{"id":13071,"date":"2009-03-27T00:01:26","date_gmt":"2009-03-26T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13071"},"modified":"2012-06-28T15:57:03","modified_gmt":"2012-06-28T13:57:03","slug":"13071","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13071\/","title":{"rendered":"Iran 1979: Eine Revolution, die der Arbeiterklasse genommen wurde"},"content":{"rendered":"<p>  Wie konnte die Konterrevolution siegen?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Der iranische Pr&#228;sident Mahmud Ahmadinedschad wandte sich vor dem die   Freiheit symbolisierenden Azadi-Monument in Teheran k&#252;rzlich an tausende   von Anh&#228;nger, um den 30. Jahrestag der iranischen Revolution zu feiern &#8211;   eine von der Arbeiterklasse getragene Revolution, die ein vom Westen   gesteuertes Marionettenregime des Schah zu Fall brachte. Nur, warum   m&#252;ndete die Revolution letztendlich in der Einrichtung einer   theokratischen Diktatur? Und: Kann die iranische Arbeiterklasse ihre   revolution&#228;ren Ambitionen gegen das repressive islamistische Regime   heute wieder erlangen?<\/p>\n<h4>  <i>von Chris Moore<\/i><\/h4>\n<p>  Im Februar 1979 wurde die verhasste monarchistische Diktatur von Schah   Mohammad Reza Pahlavi durch einen Generalstreik der &#214;larbeiter in   Chuzestan, dem Herzen des s&#252;dwestlichen Iran, endg&#252;ltig hinweggefegt.   Millionen von Protestierenden str&#246;mten durch die Stra&#223;en Teherans und   anderer iranischer St&#228;dte.<\/p>\n<p>  Diese Massenbewegung setzte der sogenannten Pfauen-Herrschaft und der   Pahlavi-Dynastie ein Ende. Vom Augenzeugen Edward Mortimer wurde diese   Revolution in der britischen Zeitschrift The Spectator als &#8222;eine   wahrhaft von der Bev&#246;lkerung getragene Revolution im besten Wortsinn,   der wahrscheinlich wahrhaftesten seit 1917&#8220; beschrieben.<\/p>\n<p>  Im Unterschied zur Russischen Revolution jedoch fehlte es der iranischen   Arbeiterklasse an einer Partei wie den Bolschewiki und einer F&#252;hrung,   die unabh&#228;ngig und umfassend im Sinne der Arbeiterklasse gehandelt   h&#228;tte, sowie an einem sozialistischen Programm, das den Weg nach vorn   h&#228;tte vorgeben k&#246;nnen. Ohne eine solche F&#252;hrung, schaffte es eine   religi&#246;se Bewegung, an die Spitze der direkten politischen Opposition   gegen das Shah-Regime zu gelangen und die Macht an sich zu rei&#223;en.<\/p>\n<h4>  Hintergrund der Revolution<\/h4>\n<p>  Die Geschichte der iranischen Arbeiterklasse ist gespickt mit   heldenhaften K&#228;mpfen. Unter dem Eindruck der Russischen Revolution von   1917 wurde die Sowjetrepublik von Gilan im Norden des Iran errichtet.   Sie wurde von Reza Khan, der 1921 bei einem Milit&#228;rputsch an die Macht   kam, niedergemetzelt. Khan war immer der Handlanger des britischen   Imperialismus gewesen, welcher ihn 1941 wiederum durch seinen eigenen,   noch gef&#252;gigeren Sohn ersetzte.