{"id":13089,"date":"2009-04-20T00:01:00","date_gmt":"2009-04-19T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13089"},"modified":"2012-07-21T14:14:26","modified_gmt":"2012-07-21T12:14:26","slug":"13089","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/04\/13089\/","title":{"rendered":"Plan-Wirtschaft statt Chaos-Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>  Die sozialistische Alternative zum Kapitalismus<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Von Nordeuropa bis S&#252;dafrika, von Asien bis Amerika &#8211; wie ein   unheimlicher Virus rast die Wirtschaftskrise um den Erdball, vernichtet   die Existenzgrundlage von Millionen, l&#228;sst Menschen, St&#228;dte, Regionen,   ganze L&#228;nder verarmen, bringt Maschinen und Fabriken zum Stillstand.   Wenn es noch eines Beweises bedurft hat, dann wird er durch diese Krise   erbracht: Das gegenw&#228;rtige Wirtschaftssystem dient nicht den Menschen,   dient nicht der Gesellschaft, kann die Wirtschaft nicht sinnvoll   organisieren und regulieren, es zerst&#246;rt statt aufzubauen. Die   Produktivkr&#228;fte werden zu Destruktivkr&#228;ften.<\/p>\n<h4>  <i>von Georg K&#252;mmel, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Und wir erleben erst den Anfang der Krise und ihrer Folgen. Der   Konkurrenzkampf versch&#228;rft sich mit jedem Tag, den die Krise fortdauert   und damit steigt auch die R&#252;cksichtslosigkeit, mit der die Kapitalisten   gegen Arbeitende, Arbeitslose und gegen die Umwelt vorgehen, um ihre   Profite zu retten. Wie eine Meute ausgehungerter W&#246;lfe werden die   Kapitalisten der einzelnen L&#228;nder au&#223;erdem um die verbliebenen   Absatzm&#228;rkte k&#228;mpfen; neue Krisenherde und neue Kriege werden entstehen.   H&#246;chste Zeit, eine Alternative zum Chaos des Kapitalismus zu erreichen.   Aber wie soll diese Alternative aussehen?<\/p>\n<p>  Karl Marx und Friedrich Engels haben schon vor 150 Jahren den   Sozialismus als die Gesellschaft beschrieben, die den Kapitalismus   abl&#246;sen m&#252;sse. Die &#246;konomische Grundlage des Sozialismus sind das   Gemeineigentum an Produktionsmitteln und die Organisation der Wirtschaft   nach einem bewussten Plan. Aber, kann eine geplante Wirtschaft &#252;berhaupt   funktionieren? Der Zusammenbruch der auf Planwirtschaft fu&#223;enden Staaten   habe doch bewiesen, dass Planwirtschaft nicht machbar sei, lautet der   entscheidende Einwand.<\/p>\n<p>  Die DDR, die Sowjetunion und die anderen Staaten des Ostblocks (wir   nennen sie stalinistische Staaten) waren nicht demokratisch organisiert.   Deshalb beweist deren Scheitern keinesfalls, dass eine geplante   Wirtschaft grunds&#228;tzlich unm&#246;glich ist. Bewiesen ist, dass man eine   hochkomplexe Wirtschaft nicht mit b&#252;rokratischen Kommandomethoden   organisieren kann.<\/p>\n<h4>  Planung im Kapitalismus<\/h4>\n<p>  Die vielf&#228;ltigen Einw&#228;nde gegen die Idee einer geplanten Wirtschaft sind   eigentlich sehr verwunderlich, denn im Kapitalismus wird ebenfalls   geplant und zwar im gro&#223;en Stil, nicht nur auf betrieblicher Ebene,   sondern international. Beispiel BASF: In einem Artikel &#252;ber &#8222;optimierte   Produktionsplanung&#8220; wird die Gr&#246;&#223;e der planerischen Aufgaben umrissen.   