{"id":13093,"date":"2009-03-30T00:01:00","date_gmt":"2009-03-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13093"},"modified":"2012-05-15T15:14:22","modified_gmt":"2012-05-15T13:14:22","slug":"13093","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13093\/","title":{"rendered":"&quot;Reichtum kann im Kapitalismus nicht gerecht verteilt werden.&quot;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Theo Bergmann zu den aktuellen Antikrisenprogrammen der   Partei DIE LINKE.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h5>  <b>Theo Bergmann ist Jahrgang 1916. Bereits 1929 wurde er in der   Jugendorganisation der KPD-Opposition politisch aktiv. Er bezeichnet   sich als kritischer Kommunist, ist Mitglied in DIE LINKE und aktiv in   der Gewerkschaftslinken.<\/b><\/h5>\n<p>  <i>Frage: Mit der &#8222;Frankfurter Erkl&#228;rung&#8220; und dem &#8222;Programm gegen die   Wirtschafts- und Finanzkrise&#8220; haben Bundestagsfraktion bzw.   Bundesausschuss der Linken eine programmatische Antwort auf die Krise   gegeben. Was ist Deine Gesamteinsch&#228;tzung?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Insgesamt finde ich, dass diese Erkl&#228;rungen weich und sehr   sozialdemokratisch sind. Ich denke nicht, dass es nur um den Reichtum   der Kapitalisten geht. Das wird in beiden Programmen in den Mittelpunkt   ger&#252;ckt. Wir befinden uns aber in einer tiefen Krise des Kapitalismus,   die nicht nur ihren Ausdruck im Wohlstand einzelner Kapitalisten findet,   sondern es handelt sich um eine grundlegende Struktur- und Systemkrise.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Heisst das, dass wir nicht mit einem &#8222;Gesellschaftsvertrag f&#252;r   soziale Gerechtigkeit&#8220; aus der Krise kommen, wie das die   Bundestagsfraktion in ihrem Antikrisenprogramm erkl&#228;rt?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Dass wir den Reichtum im Kapitalismus gerecht verteilen k&#246;nnen   durch einen &#8222;Gesellschaftsvertrag&#8220;, glaube ich nicht. Wir k&#246;nnen die   Kapitalisten nicht von unseren Forderungen &#252;berzeugen, weil das ihren   Profitinteressen widerspricht. Es hat sich gezeigt, dass Versuche mit   den Kapitalisten ein B&#252;ndnis zu schlie&#223;en, verkehrt sind. Es wurde   probiert im &#8222;B&#252;ndnis f&#252;r Arbeit&#8220; und auf betrieblicher Ebene. Aber die   Kapitalisten haben uns am Ende immer die rote Karte gezeigt. Ihre Logik   ist Profitmaximierung. Das m&#252;ssen wir als ihre Logik akzeptieren. Aber   unsere Logik ist eine ganz andere. Und die k&#246;nnen wir nur durch unsere   eigene Kraft und gegen die Unternehmer durchsetzen. Es gibt keine   Gerechtigkeit im Kapitalismus, sondern Klassenkampf. Die Kapitalisten   beherrschen unseren Staat und deswegen bed&#252;rfen wir nicht eines   Gesellschaftsvertrages, sondern einer st&#228;ndigen St&#228;rkung und   Demonstration unserer Kr&#228;fte, nicht nur im Parlament, sondern auch   au&#223;erhalb. Dazu geh&#246;rt auch, dass wir in den Gewerkschaften eine andere   Politik, eine andere Strategie durchsetzen. Wir brauchen Streiks und   gro&#223;e Demonstrationen. Da k&#246;nnen wir etwas von den franz&#246;sischen   Arbeitern lernen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Was h&#228;ltst Du davon, die Erh&#246;hung der Binnennachfrage   einzufordern?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Binnenmarktf&#246;rderung ist richtig. Sie muss aber durch h&#246;here L&#246;hne   und durch R&#252;ckkehr zur parit&#228;tischen Verteilung der Soziallasten   erfolgen, nicht durch Milliardengeschenke und Steuersenkung f&#252;r die   Million&#228;re.