{"id":13209,"date":"2009-06-29T00:00:00","date_gmt":"2009-06-29T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13209"},"modified":"2009-06-29T00:00:00","modified_gmt":"2009-06-29T00:00:00","slug":"13209","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/06\/13209\/","title":{"rendered":"&#8222;Keine Beteiligung an Armutsverwaltung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Claus Ludwig, K&#246;lner Ratsmitglied der LINKEN. Zur   Finanzkrise der Kommunen und zu den Aufgaben linker   KommunalvertreterInnen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  In mehreren Bundesl&#228;ndern stehen Kommunalwahlen an. Die SAV Rostock   kandidiert mit einer eigenen Liste bei den Wahlen in Rostock am 7. Juni.   Zu dieser Entscheidung kam sie, nachdem die Linkspartei leider zu keinen   Gespr&#228;chen &#252;ber eine m&#246;gliche gemeinsame Kandidatur bereit war. Zu   diesem Schritt sah sich die Rostocker SAV mit ihrer   B&#252;rgerschaftsabgeordneten Christine Lehnert gezwungen, um   sicherzustellen, dass die au&#223;erparlamentarischen Bewegungen auch k&#252;nftig   im Rathaus Unterst&#252;tzung finden. Bei den ebenfalls am 7. Juni   stattfindenden Wahlen in Stuttgart sowie bei den Kommunalwahlen in   Nordrhein-Westfalen Ende August kandidieren SAV-Mitglieder auf den   Listen der Partei DIE LINKE. Aron Amm sprach f&#252;r die &#8222;Solidarit&#228;t&#8220; mit   Claus Ludwig, Mitglied des K&#246;lner Rates und Kandidat auf Platz 4 der   Liste der K&#246;lner LINKEN.<\/p>\n<h4>  Vor allem in Nordrhein-Westfalen und Baden-W&#252;rttemberg werden mehr linke   KandidatInnen in die Kommunalvertretungen einziehen als bei der letzten   Wahl. Welcher finanziellen Lage sehen sich diese gegen&#252;ber?<\/h4>\n<p>  Die finanzielle Situation in vielen St&#228;dten war mies. Dieses Jahr wird   es dramatisch. Je nach Bundesland werden zwischen 15 und 25 Prozent   Minus bei der Gewerbesteuer und den Landeszuweisungen erwartet.<\/p>\n<p>  Das wird f&#252;r viele St&#228;dte bedeuten, dass sie mit dem Haushaltsjahr 2010,   sp&#228;testens 2011, in die sogenannte &#8222;Haushaltssicherung&#8220; oder sogar den   &#8222;Nothaushalt&#8220; gehen. Bei einem Nothaushalt werden alle freiwilligen   Leistungen, zum Beispiel Hilfen f&#252;r freie Tr&#228;ger im Sozial- und   Kulturbereich oder Ma&#223;nahmen, welche die Auswirkungen von Hartz IV   abfedern, automatisch gestrichen.<\/p>\n<p>  Ohne Zweifel stehen wir vor einer Welle von massiven Sozialk&#252;rzungen und   dem Ausverkauf des kommunalen Tafelsilbers durch Privatisierung.<\/p>\n<h4>  Ist diese Dramatik in K&#246;ln schon sp&#252;rbar?<\/h4>\n<p>  Bis in den Mai hinein herrschte hier die Ruhe vor dem Sturm. Die   K&#228;mmerei, die kommunale Finanzverwaltung, wunderte sich selbst, dass die   Gewerbesteuerprognosen relativ stabil blieben. Doch die neueste Prognose   von Ende Mai geht von einem Minus von &#252;ber 20 Prozent im n&#228;chsten Jahr   aus, die Mindereinnahmen sollen f&#252;r die Stadt K&#246;ln bis zu 227 Millionen   Euro betragen. Es kann schon in diesem Jahr zu einer Haushaltssperre   kommen.<\/p>\n<p>  Dabei befindet sich K&#246;ln in einer vergleichsweise guten Situation. In   den letzten Jahren war die Gewerbesteuer massiv gestiegen, so dass die   strukturelle Unterfinanzierung des Haushaltes &#252;berdeckt wurde. Gr&#246;&#223;ere   K&#252;rzungen gab es seit 2003 nicht. Viele St&#228;dte im Ruhrgebiet sind in   einer weit schlechteren Lage, dort kamen schon in den letzten Jahren   soziale Leistungen unter Druck.<\/p>\n<h4>  Die Kommunen sind das schw&#228;chste Glied in der Kette der &#246;ffentlichen   Haushalte. Warum?