{"id":13202,"date":"2009-06-09T00:00:00","date_gmt":"2009-06-08T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13202"},"modified":"2012-06-25T20:24:57","modified_gmt":"2012-06-25T18:24:57","slug":"13202","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/06\/13202\/","title":{"rendered":"Die EU, der Euro und die Krise"},"content":{"rendered":"<p>  Kleine L&#228;nder tauschen mit einer Flucht in die EU alte in neue Probleme   ein. Eruptionen stehen aber auch gro&#223;en L&#228;ndern und der Euro-Zone bevor<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Kurzfristig macht die Krise den Euro attraktiv, langfristig wird sie   ihn ersch&#252;ttern. Zur Europa-Wahl am 7. Juni werden die Europ&#228;ische Union   (EU) und der Euro mal wieder als Erfolgsstory pr&#228;sentiert. Auch die   gr&#246;&#223;te Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit hat unmittelbar dazu gef&#252;hrt,   dass sich mehr L&#228;nder unter dem Schirm des Euro Schutz versprechen.   Mittel- und langfristig k&#246;nnen EU und Euro die Widerspr&#252;che des   Kapitalismus aber nicht &#252;berwinden, sondern werden ihnen selbst zum   Opfer fallen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Wir erleben die tiefste &#246;konomische Krise nach dem Zweiten Weltkrieg.   Keine Region der Welt entgeht ihren Auswirkungen. &#220;berall ging es in den   letzten Monaten nach unten. Regierungen und Notenbanken reagierten aber   sehr verschieden.<\/p>\n<h4>  Keine einheitliche Krisenpolitik<\/h4>\n<p>  In den f&#252;hrenden kapitalistischen L&#228;ndern (USA, Japan, BRD und andere)   gab es staatliche Bankenrettungspakete und Konjunkturprogramme. Die   Notenbanken senkten ihre Zinsen drastisch.<\/p>\n<p>  In L&#228;ndern wie Island, Lettland oder Ungarn gab es entgegengesetzte   Reaktionen: massive staatliche Ausgabenk&#252;rzungen und starke   Zinserh&#246;hungen. Nicht, dass die dortigen Regierungen das gewollt h&#228;tten.   Sie versuchten so, einen Absturz ihrer W&#228;hrungen (durch den in Euro   gerechnete Auslandsschulden viel teurer w&#252;rden und es einen massiven   Kapitalabfluss geben w&#252;rde) zu verhindern. Zugleich waren   Ausgabenk&#252;rzungen und die Begrenzung der Haushaltsdefizite die   Gegenleistung f&#252;r Hilfen von Internationalem W&#228;hrungsfonds (IWF) und EU.   Die Europ&#228;ische Bank f&#252;r Wiederaufbau und Entwicklung sch&#228;tzt, dass die   Wirtschaft in Mittel- und Osteu-ropa dieses Jahr um 5,2 Prozent   schrumpfen werde (im Januar hatte sie noch ein Wachstum von 0,1 Prozent   erwartet).<\/p>\n<p>  In Lettland ist die Entwicklung am dramatischsten. Dort sank das   Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal um 11,2 Prozent. Gegen&#252;ber   dem ersten Quartal 2008 war es ein R&#252;ckgang um 18 Prozent. Die   Industrieproduktion war in einem Jahr um 22 Prozent, der   Einzelhandelsumsatz um 25 Prozent gefallen. Der IWF fordert Einsparungen   von 40 Prozent! Die Regierung will die H&#228;lfte der LehrerInnen entlassen,   fast die H&#228;lfte der Krankenh&#228;user schlie&#223;en, Geh&#228;lter und   Sozialleistungen weiter k&#252;rzen. Selbst diese K&#252;rzungen werden wohl nicht   ausreichen, um das Haushaltsdefizit auf die vom IWF geforderten f&#252;nf   oder sieben Prozent zu dr&#252;cken &#8211; erst dann will der IWF seine zugesagten   Hilfen auszahlen.<\/p>\n<h4>  Illusionen in EU und Euro<\/h4>\n<p>  Das Beispiel Island zeigt, dass es sich nicht nur um einen Unterschied   zwischen entwickelten und unterentwickelten L&#228;ndern handelt, sondern   auch um einen Konflikt zwischen den f&#252;hrenden imperialistischen M&#228;chten   und kleineren L&#228;ndern. Das macht die EU und den Euro attraktiv.   