BASF hat rund 82.000 Mitarbeiter, an Produktionsstandorten in 41 L&#228;ndern   und Kunden in 170 L&#228;ndern. Es geht darum, Standort &#252;bergreifend zu   planen. Mit Hilfe eines computergest&#252;tzten Systems wird eine Grobplanung   und eine Feinplanung durchgef&#252;hrt. Es soll m&#246;glichst flexibel geplant   und gesteuert werden, welche Produkte, in welcher Zahl, an welchen   Standorten, auf welchen Maschinen in welcher Reihenfolge hergestellt   werden sollen. Rohstoffe und Vorprodukte, Arbeitskr&#228;fte, Maschinen,   Geb&#228;ude, Energie, alles muss zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen   Menge bereitgestellt werden.<\/p>\n<p>  Die Planung der Produktion wird auch heute schon wissenschaftlich   erforscht und betrieben. Dazu z&#228;hlen beispielsweise die Fachgebiete   Produktionsplanung, Personalmanagement, Supply-Chain-Management   (Liefer-Ketten-Planung). Die Entwicklung von Computerprogrammen, die den   gesamten Produktionsablauf in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen   erfassen, planen und steuern, ist ein bedeutender Zweig der   Software-Industrie.<\/p>\n<p>  Es geht nicht nur um kurzfristige Planung. Die Entwicklung und Fertigung   neuer Produkte, der damit eventuell verbundene Bau neuer Fabriken   erfordert Planungen, die sich &#252;ber mehrere Jahre erstrecken. In der   &#246;ffentlichen Diskussion taucht die Tatsache, dass jeder Betrieb eine   mehr oder weniger umfangreiche Planung betreibt, aber nicht auf, weil es   nicht zum Mythos der &#8222;unsichtbaren Hand des Marktes&#8220; passt, wonach sich   am Ende alles quasi ganz von alleine wunderbar zusammenf&#252;gen w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  Planlose Planung<\/h4>\n<p>  Die Planung im Kapitalismus hat allerdings eine entscheidende   Beschr&#228;nkung: Jeder Betrieb, jeder Konzern plant nur f&#252;r sich. Die   Produktion eines Automodells samt zugeh&#246;riger Fabrik mag dann aufwendig   geplant sein, am Ende stellt sich heraus, dass ein Teil der Arbeit reine   Verschwendung war oder sein wird, weil es nur eine kauff&#228;hige Nachfrage   f&#252;r die Produktion von vier statt f&#252;nf Herstellern gibt. Was f&#252;r die   nebeneinander und gegeneinander geplante Produktion von Autos gilt, gilt   nat&#252;rlich auch f&#252;r die Produktion insgesamt. Weil das Motiv der   Produktion der Profit ist und Betriebe, Konzerne in Konkurrenz   zueinander wirtschaften, kommt es zu der absurden Situation der Krise   aus &#220;berfluss, zu der absurden Situation, dass die Gesellschaft verarmt,   weil zu viel produziert werden kann.<\/p>\n<h4>  Anderes Motiv der Produktion<\/h4>\n<p>  Wie k&#246;nnte eine demokratisch geplante Wirtschaft aussehen? Nehmen wir   an, die Industriekonzerne, die Banken und Versicherungen w&#228;ren in   Gemeineigentum &#252;berf&#252;hrt und nun w&#252;rde ein gesamtgesellschaftlicher Plan   erarbeitet. Zun&#228;chst w&#228;re das Motiv f&#252;r die Produktion ein ganz anderes.   Die Frage w&#252;rde nun nicht mehr lauten &#8222;Was bringt Profit?&#8220;, sondern &#8222;Was   ist sinnvoll? Was brauchen wir? Welche Priorit&#228;ten sollen wir setzen?