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Ist die Binnenmarktf&#246;rderung auch ein Mittel zur &#220;berwindung   der Krise?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Die Krise werden wir dadurch nicht l&#246;sen. Die Krise wurde durch   die Logik des Kapitalismus verursacht. Die Krise wird &#8211; wenn wir es den   Unternehmern &#252;berlassen &#8211; auf kapitalistische Weise gel&#246;st: Betriebe   werden geschlossen, &#220;berkapazit&#228;ten abgebaut, Millionen Arbeiter auf die   Stra&#223;e gesetzt, gro&#223;e Unternehmen vernichten kleinere, um Konkurrenten   loszuwerden. Was wir brauchen, ist ein Aktionsprogramm der   Gewerkschaften mit den wichtigsten Forderungen, und im Kampf daf&#252;r   m&#252;ssen wir verhindern, dass die Kapitalisten ihre Krise auf unsere   Kosten l&#246;sen. Aber ein Aktionsprogramm muss auch eine Ver&#228;nderung   unserer Gesellschaft als Fernziel verlangen. Es gen&#252;gt nicht zu sagen,   eine andere Gesellschaft ist n&#246;tig, wir brauchen eine sozialistische   Gesellschaft. Dieses Ziel muss implizit und explizit in unserem Programm   enthalten sein. Wir m&#252;ssen sagen, was unser Ziel ist. Wir m&#252;ssen dieses   System abschaffen, das alle paar Jahrzehnte eine tiefe Krise verursacht   und nur die Massen enteignet.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Geht nicht ein Teil der Forderungen der LINKEN in die richtige   Richtung.<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Ein Teil der Forderungen geht in die richtige Richtung, wie zum   Beispiel die Vergesellschaftung der Banken. Das verstehe ich aber so,   dass wir nicht ihre faulen Gesch&#228;fte finanzieren und ihnen dann ihre   sanierten Banken zur&#252;ckgeben. Verluste, die sie gemacht haben, m&#252;ssen   den Bankeignern verbleiben. Es gen&#252;gt auch nicht den Managern die   Geh&#228;lter auf NUR 500.000 Euro zu k&#252;rzen, wir m&#252;ssen diese Herren, die   uns in die Krise gef&#252;hrt haben, einfach nach Hause schicken. Ich halte   es f&#252;r richtig, dass gefordert wird, die &#246;ffentlichen Dienste auszubauen   und Privatisierungen r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Auch die Forderung nach   Besteuerung der Million&#228;re halte ich f&#252;r richtig. Ich weiss nicht ob 5%   gen&#252;gen. Aber es w&#228;re jedenfalls ein richtiger Anfang.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Die Programme setzen gro&#223;e Hoffnungen in Genossenschaften.   Teilst Du diese Ansicht? <\/i>    <\/p>\n<p>  Th<i>e<\/i>o: Ich denke, dass Genossenschaften fr&#252;her eine wichtige Sache   waren, weil sie eine gro&#223;e Rolle bei der Selbsterziehung der   Arbeiterklasse spielten. In den 1880er Jahren, als die   Konsumgenossenschaften entstanden, standen die Arbeiter beim Kaufmann in   der Kreide. Sie haben oft auf Pump gekauft. Die Konsumgenossenschaften   haben die Arbeiter weggebracht vom Anschreibenlassen. Sie haben den   Barkauf eingef&#252;hrt. Die Lebensmittel waren ein bisschen billiger. Aber   man konnte nicht anschreiben lassen. Am Jahresende bekam man eine   R&#252;ckverg&#252;tung von drei bis f&#252;nf Prozent auf seine Eink&#228;ufe. Und in jeder   Filiale der Konsumgenossenschaft gab es einen gew&#228;hlten Beirat, der   aufgepasst hat auf die Filiale.<\/p>\n<p>  Dieses Netz von Konsumgenossenschaften war Teil der Arbeiterbewegung.   