Regierungen hoffen, dass wenn ihr Land der EU und der Euro-Zone   beitritt, ihr Land dann zu den &#8222;Gro&#223;en&#8220; geh&#246;rt und dadurch Vorteile hat.   In der Euro-Zone sind die Zinsen gegenw&#228;rtig viel niedriger &#8211; und unter   normalen Umst&#228;nden (nicht unbedingt in einer so schweren   Wirtschaftskrise wie gegenw&#228;rtig) bedeuten niedrigere Zinsen mehr   Kredite und daher mehr Wirtschaftswachstum. W&#228;hrend Euro-L&#228;nder wie die   Bundesrepublik gerade das Maastricht-Haushaltsdefizit-Kriterium von drei   Prozent mit F&#252;&#223;en treten, versucht zum Beispiel Ungarn, es trotz Krise   zu erreichen &#8211; durch eine Mehrwertsteuererh&#246;hung von 20 auf 25 Prozent,   Rentenk&#252;rzungen und so weiter.<\/p>\n<p>  Es ist aber eine Illusion, dass ein kleines und schwaches   kapitalistisches Land aufh&#246;rt, klein zu sein, wenn es Mitglied der EU   oder der Euro-Zone ist. Auch innerhalb der EU sind manche gleicher als   andere. Deutschland hat das Drei-Prozent-Kriterium h&#228;ufig verletzt &#8211;   aber die EU ging nicht ernsthaft gegen Deutschland vor, sondern lie&#223;   sich st&#228;ndig durch Versprechen und Absichtserkl&#228;rungen vertr&#246;sten. Bei   kleineren L&#228;ndern ist die EU nicht so geduldig.<\/p>\n<h4>  Maastricht-Zwangsjacke<\/h4>\n<p>  Die L&#228;nder, die jetzt vor ihren Wirtschafts- und Finanzproblemen in die   Euro-Zone fl&#252;chten, werden bald bemerken, dass sie ihre alten Probleme   gegen neue eingehandelt haben. Die Maastricht-Kriterien werden f&#252;r sie   eine Zwangsjacke bedeuten.<\/p>\n<p>  Gleiche Zinss&#228;tze f&#252;r verschiedene L&#228;nder bei ganz unterschiedlichen   wirtschaftlichen Bedingungen sind ein Unding. In den Jahren vor der   Krise waren die Zinsen f&#252;r L&#228;nder wie Italien und Deutschland mit ihrem   geringen Wachstum sehr hoch. In L&#228;ndern wie Irland oder Spanien waren   sie nicht hoch genug. Dort h&#228;tten Zinserh&#246;hungen die   Immobilienspekulation bremsen und die gegenw&#228;rtige Krise abmildern   k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Durch die Ausdehnung der EU und der Euro-Zone werden die   wirtschaftlichen und finanziellen Widerspr&#252;che zwischen den L&#228;ndern   nicht &#252;berwunden, sondern in die EU und Euro-Zone hereingeholt.<\/p>\n<h4>  Konflikte zwischen Nationalstaaten<\/h4>\n<p>  Zugleich spitzen sich diese Widerspr&#252;che zwischen den Nationalstaaten   mit der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zu. Das war nach der Pleite   von Lehman Brothers an der Umlaufrendite (den Zinsen) der Staatsanleihen   sehr deutlich zu sehen. Sie ist umso niedriger, je sicherer der Staat   als Schuldner gilt. Staaten, die als riskantere Schuldner gelten, m&#252;ssen   quasi eine Risikopr&#228;mie zahlen. Diese Risikopr&#228;mie ging im letzten   Herbst f&#252;r L&#228;nder wie Griechenland oder Spanien deutlich nach oben.<\/p>\n<p>  Das zeigte deutlich, dass die Euro-Zone keineswegs ein einheitliches   Wirtschaftsgebilde ist, sondern weiterhin aus Nationalstaaten besteht.   Sehr schwere wirtschaftliche Ersch&#252;tterungen wird sie nicht &#252;berleben.<\/p>\n<h4>  Euro-Zukunft abh&#228;ngig vom Krisenverlauf<\/h4>\n<p>  Entscheidend daf&#252;r wird sein, wie die Krise verl&#228;uft. Gerade dominiert   in den Medien die Gesundbeterei. In der tiefsten Rezession seit 1945,   wenn in einem Jahr das Wachstum von drei Jahren zunichte gemacht wird,   tr&#246;sten uns &#8222;Fachleute&#8220;: Wir sinken 2009 auf das Bruttoinlandsprodukt   von 2005. Aber da haben wir doch auch gelebt. Aber das   Bruttoinlandsprodukt von 2005 mit der Arbeitsproduktivit&#228;t von 2009, der   Staatsverschuldung von 2009 und so weiter ist etwas, was wir noch nie   hatten.