{"id":13250,"date":"2009-07-16T00:00:00","date_gmt":"2009-07-16T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13250"},"modified":"2009-07-16T00:00:00","modified_gmt":"2009-07-16T00:00:00","slug":"13250","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/07\/13250\/","title":{"rendered":"Iran: Drei Wochen seit Ausbruch der revolution&#228;ren Krise"},"content":{"rendered":"<p>  Spaltungen innerhalb der herrschenden islamistisch-kapitalistischen   Klasse<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  <i>von Per-&#197;ke Westerlund, R&#228;ttvisepartiet Socialisterna<\/i><\/h4>\n<p>  Die am 12. Juni abgehaltenen Pr&#228;sidentschaftswahlen im Iran haben eine   revolution&#228;re Krise ausgel&#246;st. Die herrschende   islamistisch-kapitalistische Klasse ist in sich tief gespalten &#252;ber die   Frage, ob brutale Repression oder doch eher einige Zugest&#228;ndnisse die   historische Massenbewegung stoppen k&#246;nnen, die losgebrochen ist. Die   Herrschenden wie auch in zunehmendem Ma&#223;e das System selbst haben ihre   Legitimation verloren. Nationalistische und religi&#246;se Propaganda zeigen   nur wenig Wirkung. Sch&#252;sse, Schl&#228;ge und Verhaftungen sind das letzte   Mittel des aus Chamenei und Ahmadinedschad bestehenden Apparates. Das   Fehlen von Massenorganisationen der ArbeiterInnen und einer   revolution&#228;ren Massenpartei ist des Weiteren ein wesentlicher Faktor bei   den momentanen Ereignissen.<\/p>\n<p>  Die Massendemonstration von &#252;ber einer Million Menschen in den Stra&#223;en   Teherans am 16. Juni verschaffte dieser neuen Revolution weltweite   Aufmerksamkeit. Die Menschen haben die Angst abgelegt. Der enorme Hass   auf das politische System und die Wut aufgrund der wirtschaftlichen   H&#228;rten, mit denen die arbeitenden Menschen konfrontiert sind, sind   &#252;bergekocht und haben zu Massenprotesten gef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  Der Oberste F&#252;hrer, Ayatollah Ali Chamenei, drohte in seiner Rede am   Freitag, 19. Juni, mit Gewalt, Repression und &#8222;Blutvergie&#223;en&#8220;. In dieser   Woche wurden Demonstrationen bereits an deren Auftaktorten angegriffen,   was die M&#246;glichkeit neuerlicher Massendemonstrationen einschr&#228;nkt. Die   Basidsch-Milizen, M&#228;nner auf Motrorr&#228;dern, attackierten Protestierende   mit Schlagst&#246;cken und Schusswaffen. Polizei und Armee setzen Tr&#228;nengas   und scharfe Munition ein. Berichte sprechen von 50 bis 184 Toten.   Offiziell best&#228;tigt die Staatsmacht 475 Verhaftungen, w&#228;hrend Beobachter   von 800 bis 1.000 ausgehen. Die Organisation Reporter Ohne Grenzen sagt,   dass 26 JournalistInnen festgenommen wurden, w&#228;hrend andere   Nachrichtenagenturen von &#252;ber 100 Studentenf&#252;hrern sprechen, die in Haft   genommen wurden. Um die Festgenommenen zu verh&#246;ren und sie anzuklagen,   ist ein Sondergericht installiert worden.