{"id":13174,"date":"2009-05-30T00:00:00","date_gmt":"2009-05-30T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13174"},"modified":"2009-05-30T00:00:00","modified_gmt":"2009-05-30T00:00:00","slug":"13174","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/05\/13174\/","title":{"rendered":"Deflation, Inflation und kein Ende der Krise in Sicht"},"content":{"rendered":"<p>  Welche Wirkungen haben die Anti-Krisen-Ma&#223;nahmen von Regierungen und   Notenbanken?<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Noch nie haben Regierungen und Notenbanken so drastische Ma&#223;nahmen gegen   eine Krise ergriffen. Die Hilfsleistungen f&#252;r Banken gehen in die   Billionen, Banken werden verstaatlicht, Regierungen legen umfangreiche   Konjunkturprogramme auf. Zentralbanken senken drastisch die Zinsen und   versuchen eine &#8222;quantitative Lockerung&#8220; (fr&#252;her hie&#223; das &#8222;Geld   drucken&#8220;). Trotzdem geht die Talfahrt der Wirtschaft weiter und weitere   Ersch&#252;tterungen der Finanzm&#228;rkte sind m&#246;glich.<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Inzwischen ist es amtlich, dass die USA seit Dezember 2007 in einer   Rezession sind. Auch die deutsche Wirtschaft schrumpft seit dem 2.   Quartal 2008. Parallel gab es die ersten Ersch&#252;tterungen der   Finanzm&#228;rkte: Im August 2007 musste die deutsche &#8222;Mittelstandsbank&#8220; IKB   vor ihren Spekulationsgesch&#228;ften gerettet werden. Es folgten unter   anderem die Pleiten von Northern Rock in Britannien (das Anfang 2008   verstaatlicht werden musste) und der US-Investmentbank Bear Stearns.   Begleitet war dies von mehreren &#8222;Geldkrisen&#8220;: Die Banken verliehen   einander keine Kredite mehr, die Notenbanken mussten vor&#252;bergehend zig   Milliarden in den Bankensektor pumpen. Trotzdem wurde im Sommer 2008   noch von Aufschwung, ausgeglichenen Haushalten und Vollbesch&#228;ftigung   gefaselt. Als durch die Lehman-Brothers-Pleite Mitte September 2008 die   Krise nicht mehr zu &#252;bersehen war, wurde sie zun&#228;chst als reine   Finanzkrise dargestellt und entsprechend bek&#228;mpft: mit gigantischen   Hilfen f&#252;r &#8222;notleidende Banken&#8220;.<\/p>\n<h4>  Bankenrettung<\/h4>\n<p>  Dazu dienten massive staatliche Kapitalspritzen und B&#252;rgschaften und   Zinssenkungen der Notenbanken. Erstere beliefen sich f&#252;r die USA auf   1925 Milliarden Euro (18,1 Prozent des BIP), f&#252;r die Eurozone auf 1961   Milliarden Euro (21,1 Prozent des BIP). Zu den Rekordhaltern geh&#246;rt   Gro&#223;britannien mit 1059 Milliarden Euro (68,7 Prozent des BIP), Japan   war mit 161 Milliarden Euro (4 Prozent des BIP) eher zur&#252;ckhaltend.<\/p>\n<p>  Die US-Notenbank Fed senkte die Leitzinsen von 5,25 Prozent im September   2007 und 2 Prozent im Herbst 2008 auf 0-0,25 Prozent. Die Bank of   England senkte sie von Oktober 2008 bis April 2009 von 5 Prozent auf 0,5   Prozent. Im Juli 2008 hatte die EZB die Leitzinsen noch von 4 Prozent   auf 4,25 Prozent erh&#246;ht und sie seit Oktober wieder schrittweise   gesenkt, Anfang April von 1,5 Prozent auf 1,25 Prozent. Viele Beobachter   hatten eine Senkung auf 1,0 Prozent erwartet. Aber die EZB scheint einen   Leitzins von 1 Prozent als Untergrenze zu betrachten und noch nicht ihre   letzte Karte ausspielen zu wollen. Die Bank of Japan senkte die   Leitzinsen schrittweise von 0,5 Prozent auf 0,1 Prozent.