&#8220;   Diese Fragestellungen w&#252;rden auf allen Ebenen der Gesellschaft breit   diskutiert werden. Beispiel Energieversorgung: Eine gesellschaftliche   Diskussion &#252;ber die Zukunft der Energieversorgung w&#252;rde aller   Voraussicht nach ergeben, dass zuallererst alle M&#246;glichkeiten zur   Energieeinsparung genutzt werden, und die Energieversorgung auf   erneuerbare Energiequellen &#8211; also Sonne, Wind, Wasser, Wellen, Biomasse,   Erdw&#228;rme &#8211; umgestellt werden muss.<\/p>\n<p>  Man w&#252;rde eine Bestandsaufnahme &#252;ber das Produktionspotenzial der   Gesellschaft machen. Dabei w&#252;rde herauskommen, dass derzeit in   Deutschland circa 750.000 Menschen in der Autoindustrie besch&#228;ftigt   sind. Im Bereich der erneuerbaren Energie arbeiten hingegen nur rund   280.000 Menschen. Also w&#252;rde man einen Plan erarbeiten, wie die   Produktion umgestellt werden kann: Statt Getriebe f&#252;r LKWs k&#246;nnte man   Getriebe f&#252;r Windr&#228;der produzieren, statt Glas f&#252;r Autoscheiben Glas f&#252;r   Sonnenkollektoren oder Isolierverglasung f&#252;r Wohnh&#228;user. Wenn man   bedenkt, dass Millionen Menschen derzeit arbeitslos sind, kann man   ahnen, in welchem Ma&#223; und mit welcher Geschwindigkeit der Ausbau   erneuerbarer Energien m&#246;glich w&#228;re.<\/p>\n<p>  Ziel der Produktion w&#228;re es, die Umwelt zu schonen und Arbeitszeit zu   sparen. Gesellschaftlich unn&#246;tige Produktion und T&#228;tigkeiten w&#252;rden   gestoppt, an oberster Stelle die R&#252;stungsindustrie, aber auch zum   Beispiel die Werbebranche. Die frei werdende Arbeitszeit k&#246;nnte genutzt   werden, um die Arbeitszeit f&#252;r alle zu verk&#252;rzen.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Aufstellung dieses Plans w&#252;rde gelten: je zentraler und je   weiter in die Zukunft reichend, desto gr&#246;ber. Je dezentraler und je   kurzfristiger, desto konkreter. Beispiel Verkehrssystem: Die   Entscheidung, das Verkehrssystem auf Busse und Bahnen umzustellen, und   die entsprechende Planung der Produktion w&#252;rden zentral stattfinden,   aber die EinwohnerInnen der jeweiligen Stadt w&#252;rden entscheiden, wo es   Sinn macht, alte Stra&#223;enbahntrassen wiederherzustellen, neue zu bauen   oder doch lieber Elektrobusse einzusetzen.<\/p>\n<h4>  Zentral und dezentral<\/h4>\n<p>  Es ist doch ganz selbstverst&#228;ndlich, dass lokale und regionale   Besonderheiten am Besten dadurch ber&#252;cksichtigt werden, dass man nach   dem Motto plant: zentral soviel wie n&#246;tig, dezentral so viel wie   m&#246;glich. Dass dieses Prinzip in den stalinistischen Staaten quasi   umgekehrt angewendet wurde, hatte nichts mit Planwirtschaft, aber alles   mit Macht und Privilegien zu tun. Je h&#246;her, je zentraler die jeweilige   Entscheidungsebene war, desto gr&#246;&#223;er waren die materiellen Privilegien.   Daher r&#252;hrte der verh&#228;ngnisvolle Drang zu &#220;berzentralisierung. Ein   Durchschnittslohn f&#252;r Menschen in Leitungsfunktionen, die Abschaffung   von Privilegien und die jederzeitige W&#228;hl- und Abw&#228;hlbarkeit sind   notwendige Ma&#223;nahmen, um das zu verhindern.<\/p>\n<p>  Die stalinistische B&#252;rokratie hat sich immer auf Marx berufen. Aber es   war Karl Marx, der diese demokratischen Prinzipien als unabdingbar   erachtete; nachzulesen unter anderem in seinen Schriften &#252;ber das   positive Beispiel der Pariser Kommune von 1871.