{"id":13211,"date":"2009-07-05T00:00:00","date_gmt":"2009-07-04T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13211"},"modified":"2012-07-18T14:44:29","modified_gmt":"2012-07-18T12:44:29","slug":"13211","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/07\/13211\/","title":{"rendered":"Kunst und Revolution"},"content":{"rendered":"<p>  Diskussion auf den Sozialismustagen 2009<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Auf den diesj&#228;hrigen Sozialismus-Tagen stand zum ersten Mal das Thema   &#8222;Kunst und Revolution&#8220; auf der Tagesordnung. Alle 30 TeilnehmerInnen des   Workshops waren sich einig, dass diese Diskussion nur ein   vielversprechender Auftakt f&#252;r weitere Debatten darstellen konnte. Aron   Amm hielt bei diesem Arbeitskreis das Schlusswort, das hier in einer   &#252;berarbeiteten Fassung ver&#246;ffentlicht wird.<\/p>\n<h4>  Kunst und Revolution<\/h4>\n<p>  Die Auseinandersetzung mit kulturellen Fragen ist f&#252;r MarxistInnen mehr   als nur die Besch&#228;ftigung mit einer der sch&#246;nsten Nebensachen der Welt.   Warum?<\/p>\n<p>  Zun&#228;chst l&#228;sst sich &#252;ber die Kunst ein tieferes Verst&#228;ndnis   gesellschaftlicher Beziehungen und Stimmungen erreichen. Die Behandlung   k&#252;nstlerischer Fragen hilft, Bewusstseinsprozesse zu begreifen und zu   erahnen, in welche Richtung verschiedene Teile der Gesellschaft streben.<\/p>\n<p>  Dar&#252;ber hinaus erm&#246;glicht die Auseinandersetzung mit Form und Inhalt von   Kunstwerken, ein St&#252;ck weit auf Gedanken und Meinungen einzuwirken und   auch auf diesem Weg dazu beizutragen, das Bewusstsein von ArbeiterInnen   und kleinb&#252;rgerlichen Kr&#228;ften zu heben.<\/p>\n<p>  Zudem k&#246;nnen &#8211; &#252;ber Kontakte zu K&#252;nstlerInnen und einem offenen,   lebendigen Dialog &#8211; auch mittels der Kraft literarischer Texte,   musikalischen Schaffens oder der Malerei antikapitalistische und   sozialistische Ideen gest&#228;rkt werden.<\/p>\n<p>  Schon als die sozialistische Bewegung noch in ihren Kinderschuhen   steckte, wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, der Arbeiterklasse   nicht nur den Zugang zu Bildung, sondern auch zu Kunst zu verschaffen.   Als die Sozialdemokratie in der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts zu   einer Massenkraft wurde, sahen viele AktivistInnen darin eine relevante   Aufgabe. So wurden in Deutschland nicht nur Arbeiterbildungsvereine ins   Leben gerufen, sondern zum Beispiel 1890 auch der Verein &#8222;Freie   Volksb&#252;hne&#8220; gegr&#252;ndet.<\/p>\n<p>  In ihrem Brief an Franz Mehring, einem herausragenden marxistischen   Historiker und Kulturkritiker in den Reihen der SPD und sp&#228;ter des   Spartakusbundes (sowie Leiter der &#8222;Freien Volksb&#252;hne&#8220; 1892 bis 1895),   schrieb Rosa Luxemburg: &#8222;Durch ihre B&#252;cher haben sie das Proletariat   nicht blo&#223; mit der klassischen Philosophie, sondern auch mit der   klassischen Dichtung, nicht nur mit Kant und Hegel, sondern auch mit   Lessing, Schiller und Goethe durch unzerrei&#223;bare Bande verkn&#252;pft. Sie   lehrten unsere Arbeiter durch jede Zeile ihrer wunderbaren Feder, dass   der Sozialismus nicht eine Messer- und Gabel-Frage, sondern eine   Kulturbewegung, eine gro&#223;e und stolze Weltanschauung sei.