<\/p>\n<p>  Wenn die Wirtschaft vom freien Fall zum Sinkflug &#252;bergeht, ist das   erfreulich. Aber auch beim Sinkflug geht es noch abw&#228;rts. Die massiven   staatlichen Konjunkturprogramme k&#246;nnen zu konjunkturellen Strohfeuern   f&#252;hren. Eine &#228;hnliche Wirkung hatten die umfangreichen japanischen   Konjunkturprogramme der neunziger Jahre.<\/p>\n<h4>  Zus&#228;tzliche Krisenfaktoren<\/h4>\n<p>  Aber nicht einmal das ist sicher. Die Krise traf erst L&#228;nder besonders   heftig, die vom Platzen der Spekulationsblase stark betroffen waren.   Seit dem Winter sind L&#228;nder wie Japan oder Deutschland oder manche   osteurop&#228;ischen L&#228;nder besonders tief in der Krise, die sehr   exportorientiert sind. Seitdem kommt die Krise immer mehr bei den   Menschen an &#8211; durch sinkende Einkommen wegen Kurzarbeit oder   Arbeitslosigkeit. Im M&#228;rz lagen die Einzelhandelsums&#228;tze in der   Euro-Zone 4,2 Prozent niedriger als im M&#228;rz 2008. Eine der   Konjunkturst&#252;tzen in Deutschland ist die Abwrackpr&#228;mie. Da viele dieser   Autok&#228;ufe nur vorgezogene K&#228;ufe sind (ohne die Pr&#228;mie w&#228;ren sie einige   Monate sp&#228;ter erfolgt), kann es in ein paar Monaten einen   Nachfrager&#252;ckgang bei den Autos geben. Es k&#246;nnte passieren, dass ein   R&#252;ckgang der Binnenkonjunktur dazu f&#252;hrt, dass die Wirtschaft weiter   schrumpft, wenn sich die Exporte langsam erholen.<\/p>\n<p>  Da der osteurop&#228;ische Bankenmarkt von westlichen Banken beherrscht wird,   kann eine neue Welle von staatlichen Finanzkrisen in Osteuropa zu neuen   Bankenkrisen im Westen f&#252;hren. Deshalb ist es m&#246;glich, dass sich die   Talfahrt der Wirtschaft in ein paar Monaten erneut beschleunigt und es   nicht einmal ein Strohfeuer dazwischen gegeben hat.<\/p>\n<h4>  Ersch&#252;tterungen in Euro-Zone programmiert<\/h4>\n<p>  Wenn sich die Wirtschaftskrise wieder versch&#228;rft, w&#252;rde sich die Krise   in der EU erneut zuspitzen. Und damit die Krise innerhalb der Euro-Zone.   M&#246;glich, dass einzelne Staaten den Euro verlassen m&#252;ssen. M&#246;glich, dass   eine Kernzone, vielleicht um Deutschland und einzelne andere Staaten   herum, &#252;brig bleibt.<\/p>\n<p>  Der genaue Krisenverlauf der Wirtschaft l&#228;sst sich nicht vorhersagen,   daher auch nicht der Krisenverlauf der EU und der Euro-L&#228;nder. Aber   sicher ist, dass eine gemeinsame Geld- und Zinspolitik f&#252;r verschiedene   Staaten mit unterschiedlichen Bedingungen und einem uneinheitlichen   Krisenverlauf nicht aufrechterhalten werden kann. Sicher ist, dass die   Kapitalisten den Nationalstaat nicht &#252;berwinden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Eine wirkliche Vereinigung Europas kann nur mit der &#220;berwindung des   Kapitalismus kommen. Sie w&#228;re ein Schritt hin zu einer Welt ohne   Grenzen, einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung. &#957;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kleine L&#228;nder tauschen mit einer Flucht in die EU alte in neue Probleme<br \/>\n      ein. Eruptionen stehen aber auch gro&#223;en L&#228;ndern und der Euro-Zone bevor\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[79,123],"tags":[215],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13202"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13202"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13202\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}