{"id":13081,"date":"2009-04-01T00:01:00","date_gmt":"2009-03-31T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13081"},"modified":"2012-05-15T15:14:11","modified_gmt":"2012-05-15T13:14:11","slug":"13081","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/04\/13081\/","title":{"rendered":"Debatte pro &amp; contra"},"content":{"rendered":"<p>  Belegschaftsbeteiligung als Weg zur Gegenmacht?<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Beteiligung der Besch&#228;ftigten &#8211; zentrale Forderung der   LINKEN-Parteispitze<\/h4>\n<p>  Auf dem Bundesparteitag der LINKEN zu den Europa-Wahlen sprach Oskar   Lafontaine am 28. Februar von der gro&#223;en Chance, &#8222;dass die staatlichen   Unterst&#252;tzungsma&#223;nahmen, wenn sie dauerhaft eben Transfers bedeuten,   endlich umgewandelt werden in Belegschaftsbeteiligungen. Dieses Modell   stand am Anfang der Arbeiterbewegung &#8211; lest die alten Schriften nach.   Die Belegschaftsbeteiligung ist die eigentliche demokratische Form der   Wirtschaft.&#8220;<\/p>\n<p>  Mitte M&#228;rz hat die Bundestagsfraktion der Linkspartei den Antrag   &#8222;Sicherheit und Zukunft &#8211; Initiative f&#252;r ein sozial gerechtes   Antikrisenprogramm&#8220; formuliert. Im ersten Abschnitt &#8222;Belegschaften   st&#228;rken&#8220; wird eine &#8222;echte parit&#228;tische Mitbestimmung&#8220; sowie die   &#8222;Beteiligung der Besch&#228;ftigten an Unternehmen&#8220; verlangt. Diese   Beteiligung soll bis zu 49 Prozent betragen. In der Begr&#252;ndung hei&#223;t es:   &#8222;Die Beteiligung der Belegschaften an den Unternehmen, die staatliche   Hilfen erhalten, erm&#246;glicht den Besch&#228;ftigten, ihre Interessen am Schutz   von Arbeitspl&#228;tzen, L&#246;hnen und guten Arbeitsbedingungen wirksamer als   bisher Geltung zu verschaffen.&#8220; <\/p>\n<h4>  pro:<\/h4>\n<h4>  Christoph Spehr, Landessprecher der LINKEN Bremen<\/h4>\n<p>  Wohin es f&#252;hrt, wenn man die Produktionsmittel privaten Aktion&#228;ren,   Gro&#223;eigent&#252;mern und internationalen Konzernen &#252;berl&#228;sst, kann man   derzeit sehen. Die Krise wird benutzt, um die Allgemeinheit f&#252;r die   Verluste zahlen zu lassen, w&#228;hrend die Gewinne zuvor privat ausgezahlt   wurden. Die Krise wird benutzt, um zu entlassen, zu rationalisieren und   Lohnverzicht durchzudr&#252;cken.<\/p>\n<p>  Aber die Krise ist auch selbst ein Ergebnis der Kurzsichtigkeit und   Beschr&#228;nktheit des kapitalistischen Privateigentums. Orientiert am   schnellen Euro, ist die Umstellung der Produktion auf einen   sozial-&#246;kologischen Wandel vers&#228;umt worden. Die Krise trifft die   Bereiche am St&#228;rksten, die mit dem &#252;berholten &#8222;fossilen Kapitalismus&#8220;,   das hei&#223;t der energie-, transport- und materialintensiven   Wirtschaftsweise, am Engsten verbunden sind: Autoindustrie,   Containerh&#228;fen, Stahl, Logistik.<\/p>\n<p>  Vernunft, wenigstens teilweise Vernunft, kommt im Kapitalismus nur   zustande, wenn sie ihm durch organisierte Gegenmacht von Gewerkschaften,   Belegschaften, Bewegungen und Bev&#246;lkerung aufgezwungen wird. Es ist ein   Ziel sozialistischer Politik, diese Gegenmacht in anhaltende, stabile   Formen der Einflussnahme zu &#252;berf&#252;hren. Institutionalisierte Gegenmacht   ist der Zwischenschritt zur Vergesellschaftung, ohne die sie nicht   funktioniert.<\/p>\n<p>  Arbeitnehmerbeteiligung sch&#252;tzt nicht vor kapitalistischer Konkurrenz.   Aber sie sichert Standorte und verschafft den Besch&#228;ftigten, wenn sie   die Mehrheit haben, das Sagen in ihrem Betrieb. Belegschaftsbeteiligung   ist kein Allheilmittel, aber das gilt auch f&#252;r Verstaatlichung. Schulen   und Universit&#228;ten sind verstaatlicht. Aber sie sind bekanntlich weder   gut, noch demokratisch, noch vergesellschaftet.