&#8220;<\/p>\n<p>  Nicht nur beim Aufbau einer Bewegung, die den Kapitalismus aus den   Angeln heben will, sondern auch &#8211; nach der erfolgreichen Russischen   Revolution 1917 &#8211; bei den Bem&#252;hungen um eine Arbeiterdemokratie, hatten   Kunst und, breiter gefasst, Kultur, f&#252;r revolution&#228;re SozialistInnen   einen hohen Stellenwert. So rief Leo Trotzki 1923 aus: &#8222;Wir brauchen   Kultur in der Arbeit, Kultur im Leben, Kultur im Alltagsleben.&#8220;<\/p>\n<h4>  Kunst und revolution&#228;rer Kampf<\/h4>\n<p>  Was ist Kunst &#252;berhaupt? Ernst Fischer, der in der &#246;sterreichischen   Arbeiterbewegung aktiv war, konstatierte treffend: &#8222;In der Kunst streben   Menschen nach einem umfassenden, vollst&#228;ndigen Leben.&#8220; In diesem Sinn   enth&#228;lt jedes aufrichtige und wahrhaftige Kunstwerk ein revolution&#228;res   Element. Es bringt in der Sprache von Poesie, Pinselstrichen oder   Musikakkorden die Unzufriedenheit mit dem Status Quo zum Ausdruck.<\/p>\n<p>  &#8222;Wie die Wissenschaft erkennt auch die Kunst das Leben. Kunst und   Wissenschaft haben das selbe Thema: das Leben, die Wirklichkeit. Aber   die Wissenschaft analysiert, die Kunst synthetisiert: die Wissenschaft   ist abstrakt, die Kunst ist konkret; die Wissenschaft wendet sich an den   Kopf des Menschen, die Kunst an seine Sinne&#8220; (Alexander Woronski in &#8222;Die   Kunst als Erkenntnis des Lebens&#8220;).<\/p>\n<p>  Das was Kunst ausmacht, wird sofort offensichtlich, wenn man sich nur   f&#252;r einen Augenblick eine Welt frei von Kunst vorzustellen versucht &#8211;   eine Welt ohne Tanz, Musik, Farbe, Fantasie.<\/p>\n<p>  &#8222;Der Mensch lebt nicht vom Brot allein&#8220;, hei&#223;t es in der Bibel.   US-amerikanische Textilarbeiterinnen brachten 1912 in einem Streik in   Massachussetts die Losung vor: &#8222;Wir wollen Brot, aber Rosen wollen wir   auch!&#8220;<\/p>\n<p>  Trotzki nahm in seinem Artikel &#8222;Der Mensch lebt nicht von Politik   allein&#8220; Bezug darauf. In diesem und in anderen Artikeln aus den Jahren   1922 und 1923, die sich in &#8222;Literatur und Revolution&#8220; beziehungsweise   &#8222;Fragen des Alltagslebens&#8220; finden, handelt es sich keineswegs um   Abschweifungen des neben Wladimir Lenin f&#252;hrenden Kopfes der Revolution   und damaligen Begr&#252;nders der Roten Armee. Im Gegenteil. Das Feld der   Kunst war f&#252;r Trotzki von gro&#223;er Bedeutung, als er den Kampf gegen   B&#252;rokratisierung und Stalinisierung der Sowjetunion aufnahm. Er   widersetzte sich den Bestrebungen, mittels der Ausrichtung auf eine   &#8222;Proletarische Kultur&#8220; und sp&#228;ter auf einen &#8222;Sozialistischen Realismus&#8220;   k&#252;nstlerisches Engagement und Experimentierfreude in Schranken zu weisen   und auf einen angeblichen unmittelbaren Bedarf der Sowjetgesellschaft   reduzieren zu wollen. Trotzki emp&#246;rte sich dar&#252;ber, K&#252;nstlerInnen   bestimmte Einstellungen und Ausdrucksweisen aufzuzwingen und warnte   davor, auf diesem Weg &#8222;Konzentrationslager f&#252;r das gestaltete Wort&#8220; zu   schaffen.