Wenn z.B. ein Streik war in Th&#252;ringen oder Sachsen, dann haben die   Konsumgenossenschaften Brot und andere Lebensmittel an die Streikenden   verteilt, sie so unterst&#252;tzt und Solidarit&#228;t ge&#252;bt. Das war damals eine   ganz wichtige Sache. Die Konsumgenossenschaften wurden beliefert von   Produktivgenossenschaften. Das waren Betriebe, die Seife, Zahnpasta,   B&#252;rsten und vieles andere produziert haben.<\/p>\n<p>  Auch die Wohnungsbaugenossenschaften der Arbeiter haben eine gro&#223;e Rolle   dabei gespielt die Arbeiter preisg&#252;nstig mit Wohnraum zu versorgen und   die beschissenen Bedingungen der schlechten Wohnungen, der   Massenquartiere und Kellerwohnungen zu &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  Die Genossenschaften hatten damals demokratisch gew&#228;hlte Gremien und ein   gewisses Ma&#223; von Selbstbestimmung. Das war ein gro&#223;es demokratisches   System der Selbsterziehung. Das hat vor 100 Jahren eine gro&#223;e Rolle   gespielt. Die Nazis haben das alles zerschlagen. Wir haben das nach 1945   auch nicht wieder aufbauen k&#246;nnen. Aufgrund der Weiterentwicklung des   Kapitalismus haben Genossenschaften ihre historische Rolle ausgespielt.<\/p>\n<p>  <i>Frage: K&#246;nnen sie diese Rolle nicht mehr zur&#252;ckbekommen?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Im Kapitalismus k&#246;nnen Genossenschaften diese Rolle nicht mehr   bekommen, weil der Kapitalismus alle Nischen, in denen noch Profit zu   machen ist, erobert und die Genossenschaften dadurch zerst&#246;rt hat. Wir   brauchen die P&#228;dagogik der Genossenschaften auch nicht mehr. Und sie   k&#246;nnten sich gegen&#252;ber den Kapitalisten nicht behaupten, weil wir als   arbeitende Menschen gar nicht imstande sind, das n&#246;tige Kapital   aufzubringen, damit sie mit kapitalistischen Unternehmen konkurrieren   k&#246;nnen. Sie taugen folglich nicht f&#252;r die L&#246;sung der heutigen   gesellschaftlichen Probleme.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Das Programm der Linken sagt, dass die Sparkassen und   Genossenschaftsbanken sich als &#8222;stabiler St&#252;tzpfeiler&#8220; erweisen w&#252;rden   und deshalb w&#228;ren sie das Modell der Linken f&#252;r den Finanzsektor.<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Ich bin nicht sicher, ob die Sparkassen, Landes- und   Genossenschaftsbanken nicht auch an Spekulationen beteiligt waren und   sind. Sie m&#252;ssen im Kapitalismus auch Profite machen, und wir sehen,   dass die baden-w&#252;rttembergische Landesbank, die angeblich sehr solide   war, auch Milliarden in den Sand gesetzt hat.<\/p>\n<p>  Im Kapitalismus kann sich keine Bank frei machen von der Kapitallogik.   Genossenschaften w&#228;ren besser als die gro&#223;en Banken, aber wie bereits   erkl&#228;rt, sind sie nicht die L&#246;sung des Problems. Diese gute Idee hat   keine Chance mehr im heutigen Kapitalismus.<\/p>\n<p>  <i>Frage: In der Frankfurter Erkl&#228;rung wird gefordert, dass die   Belegschaften bis zu 49% an gr&#246;&#223;eren Unternehmen beteiligt werden. Was   h&#228;ltst Du davon?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Das ist eine b&#252;rgerliche Forderung, die uns hindert, den   Klassenkampf im Betrieb zu f&#252;hren. Beteiligung an Unternehmen w&#252;rde   bedeuten, sich im Notfall an Verlusten zu beteiligen, ohne dass wir   kontrollieren k&#246;nnen, wie die Kapitalisten ihre Gewinne berechnen. Ich   halte das f&#252;r eine falsche Forderung, dass die Arbeiter au&#223;er dem Risiko   der Arbeitslosigkeit noch das Risiko des Unternehmensverlustes mittragen   sollen.