<\/p>\n<p>  Die Spannungen an der Spitze des Regimes nehmen indes zu. Der   Pr&#228;sidentschaftskandidat Mir Hossein Mussawi, der im Mittelpunkt der   Spaltungen innerhalb des Regimes steht und Chamenei wie Ahmadinedschad   herausfordert, ist unter eine Art von Hausarrest gestellt worden. In der   Redaktion seiner Zeitung wurde eine Razzia durchgef&#252;hrt, bei der 25   Leute verhaftet wurden. Der Druck auf seinen &#8222;Paten&#8220;, Ayatollah Akbar   Haschemi Rafsandschani, seines Zeichens Ex-Pr&#228;sident und reichster Mann   im Iran, ist dadurch erh&#246;ht worden, dass Verwandte von ihm &#8211; darunter   auch seine Tochter Faezeh Hashemi &#8211; festgenommen wurden. Presseberichten   zufolge ist Rafsandschani daraufhin in die heilige Stadt von Qom   gezogen, um zu versuchen, von dort Unterst&#252;tzung zu bekommen.<\/p>\n<p>  Chamenei, gezwungen von seiner religi&#246;sen Gebieter-Rolle herabzusteigen   und Ahmadinedschad bisweilen in die ihm genehme Richtung zu dr&#228;ngen, um   seine Drohungen aussprechen zu k&#246;nnen, ist offenkundig in Sorge dar&#252;ber,   dass Zugest&#228;ndnisse an die Protestierenden nur den Appetit der Massen   weiter anregen w&#252;rden. Der W&#228;chterrat hat eingestanden, dass es bei den   Wahlen zu St&#246;rungen gekommen ist, verweigert aber die M&#246;glichkeit einer   umfassenden Neuausz&#228;hlung, geschweige denn Neuwahlen. Aus diesem Grund   antwortet Chamenei mit massenhafter Repression. Bislang aber hat Mussawi   darauf nicht mit der Absage der Proteste reagiert, womit die Gefahr   eines Blutbads weiterhin besteht. Westliche Politiker &#8222;verleihen ihrer   Sorge Ausdruck&#8220; und sind &#252;ber die Gewalt &#8222;besorgt&#8220;, da sie hoffen, dass   es an der Spitze des Regimes zu einem Kompromiss kommt.<\/p>\n<p>  Doch die Stimmung unter den Massen ist nicht so leicht zu kontrollieren.   Die Massendemonstrationen am vergangenen Dienstag, bei denen nach   Aussage einiger Beobachter zwei Millionen zusammen kamen, fanden statt,   obwohl die staatlichen Sicherheitskr&#228;fte mit dem Schie&#223;befehl   ausgestattet sind und Mussawi aufgerufen wurde, zu Hause zu bleiben. Bis   zum jetzigen Zeitpunkt sind Staat und herrschende Elite wiederholt von   den Ereignissen &#252;berrascht worden. Polizisten sch&#252;tzten Protestierende   sogar vor Angriffen der verhassten Basidsch-Milizen. In dieser Woche   sind die D&#228;cher-Proteste, bei denen Jugendliche nachts auf die   H&#228;userd&#228;cher steigen, um Slogans zu rufen, von Tag zu Tag st&#228;rker   geworden.<\/p>\n<p>  Seine Rede vom letzten Freitag war Chameneis Versuch, die staatlichen   Kr&#228;fte zusammen zu schwei&#223;en und &#8211; wie vor zehn Jahren, als er die   Studierendenproteste unterdr&#252;cken lie&#223; &#8211; Attacken abzufeuern. In der   Phase von Massenbewegungen und Revolutionen kommt es zu vielen   entscheidenden Momenten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Proteste   noch nicht am Ende sind. Gleichzeitig ist noch nicht entschieden, wie   weit die neue Bewegung bereit ist zu gehen. Mir Hossein Mussawi rief am   Samstag, dem 20. Juni, f&#252;r den von ihm selbst vorhergesagten Fall, dass   er verhaftet w&#252;rde, sogar zu einem Generalstreik auf. Auch einige der im   Untergrund agierenden Gewerkschaften haben Aufrufe f&#252;r einen   Generalstreik herausgebracht.<\/p>\n<h4>  Langwieriger Vorlauf<\/h4>\n<p>  Der jetzt zur Explosion gekommene Aufruhr hatte eine lange Vorlaufphase.   