Westerwelle grinst   nun noch breiter und arroganter in die Kameras und hat &#8220;harte   Koalitionsverhandlungen&#8221; angek&#252;ndigt. Noch nie war der Juniorpartner in   einer Regierungskoalition so stark. Die so genannten Liberalen sind   st&#228;rker als die CSU-Landesgruppe im Bundestag und stellen immerhin ein   Drittel der k&#252;nftigen Regierungsabgeordneten.<\/p>\n<p>  Dass ausgerechnet die FDP in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu legt   erscheint auf den ersten Blick paradox. Ihr neoliberales Programm   weiterer Deregulierung geht selbst den intelligenteren VertreterInnen   des B&#252;rgertums zu weit. So wollte selbst die Financial Times Deutschland   nicht zur Wahl der FDP aufrufen, weil diese keine ausreichenden   Vorschl&#228;ge zur Regulierung der Finanzm&#228;rkte mache. Aber die FDP war,   neben der LINKE, die einzige Partei, die elf Jahre an keiner   Bundesregierung beteiligt war. Ihre Propaganda f&#252;r Steuersenkungen und   die Tatsache, dass Westerwelle sich sozialpolitisch etwas gel&#228;utert   gegeben hat, m&#246;gen ihr in den Augen von manchen W&#228;hlerInnen auch ein   Image haben zukommen lassen, was nicht zutrifft. So sollen in einer   Meinungsumfrage f&#252;nfzig Prozent der Befragten ge&#228;u&#223;ert haben, diese   &#8216;kleine Partei des gro&#223;en Kapitals&#8217; stehe f&#252;r h&#246;here L&#246;hne! Aber das   Wachstum der FDP auf Kosten der CDU\/CSU ist auch ein bewusstes Signal   von Teilen der B&#252;rgertums und des Mittelstands, dass die Umverteilung   von unten nach oben zur Sanierung ihrer Profitraten versch&#228;rft werden   soll.<\/p>\n<p>  Letztlich hat aber das Stillhalteabkommen zwischen Unternehmern und   Regierung ein solches Wahlergebnis m&#246;glich gemacht. Um Arbeitsk&#228;mpfe und   soziale Proteste vor den Bundestagswahlen zu vermeiden haben die Bosse   gegen eine Ausweitung der Kurzarbeiterregelungen auf Entlassungen   weitgehend verzichtet &#8211; bis zum Wahltag. So sind die Folgen der   Weltwirtschaftskrise bisher abgefedert worden und hat sich in einem   langweiligen und inhaltsleeren Wahlkampf die soziale Polarisierung, die   sich ohne dieses Stillhalteabkommen entwickelt h&#228;tte, nicht in eine   politische Polarisierung verwandeln k&#246;nnen. Dies kann sich nun nach den   Wahlen umso schneller entwickeln.<\/p>\n<p>  Das schlechte Wahlergebnis f&#252;r die faschistischen Kr&#228;fte, die ja auch   bei den Landtagswahlen in Brandenburg aus dem Parlament geflogen sind,   zeigt, dass soziale und wirtschaftliche Fragen zur Zeit im Mittelpunkt   des Denkens der Menschen stehen und gerade beim Thema soziale   Gerechtigkeit DIE LINKE punktet und dadurch Proteststimmen f&#252;r   Faschisten bremst. In den L&#228;ndern, in denen Nazi-Parteien im Landtag   sa&#223;en oder sitzen, haben sie sich aber auch selber entzaubert und hat   sich gezeigt, dass sie keine stabile soziale Basis haben. Trotzdem ist   das schlechte Abschneiden der Rechtsextremen kein Grund zur Entwarnung.   Eine Folge kann auch sein, dass die gewaltt&#228;tigen &#8216;Stiefelfaschisten&#8217; in   der rechten Szene wider mehr Einfluss gewinnen.<\/p>\n<p>  Die Piratenpartei konnte mit immerhin 1,9 Prozent ein beachtliches   Ergebnis f&#252;r eine erste Kandidatur bei Bundestagswahlen erzielen. Die   Stimmen f&#252;r sie sind ein diffuser Proteste gegen Entdemokratisierung der   Gesellschaft. Weil die Piraten aber in Wirklichkeit kein Programm haben,   ist es kaum zu erwarten, dass sie in den n&#228;chsten Jahren eine   Parteistruktur aufbauen k&#246;nnen, die sie zu einer langfristig ernst zu   nehmenden politischen Kraft werden l&#228;sst.<\/p>\n<h4>  Wie weiter nach den Wahlen?<\/h4>\n<p>  Die neue Regierung wird als Sachverwalterin der Banken und Konzerne den   Auftrag aus den Chefetagen erhalten, Bedingungen zu schaffen, um die   Profitraten f&#252;r die Kapitalisten zu steigern. Die Produktivit&#228;t der   deutschen Wirtschaft ist im Verlauf der Krise im Vergleich zu den USA   deutlich gesunken. Hier gibt es aus Sicht der deutschen Kapitalisten   erheblichen Nachholbedarf, das hei&#223;t Einsparungsbedarf.