<\/h4>\n<p>  Die kommunalen Haushalte sind strukturell unterfinanziert, das sagen   sogar die b&#252;rgerlichen Politiker im Deutschen St&#228;dtetag und die   K&#228;mmereien. Das hat verschiedene Ursachen. Erstens: Auf der   Einnahmeseite h&#228;ngen die St&#228;dte und Gemeinden gr&#246;&#223;tenteils von der   Gewerbesteuer ab. Sinkt diese im Zuge der Rezession, reicht das schon   f&#252;r den kommunalen Finanznotstand. Zweitens: Die Kommunen finanzieren   die Sozialausgaben zu einem gro&#223;en Teil, zum Beispiel seit Hartz IV die   &#8222;Kosten der Unterkunft&#8220;. Selbst w&#228;hrend des Wirtschaftswachstums der   letzten Jahre sind diese gestiegen. Die jetzt heran rauschende neue   Welle der Massenarbeitslosigkeit wird alle Etats sprengen. Drittens:   Bund und L&#228;nder haben den Kommunen immer neue Aufgaben aufgeb&#252;rdet, ohne   daf&#252;r Gelder zur Verf&#252;gung zu stellen, beispielsweise bei der   Kinderbetreuung. Die Steuergeschenke an die Reichen auf Bundesebene   wurden somit &#252;ber die Kommunen finanziert. Diese sind der Teil des   Staates, der unmittelbar den Folgen der kapitalistischen Krise   ausgesetzt ist.<\/p>\n<h4>  Das hei&#223;t, es ist egal welche Politik vor Ort gemacht wird, am Ende   k&#246;nnen grundlegende Ver&#228;nderungen nur auf Bundesebene erreicht werden?<\/h4>\n<p>  &#220;berhaupt nicht! So wollen es die Etablierten darstellen. Aber ihre   Politik hat die Lage weiter verschlimmert. Vor Ort wurde die Pl&#252;nderung   der &#246;ffentlichen Kassen zu Gunsten privater Investoren fortgesetzt. K&#246;ln   ist ein gutes Beispiel daf&#252;r. Die sogenannte &#8222;Stadtentwicklung&#8220;, nahezu   alle gro&#223;en Bauprojekte in den letzten Jahren, dienten nicht der   Bev&#246;lkerung, sondern den jeweiligen Investoren, den Kredit gebenden   Banken, den Baukonzernen und nicht zuletzt den Politikern und Vorst&#228;nden   st&#228;dtischer Unternehmen, die sich &#252;ber &#8222;Beratervertr&#228;ge&#8220; die Konten   gef&#252;llt haben.<\/p>\n<p>  Allein die &#252;berteuerten Messehallen, die vom   Oppenheim-Esch-Immobilienfonds gebaut wurden und an die st&#228;dtische Messe   vermietet werden, belasten den Haushalt der Stadt mit rund 25 Millionen   Euro im Jahr.<\/p>\n<p>  Die &#252;berfl&#252;ssige und verkehrspolitisch sch&#228;dliche Nord-S&#252;d-U-Bahn, die   wegen des t&#246;dlichen Desasters in der Severinstra&#223;e bundesweit bekannt   geworden ist, w&#252;rde auch ohne den Unfall die Stadt auf 35 Jahre mit rund   25 Millionen Euro j&#228;hrlich belasten. Der Unfall wird m&#246;glicherweise zur   Verdoppelung dieser Kosten f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Die Liste k&#246;nnte weitergef&#252;hrt werden: K&#246;ln-Arena\/Technisches Rathaus,   Ausbau des Godorfer Hafens&#8230;<\/p>\n<h4>  Welche finanziellen Spielr&#228;ume gibt es f&#252;r linke Politik in den Kommunen   in dieser Situation? Was sollten Kommunalvertreter mit einem linken, mit   einem sozialistischen Anspruch machen, wenn sich die Chance bietet, in   der Kommune mit zu regieren?<\/h4>\n<p>  Aufgrund der relativ entspann-ten Situation des K&#246;lner Haushalts konnte   DIE LINKE hier einige kleine Verbesserungen wie den K&#246;ln-Pass f&#252;r   Erwerbslose und Niedrigverdiener ansto&#223;en und &#252;ber die Arbeit im Rat   durchsetzen. SPD und Gr&#252;ne hatten sich zeitweise die soziale Tarnkappe   &#252;bergezogen, um ihr angekratztes Image aufzupolieren und stimmten f&#252;r   einzelne Ma&#223;nahmen. Daraus haben einige in der LINKEN die   Schlussfolgerung gezogen, man k&#246;nne durch &#8222;kluges Handeln&#8220; im Stadtrat   Einiges erreichen. Zuk&#252;nftig wird das nicht gehen. Alle b&#252;rgerlichen   Parteien werden versuchen, den Haushalt auf Kosten der Bev&#246;lkerung zu   sanieren. Und der zuk&#252;nftige gr&#252;ne K&#228;mmerer wird dabei an vorderster   Front stehen.