Die ureigene Arbeiterrevolution von 1979, die von den st&#228;dtischen und   l&#228;ndlichen Armen unterst&#252;tzt wurde, wurde von der islamistischen   Reaktion im Blut ertr&#228;nkt. Eine brutale Konterrevolution, die danach   &#252;ber Jahre anhielt, zerschlug s&#228;mtliche Arbeiterorganisationen und   demokratischen Strukturen. M&#246;glich wurde dies z. T. wegen der Rolle, die   die moskautreue Kommunistische Partei, Tudeh, dabei spielte. Sie   unterst&#252;tzte den islamistischen F&#252;hrer Chomeini als   &#8222;Anti-Imperialisten&#8220;, bis die Tudeh-Partei selbst vom Regime zerschlagen   wurde.<\/p>\n<p>  Die Studierendenbewegung von 1999 war das erste wirkliche R&#252;tteln an den   S&#228;ulen des Regimes und lie&#223; unter den Massen Hoffnung aufkommen. Aber es   wurden auch die Illusionen deutlich, die man in den &#8222;reformistischen&#8221;   Pr&#228;sidenten Chatami hatte, der nicht einen Finger krumm machte, um die   Studierenden vor der Repression zu sch&#252;tzen. Chatami steht f&#252;r einen   Fl&#252;gel innerhalb des Regimes, der sowohl im Innern wie auch   au&#223;enpolitisch nach Wandel strebt aber keine wirkliche Ver&#228;nderung will.   In diesem Jahr nun ist Chatami einer der wichtigsten Unterst&#252;tzer von   Mussawi. In den letzten Jahren haben Studierende wiederholt Proteste an   den Universit&#228;ten organisiert. Studentenf&#252;hrer und Herausgeber von   Studierenden-Magazinen wurden verhaftet.<\/p>\n<p>  Seit 2004 ist es zu einem starken Anstieg bei Streiks und Arbeitsk&#228;mpfen   gekommen. Teheraner Busfahrer, Besch&#228;ftigte in den Zuckerm&#252;hlen im   (s&#252;diranischen; Erg. d. &#220;bers.) Haft Tapeh, LehrerInnen,   TextilarbeiterInnen und die AutobauerInnen bei Iran Khodro haben Streiks   und K&#228;mpfe um Arbeitspl&#228;tze und L&#246;hne organisiert &#8211; und f&#252;r das Recht,   freie Gewerkschaften zu gr&#252;nden. Auch haben sie sich eigene Strukturen   geschaffen und VertreterInnen gew&#228;hlt. 2005 f&#252;hrte ein landesweiter   Streik- und Protesttag im Juli sogar zu Streiks in der heiligen Stadt   Qom. In diesem Jahr wurden bei den Mai-Demonstrationen im Laleh-Park in   Teheran mehr als 80 AktivistInnen festgenommen. Die Entschlossenheit der   Massen und vor allem der Arbeiterklasse wurde immer wieder sichtbar. Die   Repression gegen die Busfahrergewerkschaft und die Verhaftung ihres   Vorsitzenden Mansour Osanloo hat ihre Organisation nicht   auseinanderbrechen k&#246;nnen. Nach den Verhaftungen am 1. Mai organisierten   ArbeiterInnen und ihre Familien t&#228;gliche Proteste, um die Freilassung   aller AktivistInnen zu fordern.<\/p>\n<h4>  Keim der Hoffnung<\/h4>\n<p>  Die diesj&#228;hrigen Pr&#228;sidentschaftswahlen sind f&#252;r die Massen zum Keim der   Hoffnung geworden, obwohl die meisten westlichen Experten sagen, dass   die Konservativen die Z&#252;gel enger gezogen haben und die &#8222;Reformisten&#8220;   gebrochen wurden. Einige sagten voraus, dass der amtierende Pr&#228;sident   Mahmud Ahmadinedschad von einem gem&#228;&#223;igteren Konservativen h&#228;tte   herausgefordert werden k&#246;nnen. 2005 gewann Ahmadinedschad unerwarteter   Weise gegen Rafsandschani, weil er die faire Verteilung der &#214;leinnahmen   und die Verbesserung des Lebensstandards der Armen versprach. Obwohl er   diese Versprechen brach, hat Ahmadinedschad sich geschickt selbst in   Szene setzen k&#246;nnen und ist von den kapitalistischen Mullahs nicht   einfach zu kontrollieren. Statt dessen hat Ahmadinedschad jene   Kapitalisten unter den Basidsch-Milizen und den Revolutionsgarden   unterst&#252;tzt &#8211; vor allem im Bereich des &#214;l- und Bausektors.