<\/p>\n<p>  Da die Gesch&#228;ftsbanken die Zinssenkungen nur zu einem Teil an die   KundInnen weitergaben, bedeutet die wachsende Zinsdifferenz f&#252;r sie eine   gestiegene Einnahmem&#246;glichkeit.<\/p>\n<p>  Eine weitere &#8222;Hilfsma&#223;nahme&#8220; der Regierungen f&#252;r die Banken waren   ge&#228;nderte Buchf&#252;hrungsregeln. Nach Sch&#228;tzungen verbesserte das die   Bilanzen der US-Banken im ersten Quartal um 20 Prozent. Aber sie   bedeuten einfach, dass Banken Ramschpapiere in ihren Bilanzen nicht nach   ihrem aktuellen Marktwert (oder ihrer aktuellen Wertlosigkeit) auff&#252;hren   m&#252;ssen. Im Grunde genommen ist das legalisierte Bilanzf&#228;lschung. Das mag   kurzfristig beruhigen und Bankaktien nach oben treiben. Aber ein Aspekt   der Krise ist, dass sich Banken wechselseitig misstrauen, sie k&#246;nnten   Besitzer &#8222;vergifteter Wertpapiere&#8220; sein und dadurch bald   Zahlungsprobleme kriegen. Vor diesem Hintergrund sind durch die   legalisierte Bilanzf&#228;lschung k&#252;nftige Panikattacken auf den M&#228;rkten   vorprogrammiert.<\/p>\n<h4>  Hilfe f&#252;r die Realwirtschaft&#8230;<\/h4>\n<p>  Die Zinssenkungen der Notenbanken waren auch als Ankurbelung f&#252;r die   &#8222;Realwirtschaft&#8220; gedacht. Aber da die Banken die Zinssenkungen kaum   weitergeben und angesichts der Krise der Realwirtschaft sehr z&#246;gerlich   Kredite vergeben, kam von den Zinssenkungen wenig in der   &#8222;Realwirtschaft&#8220; an. Es kam in vielen L&#228;ndern zu einer &#8222;Kreditklemme&#8220;.<\/p>\n<p>  Deshalb wurden im Winter von mehreren Regierungen Konjunkturprogramme   aufgelegt. Das deutsche war so mickrig, dass es weniger Kaufkraft schuf   als der R&#252;ckgang der Energiepreise seit dem Sommer 2008. Weltweit werden   die Konjunkturprogramme auf 2 Prozent des Welt-BIP gesch&#228;tzt. Das   Konjunkturprogramm des US-Kongress von 787 Milliarden Dollar w&#252;rde 5,6   Prozent des US-BIP entsprechen.<\/p>\n<h4>  &#8230;stoppt Krise nicht<\/h4>\n<p>  In den 27 EU-Staaten schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im 4. Quartal   2008 um 1,5 Prozent. Sch&#228;tzungen f&#252;r das erste Quartal 2009 liegen bei   -2 Prozent. Das japanische BIP schrumpfte um 3,2 Prozent im 4. Quartal   2008. Die Industrieproduktion sank in den USA im M&#228;rz um 1,5 Prozent.   Das ist ein R&#252;ckgang gegen&#252;ber dem Vorjahr um 12,8 Prozent, seit Beginn   der Rezession um 13,3 Prozent. Sie war damit wieder auf dem Niveau von   Ende 1998. Im ersten Quartal insgesamt sank sie auf ein Jahr   hochgerechnet um 20 Prozent. Die japanische Industrieproduktion sank im   Februar sogar um 9,4 Prozent gegen&#252;ber dem Vormonat, um 40 Prozent   gegen&#252;ber dem Vorjahr. In der Eurozone lag sie im Februar 2009 um 18,4   Prozent unter dem Stand von Februar 2008.<\/p>\n<p>  Die Kapazit&#228;tsauslastung in den USA fiel im M&#228;rz auf 69,3 Prozent (der   niedrigste Stand, seit diese Daten erhoben werden, zu Beginn der   Rezession lag sie 11,3 Prozent h&#246;her). Die japanische   Kapazit&#228;tsauslastung lag im Februar bei 60,5 Prozent.<\/p>\n<p>  Die japanischen Auslandsauftr&#228;ge waren im Februar um 74,3 Prozent   niedriger als im Februar 2008. Die Auftragseing&#228;nge der deutschen   Industrie lagen im Februar 38,2 Prozent unter dem Stand vom Februar 2008.<\/p>\n<p>  Auch der private Konsum vor allem in den USA, der jahrelang ein Motor   der Weltwirtschaft war, ist kein Rettungsanker. Die Einzelhandelsums&#228;tze   in den USA sanken im M&#228;rz um 1,1 Prozent, seit Beginn der Rezession   sanken sie um 9,6 Prozent. In der Eurozone lagen sie im Februar um 4   Prozent niedriger als ein Jahr vorher, in der ganzen EU betrug das Minus   3,4 Prozent.