<\/p>\n<p>  Warum nur 49%? Und: wir sind die gro&#223;e Mehrheit, und es gibt nur wenige   Aktion&#228;re. Warum sollen wir nur 49% haben und die anderen sollen dennoch   kontrollieren. Das ist keine Verstaatlichung, sondern weiter Hilfe f&#252;r   die Kapitalisten, wir zahlen die Geschichte und beteiligen uns an den   Verlusten. Au&#223;erdem w&#252;rde die Beteiligung zum Zwangssparen f&#252;hren, um   sich einkaufen zu k&#246;nnen. Die Arbeiter m&#252;ssen &#252;ber ihre L&#246;hne selbst   verf&#252;gen und d&#252;rfen nicht durch Staat oder Finanzminister bevormundet   werden.<\/p>\n<p>  Es hat ja in Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg den Versuch mit   Arbeiterfonds gegeben. Die Arbeiter sollten nach und nach immer mehr   Aktien bekommen und nach Jahrzehnten bzw. in der langen Perspektive   sollten sie die Mehrheit bekommen. Aber auch hier hat die Sache nicht   funktioniert. Und bei der heutigen Kapitalisierung der gro&#223;en   Unternehmen geht das erst recht nicht. Der Arbeiter hat nicht das Geld.<\/p>\n<p>  Auch die Volksaktien waren ein Schwindel. Die Arbeiter k&#246;nnen sich im   Kapitalismus nicht in Aktion&#228;re verwandeln. Wir k&#246;nnen uns nicht durch   Sparsamkeit und Hungern zur&#252;ckkaufen, was die Kapitalisten in   Jahrzehnten oder in einem Jahrhundert als Kapital akkumuliert haben. Ich   halte diese Forderung f&#252;r Unfug. Es ist Sache der Gesellschaft, die   Kapitalisten zu enteignen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Das Programm kommt zur&#252;ck auf die alte Idee   Wirtschaftsdemokratie. Was h&#228;ltst Du davon?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Die Wirtschaftsdemokratie ist keine Idee der Arbeiter, sondern   eine Idee der Reformisten. Fritz Naphtali &#8211; ein gro&#223;er ehrlicher   Reformist &#8211; hat nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution   daraus eine ganze Theorie gemacht. Wir haben gesehen, dass das nicht   funktioniert hat. Sie sollte der Ersatz sein f&#252;r eine Revolution. Man   wollte den Sozialismus schrittweise einf&#252;hren durch mehr und mehr   Demokratie. Das bedeutete, dass die Revolution verhindert wurde und am   Ende die Konterrevolution gest&#228;rkt wurde.<\/p>\n<p>  Aus der Wirtschaftsdemokratie ist nichts geworden. Vor 1933 nicht und   danach auch nicht. 1945 hat der Versuch von Hans B&#246;ckler mit der   Mitbestimmung &#8211; ein &#228;hnlicher Versuch &#8211; nicht zum Erfolg gef&#252;hrt. Aus   der Mitbestimmung ist Co-Management geworden, wo unsere Betriebsr&#228;te zum   Teil mit Unternehmern f&#252;r die Profitabilit&#228;t der Betriebe sorgen.<\/p>\n<p>  Die Frage der Wirtschaftsdemokratie ist ausf&#252;hrlich vor 1933 in der   Arbeiterbewegung diskutiert worden. Die kritischen Kommunisten und vor   allem August Thalheimer haben in einer Artikelsammlung nachgewiesen,   dass es nicht funktionieren kann. Die Praxis hat best&#228;tigt, dass am Ende   die Unternehmer immer allein regiert haben, obwohl wir nach 1918 einen   vorl&#228;ufigen Reichswirtschaftsrat hatten und eine   Sozialisierungskommission, die nur dicke B&#252;cher hat schreiben lassen.   Mit der Weltwirtschaftskrise haben die Unternehmer gezeigt, dass sie   herrschen, und sie haben die Nazis an die Macht gebracht. Die   Wirtschaftsdemokratie ist eine sozialdemokratische Illusion, und wir   sollten sie nicht wieder aufw&#228;rmen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Die Forderung nach Ausdehnung der Mitbestimmung f&#252;hrt demnach   auch in die falsche Richtung?