<\/p>\n<p>  Trotz Ahmadinedschads unorthodoxen F&#252;hrungsstils entschied Ayatollah   Khamenei, dass dieser der beste Trumph bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen   sei. Die anderen drei zugelassenen Kandidaten, die vom 12-k&#246;pfigen   W&#228;chterrat aus urspr&#252;nglich 475 Bewerbern ausgesucht wurden, waren eher   den Klerikern genehm und mehr akademisch. Au&#223;erdem hat Ahmadinedschad   gezeigt, dass er nicht z&#246;gert, von Repressalien Gebrauch zu machen oder   die USA mit der Nuklear-Frage zu konfrontieren.<\/p>\n<p>  Rafsandschani, der selbst Gro&#223;kapitalist ist und dem Expertenrat mit 86   Mitgliedern vorsitzt, welcher wiederum den Obersten F&#252;hrer ausw&#228;hlt,   nahm eine andere Haltung ein. Er sieht Ahmadinedschad als Belastung, da   dieser sowohl innenpolitische Opposition hervorruft als auch im Hinblick   auf das Verh&#228;ltnis zu den Weltm&#228;chten. Statt dessen wollte er, dass Mir   Hossein Mussawi die Wahlen f&#252;r sich entscheidet. Dennoch ist niemand   davon ausgegangen, dass der alte ehemalige Premierminister aus einer   ber&#252;chtigt repressiven Phase des Landes (von 1980 bis -88 tobte der   Krieg mit dem Irak) die Massen f&#252;r sich h&#228;tte gewinnen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  &#8222;Das Fernsehduell zwischen Mussawi und Ahmadinejad, das von 40 Millionen   Zuschauern verfolgt wurde, hat den Geist aus der Flasche gelassen und zu   breiten Reaktionen gef&#252;hrt, die sehr wahrscheinlich weder Mussawi noch   irgendwer sonst aus dem iranischen Machtapparat erwartet h&#228;tte&#8220;, schrieb   die schwedische Kommentatorin Bitte Hammargren. Obwohl viele W&#228;hlerInnen   in Mussawi keine wirkliche Alternative sahen, betrachteten sie ihn   dennoch weiterhin als den Kandidaten, der Ahmadinedschad h&#228;tte schlagen   k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Tausende junger Leute und vor allem Frauen wurden zu Wahlk&#228;mpferInnen   f&#252;r Mussawi. Die Frauenunterdr&#252;ckung ist ein Kernpunkt der   islamistischen Diktatur. Neben Studierenden und unabh&#228;ngigen   Gewerkschaften haben die Frauen den Kampf um Selbstbestimmung   organisiert und viele AktivistInnen sind inhaftiert oder get&#246;tet worden.   Als die Ehefrau von Mir Hossein Mussawi, die bekannte K&#252;nstlerin Zahra   Rahnavard, bei den Wahlkampfveranstaltungen ihres Mannes auftrat und das   Wort ergriff, gab dies seiner Wahlkampagne enormen Auftrieb. In der   letzten Woche vor den Wahlen konnten Studierende mehr oder weniger   ungehindert Flugbl&#228;tter verteilen und Versammlungen in Parks sowie an   der Universit&#228;t abhalten. In Teheran brachte Mussawi   Massenveranstaltungen zusammen, w&#228;hrend Ahmadinedschad, der die   staatlichen Medien vollkommen dominiert und kontrolliert, kleinere   Versammlungen hatte.<\/p>\n<p>  Die Stimmung unter den Massen war euphorisch und mit einer   Wahlbeteiligung von 75 Prozent erwartete die Jugend einen Sieg Mussawis.   