<\/p>\n<p>  In Schweden entwickelte die Gewerkschaftsbewegung in den siebziger   Jahren das Modell der Arbeitnehmerfonds. Per gesetzlicher Regelung   sollte j&#228;hrlich ein Anteil des betrieblichen Gewinns in Form von   Betriebsanteilen an die Besch&#228;ftigten verteilt werden. Diese Anteile   konnten nur beim Ausscheiden aus dem Betrieb ausgezahlt werden und   sollten von der Belegschaft kollektiv verwaltet werden. Im Laufe von gut   30 Jahren h&#228;tten so die Besch&#228;ftigten die Mehrheit an allen   Gro&#223;unternehmen des Landes &#252;bernommen. Die Kapitalseite sah darin die   Einf&#252;hrung des Sozialismus und brachte schlie&#223;lich das Gesetz zu Fall,   das von der schwedischen Arbeiterpartei urspr&#252;nglich bef&#252;rwortet wurde.   Aber der Weg war richtig, und das Modell gut.<\/p>\n<p>  In Deutschland sind sowohl Arbeitnehmervertreter als auch   Regierungsvertreter in Aufsichtsr&#228;ten verpflichtet, sich gem&#228;&#223;   &#8222;betrieblichen Interessen&#8220; zu verhalten und die Profitinteressen der   Aktion&#228;re zu erf&#252;llen. Das gilt auch f&#252;r Mehrheitsbeteiligungen, nur   100-prozentige staatliche Eigenbetriebe sind davon ausgenommen. Solche   Bestimmungen m&#252;ssen ge&#228;ndert werden, wenn Belegschaftsbeteiligung und   staatliche Beteiligung dazu f&#252;hren sollen, dass Arbeitnehmerinteressen   und Gesellschaftsinteressen gegen private Kapitalinteressen gest&#228;rkt   werden. Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht nicht nur   darauf, wem es geh&#246;rt. Auch sein Charakter muss ge&#228;ndert werden &#8211; durch   Gesetze, mit denen die Sozialpflichtigkeit des Eigentums gerichtsfest   gemacht wird.<\/p>\n<p>  Oskar Lafontaines Vorsto&#223;, die Staatshilfen f&#252;r Gro&#223;konzerne mit   Belegschaftsbeteiligungen zu verbinden, ist eine gute Idee, denn sie   bewirkt eine teilweise Enteignung der bisherigen Eigent&#252;mer und eine   teilweise Entwertung von deren Anteilen. Und das brauchen wir. Denn die   faulen Kredite, mit denen die Welt&#246;konomie in die Krise gest&#252;rzt ist,   sind der Ausdruck von faulen Gewinnen. Aktion&#228;re und Manager haben sich   Dividenden und Bonuszahlungen ausgezahlt, die auf Mehrwertsteigerungen   beruhten, die es gar nicht gab. Jetzt geht es darum, ob Besch&#228;ftigte und   Allgemeinheit daf&#252;r zahlen, das Platzen dieser ungedeckten Schecks zu   verhindern &#8211; oder ob diese faulen Gewinne nachtr&#228;glich entwertet werden.   Durch die Besteuerung der Verm&#246;gen, die damit angeh&#228;uft wurden. Durch   die Entwertung von Anteilen, die damit gekauft wurden. Wenn der Staat   den Banken Kapital gibt, dann muss er daf&#252;r vollg&#252;ltige Anteile   erhalten. Wenn die Allgemeinheit den Gro&#223;unternehmen aus der Krise   hilft, dann sollen die Besch&#228;ftigten daf&#252;r Anteile erhalten. Das ist   eine gute Rechnung. Und ein gutes Instrument, Proteste in langfristige   Gegenmacht zu &#252;berf&#252;hren. <\/p>\n<h4>  contra:<\/h4>\n<h4>  C. Fl&#246;ter, Kassel, Mitglied im hessischen Landesvorstand der LINKEN<\/h4>\n<p>  Gewinneinbr&#252;che, Stellenabbau, drohende Werksschlie&#223;ungen und   Firmenpleiten: An den Beispielen Opel, Schaeffler, Conti werden die   Auswirkungen der Wirtschaftskrise deutlich. Klaus Ernst, Fraktionsvize   der LINKEN, schl&#228;gt nun f&#252;r Schaeffler vor, Arbeitnehmer und Staat   sollten mit insgesamt 25 Prozent beteiligt werden. Die   Bundestagsfraktion der LINKEN pl&#228;diert jetzt f&#252;r   Mitarbeiterbeteiligungen von &#8222;bis zu&#8220; 49 Prozent, beispielsweise bei   Opel.<\/p>\n<p>  Forderungen nach Mitarbeiterbeteiligung sind in der Linken zu Recht   umstritten. Wenn Gewerkschaftsvertreter Belegschaftsbeteiligung als   Gegenleistung f&#252;r Lohnverzicht vorschlagen, zeigt das vor allem eins:   deren Ohnmacht angesichts der Krise und ihre Unf&#228;higkeit, Widerstand   gegen Lohnverzicht und Stellenabbau zu organisieren. Heute zu verzichten   und Arbeitnehmer-Innen mit Beteiligungen abzuspeisen, ist ein Kuhhandel.   Angesichts der tiefsten Wirtschaftskrise seit 1929 wei&#223; niemand, ob   Unternehmensanteile bald noch einen Wert haben &#8211; oder das Unternehmen   &#252;berhaupt noch existiert. In der Krise ist Belegschaftsbeteiligung   deshalb &#8211; insbesondere an Pleiteunternehmen &#8211; in erster Linie ein   Abw&#228;lzen der Verluste auf die Besch&#228;ftigten.