<\/p>\n<p>  Die Regierung wird au&#223;erdem mit der h&#246;chsten Staatsverschuldung in der   Geschichte des Landes konfrontiert sein. Viele Kommunen sind schon jetzt   wegen des R&#252;ckgangs der Gewerbesteuereinnahmen mit massiven   Haushaltsl&#246;chern konfrontiert. Das ist ein Rezept f&#252;r massive Angriffe   auf den Lebensstandard und die Rechte von Lohnabh&#228;ngigen, Erwerbslosen,   RentnerInnen und Jugendlichen. Das Gerede &#252;ber Steuersenkungen und &quot;mehr   netto vom brutto&quot; wird sich herausstellen als Steuersenkungen f&#252;rs   Kapital und steigende Belastungen f&#252;r ArbeitnehmerInnen &#8211; wenn nicht bei   der Lohnsteuer, dann &#252;ber Mehrwertsteuer, Gesundheitsausgaben,   Geb&#252;hrenerh&#246;hungen etc.<\/p>\n<p>  Merkel und Westerwelle sprechen davon, dass sie die Regierung schnell   bilden wollen, um &#8216;an die Arbeit&#8217; gehen zu k&#246;nnen. Das spricht daf&#252;r,   dass es auch schnell zu ersten Ma&#223;nahmen gegen die Masse der Bev&#246;lkerung   kommen kann. Dies wird einher gehen mit dem Auslaufen der Kurzarbeit in   vielen Betrieben und einem deutlichen Anstieg der Erwerbslosigkeit.<\/p>\n<p>  An welchen Punkten die Regierung losschlagen wird und ob sie versuchen   wird mit dem gro&#223;en Hammer bis nach den Landtagswahlen in   Nordrhein-Westfalen im Fr&#252;hjahr 2010 zu warten, ist nicht sicher   vorherzusagen. Die Landtagswahlen sind f&#252;r die Bundesregierung von   gr&#246;&#223;ter Bedeutung, weil eine Abwahl der schwarz-gelben Koalition in   D&#252;sseldorf mit dem Verlust der schwarz-gelben Mehrheit im Bundesrat   einher gehen w&#252;rde. Dies wiederum kann ein Grund sein, vor den   Landtagswahlen schon m&#246;glichst viele Ma&#223;nahmen durchzupeitschen. In   jedem Fall ist der Druck aus kapitalistischer Perspektive hoch: die   Agentur f&#252;r Arbeit steht vor einem riesigen Defizit, generell gehen die   Einnahmen in die sozialen Sicherungssysteme aufgrund wachsender   Arbeitslosigkeit zur&#252;ck. Die Unternehmer dr&#228;ngen auf weitere   Steuererleichterungen, was nur durch eine Erh&#246;hung der Mehrwertsteuer   und K&#252;rzungen im Sozialen kompensiert werden k&#246;nnte. Hinzu kommen   Forderungen nach Abschaffung der, ohnehin wenigen, Mindestl&#246;hne oder   nach einer Aufweichung des K&#252;ndigungsschutzes aus dem Unternehmerlager.   Sicher ist, dass die Laufzeiten f&#252;r die Atomkraftwerke verl&#228;ngert   werden, kein Wunder also, dass die Aktienkurse von Eon und RWE am Tag   nach der Wahl in die H&#246;he schnellten.<\/p>\n<p>  Das Kapital hat mit der Merkel-Westerwelle-Regierung seine   Wunschregierung bekommen. Sie werden versuchen daraus den maximalen   Nutzen zu ziehen. Das bedeutet aber auch, dass diese Regierung eine   Administration der Krise sein wird und innerer und &#228;u&#223;erer Druck zu   einer hohen Instabilit&#228;t beitragen werden. &#196;u&#223;erer Druck sollte von den   Gewerkschaften kommen. Doch Michael Sommer k&#252;ndigte an, mit der   Regierung zusammen arbeiten zu wollen. Die angemessene Reaktion w&#228;re es   gewesen, noch am Wahlabend zu Demonstrationen und Arbeitsniederlegungen   als Warnung an schwarz-gelb aufzurufen und die Vorbereitung eines   eint&#228;gigen Generalstreiks anzuk&#252;ndigen.<\/p>\n<h5>  <i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bundestagswahl ist Abfuhr f&#252;r Regierungspolitik &#8211; trotzdem wird diese<br \/>\n      fortgesetzt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13329"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13329"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13329\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13329"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13329"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13329"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}