{"id":13201,"date":"2009-06-21T00:00:00","date_gmt":"2009-06-21T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13201"},"modified":"2009-06-21T00:00:00","modified_gmt":"2009-06-21T00:00:00","slug":"13201","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/06\/13201\/","title":{"rendered":"Die Wut steigt"},"content":{"rendered":"<p>  Krise, Entlassungen und Gegenwehr &#8211; in Frankreich, Deutschland und   europaweit<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Millionen Arbeitspl&#228;tze stehen in Folge der globalen Wirtschaftskrise   auf dem Spiel. Neben Verunsicherung und Angst w&#228;chst auch die Wut auf   die Jobvernichter &#8211; und die Bereitschaft, sich zu wehren. Das soziale   Fieber steigt. Gerade die K&#228;mpfe in Frankreich k&#246;nnen Besch&#228;ftigte in   der Bundesrepublik anspornen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Pablo Alderete, Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Die Negativmeldungen der letzten Monate schockieren viele Besch&#228;ftigte.   Es gab vor dem Einsetzen der Krise Proteste, und es gibt sie auch jetzt,   zu Beginn der wirtschaftlichen Talfahrt, in Form von Widerstand gegen   die Abw&#228;lzung der Folgen der Krise auf dem R&#252;cken der Arbeiterklasse. In   Griechenland, Frankreich und zuletzt im Baskenland kam es zu   Generalstreiks. In Irland, Finnland und Ungarn war ein solcher in der   Diskussion. Island und Lettland werden von nie gesehenen Massenunruhen   ersch&#252;ttert, die jeweiligen Regierungen mussten abtreten. In Tschechien   st&#252;rzte die Regierung, in Ungarn gab es einen Regierungswechsel.<\/p>\n<p>  In S&#252;dengland und in Nordirland wurden mehrere Wochen drei Visteon-Werke   besetzt. Die entschlossene Haltung der Belegschaften konnte zumindest   die Abfindungen stark in die H&#246;he treiben. Im schottischen Dundee kam es   in der Verpackungsfirma Prisme ebenfalls zu einer Besetzung.<\/p>\n<h4>  Continental<\/h4>\n<p>  Der Reifenhersteller Continental will in Frankreich und Deutschland   massiv Stellen streichen. Die Werke in Clairoix, Nordfrankreich, und   Hannover-St&#246;cken sollen geschlossen werden. Am 6. Mai wollten 500   Besch&#228;ftigte aus Clairoix urspr&#252;nglich in einem Autokorso zum   Continental-Werk nach Aachen fahren. Dort warteten 200 Polizisten mit   Wasserwerfern, Pferdestaffeln und Polizeihunden auf sie. Kurzfristig   bogen die KollegInnen jedoch nach S&#252;dosten ab. In Sarreguemines   besetzten sie das dortige Continental-Werk, um den Druck auf die   Gesch&#228;ftsleitung zu erh&#246;hen. &#8222;Sie knackten die Schl&#246;sser des   Eingangstors und st&#252;rmten unter Rufen wie &#8222;Continental-Solidarit&#228;t&#8220; oder   &#8222;Wir sind hier zu Hause&#8220; auf das Gel&#228;nde&#8220;, berichteten die &#8222;Aachener   Nachrichten Online&#8220;. &#8222;Der Aachener Conti-Betriebsratsvorsitzende Bruno   Hickert (&#8230;) h&#228;tte die Kollegen auch in Aachen empfangen, wenn sie   tats&#228;chlich nach Rothe Erde gekommen w&#228;ren. Nach seinem Eintreffen in   Sarreguemines sagte BR-Chef Hickert, dass die Situation sehr angespannt   sei und er in dieser Situation keine Gespr&#228;che mit den Besetzern f&#252;hren   wolle: &#8222;So etwas sind wir nicht gewohnt.&#8220;<\/p>\n<p>  Am 23. April war schon eine gemeinsame Kundgebung der   Continental-Besch&#228;ftigten aus Frankreich und Deutschland in Hannover auf   die Beine gestellt worden. Dort hatte Xavier Mathieu, der Sprecher der   Belegschaft von Clairoix, den deutschen KollegInnen zugerufen: &#8222;Sie   wollten uns das R&#252;ckgrat brechen und wie die Schafe zur Schlachtbank   f&#252;hren. Aber nein, sie haben es mit k&#228;mpfenden Werkt&#228;tigen zu tun, die   ihrem Schicksal die Stirn bieten.&#8220;<\/p>\n<h4>  Federal Mogul<\/h4>\n<p>  Die ArbeiterInnen beim Autozulieferbetrieb Federal Mogul in Wiesbaden   blockierten drei Tage die Werkstore. 436 von 1.600 Arbeitern sollen   entlassen werden. Seit Dezember 2008 fahren sie bereits Kurzarbeit. Da   der Wiesbadener Betrieb hochwertige Gleitlager und Buchsen f&#252;r   Pkw-Motoren produziert, drohte dem Vernehmen nach im Opel-Motorenwerk in   Kaiserslautern wie auch in anderen Standorten deutscher Autokonzerne ein   totaler Stillstand aufgrund mangelnden Nachschubs. Wohl deshalb sollen   Einkaufsleiter der Autoindustrie das Federal-Mogul-Management &#8222;bis zum   Schluss mit Anrufen bombardiert&#8220; und zum Einlenken aufgefordert haben,   so Betriebsratschef Alfred Matejka.