<\/p>\n<p>  Die US-Verbraucher sparen wieder mehr, vor allem weil die K&#228;ufe von   Wohnungen, Autos etc. (&#8222;private Investitionen&#8220;) auf 12,8 Prozent der   Einkommen sanken (niedrigster Stand seit 1952, 4,3 Prozent unter dem   Durchschnitt). Im 4. Quartal 2008 lagen die privaten Nettoinvestitionen   bei 2,7 Prozent des BIP (der Durchschnitt seit 1947 war bei 7,2 Prozent).<\/p>\n<p>  In den USA kann der Privatkonsum noch lange niedrig bleiben, weil f&#252;r   die Alterssicherung vorgesehene Verm&#246;gen vernichtet wurden, weil   Menschen Angst um ihre Jobs haben, weil die Banken bei der Verl&#228;ngerung   von Verbraucherkrediten (insgesamt 13,9 Billionen Dollar) z&#246;gern. Von   August 2008 bis Januar 2009 stieg die Sparquote schon von 0,8 Prozent   auf 5 Prozent.<\/p>\n<p>  In der Eurozone sind Bankkredite an den Privatsektor im Dezember 2008   und Februar 2009 um jeweils 2 Milliarden Euro gefallen, die beiden   ersten R&#252;ckg&#228;nge seit der Einf&#252;hrung des Euro.<\/p>\n<h4>  Deflationsgefahr<\/h4>\n<p>  Die Gro&#223;handelspreise sanken in den USA im M&#228;rz um 1,2 Prozent. Von M&#228;rz   2008 auf M&#228;rz 2009 sanken die Verbraucherpreise erstmals seit &#252;ber 50   Jahren (um 0,4 Prozent). Die Kerninflation (ohne Lebensmittel- und   Energiepreise) liegt zwar im ersten Quartal aufs Jahr gerechnet bei 2,2   Prozent. Aber die offiziellen Zahlen wecken Zweifel: Z.B. sind in der   Statistik die Neuwagenpreise um 7 Prozent gestiegen, w&#228;hrend zugleich   auf dem Automarkt Rabattschlachten toben.<\/p>\n<p>  Angesichts einbrechender Rohstoffpreise, sinkender Kapazit&#228;tsauslastung,   steigender Arbeitslosigkeit und der Entwertung von Verm&#246;gen steigt die   Sorge vor einer Deflation. Auf den ersten Blick k&#246;nnte man fallende   Preise f&#252;r etwas Positives halten. Aber Deflation ist in mehrerer   Hinsicht negativ. Zun&#228;chst bedeutet sie, dass Geld mehr Wert ist, also   auch Schulden. Das k&#246;nnte angesichts des astronomischen Anstiegs der   Verschuldung in den letzten Jahren in vielen L&#228;ndern sehr negative   Folgen haben. Allein die Kreditkartenschulden in den USA betragen 142   Prozent der Jahreseinkommen, in Britannien sind es sogar 186 Prozent.   Dort betr&#228;gt die private Verschuldung insgesamt 187 Prozent des BIP (in   Deutschland &#8222;nur&#8220; 95 Prozent). Der Wohnungsbestand der USA ist zu 57   Prozent beliehen. Dabei war in den letzten Monaten die Reaktion auf die   Krise vor allem eine Verlagerung der Verschuldung von den Privaten, die   immer schwerer Kredite bekamen, auf die Staaten. Die Gesamtverschuldung   der USA (Private, Unternehmen und Staat) stieg vom 3. auf das 4. Quartal   2008 weiter von 399,5 Prozent des Nationaleinkommens auf 409 Prozent des   Nationaleinkommens. (Die Nettoverm&#246;gen der Verbraucher sanken im   gleichen Zeitraum von 529 auf 483 Prozent der verf&#252;gbaren Einkommen.)<\/p>\n<p>  Wenn Preise nicht nur vor&#252;bergehend fallen (z.B. wegen sinkender   &#214;lpreise), f&#252;hrt das dazu, dass die K&#228;uferInnen sich darauf einstellen   und K&#228;ufe verschieben, bis die Preise noch tiefer gefallen sind. Das   betrifft private K&#228;ufe langlebiger Konsumg&#252;ter (Autos, M&#246;bel etc.)   ebenso wie Investitionen von Unternehmen. Dadurch dreht sich die   Abw&#228;rtsspirale weiter. Die Masse der Bev&#246;lkerung hat von fallenden   Preisen nichts, weil L&#246;hne oder Sozialleistungen noch schneller sinken   (wenn nicht genug Widerstand organisiert wird) und weil ja gerade die   Preise der Waren sinken, deren Kauf immer wieder hinausgeschoben wird.   