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Ich glaube gar nicht an eine Mitbestimmung. Das halte ich f&#252;r eine   ganz reformistische und unrealistische Forderung. Es gibt im   Kapitalismus keine gemeinsame Bestimmung von Arbeitern und Unternehmern   im Betrieb. Alle Mitbestimmungsgesetze sind h&#246;chst undemokratisch   gewesen, weil sie f&#252;r die Zehntausende Besch&#228;ftigten und f&#252;r die wenigen   Aktion&#228;re die gleiche Zahl von Aufsichtsr&#228;ten festgelegt haben und der   Vorsitzende, der ein doppeltes Stimmrecht hat, immer ein   Unternehmervertreter war, so dass die Arbeitervertreter bei   entscheidenden Abstimmung eh in der Minderheit waren.<\/p>\n<p>  Was wurde uns nach 1949 alles an Demokratie in der Wirtschaft   versprochen. Daraus ist nichts geworden, au&#223;er dass einige von unseren   Gewerkschaftsvertretern Arbeitsdirektoren wurden und auf die andere   Seite &#252;bergegangen sind. Das ist ein St&#252;ck Korruption, ein St&#252;ck Einkauf   von Arbeitervertretern durch die Unternehmer. Selbst wenn wir gute   Betriebsr&#228;te und Aufsichtsr&#228;te haben, die sich gut informieren und die   Interessen der Arbeiter vertreten, dann haben sie trotzdem nicht das   Sagen, weil es keine Gleichberechtigung geben kann. Es ist unsinnig zu   fordern, dass Betriebsr&#228;te und Gewerkschaften &#252;ber Entlassungen und   Betriebsverlagerungen mitbestimmen sollen, d.h. wir sollen mithelfen uns   die Beine abzuhacken. Statt Entlassungen muss es Arbeitszeitverk&#252;rzungen   entsprechend der h&#246;heren Produktivit&#228;t geben, finanziert durch die   Profite. Wir d&#252;rfen gar keinen Entlassungen zustimmen &#8211;auch nicht von   Leiharbeitern. Mitwirkung bei Entlassungen darf es nicht geben. Und um   unsere Interessen durchzusetzen, m&#252;ssen wir k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Was m&#252;ssten Deiner Meinung nach die wichtigsten Forderungen   eines Aktionsprogramms sein, das Du mehrmals angesprochen hast.<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Die erste wichtige Forderung ist Arbeitszeitverk&#252;rzung, zweitens   Lohnerh&#246;hung, drittens Ausbau der &#246;ffentlichen Daseinsvorsorge, viertens   R&#252;ckkehr zum fr&#252;heren System der Sozialversicherungen, weg mit der   Agenda 2010 und Hartz IV, f&#252;nftens ein Mindestlohn in EU-H&#246;he, kein Geld   f&#252;r die R&#252;stung und ein Steuersystem, das die Unternehmer besteuert. Und   wir brauchen ein staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm, das sich nicht   damit besch&#228;ftigt Autos abzuwracken, sondern unsere sozialen und   kulturellen Einrichtungen ausbaut. Wir m&#252;ssen vielleicht nicht mehr so   viele Autos, aber mehr Lehrer und &#196;rzte produzieren.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Wie kommt man von einem Aktionsprogramm zur &#220;berwindung des   Kapitalismus?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: In einem Aktionsprogramm muss auch stehen, dass wir nicht bereit   sind, uns mit den Grenzen, die uns die Kapitalisten setzen, abzufinden.   Wir m&#252;ssen sagen, dass wir auch willens sind, diese Grenzen zu   &#252;berschreiten. Unsere Welt muss eine sozialistische Welt sein.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Wie soll diese sozialistische Gesellschaft aussehen?