<\/p>\n<h4>  20.000 Staubsaugertypen<\/h4>\n<p>  Im Kapitalismus wird aufgrund des Konkurrenzprinzips nebeneinander   gearbeitet. Das f&#252;hrt dazu, dass dieselbe Aufgabe doppelt, dreifach, ja   manchmal hundertfach geplant und ausgef&#252;hrt wird. Beispiel Staubsauger:   In einem beliebigen Elektrofachmarkt findet man ganze Regale mit   unterschiedlichen Staubsaugern. Unter filtermax.de findet man laut   Eigenwerbung Staubbeutel f&#252;r &#252;ber 20.000 (in Worten: zwanzigtausend)   Staubsaugertypen von &#252;ber 590 Herstellern oder Handelsnamen. Selbst wenn   man ber&#252;cksichtigt, dass viele Staubbeutel baugleich sind, bleiben, sehr   vorsichtig gesch&#228;tzt, noch hunderte unterschiedliche Staubbeutel und   Staubsauger. Man ahnt die Verschwendung an Arbeitszeit bei der   Herstellung verschiedener Staubsaugertypen samt Zubeh&#246;r. Vom   Motorgeh&#228;use bis zu Verpackung muss vielfach geplant, beschafft,   beschriftet, verpackt, bevorratet und so weiter werden. Inzwischen gibt   es beutellose Staubsauger. W&#252;rde man diese Technik perfektionieren,   k&#246;nnte man mit h&#246;chstens einem Dutzend verschiedener Staubsaugertypen   sicher die unterschiedlichsten W&#252;nsche verschiedener Nutzer abdecken.   Das gleiche gilt f&#252;r Fernseher und Fahrr&#228;der, Wasserkocher und   W-LAN-Router, f&#252;r Kocht&#246;pfe und Kehrschaufeln. Au&#223;erdem w&#228;ren die   Produkte langlebiger, weil kein Profitinteresse an der Produktion von   kurzlebigem Schrott best&#252;nde, was ebenfalls Zeit und Ressourcen bei   Planung und Produktion sparen w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  Internationale Planung<\/h4>\n<p>  Die Wirtschaft m&#252;sste nicht nur im nationalen, sondern im   internationalen Ma&#223;stab geplant werden. Das ist heute notwendiger denn   je. Die Produktivkr&#228;fte (Produktionsmittel und menschliche   Arbeitst&#228;tigkeit) sind so gewaltig geworden, dass sie mit jedem Tag, den   sie l&#228;nger anarchisch, ungeplant eingesetzt werden, den gesamten   Planeten zu zerst&#246;ren drohen. Das gilt f&#252;r die CO2-Produktion ebenso wie   f&#252;r die Verschmutzung von Luft und Wasser oder die &#220;berfischung der   Weltmeere. Jedes dieser Probleme (und viele andere mehr), erfordern ein   planm&#228;&#223;iges, koordiniertes Vorgehen der L&#228;nder dieser Erde.<\/p>\n<p>  Diese Aufgabe erscheint Vielen als so gigantisch, dass sie sie f&#252;r   unl&#246;sbar halten. Aber schon heute gibt es doch Organisationen, die auf   unterschiedlicher Ebene versuchen, die Probleme anzugehen. Von lokalen   B&#252;rgerinitiativen zum Erhalt von Naturschutzgebieten bis zu den Treffen   des Weltsozialforums, bei denen Menschen aus allen Kontinenten &#252;ber   globale Probleme und L&#246;sungen diskutieren. Aber sie k&#246;nnen heute nur   protestieren und nicht entscheiden. Trotzdem kann man sich doch   vorstellen, dass Gremien, deren Mitglieder demokratisch gew&#228;hlt sind,   nicht nur lokal, sondern auch international Beschl&#252;sse fassen, Pl&#228;ne   erstellen und f&#252;r deren Umsetzung Sorge tragen.