{"id":13244,"date":"2009-06-30T00:00:00","date_gmt":"2009-06-29T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13244"},"modified":"2012-05-15T15:11:49","modified_gmt":"2012-05-15T13:11:49","slug":"13244","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/06\/13244\/","title":{"rendered":"Dringend n&#246;tiger Kurswechsel blieb aus"},"content":{"rendered":"<p>  Bundestagswahlparteitag der LINKEN<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Bundesspitze der LINKEN verfolgte beim Parteitag am 20.\/21.Juni   vor allem ein Ziel: die Geschlossenheit der Partei zu demonstrieren.   Dieses Ziel wurde voll erreicht. Doch zu welchem Preis?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von C. Fl&#246;ter, Kassel<\/i><\/h4>\n<p>  Stell dir vor, die Linkspartei h&#228;tte in den letzten Monaten jeden   Auftritt in Talkshows oder im Bundestag genutzt, um offensiv f&#252;r die   Enteignung von Betrieben, die entlassen, einzutreten und eine deutliche   Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich zu fordern.   Stell dir vor, die Partei h&#228;tte ihre 80.000 Mitglieder mobilisiert,   tagein tagaus f&#252;r diese Forderungen zu plakatieren und massenhaft   Flugbl&#228;tter zu verteilen. Stell dir vor, LINKEN-Abgeordnete und   Anh&#228;ngerInnen w&#228;ren st&#228;ndig vor die Werkstore von Mahle, Opel, EDS,   Continental oder Federal Mogul gezogen, h&#228;tten Solidarit&#228;tskomitees   initiiert und Proteste mit organisiert.<\/p>\n<p>  Auf diese Weise h&#228;tte DIE LINKE sich sowohl inhaltlich als auch im   Auftreten glasklar von den etablierten Parteien unterschieden. So w&#228;ren   statt der d&#252;rftigen 7,5 Prozent bei den Europawahlen die vor 18 Monaten   in Umfragen noch erreichten 14 Prozent drin gewesen, die Partei h&#228;tte   sich weiter verankern und Tausende von Neumitgliedern gewinnen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Der Bundesparteitag war eine Chance, einen solchen Kurswechsel   einzuleiten. Leider wurde diese Chance nicht genutzt. &#220;berhaupt spielten   K&#228;mpfe wie bei Arcandor, den Kitas oder bei Mahle kaum eine Rolle.<\/p>\n<h4>  Was ist realistisch?<\/h4>\n<p>  Die Parteitagsdelegierten diskutierten am vorletzten Juni-Wochenende   &#252;ber den Programmentwurf f&#252;r die Bundestagswahl. Im Vorfeld hatten   Parteirechte viel Wind gemacht. So lagen von 30 Ostpolitikern Antr&#228;ge   vor, den Hartz-IV-Regelsatz nur auf 435 Euro zu erh&#246;hen, lediglich acht   Euro Mindestlohn zu fordern und f&#252;r ein Investitionsprogramm von 50   statt 100 Milliarden Euro einzutreten. Daf&#252;r wurden zwar reihenweise   Redebeitr&#228;ge gehalten, die Antr&#228;ge dann aber nicht zur Abstimmung   gestellt. Zur Beruhigung der &#8222;Reformerseele&#8220; wurde jedoch beschlossen,   dass die Forderungen nach 500 Euro Regelsatz und zehn Euro Mindestlohn   erst &#8222;im Laufe der kommenden Legislaturperiode&#8220; umgesetzt werden sollen.   Bodo Ramelow, Spitzenkandidat bei der th&#252;ringischen Landtagswahl, nannte   das dann die &#8222;Vision&#8220;, die man als Linker haben m&#252;sse. Damit k&#246;nnen auch   die Rechten um das &#8222;Forum demokratischer Sozialismus&#8220; gut leben.<\/p>\n<p>  Das h&#228;ufigste Argument, um linke &#196;nderungsantr&#228;ge vom Tisch zu fegen,   war die fehlende &#8222;Realisierbarkeit&#8220;. So wurde auch eine radikale   Arbeitszeitverk&#252;rzung und die Senkung des Rentenalters auf 60 Jahre (was   noch Teil des Wahlprogramms 2005 war!) abgelehnt. Aber wie will DIE   LINKE ohne Forderung nach radikaler Arbeitszeitverk&#252;rzung zum Beispiel   Antworten auf die steigenden Arbeitslosenzahlen geben? Hier h&#246;ren die   &#8222;Visionen&#8220; von Ramelow und Co. offensichtlich auf.