<\/p>\n<p>  Im Zuge der Stalinisierung fand Mitte der zwanziger Jahre eine   politische Konterrevolution statt, die zur Folge hatte, dass b&#252;rgerliche   Vorstellungs- und Verhaltensweisen in der Gesellschaft (ob Frauenbild,   ob Haltung zur Familie zum Beispiel) und nicht zuletzt in der Kunst eine   Renaissance erfuhren. Als sich die Linke Opposition unter Trotzki Ende   der zwanziger Jahre formierte und in den Drei&#223;igern weitere   Anh&#228;ngerInnen suchte, bek&#228;mpften sie den Stalinismus auch auf der Ebene   von Kunst und Kultur. Dabei beschr&#228;nkten sie das nicht auf eine   Auseinandersetzung mit k&#252;nstlerischen Fragen. Sie nahmen auch   Anstrengungen auf sich, zu K&#252;nstlerInnen Kontakt zu kn&#252;pfen   beziehungsweise einige, wie die Maler Frida Kahlo und Diego Riviera   beispielsweise, dem Einfluss der Stalinisten zu entziehen. Gemeinsam mit   dem surrealistischen Schriftsteller Andre Breton (aus dessen Feder der   Roman &#8222;Nadja&#8220; stammt) entwarf Leo Trotzki 1938 das &#8222;Manifest f&#252;r eine   unabh&#228;ngige, revolution&#228;re Kunst&#8220;.<\/p>\n<p>  MarxistInnen lehnen das Streben nach einer proletarischen Kultur, nicht   nur im Anschluss an eine erfolgreiche sozialistische Umw&#228;lzung, sondern   auch im Kapitalismus ab. Neben Trotzki geh&#246;rte zum Beispiel auch   Luxemburg zu denjenigen, die den Ansatz kritisierte, seitens der   Arbeiterbewegung eine umfassende eigenst&#228;ndige Kultur verwirklichen zu   wollen. W&#228;hrend die &#220;berg&#228;nge von einer Gesellschaftsordnung zu einer   anderen in der bisherigen Menschheitsgeschichte damit einhergingen, dass   eine Minderheit der Gesellschaft eine andere als herrschende Klasse   abl&#246;ste (wenn es nicht zum kompletten Zusammenbruch kam), zeichnet sich   die sozialistische Revolution dadurch aus, dass zum ersten Mal die   Bev&#246;lkerungsmehrheit die Macht erobert. Im Feudalismus gelang es der   aufstrebenden Bourgeoisie, die kapitalistische Produktion noch vor dem   Sturz der Feudalherrschaft durchzusetzen. Auch eine b&#252;rgerliche Kultur   gelangte bereits am Ende des Mittelalters zur Bl&#252;te. Der b&#252;rgerlichen   Revolution kam vor allem die Aufgabe zu, die neuen Wirtschafts- und   Gesellschaftsverh&#228;ltnisse mit den neuen Herrschaftsverh&#228;ltnissen in   Einklang zu bringen. Demgegen&#252;ber &#8211; so die Quintessenz von Rosa   Luxemburg und anderen &#8211; wird die Arbeiterklasse sich erst durch den   revolution&#228;ren Umsturz von Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung befreien k&#246;nnen.   Demzufolge k&#246;nnen in den Reihen der Arbeiterbewegung zwar durchaus   eigenst&#228;ndige k&#252;nstlerische Werke geschaffen werden, die gegen   b&#252;rgerliche Kunstvorstellungen rebellieren und neue Wege einschlagen.   Die Schaffung einer proletarischen Kultur in einer Dimension, wie das   f&#252;r die b&#252;rgerliche Kultur am Ende der Feudalzeit galt, wird sich jedoch   nicht realisieren lassen.