<\/p>\n<p>  In einer weltweit demokratisch organisierten, geplanten Wirtschaft w&#252;rde   man nat&#252;rlich das Patentrecht abschaffen und alle bestehenden Patente im   Internet f&#252;r jedermann zug&#228;nglich ver&#246;ffentlichen. Jede technische   Neuerung, jedes neue Know How, das irgendwo erworben w&#252;rde, w&#228;re im   n&#228;chsten Augenblick Allgemeingut der Menscheit. Nat&#252;rlich w&#252;rde man eine   breite Debatte &#252;ber die technisch beste L&#246;sung sowie die m&#246;glichen   Folgen der Einf&#252;hrung eines neuen Produktes f&#252;hren, um sich dann daf&#252;r,   dagegen oder f&#252;r einen dritten Weg zu entscheiden. Das kann auf lokalen   wie internationalen Kongressen und via Internet geschehen.<\/p>\n<p>  Wissenschaft und Technik w&#252;rden eine neue Epoche der Entfaltung erleben.<\/p>\n<h4>  Unflexibel?<\/h4>\n<p>  Auf Wikipedia wird als Argument gegen die Planwirtschaft angef&#252;hrt:   &#8222;Mangel an Flexibilit&#228;t&#8220;, da in einer solchen Wirtschaft Anweisungen und   Planvorgaben der staatlichen Planungsbeh&#246;rden verbindlich seien und   keine oder nur ganz geringe Entscheidungsspielr&#228;ume best&#252;nden. So war es   in den stalinistischen L&#228;ndern, aber so muss es nicht sein.<\/p>\n<p>  Die Strukturen, in denen demokratische Entscheidungen gef&#228;llt werden,   ergeben sich aus der Aufgabenstellung. &#220;ber die Frage, wie die   Produktion in einer PKW- oder LKW-Fabrik am schnellsten, sinnvollsten,   effektivsten umgestellt werden kann, um zum Beispiel Getriebe f&#252;r   Windr&#228;der zu produzieren, entscheiden die Besch&#228;ftigten im betroffenen   Betrieb. &#220;ber die Organisation des Schulalltags entscheiden die Eltern,   Sch&#252;lerInnen, LehrerInnen der jeweiligen Schule. &#220;ber Projekte im   Stadtteil die BewohnerInnen des Stadtteils. Zur Entscheidung von   &#252;bergreifenden Fragen werden Delegierte f&#252;r &#252;bergeordnete Gremien   gew&#228;hlt (alternativer Produktionsplan f&#252;r die Autoindustrie insgesamt,   Bildungsinhalte allgemein&#8230;). In einer demokratischen Gesellschaft   w&#252;rde aber vorher und auch nachher eine Debatte &#252;ber diese   Entscheidungen stattfinden: von den Besch&#228;ftigten in den Betrieben, von   den KonsumentInnen, in Versammlungen und im Internet. Ge&#228;nderte W&#252;nsche   der VerbraucherInnen lie&#223;en sich ebenso einfach feststellen.<\/p>\n<p>  Jedes komplexe System ben&#246;tigt eine Regelung, das gilt schon f&#252;r eine   einfache Heizung. Es muss Temperaturf&#252;hler geben, die die korrekte   Temperatur messen und melden. In einer geplanten Wirtschaft m&#252;ssen eine   gro&#223;e Zahl an Daten korrekt erfasst und weitergeben werden, um die   richtigen Entscheidungen treffen zu k&#246;nnen. Diese einfachste   Voraussetzung war in den stalinistischen Staaten nicht gew&#228;hrleistet.   Aus politischen Gr&#252;nden wurden zum Beispiel Produktionsergebnisse   regelm&#228;&#223;ig &#252;bertrieben. Das zeigt doch, dass das Problem nicht die   Planung als solche war, sondern die politischen Bedingungen, unter denen   sie stattfand.<\/p>\n<p>  Flexibel hei&#223;t, bereits getroffene Entscheidungen zu &#228;ndern, zu   korrigieren oder ganz zur&#252;ckzunehmen. Das kann n&#246;tig sein, weil sich die   Umst&#228;nde ge&#228;ndert haben, sei es durch technischen Fortschritt, durch   ge&#228;nderte Bed&#252;rfnisse oder weil die urspr&#252;ngliche Planung sich als   fehlerhaft herausstellt. Die erste Voraussetzung f&#252;r Flexibilit&#228;t ist   die M&#246;glichkeit zu freier Diskussion und offener Kritik. Das Gegenteil   war in den stalinistischen Staaten der Fall.