<\/p>\n<p>  Die iranische Arbeiterklasse hatte tragischer Weise unter einer   mangelhaften F&#252;hrung zu leiden. Die wichtigste Arbeiterpartei vor der   Revolution war die 1941 gegr&#252;ndete Tudeh (Kommunistische Partei). Indem   sie massive Streiks anf&#252;hrte, konnte sie w&#228;hrend der sowjetischen   Besetzung des n&#246;rdlichen bzw. der britischen Besetzung des s&#252;dlichen   Aserbaidschan eine riesige Welle an Unterst&#252;tzung f&#252;r sich aufbauen.   1946 f&#252;hrten die &#214;larbeiter von Chuzestan den als gr&#246;&#223;ten Streik im   Mittleren Osten in die Geschichte eingegangenen Arbeitskampf an und der   Dachverband der iranischen Gewerkschaften wurde die gr&#246;&#223;te   Gewerkschaftsorganisation.<\/p>\n<p>  1951 vertrieb eine Volksbewegung unter F&#252;hrung des   radikal-nationalistischen Premierministers Mohammad Mossadegh und seiner   Nationalen Front die Briten von den &#214;lfeldern des Landes und   verstaatlichte sie. Der &#8222;allm&#228;chtige&#8220; Shah floh 1953 ins Exil. Doch weil   der Iran ein an &#214;l reiches und strategisch wichtiges Land war,   inszenierten der US-amerikanische und der britische Imperialismus einen   Putsch, um die R&#252;ckkehr des Shah zu gew&#228;hrleisten. Die F&#252;hrung der   100.000 Mitglieder starken Tudeh tat letztlich nichts und floh zu ihren   stalinistischen Paten nach Moskau.<\/p>\n<h4>  Terror und Industrialisierung<\/h4>\n<p>  Um seine Herrschaft zu sichern, begann der Shah damit, s&#228;mtliche   organisierte politische Opposition zu zerschlagen und Gewerkschaften   wurden verboten. Im Kalten Krieg wollten die USA Iran zu einer Festung   des Westens ausbauen und unterst&#252;tzten massiv seine Wiederbewaffnung.   Vom CIA unterst&#252;tzt ging die 1956 gegr&#252;ndete grausame Geheimpolizei   Savak zunehmend willk&#252;rlicher vor. Nach dem Sturz des Shahs wurde u.a.   eine grausige Zelle mit einem Bettkasten entdeckt, der einen Kocher f&#252;r   Menschenfleisch und eine Vorrichtung nach Art einer Brotschneidemaschine   f&#252;r H&#228;nde und Arme umfasste.<\/p>\n<p>  Doch um das Regime zu erhalten, reichte Terror alleine nicht aus. 1963   kam es zu einer neuerlichen Rebellion. Tausende wurden niedergemetzelt   und Ayatollah Khomeini musste ins Exil, aus dem er erst am 1. Februar   1979 zur&#252;ckkehrte, wobei ihn eine Masse von f&#252;nf Millionen Menschen   empfing.<\/p>\n<p>  1963 initiierte der Shah seine &#8222;Wei&#223;e Revolution&#8220; und sorgte damit f&#252;r   eine umfangreiche Industrialisierung, wozu auch die Transformation des   l&#228;ndlichen Raumes z&#228;hlte. &#214;leinnahmen wurden eingesetzt, um die zum   Gro&#223;teil nicht mehr im Land anwesenden Gro&#223;grundbesitzer auszuzahlen und   ihnen Sondereinnahmen zu bescheren, damit diese ihre Verm&#246;gen in die   Industrie investierten. Sie wurden damit zur kapitalistischen Klasse.   Mit der Einf&#252;hrung kapitalistischer Agrartechniken wurden mehr als 1,2   Millionen B&#228;uerInnen von ihrem Land vertrieben. Sie str&#246;mten folglich in   die st&#228;dtischen Gebiete, um dort unter entsetzlichen Lebens- und   Arbeitsbedingungen ihr Dasein zu fristen.