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Proletkult&#8220;-Bewegung (unter Wladimir Majakowski und anderen) in den   russischen Revolutionsjahren beinhaltete viel Begeisterndes und   Progressives. Die Zielvorgabe der Sowjetb&#252;rokratie von Mitte der   zwanziger Jahre an, eine proletarische Kultur zu schaffen, wurde von der   Linken Opposition aber zu Recht attackiert. Nat&#252;rlich musste der alte   Staatsapparat zun&#228;chst durch einen neuen, proletarischen Staat ersetzt   werden &#8211; der die Interessen der neuen herrschenden Klasse, der   Arbeiterklasse, gegen die Anspr&#252;che der alten Kapitalistenklasse (und   den russischen Feudalherren) verteidigte. Ziel konnte es jedoch nicht   sein, eine lange andauernde Klassenherrschaft zu erstreben und den   Arbeiterstaat immer weiter auf- und auszubauen. Vielmehr hatte die   sozialistische Bewegung sich auf die Fahnen geschrieben, den Sturz des   Kapitalismus international zu erk&#228;mpfen und schnellstm&#246;glich die Weichen   f&#252;r eine klassenlose Gesellschaft &#8211; und damit f&#252;r ein &#8222;Absterben&#8220; des   Arbeiterstaates (wie Karl Marx und Friedrich Engels es formuliert   hatten) &#8211; zu stellen. Indem Stalin 1924 (nach dem Tode Lenins) die   &#8222;Theorie vom Sozialismus in einem Land&#8220; konstruierte, wandte er sich vom   revolution&#228;ren Internationalismus ab. Seine Forderung nach einer   &#8222;proletarischen Kultur&#8220; &#8211; die von der Verfolgung, bis hin zur Ermordung   zahlreicher Sowjetk&#252;nstler begleitet war &#8211; erg&#228;nzte Stalins Abkehr von   den Ideen des Marxismus.<\/p>\n<h4>  Rolle der Kunst f&#252;r die heutige Protestbewegung<\/h4>\n<p>  Mittlerweile wird selbst unter b&#252;rgerlichen &#214;konomen kaum noch   bezweifelt, dass es sich bei der gegenw&#228;rtigen Krise des Kapitalismus um   die tiefste Krise seit den drei&#223;iger Jahren handelt. Die neue Periode,   die mit dem Platzen der Spekulationsblase im Immobiliensektor und an den   B&#246;rsen sowie der beginnenden Rezession eingeleitet wurde, wird davon   gekennzeichnet sein, dass sich ein antikapitalistisches Bewusstsein   herausbildet. Schon heute w&#228;chst die Offenheit f&#252;r marxistische Ideen.   Allerdings war das politische Bewusstsein in der Arbeiterbewegung nach   dem Zusammenbruch des Stalinismus und im Zuge des Rechtsrucks an der   Spitze der Arbeiterorganisationen stark zur&#252;ckgeworfen worden. Aus   diesem Grund ist die Kluft zwischen der objektiven Lage und dem   derzeitigen Bewusstseinsstand &#8211; auch wenn sich das perspektivisch &#228;ndern   wird &#8211; so gro&#223; wie nie zuvor.<\/p>\n<p>  Zentrale Aufgabe von MarxistInnen ist es heute, in die jetzt   einsetzenden K&#228;mpfe einzugreifen. Au&#223;erdem gilt es, marxistische   Antworten zu geben, sozialistische Ideen zu verbreiten und alles daran   zu setzen, das Bewusstsein von ArbeiterInnen und Jugendlichen zu heben.   Dabei kann (wie eingangs erw&#228;hnt) auch die Auseinandersetzung mit dem,   was sich in der Kunstszene abspielt, und die Unterst&#252;tzung progressiver   Tendenzen einen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>  Lenin hat oft betont, dass die Herrschenden bei der Verteidigung ihrer   Macht nicht nur auf die &#8222;besonderen Formationen bewaffneter Menschen&#8220;   (Engels) zur&#252;ckgreifen, sondern stark auf Medien und Kultur setzen, um   Meinungsmache zu betreiben. Um ihr System aufrecht zu erhalten, sind die   B&#252;rgerlichen darauf erpicht, K&#246;pfe und Herzen zu kontrollieren und   suggestiv f&#252;r die heutigen Herrschaftsverh&#228;ltnisse zu werben. Eine   kritische Betrachtung des Kulturgeschehens hilft, gegen diese   Intentionen anzugehen. Eine Kunst, die sich nicht mit den bestehenden   Verh&#228;ltnissen abfindet, die Fragen stellt, die Unruhe verbreitet, kann   einiges dazu tun, die herrschende Meinungsmache zu unterminieren.