G&#252;ter des t&#228;glichen Bedarfs k&#246;nnen zugleich weiter im Preis steigen.<\/p>\n<p>  Regierungen und Notenbanken k&#246;nnen Inflation durch hohe Zinsen in den   Griff kriegen (unter Umst&#228;nden um den Preis einer schweren   Wirtschaftskrise). Aber mit Deflation ist es anders. Die Zinsen lassen   sich nicht beliebig senken, schon gar nicht, wenn sie, wie in den USA,   Japan oder Britannien, schon fast bei Null sind. Es ist ungeheuer   schwierig, aus dem Teufelskreis der Deflation wieder herauszukommen.<\/p>\n<h4>  Quantitative Lockerung als neues Instrument<\/h4>\n<p>  Die weiter abst&#252;rzende Wirtschaft und die Deflationsgefahr waren Gr&#252;nde,   warum die US-Notenbank Mitte M&#228;rz ank&#252;ndigte, verst&#228;rkt eine Politik der   &#8222;quantitativen Lockerung&#8220; zu betreiben. Ein weiterer Grund war die   Wirkung der Krise und der staatlichen Gegenma&#223;nahmen auf das   US-Haushaltsdefizit. Insgesamt wird dieses Defizit f&#252;r dieses Jahr auf   1,75 Billionen Dollar oder 12 Prozent des BIP gesch&#228;tzt (aber wer wei&#223;   schon, wie hoch die Steuereinnahmen und das BIP dieses Jahr tats&#228;chlich   sind). Nach manchen Sch&#228;tzungen werden die USA dieses Jahr f&#252;r 2,5   Billionen Dollar Staatsanleihen emittieren. Angesichts der gigantischen   Zahlen kam bei Investoren in den ersten Monaten 2009 Sorge bez&#252;glich der   Kreditw&#252;rdigkeit der USA auf. Eine Folge war Zur&#252;ckhaltung beim Kauf von   US-Staatsanleihen, 30-j&#228;hrige US-Staatsanleihen verloren Mitte Dezember   bis Mitte M&#228;rz um 21 Prozent an Wert &#8211; und bei festverzinslichen   Wertpapieren ist fallender Wert gleichbedeutend mit steigender   Umlaufrendite und das bedeutet einen Anstieg der langfristigen Zinsen.<\/p>\n<p>  Mitte M&#228;rz k&#252;ndigte die Fed an, forderungsbesicherte Wertpapiere f&#252;r bis   zu 850 Milliarden Dollar und langlaufende US-Staatsanleihen f&#252;r bis zu   300 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Das entspricht etwa 8 Prozent des   US-BIP. Schon seit September hatte die Fed derartige Ma&#223;nahmen   ergriffen. Als Folge weitete sich die Bilanzsumme der Fed von 800   Milliarden auf 2,3 Billionen Euro aus, schrumpfte dann aber auf 1,9   Billionen. Durch die neuen Ma&#223;nahmen kann die Bilanz der Fed bis   September auf 4,5 Billionen Dollar anschwellen.<\/p>\n<p>  Die britische Notenbank begann in dieser Krise ebenfalls mit   quantitativer Lockerung (die Bank of England will Unternehmens- und   Staatsanleihen f&#252;r 75 Milliarden Pfund kaufen, das Finanzministerium hat   ein Volumen von 150 Milliarden bewilligt). Die Bank of Japan hat vor   allem 2001 bis 2006 quantitative Lockerung betrieben. Nach der   Fed-Entscheidung im M&#228;rz k&#252;ndigte sie an, ihr Programm zum Kauf von   Staatsanleihen auf 220 Milliarden Euro auszuweiten.<\/p>\n<p>  Die EZB hat angek&#252;ndigt, im Mai ihre Haltung zur &#8222;quantitativen   Lockerung&#8220; bekannt zu geben. Bisher beteiligt sie sich nicht am Kauf von   Wertpapieren, ist aber in der Krise dazu &#252;bergegangen, beim Geldverleih   an Banken unsicherere Wertpapiere als &#8222;Sicherheiten&#8220; zu akzeptieren.   Unter dem Druck anderer Notenbanken k&#246;nnte die EZB auch zum Kauf von   Wertpapieren &#252;bergehen.