{"id":13264,"date":"2009-07-29T16:30:00","date_gmt":"2009-07-29T16:30:00","guid":{"rendered":".\/?p=13264"},"modified":"2009-07-29T16:30:00","modified_gmt":"2009-07-29T16:30:00","slug":"13264","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/07\/13264\/","title":{"rendered":"Tarifabschluss f&#252;r Kitas und Sozialdienste entt&#228;uschend"},"content":{"rendered":"<p>  ver.di und GEW stimmen ohne Not einem Kompromiss zu, der   Verschlechterungen der Vergangenheit nicht ausgleicht<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nach einem f&#252;nft&#228;gigen Verhandlungsmarathon haben die VertreterInnen der   Gewerkschaften ver.di und GEW und der kommunalen Arbeitgeber ein   Ergebnis der seit einem halben Jahr dauernden Tarifauseinandersetzung   verk&#252;ndet. Die Gewerkschaftsspitzen m&#252;ssen zugeben, dass dieses Ergebnis   umstritten ist und den Besch&#228;ftigten &#8222;viel abverlangt&#8220;. Und trotzdem   reden sie das Ergebnis sch&#246;n, wenn man die tarifliche Entwicklung der   letzten f&#252;nf Jahre betrachtet.<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Der Kita-Streik war in den letzten Monaten eine der wichtigsten sozialen   Auseinandersetzungen in Deutschland. Trotz Wirtschaftskrise und   sinkenden Staatseinnahmen hat eine Besch&#228;ftigtengruppe zurecht darauf   hingewiesen, dass sie unter inakzeptablen Arbeits- und   Entlohnungsbedingungen zu leiden hat und auf eine deutliche Verbesserung   ihrer Situation bestanden. Wenn Milliarden f&#252;r die Banken zur Rettung   des kapitalistischen Systems zur Verf&#252;gung gestellt werden k&#246;nnen, dann   auch Millionen f&#252;r die gesellschaftlich so entscheidende T&#228;tigkeit in   den Bereichen der Kindererziehung und Sozialdienste, so die zutreffende   Logik der ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen.<\/p>\n<p>  Deren Kampfbereitschaft &#252;berraschte, geh&#246;ren sie doch nicht zu den   traditionell kampferprobten Bereichen der Arbeiterklasse. 150.000   beteiligten sich an Streiks und Demonstrationen &#8211; und hatten ihr Pulver   noch lange nicht verschossen. Trotz (verst&#228;ndlicherweise) oftmals   entnervter Eltern, die die unmittelbaren Folgen von   Arbeitsniederlegungen auffangen mussten, dominierte &#252;ber den gesamten   Zeitraum der Auseinandersetzung in der Bev&#246;lkerung und auch unter den   Eltern Sympathie und Unterst&#252;tzung f&#252;r die k&#228;mpfenden Besch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  Warum also jetzt dieser Kraftakt, um einen raschen Abschluss noch in der   Sommerpause zu erreichen, obwohl das Ergebnis aus Sicht der Gewerkschaft   zu w&#252;nschen &#252;brig l&#228;sst? Das ist nur politisch zu erkl&#228;ren. Arbeitgeber,   Regierung und Gewerkschaftsb&#252;rokraten wollten keine Zuspitzung   betrieblicher und sozialer K&#228;mpfe w&#228;hrend des Bundestagswahlkampfs. Die   Interessen der ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen wurden auf dem   Altar der politischen Stabilit&#228;t des kapitalistischen Systems geopfert.   Offensichtlich war auf beiden Seiten des Verhandlungstisches die Sorge   gro&#223;, dass ein &#8211; wie angek&#252;ndigt &#8211; zweiw&#246;chiger Vollstreik in den Kitas   einen Dominoeffekt auf andere Belegschaften und gesellschaftliche   Schichten, wie Sch&#252;lerInnen und Studierende, ausl&#246;sen k&#246;nnte &#8211; und die   Erwartungen mit der Steigerung der Kampfma&#223;nahmen mit gestiegen w&#228;ren.   Damit hat die Gewerkschaftsf&#252;hrung eine weitere Gelegenheit boykottiert,   den immer notwendiger werdenden gemeinsamen sozialen Widerstand der   Lohnabh&#228;ngigen und Erwerbslosen gegen das Abw&#228;lzen der Krisenkosten auf   die Masse der Bev&#246;lkerung endlich in Gang zu bekommen.