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Ich glaube nicht, dass wir irgendein Modell wie Kuba, Vietnam oder   China &#252;bernehmen k&#246;nnen, auch wenn diese erfolgreich sind. Wir sind ein   hochentwickeltes Land mit einer modernen Industrie, mit einer   Arbeiterklasse, die demokratische Erfahrungen hat, die seit mehr als 100   Jahren alphabetisiert und technisch hochqualifiziert ist. Wir m&#252;ssen ein   anderes Modell finden, aber ein Modell, in dem die Kapitalisten nichts   zu sagen haben, sondern in dem die arbeitenden Menschen durch geplante   Wirtschaft und sinnvolle Organisation eine Form der Gesellschaft finden,   in der alle Menschen eine Chance haben sich zu entwickeln. Nur so k&#246;nnen   wir verhindern, dass wir wieder Kriege f&#252;hren, dass wir die Unterh&#246;hlung   der Demokratie oder Faschismus bekommen. Wir brauchen eine Gesellschaft,   die wir selbst gestalten m&#252;ssen und &#252;ber deren Einzelheiten wir heute   noch nicht allzuviel sagen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Viele w&#252;rden einwenden, dass die arbeitenden Menschen das   nicht k&#246;nnten und man auf die heutigen Manager und Experten angewiesen   sei.<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Wir sehen heute, dass diese Experten Experten im Verluste machen   und im Verbrennen von Milliarden sind. Das zeigt, dass sie nicht die   besten Manager sind. Ich glaube, dass die Arbeiter, Facharbeiter und   Ingenieure das besser k&#246;nnen und verantwortungsvoll f&#252;r die Gesellschaft   arbeiten w&#252;rden &#8211; im Gegensatz zu den heutigen Herren in den Chefetagen,   die sich selber voll saugen und ihren Aktion&#228;ren m&#246;glichst viele   Milliarden in den Rachen schieben, ohne die Auswirkungen auf die   arbeitende gro&#223;e Mehrheit der Gesellschaft zu ber&#252;cksichtigen.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Gregor Gysi hat neulich in einer Bundestagsdebatte gesagt,   dass die Frage des Sozialismus nicht auf der Tagesordnung steht. Was   sagst Du dazu?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Ich w&#252;rde sagen, gerade die Krise des Kapitalismus zeigt, dass wir   ein anderes System erk&#228;mpfen m&#252;ssen. Dass dieses System immer wieder zu   Krisen f&#252;hrt, ist nicht der Fehler einzelner &#8222;Heuschrecken&#8220;, sondern der   Fehler des Kapitalismus. Auch die Ratschl&#228;ge von Ethikprofessoren und   Leuten wie Steinmeier, dass die Unternehmer vern&#252;nftig und bescheidener   sein sollen, hilft nicht. Wir brauchen eine andere Gesellschaft und wir   m&#252;ssen die Unternehmer &#246;konomisch und politisch entmachten.<\/p>\n<p>  <i>Frage: Wie erkl&#228;rst Du Dir, dass die Linke trotz Krise des   Kapitalismus nicht offensiv f&#252;r Sozialismus eintritt?<\/i><\/p>\n<p>  Theo: Das Selbstbewusstsein der Linken ist ganz mangelhaft. Das zeigt   sich daran, dass wir den Kapitalismus akzeptieren, w&#228;hrend selbst die   b&#252;rgerlichen Zeitungen von Karl Marx und der Krise des Kapitalismus   schreiben. Wenn wir in einer solchen Situation so bescheiden sind und   auf den Sozialismus verzichten, ist das ein Zeichen einer ganz   mangelhaften F&#252;hrung, die immer noch in der Depression von 1989 lebt.   Das m&#252;ssen wir durch geduldige Debatte und Erfahrung im Klassenkampf   &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  <i>Danke f&#252;r das Interview<\/i><\/p>\n<h4>  Das Interview f&#252;hrte Ursel Beck am 9. M&#228;rz 2009<\/h4>\n<h4>  <\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Theo Bergmann zu den aktuellen Antikrisenprogrammen der<br \/>\n      Partei DIE LINKE.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,25,127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13093"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13093"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13093\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}