<\/p>\n<p>  Einer Politik des Aufkaufs von Staatsanleihen durch die EZB steht ein   viel grundlegenderes Problem als ideologische Vorbehalte von   W&#228;hrungsh&#252;tern gegen&#252;ber. Wenn die Fed Staatsanleihen aufkauft, kauft   sie US-Staatsanleihen. Aber es gibt keine EU-Staatsanleihen. Die EZB   m&#252;sste deutsche, franz&#246;sische, italienische, griechische etc.   Staatsanleihen aufkaufen. Diese Staatsanleihen werden aber zu sehr   verschiedenen Kursen gehandelt. Die Anleihen von Staaten, die besonders   hohe Schulden haben oder wirtschaftlich besonders schlecht dastehen,   haben niedrigere Kurse. Anders gesagt: ihre Umlaufrendite ist h&#246;her,   weil sie eine Risikopr&#228;mie enth&#228;lt. Damit sind Kredite f&#252;r diese L&#228;nder   teurer. In den letzten Monaten haben diese Risikopr&#228;mien deutlich   zugenommen. Je nachdem, welche Staatsanleihen die EZB kauft, w&#252;rde deren   Kurs steigen, ihre Risikopr&#228;mie fallen. Jede derartige Aktion der EZB   w&#228;re keine rein &#246;konomische Ma&#223;nahme, sondern eine politische   Beg&#252;nstigung oder Benachteiligung bestimmter EU-Staaten. Hier zeigt sich   sehr deutlich, dass die gemeinsame W&#228;hrung Euro zwar den Nationalstaaten   Handlungsm&#246;glichkeiten (durch Zinspolitik oder W&#228;hrungsabwertung)   genommen, den Nationalstaat aber &#252;berhaupt nicht &#252;berwunden hat. Die   Einsch&#228;tzung der SAV, dass die europ&#228;ischen Kapitalisten dazu unf&#228;hig   sind, bleibt richtig. Die gegenw&#228;rtige Krise kann zeigen, dass sie   vielmehr mit dem Euro zwischen allen St&#252;hlen sitzen und in der   schlechtesten aller m&#246;glichen Welten sind.<\/p>\n<h4>  Quantitative Lockerung = Geld drucken<\/h4>\n<p>  Aufkauf von Wertpapieren durch die Notenbank ist in Zeiten von   elektronischem Zahlungsverkehr einfach das, was Staaten fr&#252;her durch   Geld drucken machten. Die Geldmenge soll erh&#246;ht werden und dadurch der   Deflationsgefahr entgegen gewirkt werden. Kann das funktionieren? Marx   hat in &#8222;Zur Kritik der politischen &#214;konomie&#8220; (1859) und im &#8222;Kapital&#8220;   (1867) die &#8222;Quantit&#228;tstheorie&#8220; bek&#228;mpft, wonach die Preise durch die   Geldmenge bestimmt w&#252;rden. Dabei ging er davon aus, dass das Geld   Edelmetall ist (Gold oder Silber), deren Wert wie bei jeder anderen Ware   durch die zu ihrer Herstellung erforderliche gesellschaftlich notwendige   Arbeitszeit bestimmt wird. Papiergeld konnte als Ersatz f&#252;r das   Metallgeld dienen. Dagegen akzeptierte Marx die Quantit&#228;tstheorie f&#252;r   &#8222;Staatspapiergeld mit Zwangskurs&#8220;, also genau die Geldscheine, die wir   heute haben. Er begr&#252;ndete das damit, dass diese nur als   Zirkulationsmittel dienen w&#252;rden, also nur als Mittel zum Kauf von   Waren, aber zum Beispiel nicht gehortet w&#252;rden. In dieser Beziehung   haben sich die Verh&#228;ltnisse seitdem ge&#228;ndert. Wir haben uns seit   Jahrzehnten an von Zentralbanken herausgegebene Geldscheine gew&#246;hnt.   Geldscheine unter der Matratze zu horten ist zweifellos weiter   verbreitet als Goldsch&#228;tze im Garten zu vergraben. Und gerade in   Krisenzeiten kann das Bargeldhorten massiv zunehmen. In der japanischen   Krise der 90er Jahre gab es Berichte, dass die Herstellung von Tresoren   eine der wenigen Branchen war, die boomte. In den USA stiegen im letzten   Herbst die Tresorverk&#228;ufe vor&#252;bergehend um 50 Prozent und sind immer   noch deutlich h&#246;her als in normalen Zeiten. Die deutschen   Tresorhersteller vermelden seit Oktober einen Anstieg der Nachfrage um   30 Prozent.