<\/p>\n<h4>  Verh&#228;ltnis von MarxistInnen zu K&#252;nstlerInnen<\/h4>\n<p>  SozialistInnen und ArbeiterInnen, die darauf aus sind, mittels der Kunst   ihren Horizont zu erweitern, k&#246;nnen und d&#252;rfen sich nicht auf eine   Handvoll K&#252;nstlerInnen mit einem erwiesenerma&#223;en antikapitalistischen   Standpunkt beschr&#228;nken. Anders ausgedr&#252;ckt: Macht man sein Interesse an   einem Maler oder Musiker allein oder vorwiegend davon abh&#228;ngig, wo   dieser politisch steht, wird man nicht tief eindringen in k&#252;nstlerisches   Wirken. Auch heute noch ist der Rat von Luxemburg hilfreich, den sie in   ihrer Einleitung zu Wladimir Korolenkos &#8222;Geschichte meines Zeitgenossen&#8220;   gegeben hat: &#8222;Doch beim wahren K&#252;nstler ist das soziale Rezept, das er   empfiehlt, Nebensache: die Quelle seiner Kunst, ihr belebender Geist   nicht das Ziel, das er sich bewusst steckt, ist das Ausschlaggebende.&#8220;<\/p>\n<p>  Es w&#228;re dumm, K&#252;nstlerInnen ausschlie&#223;lich nach ihren politischen   Positionen zu bewerten. Und es w&#228;re ignorant, um konservative   K&#252;nstlerInnen per se einen Bogen zu machen. So hatte Karl Marx gute   Gr&#252;nde daf&#252;r, Honore de Balzac zu lesen, obwohl dieser ein Anh&#228;nger der   Monarchie war. Marx hob darauf ab, dass das damalige franz&#246;sische Leben   nirgendwo sonst so eindringlich eingefangen wurde wie in den Zeilen des   Autors der &#8222;Menschlichen Kom&#246;die&#8220;.<\/p>\n<p>  Auch heute sind die Schriften eines Thomas Manns oder eines Fjodor   Dostojewskis reich an Ideen &#252;ber die menschliche Psyche und   gesellschaftliche Konflikte. Trotzdem ist es nicht ratsam, die Lekt&#252;re   auf &#8222;Klassiker&#8220; zu beschr&#228;nken. F&#252;r Lenin war die Kunst immer ein   &#8222;Spiegel der Zeit&#8220;. Dementsprechend sollte man unbedingt auch dem   aktuellen k&#252;nstlerischen Schaffen nachgehen und darauf aus sein, auf   diesem Weg neue Stimmungen und Gedanken aufzusp&#252;ren.<\/p>\n<p>  Kunst ist keine Geschmackssache! Das Verst&#228;ndnis f&#252;r bestimmte Werke   erschlie&#223;t sich aus dem historischen Kontext. Zudem sind es bestimmte   Inhalte, aber auch Formen (in der Gestaltung, im Ausdruck), die einen   ber&#252;hren, bewegen, beeinflussen k&#246;nnen. Will man Kunst bewerten, dann   muss man sie &#8222;nach den Regeln der Kunst bewerten&#8220; (Trotzki).<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich wird ein Portr&#228;t von Henri Matisse, eine Fotografie von Tina   Modotti oder eine Intepretation von Billie Holiday nicht bei jedem das   gleiche ausl&#246;sen. Die subjektive Rezeption h&#228;ngt von eigenen   Erfahrungen, Erlebnissen, Einstellungen ab. Und das kann auch gar nicht   anders sein.