<\/p>\n<p>  Die taz beschrieb am 11. Mai einen Streiktag: &#8222;Wir beleidigen niemand   und schlagen niemand und spucken auch niemand an&#8220;, belehrt der   Streikf&#252;hrer von einer erh&#246;hten Blumenrabatte aus Beton eine neue   Streikschicht.&#8220; Eine Arbeiterin, die schon beim Arbeitskampf um die   35-Stunden-Woche 1984 dabei war, sagte: &#8222;Und falls wir auf den Hintern   fallen, haben wir wenigstens gek&#228;mpft.&#8221; Immer mehr KollegInnen sehen in   der Radikalit&#228;t franz&#246;sischer KollegInnen ein Vorbild. Den Unternehmern   bei Federal Mogul konnte auch erstmal kontra gegeben werden. Allerdings   wollen Betriebsrats- und Gewerkschaftsspitze daf&#252;r weitreichende   Zugest&#228;ndnisse machen.<\/p>\n<h4>  ArcelorMittal<\/h4>\n<p>  Bei der Hauptversammlung des weltgr&#246;&#223;ten Stahlkonzerns ArcelorMittal in   Luxemburg protestierten Hunderte Besch&#228;ftigte, darunter viele aus dem   belgischen L&#252;ttich, gegen den geplanten Jobabbau. Drinnen tagten rund   200 Aktion&#228;re &#8211; drau&#223;en kochte es. Der Konzern streicht 6.000 Stellen in   Europa. Deutschland ist mit 750 Arbeitspl&#228;tzen, Frankreich mit 1.400 und   Belgien mit 800 Stellen betroffen. ArcelorMittal zahlt bei einem Gewinn   von 9,4 Milliarden Dollar im Jahr 2008 1,1 Milliarden Dividende. Die   aufgebrachte Menge versuchte die Eingangst&#252;r des Geb&#228;udes aufzubrechen,   das von Bereitschaftspolizisten gesch&#252;tzt wurde. Ein belgischer   Stahlarbeiter warf eine Rauchbombe durch ein Fenster, woraufhin sich ein   nebeliger Gestank bis zu den Aktion&#228;ren ausbreitete. &#8222;Wenn Stahlarbeiter   zu Berserkern werden&#8220;, titelte die Financial Times Deutschland am 12.   Mai.<\/p>\n<h4>  Manager-Geiselnahmen<\/h4>\n<p>  Die Stimmung unter den Besch&#228;ftigten schwankt vielerorts zwischen   Entsetzen, Angst und Wut. Zumeist geht der Kampf bislang darum, &#8222;die   eigene Haut m&#246;glichst teuer zu verkaufen&#8220; und vorteilhaftere Sozialpl&#228;ne   rauszuschlagen. In Frankreich geraten die Bosse derzeit wiederholt in   die Defensive, da sich Geiselnahmen von Managern (&#8222;Bossnapping&#8220;) bei   Sony, Continental und anderswo mehren und dabei auf gro&#223;es Verst&#228;ndnis   in der Bev&#246;lkerung sto&#223;en. Die Kapitalisten verzichten gr&#246;&#223;tenteils auf   Strafanzeigen. Allerdings schlagen sie, sobald sie das f&#252;r m&#246;glich   halten, zur&#252;ck. Das zeigt das Beispiel Caterpillar in Frankreich. Am 31.   M&#228;rz kam es zu einer &#8222;Festsetzung&#8220; von vier Managern und zu einem massiv   befolgten Streik. Die Konzernspitze trat in neuen Verhandlungen.   Mittlerweile hat sie aber Disziplinarma&#223;nahmen gegen 22 Besch&#228;ftigte   angestrengt, die Justiz ermittelt gegen 19 Streikteilnehmer. Die   Entlassungspl&#228;ne sollen aufrechterhalten werden.<\/p>\n<h4>  International &#8211; gegen das Kapital<\/h4>\n<p>  Eine wichtige Rolle muss die Solidarit&#228;t und die Vernetzung zwischen   k&#228;mpfenden Belegschaften spielen. Ebenso sind politische Alternativen   zum Chaossystem Kapitalismus, in dem immer wieder gewaltige   &#220;berkapazit&#228;ten aufgebaut &#8211; und dann auf Kosten der Arbeiterklasse   vernichtet &#8211; werden, notwendig. In den siebziger Jahren entwickelte sich   bei Betriebsbesetzungen oft die Idee, die Schalthebel der Macht den   Bossen wegzunehmen, und Betriebe und Gesellschaft selber von unten zu   betreiben. Heute er&#246;ffnet die kapitalistische Krise eine neue Periode   von erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit. &#957;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Krise, Entlassungen und Gegenwehr &#8211; in Frankreich, Deutschland und<br \/>\n      europaweit\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[17,46],"tags":[215],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13201"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13201"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13201\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}