Doch nach nicht einmal zwei Stunden nach Schlie&#223;ung der Wahllokale wurde   Ahmadinedschad zum Sieger erkl&#228;rt. Und am folgenden Tag gratulierte ihm   Chamenei, der sagte, dass dies ein &#8222;glorreiches Ereignis&#8220; gewesen sei.   Westliche Politiker und Kommentatoren schienen das Ergebnis zu   akzeptieren, da sie auf die Unterst&#252;tzung der Landbev&#246;lkerung f&#252;r   Ahmadinedschad hinwiesen. Dennoch verschwand Mussawi nicht von der   Bildfl&#228;che und noch viel weniger taten es seine Anh&#228;ngerInnen &#8211; oder   vielmehr die, die gegen Ahmadinedschad eingestellt und mit dem System   unzufrieden sind. Medienberichte best&#228;tigten, dass in einigen   Wahlbezirken mehr Stimmen abgegeben worden waren als es W&#228;hlerInnen gab,   dass Wahllokale zu fr&#252;h geschlossen hatten usw. Statt der offiziellen 24   Million Stimmen sprach man von sieben Millionen f&#252;r Ahmadinedschad,   verglichen mit 13 Millionen f&#252;r Mussawi. Man geht davon aus, dass bei   Neuwahlen die W&#228;hlerInnen der abgeschlagenen beiden Kandidaten sehr   wahrscheinlich f&#252;r Mussawi stimmen w&#252;rden.<\/p>\n<h4>  Wut der Massen bricht sich Bahn<\/h4>\n<p>  Unmittelbar danach begannen die Proteste, die Ahmadinedschad h&#246;hnisch   mit Ausschreitungen nach einem Fu&#223;ballspiel verglich. Aber diese Protest   drehten sich nicht nur um die Wahlergebnisse. In ihnen brach sich die   Wut &#252;ber die Arbeitslosigkeit, Niedrigl&#246;hne, das Wohnungsproblem und das   Fehlen demokratischer Rechte Bahn. Hinzu kam die Hoffnung unter   AktivistInnen, es dem Regime heimzahlen zu k&#246;nnen. Die Demonstrationen   wurden gr&#246;&#223;er. Gewaltsame Angriffe der Basidsch-Milizen auf Motorr&#228;dern   und nachts gegen Studierende auf dem Universit&#228;tsgel&#228;nde, wobei es zu   Toten kam, verst&#228;rkten nur die Wut der Massen, was zu riesigen   Demonstrationen f&#252;hrte.<\/p>\n<p>  Auch die vom Staat ausgehende Gewalt als Reaktion darauf und die   Propaganda, wonach die USA hinter den Protesten stehen w&#252;rden, beendeten   diese nicht. Ayatollah Chamenei musste einen Teil-R&#252;ckzug antreten und   eine Neuausz&#228;hlung anordnen &#8211; wenn auch nur in ein paar Wahlkreisen und   durchgef&#252;hrt vom W&#228;chterrat. Trotzdem handelte es sich hierbei um einen   nie dagewesenen Akt. Dabei sollte allerdings niemand Illusionen hegen.   Schlie&#223;lich begannen Chamenei und das Regime gleichzeitig damit,   kritische Stimmen verhaften zu lassen und sich auf den Fall   vorzubereiten, das aus ihrer Sicht ein hartes Durchgreifen vonn&#246;ten wird.<\/p>\n<p>  Es handelt sich um eine massive und kraftvolle Massenbewegung. Wenn sie   ihre St&#228;rke und ihr Potenzial zu erkennen beginnt, dann k&#246;nnte dies das   Ende des Regimes bedeuten. Es gibt allerdings wesentliche Aspekte, die   eine solche Entwicklung aufhalten: das verwirrte Bewusstsein der Massen   und das Fehlen von unabh&#228;ngigen Arbeiterorganisationen. Die Massen   werden aus diesen historischen Geschehnissen lernen, aber wird die   Bewegung auch weit genug gehen? Wie weit werden die Massen gehen,   sollten Mussawi und Rafsandschani beispielsweise die Entscheidung   treffen, alle sollten statt weiter auf die Stra&#223;e wieder nach Hause   gehen?<\/p>\n<p>  Robert Fisk berichtete am 19. Juni in (der brit. Tageszeitung; Erg. d.   &#220;bers.) The Independent (London): &#8222;Zehntausende Anh&#228;ngerInnen Mussawis   zogen gestern Abend schwarz gekleidet durch die Stra&#223;en der Teheraner   Innenstadt&#8220;. Er zitierte einen Teilnehmer der Demonstration: &#8222;Wir d&#252;rfen   jetzt nicht aufh&#246;ren. Wenn wir jetzt aufh&#246;ren, dann werden sie uns   auffressen.&#8220; Wahrscheinlich ist diese k&#228;mpferische Stimmung typisch und   kann die Repression in eine Richtung zwingen. Derselbe Demoteilnehmer   setzte aber auch fort: &#8222;Das Beste wird sein, wenn die UNO oder eine   andere internationale Organisation die Neuwahlen beobachtet.&#8220; Eine   korrekte Schlussfolgerung w&#228;re gewesen zu sagen: &#8222;Aus solchen Illusionen   wird sich Unheilvolles entwickeln.&#8220;<\/p>\n<p>  Niemand im Iran sollte irgendeine Art von Vertrauen in die UNO oder eine   westliche herrschende Klasse entwickeln. Wenn Pr&#228;sident Obama sagt, er   sei besorgt, dann ist es der revolution&#228;re Charakter der Massen, der ihm   am meisten Sorgen bereitet. Obama hat klar gemacht, dass es ihm egal   ist, wer Pr&#228;sident im Iran ist, so lange dieser dazu bereit ist, auf die   USA zu h&#246;ren. Die &#8222;Reformer&#8220; haben bisher nicht mehr Offenheit gegen&#252;ber   dem Wei&#223;en Haus gezeigt als Ahmadinedschad. Diese gemischte Stimmung ist   auch in den &#8222;gr&#252;nen&#8220; Anti- Ahmadinedschad-Demonstrationen zu erkennen,   wo religi&#246;se Slogans gerufen werden.<\/p>\n<p>  Die Massenbewegung zeigt bereits Wirkung auf andere Schichten der   Gesellschaft. Einige Polizisten haben DemonstrantInnen gesch&#252;tzt und   wurden daraufhin als Helden gefeiert. Zeitungen wurden dazu gezwungen,   &#252;ber die Demonstrationen zu berichten. Universit&#228;tsprofessoren sind   aufgrund von verheerenden Schie&#223;ereien auf dem Universit&#228;tsgel&#228;nde von   ihren &#196;mtern zur&#252;ck getreten.<\/p>\n<p>  Chamenei droht nun mit verst&#228;rkter Repression. Wenn die Massenbewegung   aber auch in den n&#228;chsten Tagen anh&#228;lt, kann er gezwungen sein,   Ahmadinedschad fallen zu lassen und zu versuchen, mit dem   Rafsandschani-Lager einen Kompromiss auszuhandeln. Die Spaltung   innerhalb der herrschenden Klasse ist ein Zeichen der revolution&#228;ren   Krise und die Herrschenden werden zu k&#228;mpfen haben, diese zu &#252;berstehen.   Mussawi ist keine echte Alternative, aber er hat etwas ausgel&#246;st. Er hat   seinen Teil getan, um Chamenei und der islamischen Republik gegen&#252;ber   seine Loyalit&#228;t zu erkl&#228;ren, gleichzeitig hat er sich als   Oppositionsf&#252;hrer nach vorne gebracht.<\/p>\n<h4>  Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>  Die dringendste Aufgabe besteht darin, unabh&#228;ngige Strukturen der   Arbeiterklasse im gro&#223;en Stil aufzubauen. Diese m&#252;ssen unabh&#228;ngig vom   Staat, von Religion, den Kapitalisten, Liberalen etc. sein, sie m&#252;ssen   den Weg bereiten f&#252;r Komitees am Arbeitsplatz und in den Wohnvierteln.   Wie die Shuras w&#228;hrend der Revolution von 1979 sollten sich Arbeiterr&#228;te   sowohl der Aufgabe der Selbstverteidigung als auch der Aus&#252;bung der   Kontrolle &#252;ber Produktion und die Wirtschaft durch die Arbeiterschaft   selbst widmen. Im Gegensatz zu 1979 m&#252;ssen sie aber stadt- und   landesweit koordiniert werden.