<\/p>\n<h4>  Hintergrund des Tarifkampfs<\/h4>\n<p>  Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass die Arbeitgeber tief in die   Tasche greifen m&#252;ssen. Von 500 bis 700 Millionen Euro Mehrkosten ist die   Rede. Bei 220.000 Besch&#228;ftigten in diesem Bereich w&#228;ren das im Schnitt   1.800 bis 2.650 Euro Lohnsteigerung im Jahr. Tats&#228;chlich jedoch wurde   mit der Einf&#252;hrung des Tarifvertrags des &#246;ffentlichen Dienstes (Tv&#246;D),   der 2005 den alten Bundesangestelltentarif (BAT) abl&#246;ste, eine massive   Absenkung des Lohnniveaus von durchschnittlich zwanzig Prozent bei   ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen durchgef&#252;hrt. Vor diesem   Hintergrund muss dieser Tarifkonflikt, wie auch alle weiteren   Tarifauseinandersetzungen im &#246;ffentlichen Dienst, betrachtet werden. Es   gibt enormen Nachholbedarf aufgrund der durch die ver.di-F&#252;hrung   verschuldeten massiven Verschlechterung durch den Tv&#246;D &#8211; die den   Mitgliedern seinerzeit als &#8222;Meilenstein&#8220; verkauft wurde. Diesen   d&#228;mmerten die wahren Folgen des neuen Tarifrechts erst, als es zu sp&#228;t   war.<\/p>\n<h4>  Versuch einer Bewertung des Ergebnisses<\/h4>\n<p>  Im Vergleich zum Niveau des alten BAT scheint der aktuelle   Tarifabschluss f&#252;r die Kitas und Sozialdienste nun keine oder nur eine   sehr geringe Verbesserung darzustellen, trotz der gegenteiligen   Behauptungen der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>  Der neue Tarifvertrag ist sehr kompliziert und eine detaillierte   Bewertung ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht m&#246;glich. Es scheint aber   so zu sein, dass in ihrem Versuch, das Ergebnis m&#246;glichst positiv zu   bewerten, die GewerkschaftsvertreterInnen &#196;pfel mit Birnen vergleichen   und die Frage des Einkommensentwicklung ignorieren. Durch den TV&#246;D sind   nicht zuletzt der Bew&#228;hrungsaufstieg und Kinderzuschl&#228;ge weggefallen,   was dazu f&#252;hrt, dass f&#252;r viele Neu-Besch&#228;ftigte und Stellenwechsler zwar   das Grundgehalt nicht abgesenkt wurde, aber das reale Einkommen auf die   Lebenszeit gerechnet massiv abgesenkt wurde (zum Beispiel f&#252;r eine   ledige Erzieherin ohne Kinder 145.000 Euro auf die Lebensarbeitszeit   berechnet). Dies h&#228;tte durch einen neuen Tarifabschluss kompensiert   werden m&#252;ssen, was offensichtlich nicht der Fall ist.<\/p>\n<p>  In ihrer Darstellung vergleichen die Gewerkschaftsb&#252;rokraten das jetzt   erzielte Niveau au&#223;erdem mit dem BAT-Niveau von 2004 und tun dabei so,   als h&#228;tte es in den zur&#252;ckliegenden f&#252;nf Jahren keine K&#228;mpfe um   prozentuale Lohnerh&#246;hungen gegeben. Um zu einem ehrlichen Vergleich zu   kommen, muss man also auf das BAT-Niveau von 2004 die circa acht Prozent   Lohnerh&#246;hungen, die sich die Besch&#228;ftigten im Rahmen des TV&#246;D erk&#228;mpft   haben, drauf schlagen. Dann kommt wahrscheinlich f&#252;r die meisten   Besch&#228;ftigten keine Steigerung im Vergleich zum BAT heraus, sondern   weiterhin eine Unterschreitung.<\/p>\n<h4>  Teilerfolg<\/h4>\n<p>  Trotzdem hat die Tarifauseinandersetzung gezeigt, dass durch Kampf   Zugest&#228;ndnisse der Arbeitgeber, auch in Zeiten der Krise, zu erreichen   sind. Diejenigen Besch&#228;ftigten, die nach 2005 unter den Bedingungen des   Tv&#246;D ihre Arbeit begonnen haben (und bei denen keine Besitzstandswahrung   aus dem alten BAT galt) erhalten nun deutlich mehr Geld und werden eine   reale Verbesserung sp&#252;ren (wenn diese gegen&#252;ber dem alten BAT-Niveau   auch minimal oder gar nicht vorhanden sein wird). &quot;K&#228;mpfen lohnt sich&quot;   ist hoffentlich die Schlussfolgerung, die sie daraus ziehen. Leider   bedeutet das Ergebnis aber auch, dass unterschiedliche   Besch&#228;ftigtengruppen unterschiedlich stark bzw. wenig (bezogen auf die   derzeit real existierende Einkommenssituation) profitieren. So erhalten   KollegInnen, die schon zu Zeiten des BAT besch&#228;ftigt waren, nur eine   Lohnerh&#246;hung von 2,65 Prozent und auch Kita-Leitungen erhalten eine sehr   geringe Steigerung.