{"id":13073,"date":"2009-03-26T12:04:01","date_gmt":"2009-03-26T11:04:01","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13073"},"modified":"2012-06-25T20:25:30","modified_gmt":"2012-06-25T18:25:30","slug":"13073","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13073\/","title":{"rendered":"Ukraine: Fabrikbesetzung in Cherson"},"content":{"rendered":"<p>  ArbeiterInnen fordern Kontrolle!<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h5>  Wir ver&#246;ffentlichen hier nachfolgenden Bericht von von Vika A. und   Aleksei A. aus der Ukraine &#252;ber eine wichtige Betriebsbesetzung, obwohl   er schon einige Wochen alt ist. Vor wenigen Tagen wurde die Besetzung   durch das Eingreifen massiver Sicherheitskr&#228;fte beendet, nachdem der   Fabrikeigent&#252;mer angek&#252;ndigt hatte, mit einer reduzierten Belegschaft   die Produktion fortzusetzen. Die ArbeiterInnen wollen den Kampf f&#252;r den   Erhalt aller Arbeitspl&#228;tze fortsetzen. Die Schwesterorganisation der SAV   auf der Krim, Sotsialisticheskoye Soprotivlemiye, deren Mitglieder   unsere AutorInnen sind, ist an Solidarit&#228;tsaktionen beteiligt.<\/h5>\n<\/p>\n<p>  Der Protest der Besch&#228;ftigten der Maschinenbau-Anlage in Cherson in der   Ukraine dauert seit dem 2. Februar an, als die ArbeiterInnen das Geb&#228;ude   der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung der Fabrik besetzten. Seit &#252;ber einer Woche nun   bestimmt diese Aktion die Schlagzeilen und f&#252;hrte bereits zu   internationaler Aufmerksamkeit. Die ArbeiterInnen haben entschieden und   verantwortungsbewusst gehandelt und so Millionen von UkrainerInnen, die   t&#228;glich unter Dem&#252;tigungen und Ungerechtigkeiten durch die Arbeitgeber   leiden, ein Beispiel gegeben. Die ArbeiterInnen in dieser Fabrik haben   diesen Schritt getan, obwohl der Aktivit&#228;tsgrad der Arbeiterklasse in   der Ukraine momentan relativ niedrig ist. Indem sie so gehandelt haben,   haben sie nicht nur ihrem eigenen Instinkt (im Kampf ums &#220;berleben)   Ausdruck verliehen, sondern auch deutlich gemacht, dass das Schicksal   der Fabrik ihre Interessen betrifft.<\/p>\n<\/p>\n<h4>  Hintergrund<\/h4>\n<\/p>\n<p>  Die Fabrik hat eine 120-j&#228;hrige Geschichte. Sie ist der gr&#246;&#223;te &#8211; und   wahrscheinlich auch der einzige &#8211; Produzent von Landmaschinen in der   Ukraine. Unter den Bedingungen der 1990er Jahre litt sie wie viele   andere Fabriken und brach im Zuge der Privatisierung nach dem Kollaps   der ukrainischen stalinistischen Planwirtschaft beinahe zusammen. Mit   ihrem altert&#252;mlichen Maschinenpark war sie nicht wirklich in der Lage,   mit den importierten Anlagen mitzuhalten. Ein Besitzer wechselte den   anderen. Mit jeder &#220;bernahme wurden die Bedingungen f&#252;r die Belegschaft   schlechter. Lohnr&#252;ckst&#228;nde wurden zum Normalzustand und hatten bisweilen   tragische Folgen. 2006 wollte ein Arbeiter die Zust&#228;nde nicht l&#228;nger   hinnehmen und hing sich in der Mitte des Fabrikgel&#228;ndes auf. Das brachte   die anderen ArbeiterInnen nat&#252;rlich noch mehr auf und schlie&#223;lich   schaffte es die Gesch&#228;ftsf&#252;hrung, gen&#252;gend Barmittel zu beschaffen und   die ausstehenden L&#246;hne zu bezahlen; man bef&#252;rchtete, dass die   Konsequenzen andernfalls katastrophal sein w&#252;rden.<\/p>\n<\/p>\n<p>  In den letzten Monaten des Jahres 2007 tauchte abermals ein neuer   Besitzer auf. Es handelte sich um Alexander Oleinik, der zuf&#228;lliger   Weise auch ein f&#252;hrender Kopf der Partei der Regionen (der   russlandfreundlichen Partei von Wiktor Janukowytsch) war. Er begann mit   der Restrukturierung der Produktionsst&#228;tte, wobei es sich um nicht viel   mehr als den nicht besonders gut getarnten Versuch handelte, der Anlage   die wertvollsten G&#252;ter zu rauben.<\/p>\n<p>  Der neue Besitzer war nicht der Meinung, dass er f&#252;r die Kl&#228;rung der   Lohnr&#252;ckst&#228;nde verantwortlich sei, die sein Vorg&#228;nger angeh&#228;uft hatte,   obwohl er auch eine Menge an Anteilsscheinen &#252;bernommen hatte.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Im M&#228;rz 2008 kam es zu weiteren Lohnforderungen. Im September wurden   dann gar keine L&#246;hne mehr ausgezahlt. Im Oktober wurde die Produktion   auf eine Dreitagewoche runtergefahren. Im November wurden Entlassungen   geplant und die Besch&#228;ftigten unter Druck gesetzt, sie sollten   freiwillig Aufl&#246;sungsvertr&#228;ge unterzeichnen. Viele j&#252;ngere KollegInnen   gingen darauf ein, weil sie keine Zukunft mehr sahen. Zur&#252;ck blieben die   &#196;lteren, die den Gro&#223;teil ihres Lebens in der Fabrik verbracht haben.