{"id":13137,"date":"2009-05-07T15:57:00","date_gmt":"2009-05-07T15:57:00","guid":{"rendered":".\/?p=13137"},"modified":"2009-05-07T15:57:00","modified_gmt":"2009-05-07T15:57:00","slug":"13137","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/05\/13137\/","title":{"rendered":"Streik beim Wiesbadener Autozulieferer Federal Mogul"},"content":{"rendered":"<p>  Augenzeugenbericht<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Der Kollege wirkt ruhig aber entschlossen. Gestern haben 97 Prozent der   IG-Metaller f&#252;r Streik gestimmt, heute setzen sie ihn durch. Durchs   Werkstor darf keiner mehr ohne Genehmigung der Streikenden. &#220;ber 400   sollen entlassen werden, so wollen es die Bosse des Autozulieferers   Federal Mogul in Wiesbaden. &#8222;Mit solidarischem Handeln, k&#246;nnen wir uns   wehren&#8220;, halten die Arbeiter dagegen. <\/p>\n<h4>  <i>von einem SAV-Mitglied aus Frankfurt\/Main<\/i><\/h4>\n<p>  Die Frau des Streikposten ist schwanger, sie hat ihm Gl&#252;ck gew&#252;nscht   beim Kampf um den Arbeitsplatz. Alles wirkt gut organisiert.<\/p>\n<p>  Federal Mogul hat sich schon einmal, vor ziemlich genau 25 Jahren, beim   Kampf um Arbeitszeitverk&#252;rzung hervorgetan. Damals wurde die Belegschaft   ausgesperrt, woran der Betriebsratsvorsitzende in seiner Rede erinnert.   Auch heute sei der Gesch&#228;ftsleitung alles zuzutrauen, zum Beispiel, dass   sie in einem unbewachten Moment schwache Streikposten mit gemieteten   Streikbrechern zu &#252;berrumpeln versuchen. Damals, im Mai 1984, sei die   Gewerkschaft im Betrieb nicht stark genug gewesen, selbst einen Streik   zu initieren. Das ist heute anders. Der gewerkschaftliche   Organisationsgrad liegt bei 90 Prozent, in den letzten Monaten sei es   noch zu weiteren Eintritten gekommen.<\/p>\n<p>  Massiv stehen die Kollegen vor dem Haupttor. Jede Schicht stellt in   ihrer Arbeitszeit die Streikposten. Schon in der Nachtschicht wurde   abgesprochen, welche Kollegen in der ersten H&#228;lfte der Nacht, welche in   der zweiten H&#228;lfte daf&#252;r sorgen, dass alles unter Kontrolle der   Besch&#228;ftigten bleibt. Schnell ist auch gekl&#228;rt, welche Trupps vor den   Nebentoren aufziehen.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich werden die letzten Kollegen der Nachtschicht noch   rausgelassen. Wer dann aber sein Fahrzeug noch mutwillig im Werk hat, so   die Streikleitung, muss die Konsequenzen tragen. &#8222;Der kommt nicht raus,   wer es trotzdem versucht, kann nur noch die Schrottpr&#228;mie kassieren.&#8220;<\/p>\n<p>  Selbstverst&#228;ndlich besteht auch ein Alkoholverbot bei den Streikposten.   Zu schmerzhaft war in der Vergangenheit die Erfahrung bei anderen   Streiks, das Provokateure zu Alkoholkonsum animierten, was dann in den   Medien gegen die Streikenden verwendet wurde.<\/p>\n<p>  Ebenso wird zur Vorsicht gemahnt gegen&#252;ber einzelnen leitenden   Angestellten, die Nerven verlieren und streikende Kollegen angreifen   k&#246;nnten. &#8222;Nerven behalten, zusammen stehen und nicht provozieren   lassen&#8220;, ist die Parole.<\/p>\n<p>  Immer wieder hupen vorbeifahrende Fahrzeuge, teils aus Solidarit&#228;t,   teils weil die Kollegen auf der angrenzenden Stra&#223;e stehen. Die IG   Metall hat bereits eine Teilsperrung der Stra&#223;e beantragt &#8211; mal sehen,   wie schnell die Stadtverwaltung ist.<\/p>\n<p>  Auch die Geldfrage ist schnell gekl&#228;rt. Nach jedem Streikposten stehen,   gibt es im Streikleitungszelt den Stempel f&#252;r das Streikgeld. Dort sind   auch um 6.00 Uhr morgens schon Getr&#228;nke zu erhalten. Dass der   Kaffeenachschub kurz stockt, geschenkt. Wenig sp&#228;ter rollt er wieder.<\/p>\n<p>  Gefragt sind also Entschlossenhait, Disziplin; Verl&#228;sslichkeit,   Organisationsgeschick und Solidarit&#228;t.<\/p>\n<p>  Inhaltlich sehen die Kollegen Kurzarbeit als eine noch nicht   ausgesch&#246;pfte Alternative zu den Entlassungen, trotz des damit   einhergehenden Lohnverlusts. In Gespr&#228;chen und den Reden, wird ein   weiterer Konflikt deutlich, mit dem die Kollegen zu tun haben:   Einerseits ist die Auslastung des Werkes in letzter Zeit schlecht, das   k&#246;nnte die Kampfkraft schw&#228;chen. Andereseits sind viele Automobilfirmen   abh&#228;ngig von den just-in-time-Lieferungen von Federal Mogul. Das baut   wiederum Druck auf. Aber droht dann nicht Kurzarbeit oder schlimmeres   f&#252;r die Kollegen in den betroffenen Abnehmerbetrieben? So deutet es<\/p>\n<p>  der Bezirksleiter der IG Metall an. Man m&#252;sse die Produktion im   Zweifelsfall wom&#246;glich wieder hochfahren, sagt er. Das schw&#228;cht   nat&#252;rlich die Streikfront und vermindert den &#246;konomischen Druck. Bleibt   die Frage, wie die Konsequenzen f&#252;r die Besch&#228;ftigten der anderen   Betriebe tats&#228;chlich aussehen und ob sie nicht bereit w&#228;ren, diese zu   tragen, wenn sie von der Federal-Mogul-Belegschaft und ihrer   Gewerkschaft darum gefragt w&#252;rden. Die IG Metall m&#252;sste ihnen deutlich   machen: Wenn die Unternehmer bei der gut organisierten Belegschaft von   Federal Mogul in Wiesbaden mit Entlassungen durchkommen, werden andere   nachziehen. Hier sind also die Solidarit&#228;t anderer Metallbetriebe und   eine gute Informationspolitik der Wiesbadener Kollegen gefragt.<\/p>\n<p>  Der hessische DGB-Vorsitzende brachte bei der Kundgebung zumindest seine   Solidarit&#228;t zum Ausdruck. Und uns von der SAV Ortsgruppe Frankfurt war   es einen Vergn&#252;gen, sich um 5.00 Uhr Richtung Wiesbaden aufzumachen um   daran teilzuhaben, wie eine kampferprobte Belegschaft auf so   eindrucksvolle Weise ihre Macht demonstriert und zeigt, wie es aussieht,   &#8222;wenn das Weisungsrecht der Gesch&#228;ftsleitung endet&#8220;. Chaos bricht   jedenfalls nicht aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Augenzeugenbericht\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13137"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13137\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}