<\/p>\n<p>  F&#252;r Geldscheine gilt gegenw&#228;rtig das gleiche, was zu Marx Zeiten f&#252;r   M&#252;nzen aus Edelmetallen galt. Wenn es mehr von ihnen gibt, als f&#252;r die   Zirkulation erforderlich ist, fallen sie aus der Zirkulation heraus. Wie   sich die Preise entwickeln, h&#228;ngt nicht davon ob, wie viel Geld   &#8222;gedruckt&#8220; wird, sondern davon, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Wenn   die Nachfrage von Unternehmen und VerbraucherInnen wegbricht, versuchen   Hersteller, durch Preissenkungen Kunden zu gewinnen und zugleich ihre   Profite zu retten, indem sie die L&#246;hne ihrer Besch&#228;ftigten oder ihre   eigenen Einkaufspreise senken. Das &#8222;Gelddrucken&#8220; von Notenbanken kann   nur auf quasi &#8222;psychologische&#8220; Weise die Deflation bek&#228;mpfen, indem die   Medienberichte &#252;ber diese Ma&#223;nahmen der Notenbanken dazu f&#252;hren, dass   K&#228;uferInnen eher mit Inflation als Deflation rechnen und daher nicht in   Erwartung auf fallende Preise Ausgaben herausschieben. Das kann eine   gewisse Wirkung haben, vor allem, weil es in den meisten f&#252;hrenden   kapitalistischen L&#228;ndern (mit der gro&#223;en Ausnahme Japan) in den letzten   Jahrzehnten keine Deflation gab und die Problematik weit aus dem   Bewusstsein ist. (Dazu kommt, dass die Verringerung der Geldmenge durch   das &#8222;Zusammenschnurren&#8220; von Kreditgeld, weil in der Krise Banken viel   z&#246;gerlicher Kredite vergeben, viel weniger im Bewusstsein ist als die   Ausdehnung des Zentralbankgeldes.) Auf diese Weise kann vielleicht   vermieden werden, dass die Deflationstendenzen durch die Erwartung von   Deflation verst&#228;rkt werden.<\/p>\n<p>  Das hei&#223;t aber nicht, dass Gelddrucken in Zeiten von Inflation nicht die   Inflation anheizen w&#252;rde. Im Gegenteil: Dann wird es ja zum Masochismus,   Geldscheine zu horten und zuzusehen, wie sie immer weniger wert werden.   Bei sp&#252;rbarer Inflation verwandeln sich die Geldscheine in die reinen   Zirkulationsmittel, die sie zu Marx&#8217; Zeiten waren &#8211; was wiederum die   Inflation weiter anheizt. Man kann also sagen, dass die   &#8222;Quantit&#228;tstheorie&#8220;, wonach die Preise von der Geldmenge bestimmt   werden, bei niedriger Inflation oder Deflation nicht gilt, bei starker   Inflation aber gilt. Das &#8222;Gelddrucken&#8220; kann bei Deflation nur begrenzt   helfen, aber bei Inflation unbegrenzt schaden.<\/p>\n<p>  F&#252;r diese begrenzte Hilfe m&#252;sste die &#8222;quantitative Lockerung&#8220; richtig   dosiert werden. Aber seit Monaten erleben wir st&#228;ndig neue   &#220;berraschungen, meist negative. Der Kapitalismus ist immer ein   anarchisches System, aber so unberechenbar wie in dieser Krise war er   noch nie. Wer soll da richtig dosieren? Bei zu niedriger Dosierung wird   die &#8222;quantitative Lockerung&#8220; eine Deflation nicht verhindern. Zu hohe   Dosierung wird zu Inflation f&#252;hren.