<\/p>\n<p>  Wer als Linker &#8222;mitregieren&#8220; will, w&#252;rde schnell dabei landen, mit der   einen Hand bestenfalls Almosen oder symbolische Sozialbonbons zu   verteilen und mit der anderen Hand brutale K&#252;rzungen durchzusetzen. Wer   sich auf die &#8222;Sachzw&#228;nge&#8220; der kommunalen Armutsverwaltung einl&#228;sst, wird   schnell die Glaubw&#252;rdigkeit als soziale Opposition verlieren wie DIE   LINKE in Berlin. Von einem &#8222;Mitregieren&#8220; kann ich nur warnen. Es geht in   den n&#228;chsten Jahren darum, die kommunalen Mandate zu nutzen, um die   Bewegung in den Betrieben, Schulen, Unis und Stadtteilen vorw&#228;rts zu   bringen. Ohne Widerstand, ohne Selbstorganisation von unten, werden wir   auch die ohnehin ausged&#252;nnten sozialen Dienstleistungen nicht   verteidigen k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Das h&#246;rt sich so an, als w&#228;re eine konkrete Kommunalpolitik von links   gar nicht m&#246;glich. Sollen linke Kommunalvertreter lediglich auf die   Notwendigkeit verweisen, den Kapitalismus weltweit abzuschaffen?<\/h4>\n<p>  Konkrete sozialistische Kommunalpolitik ist absolut m&#246;glich! Aber sie   muss eben sozialistisch sein. Es reicht nicht, im von den etablierten   Parteien gesetzten Rahmen diese oder jene kleine Verbesserung zu   verlangen. Die Linke muss den Menschen offen sagen, dass es   Ver&#228;nderungen vor Ort nur geben kann, wenn die gesamte Ausrichtung des   st&#228;dtischen Haushaltes ge&#228;ndert wird.<\/p>\n<p>  Es m&#252;ssen mehr Gelder von Bund und L&#228;ndern erk&#228;mpft werden. Das geht   nicht mit Pressemitteilungen des St&#228;dtetages, sondern nur mit einer   Massenmobilisierung der Menschen vor Ort. Damit die Kommunen   finanziellen Handlungsspielraum gewinnen, um die n&#246;tigen Investitionen   in Jobs und soziale Dienste zu finanzieren, m&#252;ssen Prestigeprojekte   gestoppt werden. Die St&#228;dte m&#252;ssen aus laufenden Vertr&#228;gen mit   Privatinvestoren raus. Zur Not m&#252;ssen die Kommunen ihre Kredittilgung an   die Banken aussetzen oder einen Zinsstopp verh&#228;ngen.<\/p>\n<p>  All diese Ma&#223;nahmen f&#252;hren zu einem massiven Konflikt mit den   etablierten Parteien und der staatlichen B&#252;rokratie vor Ort und   bundesweit. Sie erfordern Aufkl&#228;rung und Mobilisierung. Konkrete   Verbesserungen sind m&#246;glich, aber allein die Verteidigung des   Bestehenden erfordert einen entschlossenen Kampf. Dabei k&#246;nnen die   linken Kommunalvertreter eine wichtige Rolle spielen, aber sie sollten   nicht der Illusion anh&#228;ngen, dass sie diesen Kampf &#252;berwiegend in den   Stadtr&#228;ten f&#252;hren k&#246;nnen. Insofern gilt: nicht Ausruhen auf den   gewonnenen Mandaten und nicht Abtauchen im kommunalen parlamentarischen   Sumpf, sondern Nutzen der Mandate f&#252;r die Vorbereitung zu erwartender   sozialer K&#228;mpfe in der Kommune. &#957;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Claus Ludwig, K&#246;lner Ratsmitglied der LINKEN. Zur<br \/>\n      Finanzkrise der Kommunen und zu den Aufgaben linker<br \/>\n      KommunalvertreterInnen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[56,104],"tags":[215],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13209"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13209\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}