<\/p>\n<h4>  Was sich heute in der Kunst tut<\/h4>\n<p>  In aller Regel geht der Bruch gesellschaftlicher Kontinuit&#228;t mit einer   G&#228;rung unter Intellektuellen, unter K&#252;nstlerInnen einher. Mehr noch.   Nicht selten wird in einzelnen Kunstwerken wie in einem Mikrokosmos   bereits angedeutet, was sich gerade makrogesellschaftlich anbahnt; immer   wieder werden von K&#252;nstlerInnen Entwicklungen und Ereignisse   vorweggenommen.<\/p>\n<p>  In der Filmkunst beispielsweise lassen sich drei Schaffensperioden   ausmachen, in denen Wegweisendes passierte. In allen drei F&#228;llen stand   das im Zusammenhang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen   Ersch&#252;tterungen. Das galt f&#252;r die Zeit nach der Russischen Revolution,   als in den Streifen von Sergej Eisenstein und anderen die Filmkunst   revolutioniert wurde &#8211; zum Beispiel die Montage, die Schnitttechnik und   die Themenauswahl (in Filmen wie &#8222;Streik&#8220; oder &#8222;Panzerkreuzer   Potemkin&#8220;). Das galt f&#252;r die vierziger Jahre, in der es weltweit zu   einer revolution&#228;ren Welle kam, deren Ausma&#223; sogar das Geschehen in der   Zeit nach dem I. Weltkrieg &#252;bertraf: in dieser Periode entstand   beispielsweise der Neorealismus, zun&#228;chst in Italien mit Filmen wie   &#8222;Ossessione&#8220; von Luchino Visconti, &#8222;Rom, offene Stadt&#8220; von Roberto   Rossellini und &#8222;Fahrraddiebe&#8220; von Vittorio de Sica. Und das galt f&#252;r   Zeit der 68er Bewegung, als in deren Vorfeld Frankreichs &#8222;Nouvelle   Vague&#8220; (mit der Absage an konventionelle Handlungsweisen und der   Entdeckung der Handkamera) und Innovatives in Osteuropa (wie   &#8222;Tausendsch&#246;nchen &#8211; kein M&#228;rchen&#8220; am Vorabend des Prager Fr&#252;hlings)   aufkam.<\/p>\n<p>  In den letzten zwanzig, drei&#223;ig Jahren tat sich in der Kultur sehr   wenig. Mit den R&#252;ckschl&#228;gen und Niederlagen f&#252;r die Linke konnten die   Herrschenden auch in der Kunst viel zukleistern und ersticken   (beispielsweise zog man der Punk-Musik den Zahn, sp&#252;lt diese weich und   kassierte dar&#252;ber ab). In den letzten Jahren haben wenige K&#252;nstlerInnen   aufbegehrt, provoziert, sich intensiver mit sozialen und politischen   Prozessen befasst oder in ihrer Ausdrucksweise Neues ausprobiert. Vor   diesem Hintergrund scheint es wahrscheinlich, dass die dramatischen   Ver&#228;nderungen auf dem Globus heute erst mit einer gewissen Verz&#246;gerung   in gr&#246;&#223;erem Ma&#223; in Musik, Literatur oder Film k&#252;nstlerisch reflektiert   und ausgedr&#252;ckt werden.<\/p>\n<p>  Aufhorchen lie&#223; in diesem Winter die Berliner Ausstellung &#8222;Embedded Art&#8220;   in der Akademie der K&#252;nste. Hier wie in der letzten Zeit auch generell   in der Street Art wurde die staatliche Aufr&#252;stungspolitik angeprangert   (allerdings werden die Ursachen kaum hinterfragt, der Zusammenhang   zwischen Krise, Klassenkampf und staatlicher Repression wenig erforscht).<\/p>\n<p>  Im Theater hatte in diesem April Elfriede Jelineks &#8222;Kontrakte des   Kaufmanns&#8220; in K&#246;ln Premiere, eines der ersten St&#252;cke, das die &#8222;j&#252;ngsten   Kr&#228;mpfe des Kapitalismus, die die Autorin f&#252;r dessen letzte Zuckungen   h&#228;lt&#8220; (so die FAZ), auf die B&#252;hne bringt: &#8222;Wir haben Ihnen etwas   versprochen, das wir gar nicht versprechen konnten. Entschuldigung, wir   haben uns versprochen!