<\/p>\n<p>  Wenn die Fed dabei US-Staatsanleihen kauft, bremst das zugleich den   Anstieg der Staatsverschuldung. Aber wenn die US-Regierung 2,5 Billionen   Dollar Staatsanleihen ausgibt und die US-Notenbank 300 Milliarden davon   kauft, bleibt der Anstieg der Verschuldung trotzdem astronomisch. Aber   die zus&#228;tzliche Nachfrage der Notenbank nach US-Staatsanleihen erh&#246;ht   zun&#228;chst die Nachfrage, steigert den Kurs dieser Anleihen (macht also   den Kursr&#252;ckgang seit Dezember teilweise r&#252;ckg&#228;ngig) und senkt damit die   Umlaufrendite, die langfristigen Zinsen. Normalerweise w&#228;re das eine   Hilfe f&#252;r die Konjunktur. Angesichts der Tiefe der gegenw&#228;rtigen Krise   ist fraglich, wie ein R&#252;ckgang der langfristigen Zinsen um ein paar   Promille die Wirtschaft ankurbeln soll. Dagegen jammern Banken, dass sie   weniger Gewinne machen k&#246;nnen, wenn der Abstand zwischen den Leitzinsen   und den langfristigen Zinsen schrumpft.<\/p>\n<p>  Zugleich stellt sich die Frage, wie attraktiv die US-Staatsanleihen bei   niedrigerer Umlaufrendite f&#252;r private Anleger sind, speziell f&#252;r   ausl&#228;ndische Anleger. Denn die Deflationsbek&#228;mpfung der US-Notenbank,   die zugleich f&#252;r die Zukunft (vor allem, wenn die Krise eines Tages   vorbei ist) Inflationsgefahren bringt, setzt den US-Dollar unter   Abwertungsdruck. Schon die Ank&#252;ndigung der Ma&#223;nahmen f&#252;hrte zu einem   Preisrutsch des Dollar. F&#252;r die US-Wirtschaft bringt es zwar einen   Konkurrenzvorteil, wenn der Dollar f&#228;llt (zugleich erh&#246;ht es aber den   Preis von Importwaren und kann so Inflationsgefahr erzeugen). Aber f&#252;r   ausl&#228;ndische Anleger macht es US-Anleihen unattraktiv, wenn diese durch   fallende Dollarkurse in ihrer eigenen W&#228;hrung immer weniger Wert werden.   Wenn ein ausl&#228;ndischer Investor US-Staatsanleihen kauft, daf&#252;r 3 Prozent   Zinsen bekommt, aber der Dollar jedes Jahr mehr als 3 Prozent gegen   seiner eigenen W&#228;hrung an Wert verliert, ist das kein gutes Gesch&#228;ft.   Wenn die US-Notenbank mit ihrer Politik der &#8222;quantitativen Lockerung&#8220; zu   weit geht, k&#246;nnten ausl&#228;ndische Investoren massenhaft US-Staatsanleihen   verkaufen. Dadurch w&#252;rden erstens die Kurse dieser Anleihen in den   Keller gehen und entsprechend die Umlaufrenditen empor schnellen.   Zweitens w&#252;rden viele dieser Investoren nach dem Verkauf ihrer   US-Anleihen die eingenommenen Dollar nicht behalten, sondern in ihre   W&#228;hrungen umtauschen. Der Dollarkurs w&#252;rde deutlich sinken. Das w&#252;rde   die Flucht internationaler Anleger aus US-Staatsanleihen und dem Dollar   weiter anheizen &#8211; ein Teufelskreis. Die US-Notenbank m&#252;sste also ihre   Politik der &#8222;quantitativen Lockerung&#8220; nicht nur so dosieren, dass sie   zwischen Inflation und Deflation Kurs h&#228;lt, sondern zugleich darauf   achten, dass der Dollarkurs weder so hoch steigt, dass die US-Wirtschaft   auf dem Weltmarkt benachteiligt ist noch so tief sinkt, dass die   ausl&#228;ndischen Anleger fliehen.<\/p>\n<p>  Beides zugleich zu schaffen, d&#252;rfte an ein Wunder grenzen, auch wenn die   US-Notenbank nicht nur die Menge der Anleihen, sondern auch das   Mischungsverh&#228;ltnis von Staatsanleihen und forderungsbesicherten   Wertpapieren in den vorgegebenen Grenzen bestimmen kann. Dabei ist der   Ausdruck &#8222;forderungsbesichert&#8220; einer der schlechten Witze in dieser   Krise. Er bedeutet, dass die Sicherheit f&#252;r diese Wertpapiere in   Schulden (Hypotheken, Autokredite, Studentenkredite,   Kreditkartenschulden etc.) besteht. Wie sicher sind diese &#8222;Sicherheiten&#8220;   in der Krise? Wie viel sind diese &#8222;Wert&#8220;papiere wert? Wenn die Fed   solche Papiere kauft, fragt man sich, ob es nur ein Geldgeschenk an   Reiche ist?