<\/p>\n<h4>  Verstaatlichung versus Beteiligung<\/h4>\n<p>  Eine zentrale Frage, der sich DIE LINKE angesichts der Krise stellen   muss, ist die nach Verstaatlichung der Konzerne. Zur Krise in der   Autoindustrie blieb die Linkspartei in den vergangenen Monaten konkrete   Antworten schuldig. Vor dem Hintergrund 40-prozentiger &#220;berkapazit&#228;ten   ist in dieser Branche auf kapitalistischer Basis ein Hauen und Stechen   angesagt, bei dem ganze Konzerne, Werke und Belegschaften auf der   Strecke bleiben werden. Statt der Verstaatlichung fordert die   LINKEN-Spitze aber lediglich eine Mitarbeiterbeteiligung und mehr   Mitbestimmung. Dass die Mitarbeiterbeteiligung nun auch aus den Reihen   der Bundesregierung geteilt wird, sollte der LINKEN-Spitze eigentlich zu   denken geben&#8230; Mitarbeiterbeteiligung in krisengesch&#252;ttelten Branchen   f&#252;hrt schnell zu einer Beteiligung an den Verlusten. Eine   Verstaatlichung der Autoindustrie unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung durch die arbeitende Bev&#246;lkerung w&#252;rde hingegen die   Verf&#252;gungsgewalt aus der Unternehmerhand nehmen. Doch entsprechende   Antr&#228;ge wurden vom Parteitag mehrheitlich abgelehnt.<\/p>\n<p>  Oskar Lafontaine nutzte das Wochenende, um seine Forderung nach   Mitarbeiterbeteiligung absichern zu lassen. Die Auseinandersetzung um   Mitarbeiterbeteiligung und Verstaatlichung werden zentrale Fragen f&#252;r   DIE LINKE bleiben. Die Diskussion hierzu wurde wie vieles auf die   anstehende Debatte zum Grundsatzprogramm der LINKEN verschoben. Damit   ist die Diskussion zwar nicht aufgehoben, aber f&#252;r die jetzt brennenden   Fragen bei Opel beispielsweise bleibt die Parteispitze die n&#246;tigen   Antworten schuldig.<\/p>\n<h4>  Regierungsbeteiligung<\/h4>\n<p>  Hinter der Positionierung der Parteif&#252;hrung steht die Hoffnung, sich   nach den kommenden Landtagswahlen auch im Saarland, in Th&#252;ringen und   eventuell in Sachsen an Regierungen mit SPD beziehungsweise Gr&#252;nen   beteiligen zu d&#252;rfen.<\/p>\n<p>  Es war kein Zufall, dass der Parteitag in Berlin stattfand. Klaus   Lederer, Vorsitzender der LINKEN Berlin, hielt die Begr&#252;&#223;ungsrede.   Harald Wolf, Wirtschaftssenator im SPD\/LINKE-Senat, folgte mit einem   Gru&#223;wort, in dem er die Berliner Regierungsbeteiligung als positives   Beispiel lobte.<\/p>\n<p>  Oskar Lafontaine erkl&#228;rte in seiner Rede, dass eine Regierung im Bund   nicht an der LINKEN scheitern w&#252;rde. Die Agenda-2010-Parteien SPD und   Gr&#252;ne werden jedoch genauso wie CDU und FDP Sozialk&#252;rzungen   vorantreiben. Aufgabe der LINKEN ist es nicht, den Sozialr&#228;ubern den Weg   zu ebnen, sondern konsequenten Widerstand zu organisieren.<\/p>\n<h4>  Parlamentarismus<\/h4>\n<p>  Genau davon, wie DIE LINKE Widerstand und Gegenwehr gegen die Krise   aufbauen kann, war jedoch kaum die Rede. Der Parteitag h&#228;tte genutzt   werden m&#252;ssen, um zu diskutieren, wie DIE LINKE k&#228;mpfende Belegschaften   unterst&#252;tzen kann und was die n&#228;chsten Schritte im Widerstand gegen die   drohende Agenda 2020 sein k&#246;nnten. Das sind Diskussionen, die viele   Mitglieder an der Basis gerade f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Die Ausrichtung des bei sieben Gegenstimmen und vier Enthaltungen   abgesegneten Programms ist jedoch leider weitgehend auf die Durchsetzung   von Forderungen in den Parlamenten fixiert. SAV-Mitglieder