&#8220;<\/p>\n<p>  Im Kino machten in den letzten Jahren Nachwuchsregisseure wie Laurent   Cantet (&#8222;Die Klasse&#8220;), Hany Abu-Asad (&#8222;Paradise Now&#8220;) oder Bahman   Ghobadi (&#8222;Zeit der trunkenen Pferde&#8220;) auf sich aufmerksam.<\/p>\n<h4>  Kunst nach der sozialistischen Revolution<\/h4>\n<p>  Bemerkenswerter Weise widmete Karl Marx seinen ersten explizit   politischen Aufsatz als revolution&#228;rer Journalist im Alter von 23 Jahren   einer Anklage an die Zensur in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft: &#8222;Ihr   bewundert die entz&#252;ckende Mannigfaltigkeit, den unersch&#246;pflichen   Reichtum der Natur. Ihr verlangt nicht, dass die Rose duften soll wie   das Veilchen, aber das Allerreichste, der Geist, soll nur auf eine Art   existieren d&#252;rfen?&#8220; Und die Zensur gibt es bis heute. Es reicht, sich   einen Augenblick Verbote allein im Kino zu vergegenw&#228;rtigen: dauerhafte   Untersagung des Director Cut f&#252;r den Regisseur von &#8222;Citizen Kane&#8220;, Orson   Welles, Einreiseverbot Charlie Chaplins in die USA oder McCarthy-&#196;ra;   Verbote galten nicht nur in den USA, so wurde zum Beispiel die Berlinale   Ende der sechziger Jahre abgebrochen, nachdem der   Anti-Vietnam-Kriegsfilm &#8222;o.k.&#8220; aufgef&#252;hrt worden war; und Verbote gelten   noch heute: beispielsweise durfte &#8222;Brokeback Mountain&#8220; in zwei   US-Bundesstaaten nicht gezeigt werden. Nat&#252;rlich greifen Verbote in der   Regel viel fr&#252;her: Durch die F&#246;rder- und Kreditpolitik kann rasch   entschieden werden, was gew&#228;hrt und was sanktioniert wird. Entstehen   doch nonkonformistische Streifen (die kosteng&#252;nstige Digitalvideo-Kamera   erleichtert manches), so finden sie zumeist keinen Verleih. Der   beeindruckende chinesische Film &#8222;Lost in Bejing&#8220;, der vor zwei Jahren   auf der Berlinale gezeigt wurde und sich dabei &#252;ber alle Zensurauflagen   hinwegsetzte, war in Deutschland nur einen Abend auf Arte zu sehen; ins   Kino gelangte dieser Film nie.<\/p>\n<p>  M&#246;glicherweise wird es auch nach dem Sturz des Kapitalismus erst einmal   Auflagen geben &#8211; um Faschisten in die Schranken zu weisen oder um   beispielsweise der Pornografie Einhalt zu gebieten. Aber das wird die   arbeitende Bev&#246;lkerung dann selber demokratisch entscheiden.<\/p>\n<p>  Nicht nur mit der Manipulation von Kunst und K&#252;nstlerInnen wird Schluss   sein. Die sozialistische Revolution wird f&#252;r die gro&#223;e Mehrheit der   Bev&#246;lkerung &#252;berhaupt erst das Tor zur Welt der Kultur aufsto&#223;en. Denn   bis heute sind die Massen vom Kunstgeschehen weitgehend ausgeschlossen.   Der &#8222;Kulturbetrieb&#8220; ist ein Wirtschaftszweig, der unter kapitalistischen   Vorzeichen Profit abzuwerfen hat wie jeder andere Sektor. Allein in der   Musik-&#8220;Industrie&#8220; sind es auf globaler Ebene vier Konzerne, die &#252;ber 80   Prozent des Marktes bestimmen (EMI, Sony, Universal Music Group und   Warner Music Group).