<\/p>\n<h4>  Wirtschaftsrechnung<\/h4>\n<p>  Ein anderer Einwand lautet, jegliche Wirtschaftsrechnung sei unm&#246;glich,   da es keine Marktpreise g&#228;be. Tats&#228;chlich l&#228;sst sich der Aufwand an   Arbeitszeit f&#252;r verschiedene Produkte durchaus berechnen. Man wei&#223; auch   heute schon, wie viele Stunden in etwa n&#246;tig sind, um ein Auto zu   produzieren. Die Arbeitszeit w&#228;re der entscheidende Ma&#223;stab. Bei der   Frage nach den Kosten eines Autos w&#252;rde man in einer demokratisch   geplanten Wirtschaft aber auch die Folgekosten ber&#252;cksichtigen; etwa die   Arbeitszeit, die n&#246;tig ist, um die Umweltsch&#228;den durch den Autoverkehr   zu beheben, oder die Arbeitszeit des Krankenhauspersonals, die   aufgewendet werden muss, um die j&#228;hrlich rund 400.000 im Stra&#223;enverkehr   Verletzten zu versorgen, plus des Arbeitszeitausfalls.<\/p>\n<h4>  Keine Innovationen?<\/h4>\n<p>  Ohne Konkurrenzkampf g&#228;be es keinen Antrieb zu Neuerungen bei Produkten   und Produktionsmethoden, ist ein weiteres, oft gegen die Planwirtschaft   angef&#252;hrtes Argument. Welches Innovations-Potenzial frei wird, sieht man   aber dann, wenn die Besch&#228;ftigten zu umfassenden Vorschl&#228;gen   aufgefordert werden.<\/p>\n<p>  Ein beeindruckendes Beispiel lieferten die ArbeiterInnen in dem   britischen Konzern Lucas Aerospace in den siebziger Jahren. Dort   organisierten GewerkschafterInnen eine Kampagne zur Entwicklung einer   alternativen Produktion. (Lucas Aerospace produzierte insbesondere   Milit&#228;rflugzeuge.) Mehrere Tausend KollegInnen wurden um Vorschl&#228;ge   gebeten, Kontakte mit potenziellen Konsumenten und mit B&#252;rgerinitiativen   wurden gekn&#252;pft. Das Ergebnis waren hunderte Vorschl&#228;ge innerhalb   weniger Wochen. Viele Ideen wurden bis zur Fertigungsreife   weiterentwickelt, mit Konstruktionszeichnungen und Protoypen. Zu den   alternativen Produkten z&#228;hlten tragbare Dialyseger&#228;te (damals musste man   noch zum Anschluss an die k&#252;nstliche Niere ins Krankenhaus), die   Entwicklung und Weiterentwicklung von W&#228;rmepumpen, Windr&#228;dern, Maschinen   zur Nutzung der Wellenenergie und ein Hybridmotor &#8211; im Jahr 1976!<\/p>\n<h4>  Demokratie<\/h4>\n<p>  Wenn man sich mit den verschiedenen Einw&#228;nden gegen eine geplante   Wirtschaft befasst, kommt man immer wieder zu einer Schlussfolgerung:   Das Problem in einer demokratischen Planwirtschaft ist nicht die   Planung, sondern die Durchsetzung und Aufrechterhaltung der Demokratie.<\/p>\n<p>  Demokratie ist keine Frage des guten Willens oder edler Moral.   Demokratie fu&#223;t auf bestimmten materiellen Voraussetzungen. Gleiche   Rechte setzen gleiche Besitzverh&#228;ltnisse voraus. Der Besitz eines   Unternehmens gibt dem Kapitalisten heute die Macht, &#252;ber die Produktion   und das Schicksal der Besch&#228;ftigten zu entscheiden. Durch das   Gemeineigentum an Produktionsmitteln, Grundlage von Sozialismus und   Planwirtschaft, wird die erste Voraussetzung f&#252;r Demokratie geschaffen.<\/p>\n<p>  Gleichheit der Rechte und M&#246;glichkeiten setzt materielle Gleichheit   voraus. Eine Gesellschaft, in der es eine Spaltung in Arm und Reich   gibt, kann niemals demokratisch sein. In den stalinistischen Staaten gab   es ebenfalls eine Spaltung der Gesellschaft, die herrschende   Funktion&#228;rskaste verf&#252;gte &#252;ber ein abgestuftes System von Privilegien.