<\/p>\n<h4>  Gesundheitsschutz<\/h4>\n<p>  Offiziell f&#252;hrten die Gewerkschaften die Auseinandersetzung um die   Einf&#252;hrung eines tariflich festgelegten Gesundheitsschutzes. Die dazu   beschlossenen Regelungen sind jedoch wenig wert, weil sie letztlich   komplett von der Bereitschaft der Arbeitgeber abh&#228;ngen. Es mag sein,   dass dem Thema Gesundheitsschutz nun eine gr&#246;&#223;ere Aufmerksamkeit zuteil   wird, aber die Umsetzung von Verbesserungen k&#246;nnen die Arbeitgeber   weiterhin mit dem Argument der leeren Kassen boykottieren. Das   oppositionelle &#8222;Netzwerk f&#252;r eine k&#228;mpferische und demokratische ver.di&#8220;   hatte hierzu vorgeschlagen den Kampf f&#252;r eine tarifliche   Personalbemessung zu f&#252;hren und die Forderung eines Personalschl&#252;ssel   von 5:1 bei Fachkr&#228;ften und von 25 Prozent der Arbeitszeit f&#252;r Vor- und   Nachbereitung, Elterngespr&#228;che usw. vorgeschlagen. Eine solche   Forderung, die zu konkreten und nachpr&#252;fbaren Ergebnissen h&#228;tte f&#252;hren   k&#246;nnen, h&#228;tte sicher auch eine gr&#246;&#223;ere Mobilisierungskraft entwickelt.<\/p>\n<h4>  Wie weiter?<\/h4>\n<p>  Der Tarifabschluss ist faktisch ein Eingest&#228;ndnis des Scheiterns des   Tv&#246;D. Die Tatsache, dass f&#252;r die Erziehungs und Sozialberufe nun eine   eigene Tabelle eingerichtet wurde, f&#252;hrt das Argument ad absurdum, dass   der Tv&#246;D zu einer gr&#246;&#223;eren &#220;bersichtlichkeit und Vereinheitlichung des   Tarifwerks f&#252;hren w&#252;rde. Im Gegenteil werden neue Spaltungslinien   geschaffen und verst&#228;rkt. Nicht zuletzt bleiben Landesbesch&#228;ftigte und   die KollegInnen in Berlin weiterhin au&#223;en vor.<\/p>\n<p>  Unter den Delegierten der Streikleitungen, die den Kompromiss   debattierten, gab es so auch viel Kritik und Unmut. Die VertreterInnen   aus Baden-W&#252;rttemberg stimmten gegen den Abschluss. In der jungen Welt   vom 29.7. spricht der Stuttgarter Personalrat Martin Agster von einer   &#8222;gro&#223;en Entt&#228;uschung&#8220; und weist auf die gro&#223;e Kampfbereitschaft in   Stuttgart hin.<\/p>\n<p>  Diese muss schon bald wieder genutzt werden, denn die Tarifverhandlungen   f&#252;r Bund und Kommunen stehen zum Jahreswechsel an. Diese werden vor dem   Hintergrund massiver Angriffe einer neuen Bundesregierung auf   Sozialleistungen und auf die Besch&#228;ftigten im &#246;ffentlichen Dienst statt   finden. Um in dieser Tarifrunde nicht unter die R&#228;der zu geraten,   sondern die notwendigen Verbesserungen f&#252;r die Besch&#228;ftigten   durchzusetzen, bedarf es eines Kurswechsels in der Gewerkschaftspolitik   hin zu offensiver und k&#228;mpferischer Mobilisierung aller betroffenen   Kolleginnen und Kollegen. Dazu wird es n&#246;tig sein, zur Verbesserung der   Arbeits- und Lebensbedingungen und zur dringend notwendigen Schaffung   neuer Arbeitspl&#228;tze sowohl eine deutliche Lohnerh&#246;hung, als auch eine   drastische Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich   zu fordern. Finanzierbar sind solche Ma&#223;nahmen, wenn die Regierungen   endlich an die immer noch exorbitanten privaten Verm&#246;gen und Gewinne,   wie den 1,1 Milliarden Euro der Deutschen Bank im zweiten Quartal dieses   Jahres, heran gingen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      ver.di und GEW stimmen ohne Not einem Kompromiss zu, der<br \/>\n      Verschlechterungen der Vergangenheit nicht ausgleicht\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13264"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13264"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13264\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}