<\/p>\n<\/p>\n<h4>  Widerstand<\/h4>\n<p>  Als sie am 20. Januar dieses Jahres zur Arbeit gehen wollten, fanden die   ArbeiterInnen eine Mitteilung vor, wonach Buchhaltung und Lohnstelle in   eine andere Stadt verlegt worden seien. Sofort kam eine Menge von   Besch&#228;ftigten zusammen, die zum Geb&#228;ude der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung zogen, um   es zu besetzen. Von hier aus f&#252;hren die KollegInnen jetzt eine Kampagne   gegen die Schlie&#223;ung der Fabrik.<\/p>\n<p>  Am 2. Februar richteten die ArbeiterInnen einen Arbeiter-Rat ein und   besetzten das Geb&#228;ude der Gesch&#228;ftsf&#252;hrung. Diese neue K&#246;rperschaft der   Selbstverwaltung, die vom Schwei&#223;er Lionid Nemchonok gef&#252;hrt wird,   fordert, dass die austehenden L&#246;hne vom Besitzer und dem Staat beglichen   werden, die Verstaatlichung der Fabrikanlage, die Beschlagnahmung von   Olieniks Bankkonto und dass der Staat die Weiterf&#252;hrung der Produktion   sicherstellt. Am 3. Februar benannten die ArbeiterInnen dann die Fabrik   um: &#8222;STAATLICHE Maschinenbaufabrik Cherson&#8220;.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Am folgenden Tag schalteten sich Vertreter st&#228;dtischer Stellen ein und   sprachen in der Konferenzhalle der Fabrik zu den Besch&#228;ftigten. Der   B&#252;rgermeister begann damit, der Belegschaft seine &#8222;Solidarit&#228;t&#8220;   auszusprechen. Er behauptete zwar einen Plan zu haben, machte dazu aber   keine Details. Der Druck zwang ihn, zwei Millionen Griwna ( ca.190.000   &#8364;) aus dem st&#228;dtischen Sozialhaushalt f&#252;r die L&#246;hne in der Fabrik   zuzusagen. Von den ArbeiterInnen wurde dies jedoch abgelehnt. Erstens   w&#252;rde diese Summe nur die H&#228;lfte der ausstehenden L&#246;hne abdecken und   zweitens ist der st&#228;dtische Sozialhaushalt &#8211; wie ein Arbeiter meinte &#8211;   f&#252;r die Unterst&#252;tzung von anderen arbeitenden Menschen vorgesehen und   man wolle nicht die eigenen Probleme auf Kosten anderer gel&#246;st sehen.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Vergangenen Samstag fand ein gro&#223;er Solidarit&#228;tszug statt. &#220;ber 1000   Menschen gingen auf die Stra&#223;e, darunter zahlreiche Jugendliche aus dem   Ort, EinwohnerInnen und Gewerkschaftsmitglieder aus anderen St&#228;dten. Am   Kopf der Demo marschierten die Spitzen des Arbeiter-Rates, linke   AktivistInnen (darunter Mitglieder des CWI) und Studierende von der   Universit&#228;t in Simferopol.<\/p>\n<\/p>\n<p>  Die ArbeiterInnen trugen Schilder und Transparente mit Aufschriften wie:   &#8222;Die Oligarchen sollen f&#252;r die Krise zahlen&#8220;, &#8222;Gebt den Arbeitern ihre   L&#246;hne und die Kontrolle &#252;ber ihre Fabrik&#8220;, &#8222;Wir erwarten keine Wunder   mehr, wir werden die Fabrik selbst &#252;bernehmen&#8220;, &#8222;Heute Cherson, morgen   die ganze Ukraine&#8220;. Als Antwort auf jene Politiker von Parteien wie der   Kommunistischen Partei, die nur Platit&#252;den zu bieten haben, lautete der   Hauptslogan auf der Demo: &#8222;Gebt euch nicht mit den Brosamen zufrieden,   setzt den Streik fort&#8220;.<\/p>\n<p>  Unter den RednerInnen waren auch Gewerkschafter aus anderen St&#228;dten.   Einer von ihnen schlug vor, eine neue Gesch&#228;ftsf&#252;hrung f&#252;r die Fabrik zu   w&#228;hlen und technisches Personal anzustellen, um die Anlage f&#252;r die   Wiederaufnahme der Produktion vorzubereiten. Wenn die ArbeiterInnen die   Verstaatlichung fordern, so sagte er, dann muss es eine Diskussion   dar&#252;ber geben, wie die Fabrik gef&#252;hrt werden soll: von den ArbeiterInnen   selbst.<\/p>\n<\/p>\n<h5>  Sendet bitte Solidarit&#228;tserkl&#228;rungen, in denen ihr erw&#228;hnt, dass ihr   &#252;ber das CWI von der Besetzung erfahren habt, an:<\/h5>\n<p>  solydarity.ksmz@gmail.com<\/p>\n<p>  Kopien bitte an Vika A. (CWI auf der Krim)<\/p>\n<p>  ekzistensy@rambler.ru<\/p>\n<h5>  Homepage von Sotsialisticheskoye Soprotivlemiye: www.socialism.ru<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      ArbeiterInnen fordern Kontrolle!\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,43],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13073"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13073"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13073\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13073"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13073"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13073"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}