<\/p>\n<p>  In der indigenen Bev&#246;lkerung Amerikas nahmen alle Menschen, vom Kind bis   zum Greis, am Tanz teil; die Musik ging daraus hervor. In einer   k&#252;nftigen sozialistischen Welt werden auch alle Menschen in der ein oder   anderen Form selber tanzen, musizieren, dichten, malen.<\/p>\n<p>  Was m&#246;glich wird, l&#228;sst sich ansatzweise erahnen, wenn man sich vor   Augen f&#252;hrt, dass in Russland nach der Revolution &#8211; trotz Kriegsfolgen,   B&#252;rgerkrieg, Hungerprobleme &#8211; 3.000 neue Theater entstanden, an denen   sich 250.000 Menschen aktiv beteiligten.<\/p>\n<p>  Es gab das Theater von Wsewolod Meyerhold, das auf Vorhang, B&#252;hne und   damit auf die Trennung von SchauspielerInnen und Zuschauern verzichtete.   Mehr noch. In den Betrieben wurden Theaterst&#252;cke inszeniert, an der   Front wurde Theater gemacht. Man erfand &#8222;Massenfeste&#8220;, bei denen ganze   St&#228;dte in B&#252;hnen umgewandelt wurden. Es gab &#8222;Kindertheater&#8220;, es gab   &#8222;Gerichtsspiele&#8220;, bei denen Nachbarschaften in spielerischer Form   Entscheidungen der Sowjets nachstellten.<\/p>\n<p>  Stell dir vor, jedes Kind kann von klein auf seinen Neigungen und   Talenten nachgehen. Jedes Kind darf Musikinstrumente erlernen, singen,   tanzen, spielen, lesen, jedes Kind erh&#228;lt Einblick in die Arbeitswelt.   Die Trennung in Schulzeit, Berufsleben, Ruhestand ist aufgehoben. Auch   die Trennung von Hand- und Kopfarbeit ist passe. Stell dir vor, jeder   Mensch braucht nur zehn oder h&#246;chstens zwanzig Wochenstunden zu arbeiten   und hat Zeit und Mu&#223;e, zu forschen, zu studieren, kulturellen Dingen   nachzugehen. &#220;berall gibt es B&#252;chereien, Kunstateliers, Klang- und   Musizierr&#228;ume, die f&#252;r Jung und Alt jederzeit zug&#228;nglich sind. Stell dir   vor, kein Mensch schaut mehr in die Glotze. Stattdessen gibt es &#252;berall   in der Nachbarschaft Leinw&#228;nde, auf denen Nachrichten und Filme gezeigt   werden. Neue Wohnmodelle werden entwickelt, mit mehreren Generationen   unter einem Dach, mit Bibliotheken, Medienzimmern, Partyr&#228;umen,   gemeinsamen G&#228;rten. Stell dir vor, die Kirchen werden in Tanzhallen und   Konzerts&#228;le umgewandelt&#8230;<\/p>\n<p>  &#8222;Im Sozialismus ist die Solidarit&#228;t die Grundlage der Gesellschaft. Die   ganze Literatur, die ganze Kunst wird auf einen anderen Grundton   abgestimmt sein. Diejenigen Gef&#252;hle, die wir Revolution&#228;re nur unter   Hemmungen beim Namen nennen &#8211; weil diese Namen von scheinheiligen und   trivialen Menschen so sehr missbraucht wurden &#8211; uneigenn&#252;tzige   Freundschaft, N&#228;chstenliebe, herzliche Anteilnahme &#8211; werden in der   sozialistischen Poesie in m&#228;chtigen Akkorden aufklingen&#8220; (Trotzki in   &#8222;Die Parteipolitik in der Kunst&#8220;).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Diskussion auf den Sozialismustagen 2009\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[135],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13211"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13211"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13211\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}