<\/p>\n<p>  Auch ohne Wirtschaftskrise sind Formen der Mitarbeiterbeteiligung mehr   als zweifelhaft. Durch Mitarbeiterbeteiligung kann die grundlegende   Logik des Wirtschaftssystems nicht aufgehalten werden. Und diese Logik   bleibt im Kapitalismus Konkurrenz und Profitmaximierung. Sich dem zu   entziehen, ist f&#252;r einzelne Betriebe letztendlich nicht m&#246;glich, sei es   mit 49- oder 100-prozentiger Belegschaftsbeteiligung, als   Genossenschaften oder in welcher Form auch immer.<\/p>\n<p>  Belegschaftsbeteiligung auf einen Minderheitsanteil unter 50 Prozent zu   beschr&#228;nken, ist eine zus&#228;tzliche Einschr&#228;nkung, die im Grunde nur einen   Zweck erf&#252;llt: den Klassenfrieden im Betrieb und das kapitalistische   System als Ganzes nicht in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>  Aber gerade jetzt muss es Aufgabe von Linken und der Partei DIE LINKE   sein, die Eigentumsfrage zu stellen und Alternativen zum Kapitalismus   aufzuzeigen. Durch die Wirtschaftskrise dr&#228;ngt sich die Frage doch   f&#246;rmlich auf, wozu die Gesellschaft eigentlich private Unternehmer   braucht: Damit die Unternehmer sich auch k&#252;nftig den erwirtschafteten   Mehrwert privat aneignen? Damit die ArbeitnehmerInnen in ihrem Betrieb   weiterhin einen Garanten haben, dass konkurrenzorientiertes   Gewinnstreben eben doch erhalten bleibt &#8211; trotz Mitbestimmung und   &#8211;beteiligung? Genau darauf k&#246;nnen wir verzichten, wenn wir tats&#228;chlich   eine Gesellschaft wollen, in der nach den Bed&#252;rfnissen der Menschen   produziert wird und die Umwelt nicht zugrunde gerichtet wird.<\/p>\n<p>  Die gro&#223;en Betriebe m&#252;ssen raus aus Unternehmerhand. Verstaatlichung an   sich ist kein Heilsweg und staatliche Betriebe sind im Kapitalismus kein   Hort des Sozialismus. Die Verstaatlichung des Bankensektors und der   gro&#223;en Unternehmen muss mit der demokratischen Kontrolle und Verwaltung   durch die Belegschaften, Arbeitnehmervertreter (zum Beispiel   Gewerkschaften) und gesellschaftliche Vertreter verbunden sein.<\/p>\n<p>  Eine Planung der Wirtschaft jenseits der kapitalistischen Profitlogik   muss mit demokratischen Entscheidungsstrukturen von Produzenten und   Konsumenten verbunden sein. Das ist elementare Voraussetzung f&#252;r ein   effektives und solidarisches Wirtschaftsmodell. Und nicht etwa &#8222;doch ein   bisschen Konkurrenz&#8220;, wie von einigen Linken immer wieder diskutiert   wird, weil die falschen Schl&#252;sse aus dem Scheitern der stalinistischen   L&#228;nder gezogen wurden.<\/p>\n<p>  Die Vorstellung, man k&#246;nne mit Ausdehnung von Mitbestimmung und   Belegschaftsbeteiligung schrittweise den Kapitalismus abschaffen, ist   deshalb falsch, weil sie die Entwicklung zu einer neuen, sozialistischen   Gesellschaft nicht zu Ende denkt. Es ist kein &#8222;dritter&#8220;, sondern nur ein   halber Weg (und endet deshalb bei &#8222;49 Prozent&#8220;). Die Machtfrage wird   somit nicht gestellt, die entscheidend damit zusammenh&#228;ngt, wer in der   Gesellschaft die Wirtschaft kontrolliert, auch weil sie ihm geh&#246;rt. Die   Frage nach der Mehrheit des Kuchens wird aber von der gesellschaftlichen   Realit&#228;t sehr wohl aufgeworfen werden: durch Auseinandersetzungen im   Betrieb, beispielsweise durch Betriebsbesetzungen bei drohenden   Werksschlie&#223;ungen. Dann m&#252;ssen SozialistInnen nicht nur konkrete   Kampfschritte aufzeigen, sondern auch die Grenzen des Kapitalismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Belegschaftsbeteiligung als Weg zur Gegenmacht?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,78,25],"tags":[213],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13081"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13081"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13081\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13081"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13081"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13081"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}