{"id":13284,"date":"2009-08-12T00:00:00","date_gmt":"2009-08-12T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13284"},"modified":"2012-06-08T13:40:16","modified_gmt":"2012-06-08T11:40:16","slug":"13284","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/08\/13284\/","title":{"rendered":"Die Schweinegrippe"},"content":{"rendered":"<p>Ein hausgemachtes Problem des Kapitalismus<\/p>\n<p><strong>Am 11. August wurde auf der Website des Focus \u00fcber die aktuellen B\u00f6rsenkurse, sowie die Quartalsergebnisse im dritten Jahresviertel 2009 berichtet. Im Bericht war auch die Rede vom Biotechnologiekonzern Qiagen, dessen Quartalsergebnisse besser als erwartet ausfielen und Aktienkurs um 7,3 Prozent anstieg. Wortw\u00f6rtlich hie\u00df es dort \u201eDas Unternehmen profitiere von dem Ausbruch der Schweinegrippe.\u201c So bietet der Konzern neben Testverfahren f\u00fcr T\u00e4ter- und Opferindentifikation auch Tests und Testbestandteile f\u00fcr den Nachweis von Vogelgrippeviren und anderen Erregern an. Die Firma wies im Jahr 2008 einen Nettogewinn von 170 Millionen Euro aus, was gegen\u00fcber 2005 in etwa eine Verdreifachung bedeutet.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Ren\u00e9 Kiesel, Berlin<\/em><\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Bundesland Nordrhein Westfalen momentan dar\u00fcber diskutiert wird, ob man die Sommerferien aufgrund der Schweinegrippe um zwei Wochen verl\u00e4ngert, sind dort bereits 3.710 F\u00e4lle von Menschen bekannt, die sich mit dem H1N1-Virus infiziert haben. Bundesweit sind es aktuell rund 10.000 registrierte Infektionen.<\/p>\n<h4>Vertuschungspolitik der US-Beh\u00f6rden und amerikanischer Konzerne<\/h4>\n<p>Bereits im Jahr 1998 gab es im Bundesstaat North Carolina der USA auf einer Zuchtfarm f\u00fcr Schweine den Ausbruch einer Seuche, hervorgerufen durch einen ganz \u00e4hnlichen Erreger wie dem H1N1-Virus. Allerdings wurde diese Epidemie unter den Schweinen von den zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden kaum bekannt gemacht. Als Melva Okun, Doktorin f\u00fcr \u00f6ffentliches Gesundheitswesen, die ihre Dissertation \u00fcber die Massentierhaltung von Schweinen verfasste, 1998 der Gesundheitsbeh\u00f6rde ihre Hilfe in diesem Fall anbot, schlug ihr Feindseligkeit entgegen und sie wurde aufgefordert, Stillschweigen \u00fcber diese F\u00e4lle zu wahren. Ein Jahr sp\u00e4ter verlor sie ihren Posten als Wissenschaftlerin an der Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Offiziell brach die Krankheit, die unter dem Namen Schweinegrippe bekannt werden sollte, in einer kleinen mexikanischen Stadt namens La Gloria bei einem 6-j\u00e4hrigen Jungen aus. Ganz in der N\u00e4he von La Gloria befindet sich auch die Schweinefarm der US-amerikanischen Firma Caroll, die zum US-Schweinez\u00fcchter Smithfield geh\u00f6ren. Dort werden j\u00e4hrlich 1 Millionen Schweine gem\u00e4stet, mit Steroiden wird das Wachstum stimuliert und mit Antibiotika werden sie gegen Infektionen durch offene Wunden und Verletzungen auf Grund der Massenhaltung immunisiert.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite werden hier Tiere auf grausamste Weise zusammengepfercht und industriell gez\u00fcchtet. Andererseits bedeutet die unbehandelte Entsorgung des Schweinekots in Auffangbecken und der Tierkadaver in riesigen L\u00f6chern eine unheimliche Umweltverschmutzung. Durch die Gifte, Antibiotika und Bakterien, die in den Unmengen von F\u00e4kalien enthalten sind, wird das Grundwasser vergiftet. Durch den tierischen Abfall werden enorme Mengen an Frischwasser verseucht. So starben in North Carolina im Neuse River seit 1991 \u00fcber eine Milliarde Fische. Gleichzeitig sind diese Orte ein Herd f\u00fcr die Entstehung neuer immuner und aggressiver Erreger, die auch, wie in diesem Fall, auf den Menschen und letztendlich von Mensch zu Mensch \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch all die Umweltzerst\u00f6rung, die lebensunw\u00fcrdige \u201eProduktion\u201c von Tieren und die Gef\u00e4hrdung der Gesundheit der Mitarbeiter und aller anderen Menschen werden von den Konzernen und ihren Bossen in Kauf genommen, nicht zuletzt sogar geleugnet, um nur ein Ziel zu verwirklichen \u2013 immer mehr Gewinn zu machen. Ein Vertreter der Firma Granjas Carroll Mexiko sagte gegen\u00fcber den Vorw\u00fcrfen der Bewohner von La Granja: \u201eNicht nur in Mexiko, sondern weltweit ist doch bewiesen worden, dass der neue Virus nichts mit der Produktion von Schweinen zu tun hat, und das gilt auch f\u00fcr den Kontakt zu Schweinen oder dem Verzehr von Schweinefleisch.\u201c<\/p>\n<p>Dagegen sprechen Umweltsch\u00fctzer und Wissenschaftler in Mexiko und den USA. Um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, verlor beispielsweise der der Reporter Miguel Diaz bei einem Lokalsender seinen Job, nachdem er einen Film \u00fcber die Zust\u00e4nde auf der Schweinefarm drehte und ihn ver\u00f6ffentlichen wollte. Selbst vor Morddrohungen gegen ihn und seine Familie, hinter denen h\u00f6chstwahrscheinlich die mexikanische Regierung oder der Konzern selbst steckt, wird nicht zur\u00fcckgeschreckt.