<\/p>\n<p>  Einige Arbeiterorganisationen bestehen bereits, wie etwa die   Gewerkschaft der Busfahrer, die richtiger Weise keinen der Kandidaten   bei den Wahlen unterst&#252;tzt hat. S&#228;mtliche Kandidaten waren auf die ein   oder andere Art nur religi&#246;s-kapitalistische Kandidaten. Niemand von   ihnen treibt irgendeine Art von Politik voran, die die Arbeitslosigkeit   von 20 Prozent (offizielle Zahlen sprechen von 12,5 Prozent) und eine   Inflation von 30 Prozent (offiziell 25 Prozent) beheben kann.<\/p>\n<p>  Arbeiterorganisationen m&#252;ssen jetzt an die Spitze des Massenwiderstands   treten, indem sie Gewerkschaften sowie breit angelegte   Selbstverteidigungskomitees schaffen und unter den Studierenden und   anderen AktivistInnen aus den st&#228;dtischen armen Schichten Unterst&#252;tzung   erlangen. Allem voran braucht der Iran eine unmissverst&#228;ndlich   sozialistische Partei. Sogenannte bunte Revolutionen in anderen L&#228;ndern   haben in den letzten Jahren gezeigt, dass es durchaus m&#246;glich ist,   Regierungen zu Fall zu bringen. Nachdem dies geschah, haben die neuen   prokapitalistischen Regime die Lebensbedingungen von ArbeiterInnen aber   nicht grundlegend ver&#228;ndert. Das ist auch die Lehre aus den gro&#223;en   Revolutionen in Europa im Jahre 1848, die von Marx und Engels eingehend   verfolgt wurden. Daraus resultierte ihr beharrliches Insistieren darauf,   dass die Arbeiterklasse sich unabh&#228;ngig organisieren muss.<\/p>\n<p>  Massenbewegungen sind nicht unerm&#252;dlich. Sie k&#228;mpfen so lange, wie sie   glauben, dass der Kampf auch zu Ergebnissen f&#252;hren kann und wird. Der   Kampf f&#252;r demokratische Rechte muss verkn&#252;pft werden mit dem Kampf um   politische und wirtschaftliche Befreiung. Die kapitalistischen Mullahs   m&#252;ssen gest&#252;rzt und ihr Verm&#246;gen muss konfisziert werden. Nur eine   demokratisch kontrollierte Wirtschaft, ein demokratischer und   sozialistischer Plan kann f&#252;r Bildung, Arbeitspl&#228;tze und einen   Mindestlohn sorgen. Irans Arbeiterklasse hat eine starke Tradition, die   bis auf die Revolution von 1906 und 1911 zur&#252;ck reicht, aber vor allem   auf die Revolution von 1979. Es war die Streikbewegung der ArbeiterInnen   &#8211; viel mehr noch als nur die Demonstrationen in den St&#228;dten &#8211; die den   festen Staatsapparat des Shah zu Fall brachte. Die wichtigste Lehre aus   dieser Revolution, die f&#246;rmlich im eigenen Blut stehend gemacht wurde,   ist die, dass man eine revolution&#228;r-sozialistische Arbeiterpartei der   Massen braucht, um die Islamisten politisch wie auch milit&#228;risch   entwaffnen zu k&#246;nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Spaltungen innerhalb der herrschenden islamistisch-kapitalistischen<br \/>\n      Klasse\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37,40],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13250"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13250"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13250\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13250"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13250"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13250"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}