<\/p>\n<p>  Eine dritte materielle Voraussetzung f&#252;r Demokratie ist gen&#252;gend Zeit   f&#252;r alle Mitglieder der Gesellschaft. Teilnahme an Diskussions- und   Entscheidungsprozessen erfordert n&#228;mlich Zeit. Die Arbeitszeit k&#246;nnte   durch Aufteilung der Arbeit auf alle und durch Abschaffung   gesellschaftlich sinnloser T&#228;tigkeiten drastisch reduziert werden.<\/p>\n<p>  Unter diesen Voraussetzungen kann eine demokratisch geplante Wirtschaft   funktionieren. Der Kampf daf&#252;r beginnt hier und jetzt. F&#252;r demokratische   Eigentumsverh&#228;ltnisse brauchen wir die &#220;berf&#252;hrung der   Schl&#252;sselindustrien, der Banken und Konzerne, in Gemeineigentum. F&#252;r   demokratische Organisationen der Gesellschaft brauchen wir Prinzipien   wie Durchschnittslohn f&#252;r Funktion&#228;re, jederzeitige W&#228;hl- und   Abw&#228;hlbarkeit, Transparenz. F&#252;r diese Prinzipien setzen wir uns als   MarxistInnen in sozialen Bewegungen, in der Partei DIE LINKE und in den   Gewerkschaften ein.<\/p>\n<p>  Selbst der dreisteste Verteidiger des Kapitalismus wagt es heute nicht   mehr, die Vision einer kapitalistischen Welt zu malen, in der die   globalen Probleme wie Armut, Hunger, Kriege gel&#246;st sind. Eine &#8222;heile&#8220;   kapitalistische Welt ist n&#228;mlich eine Utopie, weil mit den Gesetzen des   Kapitalismus unvereinbar.<\/p>\n<p>  Eine Welt, in der die Menschen die gesamte materielle Produktion, die   gesamte Wirtschaft zum ersten Mal bewusst, entsprechend ihrer   gemeinsamen Interessen planen und organisieren, ist dagegen m&#246;glich und   notwendig. Sie ist aber nur funktionsf&#228;hig, wenn sie demokratisch ist.<\/p>\n<h4>  Zukunft statt Steinzeit<\/h4>\n<p>  Konjunkturforscher sind ratlos. Niemand kann sagen, wie lange die Krise   noch dauert, wie tief sie noch wird. Die Krise erscheint wie eine   &#228;u&#223;ere, unberechenbare Gewalt. Die Menschheit steht dieser Krise so   ohnm&#228;chtig und unwissend gegen&#252;ber, wie die Steinzeitmenschen den   Naturgewalten von Blitz und Donner. Die Kr&#228;fte der Natur hat der Mensch   inzwischen verstanden und f&#252;r sich nutzbar gemacht, wissenschaftlich und   planm&#228;&#223;ig. Doch in der von ihm selbst geschaffenen Wirtschaft herrscht   das Chaos. H&#246;chste Zeit, dass sich die Menschheit auch in der &#214;konomie   von der Steinzeit in die Moderne begibt und sie wissenschaftlich und   planm&#228;&#223;ig organisiert. Zum Wohle aller Menschen und zum Schutz des   Planeten. n<\/p>\n<h5>  <i>Georg K&#252;mmel ist Mitglied des SAV-Bundesvorstandes<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die sozialistische Alternative zum Kapitalismus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92,126],"tags":[270,213],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13089"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13089"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13089\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13089"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13089"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13089"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}