<\/p>\n<p>  Aber was passiert, wenn die Konjunktur wieder anspringt, wenn die   Kreditklemme &#252;berwunden ist und Banken wieder Geld verleihen? Dann kann   die heutige &#8222;quantitative Lockerung&#8220; zu einem Inflationsschub f&#252;hren,   selbst wenn sie urspr&#252;nglich &#8222;richtig dosiert&#8220; gewesen w&#228;re. Wenn die   Notenbanken dann mit Zinserh&#246;hungen der Inflation entgegen wirken   (Fed-Chef Bernanke k&#252;ndigt schon an, die Zinsen rechtzeitig wieder   anzuheben), kann das die Konjunktur wieder abw&#252;rgen. Die Wirtschaft   k&#246;nnte sich &#228;hnlich wie in Japan in den fr&#252;hen 90er Jahren entwickeln:   Konjunkturelle Strohfeuer von ein paar Monaten, nach denen die   Wirtschaft in die Krise zur&#252;ckrutscht.<\/p>\n<h4>  D&#252;stere Aussichten<\/h4>\n<p>  Aber so weit sind wir noch nicht. Die Wirtschaftsprognosen zeigen immer   noch nach unten. Die OECD erwartet dieses Jahr f&#252;r ihre Mitgliedsl&#228;nder   eine Schrumpfung des BIP von 4,2 Prozent. Der IWF eine Schrumpfung der   Weltwirtschaft von 0,5-1 Prozent (USA -2,6 Prozent, Japan -5,8 Prozent,   Euro-Zone -3,2 Prozent), die Welthandelsorganisation WTO ein Schrumpfen   des Welthandels von bis zu 9 Prozent.<\/p>\n<p>  Zwar zeigen Unternehmensbefragungen in Deutschland, dass weniger   Befragte eine Verschlechterung erwarten als vor ein paar Monaten. &#8222;Der   Haken ist: Die derzeitige Ausgangslage wird von den allermeisten   Befragten mittlerweile als so dramatisch schlecht beurteilt, dass schon   die Erwartung unver&#228;nderter Gesch&#228;fte eher desastr&#246;s ist.&#8220; (Financial   Times Deutschland) Manche Prognosen halten f&#252;r Deutschland inzwischen   f&#252;r dieses Jahr ein Schrumpfen von 7 Prozent f&#252;r m&#246;glich &#8211; vergleichbar   mit 1931 (-7,6 Prozent) und 1932 (-7,5 Prozent).<\/p>\n<p>  Und bei alldem ist noch unterstellt, dass es zu keinen zus&#228;tzlichen   wirtschaftlichen Ersch&#252;tterungen kommt, weder zu einem Platzen neuer   Spekulationsblasen (z.B. US-Kreditkartenschulden) noch zu neuen Pleiten   von Gro&#223;banken oder multinationalen Konzernen noch zu Staatsbankrotten   in Osteuropa, die zu einer schweren Krise der EU und des Euro und\/oder   zu einer weltweiten Flucht aus Staatsanleihen f&#252;hren k&#246;nnen usw.<\/p>\n<p>  Sicher haben die staatlichen Ma&#223;nahmen der letzten Monate eine Wirkung.   Sie haben einen v&#246;lligen Zusammenbruch des Bankenwesens bisher   verhindert und den Absturz der Wirtschaft gebremst. Zu einer Kehrtwende   haben sie noch nicht gef&#252;hrt. Diese Kehrtwende wird irgendwann kommen,   denn im Kapitalismus gibt es immer Konjunkturzyklen. Sie wird begleitet   sein von massivem Sozialkahlschlag und zugleich der Schaffung neuer   wirtschaftlicher Seifenblasen (die enorme Staatsverschuldung, das   k&#252;nstliche Vorziehen von Autok&#228;ufen durch &#8222;Abwrackpr&#228;mien&#8220; sprechen eine   deutliche Sprache), die fr&#252;her oder sp&#228;ter platzen werden. Die einzige   nachhaltige L&#246;sung ist, den Kapitalismus abzuwracken, auch wenn Merkel   und Steinbr&#252;ck daf&#252;r keine Pr&#228;mie zahlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Welche Wirkungen haben die Anti-Krisen-Ma&#223;nahmen von Regierungen und<br \/>\n      Notenbanken?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13174"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13174"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13174\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}