<\/p>\n<h4>Das H1N1-Virus \u2013 ein t\u00f6dlicher Erreger?<\/h4>\n<p>F\u00fcr die meisten Menschen ist diese Infektion unangenehm, jedoch nicht gef\u00e4hrlich. Die Todeszahlen in Folge der Ausbreitung der Schweinegrippe sind bis jetzt nicht h\u00f6her als bei jeder anderen Grippewelle, ebenso wenig die Sterblichkeitsrate.<\/p>\n<p>Woher kommen also die Meldungen und Bef\u00fcrchtungen \u00fcber steigende Totenzahlen? Besonders betroffen von vielen Toten sind L\u00e4nder wie Mexiko, also sogenannte \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c, in denen es eine schlechte bis nicht vorhandene medizinische Grundversorgung gibt, Immunschw\u00e4chen auf Grund anderer Krankheiten, unzureichender Zugang zu Hygiene- und Sanit\u00e4ranlagen und Unterern\u00e4hrung.<\/p>\n<p>In solchen L\u00e4ndern sterben auch an der \u201enormalen\u201c saisonalen Grippewelle in jedem Jahr tausende von Menschen, wesentlich mehr als in wohlhabenden L\u00e4ndern wie Deutschland oder Frankreich.<\/p>\n<p>Grippepandemien sind laut verschiedener Wissenschaftler alle paar Jahrzehnte zu erwartet, um sich dann \u00fcber die Welt zu verbreiten und in den armen L\u00e4ndern vielen Millionen Menschen das Leben zu kosten.<\/p>\n<p>Weltweit werden j\u00e4hrlich etwa 300 Millionen Dosen f\u00fcr die Impfung gegen saisonale Grippen produziert, bei einer Ausrichtung der gesamten Produktion auf einen Virenstamm k\u00f6nnte es ein Leichtes sein, innerhalb k\u00fcrzester Zeit \u00fcber 900 Millionen Dosen herzustellen.<\/p>\n<p>Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilte mit, dass innerhalb von 12 Monaten bis zu 4,9 Milliarden Einheiten hergestellt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sollten jedoch mehr als eine Impfung notwendig sein (zwei sind wahrscheinlicher) und die Produktionsraten niedriger als f\u00fcr einen saisonalen Impfstoff, werden erheblich weniger Menschen Zugang zum Schutz vor der Grippe haben. Firmen wie GlaxoSmithKline und andere Pharmakonzerne werden wenig daran interessiert sein, allein f\u00fcr die Vorsorge teure Einrichtungen zu bauen und zu betreiben, die m\u00f6glicherweise f\u00fcr einige Jahre ungenutzt bleiben.<\/p>\n<h4>Demokratische Planung als Alternative zur Profitmaximierung<\/h4>\n<p>Dies w\u00fcrde zwar im Falle eine Pandemie die Herstellung und Erforschung von Impfstoffen in k\u00fcrzester Zeit und ausreichender Zahl sicherstellen, aber auf Kosten ihrer Profite gehen. Die Entwicklung und Produktion von Mitteln zur Pr\u00e4vention solcher Krankheiten sollte nicht in den H\u00e4nden von Unternehmen belassen werden, die allein darauf ausgerichtet sind, ihre Profite zu maximieren.<\/p>\n<p>Nur ein Betrieb in Gemeineigentum und eine demokratisch kontrollierte Pharmaindustrie w\u00fcrde die notwendigen Ressourcen einsetzen, um auf eine derartige Welle vorbereitet zu sein, auch wenn diese f\u00fcr Jahre nicht eingesetzt wird. Das w\u00fcrde aber garantieren, dass gen\u00fcgend Kapazit\u00e4ten f\u00fcr solche F\u00e4lle vorhanden sind, eingeschlossen der L\u00e4ndern, in denen nur eine ungen\u00fcgende medizinische Grundversorgung existiert. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus von Mexiko ausgehend \u00fcber die gesamte Welt verbreitete zeigt auch die Notwendigkeit eines internationalen Interventionsplanes zur Bek\u00e4mpfung dieser Krankheit.<\/p>\n<p>Wenn die Interessen der Kapitalisten nicht mehr ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Weltwirtschaft sind und sich ihre Betriebe in staatlicher Hand befinden, k\u00f6nnten all ihre Profite darauf verwendet werden, eine umfangreiche Gesundheitsversorgung f\u00fcr alle Menschen auf der Erde zu schaffen. Im gleichen Atemzuge w\u00fcrden sich bei einer demokratisch geleiteten Wirtschaft im Rahmen eines harmonischen Produktionsplanes die Lebensbedingungen der in den \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c Lebenden schlagartig verbessern.<\/p>\n<p>Viren- und Bakterienherde, Zerst\u00f6rung unserer Umwelt und Tierqu\u00e4lerei w\u00fcrden bei gleichzeitiger Abschaffung von industrieller Produktion von Tieren und Tierprodukten f\u00fcr den Profit und deren Umwandlung in einer mit der Natur in Einklang stehenden Produktionsform im Konzept eines weltweiten Wirtschaftsplanes aufh\u00f6ren zu existieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein hausgemachtes Problem des Kapitalismus<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[111],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13284"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13284"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13284\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}