hatten dazu   gemeinsam mit anderen &#252;ber den Kreisverband G&#246;ttingen einen   &#196;nderungsantrag eingebracht, der jedoch abgelehnt wurde: &#8222;Der Politik-   und Systemwechsel, der n&#246;tig ist, erfordert Entschlossenheit und Mut. Es   wird nur m&#246;glich sein, wenn es zu massenhaften Bewegungen und   Selbstaktivit&#228;t der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten, Erwerbslosen, sozial   Benachteiligten und der Jugend kommt. F&#252;r DIE LINKE ist parlamentarische   Arbeit dieser Selbstaktivit&#228;t und der Selbstorganisation von Millionen   untergeordnet.&#8220;<\/p>\n<h4>  Schw&#228;che der Parteilinken<\/h4>\n<p>  Die Zusammensetzung des Parteitags ist zu einem gro&#223;en Teil von   Funktionstr&#228;gern und Hauptamtlichen gepr&#228;gt und spiegelt damit nur   verzerrt die Diskussionen an der Basis, vor allem in den westdeutschen   Landesverb&#228;nden, wider.<\/p>\n<p>  Vom rebellischen und dynamischen Geist, der bei WASG-Parteitagen sp&#252;rbar   war, ist bei LINKE-Parteitagen nicht viel &#252;brig geblieben. Dazu tr&#228;gt   auch bei, dass linkere Kr&#228;fte auf dem Bundesparteitag sehr defensiv   auftraten. So schreckten nicht wenige davor zur&#252;ck, weitergehenden   Antr&#228;gen zuzustimmen. Begr&#252;ndet wurde das mit der Sorge, dadurch den   Konsens um den Programmentwurf zu gef&#228;hrden. Abgesehen davon, dass   zentrale Positionen, wie nach der Verstaatlichung von Konzernen,   drastischer Arbeitszeitverk&#252;rzung und einer klaren Orientierung auf   betriebliche und soziale K&#228;mpfe im Programm fehlen, entsteht so auch   keine lebendige Diskussionskultur um die besten Ideen.<\/p>\n<h4>  Aussichten<\/h4>\n<p>  Trotz aller M&#228;ngel ist DIE LINKE mit dem beschlossenen Programm die   einzige im Bundestag vertretene Partei, die ein Investitionsprogramm zur   Schaffung von zwei Millionen Arbeitspl&#228;tzen fordert und die Beteiligung   an allen Kriegseins&#228;tzen, auch unter UN-Mandat, ablehnt.<\/p>\n<p>  Zwar blieb die Partei bei der Unterst&#252;tzung von Arbeitsk&#228;mpfen oder dem   Bildungsstreik weit unter ihren M&#246;glichkeiten. Dennoch stehen die   eigentlichen Tests im Zuge erbitterter Streiks und kommender   Gro&#223;proteste erst noch bevor.<\/p>\n<p>  So wie DIE LINKE jetzt aufgestellt ist, muss aber ein Fragezeichen   gemacht werden, ob das selbstgesteckte Ziel von zehn Prozent bei der   Bundestagswahl erreicht wird. Vielleicht k&#246;nnen die eigentlich   unsozialen Gr&#252;nen &#8211; wegen dem schwachen Profil der LINKEN als   k&#228;mpferische Opposition &#8211; wie bei den Kommunalwahlen in   Baden-W&#252;rttemberg erneut punkten. Denkbar ist auch, dass die   Piraten-Partei weitere Jugendliche anspricht und ihr Ergebnis von 0,9   Prozent bei der Europawahl am 27. September mehr als verdoppelt.<\/p>\n<p>  MarxistInnen in der LINKEN und bei Linksjugend [&#8216;solid] werden sich   jeden-falls weiterhin daf&#252;r stark machen, dass endlich ein k&#228;mpferischer   und sozialistischer Kurs eingeleitet wird. Mit dem Ziel, eine Partei   aufzubauen, die im Parlament, aber vor allem auf der Stra&#223;e und auf der   betrieblichen Ebene den Widerstand politisch st&#228;rkt und voran treibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bundestagswahlparteitag der LINKEN\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[216],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13244"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13244"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13244\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}