<\/p>\n<p>  Seine Wirtschaftspolitik &#252;bernahm der Shah von der Nationalen Front. Das   erkl&#228;rt auch, weshalb deren Unterst&#252;tzung br&#246;ckelte. Die Tudeh-Partei   litt unter der Repression, sie war aber nicht in der Lage, die Basis f&#252;r   eine Arbeiterbewegung zu schaffen, um den Kapitalismus zu &#252;berwinden.   Sie sehnte sich einfach nur nach einem neuen Mossadegh.<\/p>\n<p>  Wachsende &#214;leinnahmen lie&#223;en die Herrschaft des prachtvollen Thrones der   Pfauen-Dynastie immer &#8222;fettleibiger&#8220; werden. W&#228;hrend des   israelisch-&#228;gyptischen Krieges im Jahr 1973 schnitt der Imperialismus   einige F&#228;den ab, an der die Marionette hing, da das persische Regime   unterdessen zu einem der energischsten Mitglieder der OPEC (Organisation   der &#246;lproduzierenden L&#228;nder) geworden war. &#214;lembargos sorgten f&#252;r eine   Vervierfachung des &#214;lpreises. 1976 produzierte der Iran 295 Million   Tonnen &#214;l, was 10 Prozent der Weltproduktion ausmachte.<\/p>\n<p>  Die halsbrecherische Art und Weise, mit der die Industrialisierung   betrieben wurde, brachte eine Arbeiterklasse hervor, die ihre St&#228;rke zu   sp&#252;ren begann und ihren Anteil am neuen Wohlstand einforderte. Das   Unbehagen wuchs und die Zeit der Abrechnung schien gekommen zu sein.<\/p>\n<h4>  Revolution&#228;re Explosionen<\/h4>\n<p>  Der US-Imperialismus schien f&#252;r die zunehmend wahrscheinlicher werdende   M&#246;glichkeit ausbrechender Unruhen blind zu sein. Noch im Dezember 1977   stie&#223; Pr&#228;sident Jimmy Carter mit dem Shah an und r&#252;hmte seine   &#187;gro&#223;artigen F&#252;hrungsqualit&#228;ten&#171; als &#8222;eine Insel der Stabilit&#228;t in einer   der am meisten von Krisen gesch&#252;ttelten Regionen der Welt&#8220;. Ende 1978   berichtete der CIA, dass der Shah mindestens f&#252;r die kommenden 10 Jahre   seine Machtposition halten werde. Die Wirtschaft steuerte allerdings   Richtung Krise. Nach 1976 fiel der &#214;lpreis und die Inflation stieg steil   an. Strikte wirtschaftliche Eingriffe f&#252;hrten zu steigender   Arbeitslosigkeit und dazu, dass die ArbeiterInnen in Mitleidenschaft   gezogen wurden.<\/p>\n<p>  Trotz der blutigen Repression kam es unter den armen Massen in den   Fabriken, Moscheen und Universit&#228;ten sowie an den unz&#228;hligen   Verkaufsst&#228;nden und unter den kleinen H&#228;ndlerInnen in den Basaren zu   einer Explosion an Protesten.<\/p>\n<p>  1977 hielten 50.000 arme Menschen aus dem st&#228;dtischen Raum Bulldozer   auf, die geschickt worden waren, um die Slums von Teheran zu beseitigen.   Als im Januar 1978 auf protestierende Theologiestudierende in der   heiligen Stadt Ghom das Feuer er&#246;ffnet wurde, war dies der Ausl&#246;ser f&#252;r   einen Generalstreik.<\/p>\n<p>  Die Situation eskalierte, als am Ende des Hochsommers die ArbeiterInnen   der Textil-, Werkzeugbau-, Auto-, Papier-, Entsorgungs- und anderer   Branchen das Heft in die Hand nahmen. In Teheran, der Provinz Fars sowie   in Chuzestan und vor allem in der Stadt Ahvaz kam es zu massigen Streiks.<\/p>\n<p>  Die Forderungen wurden ausgeweitet und gingen &#252;ber die Bereiche Lohn und   Verhinderung von Entlassungen hinaus. Man verlangte nach demokratischen   Rechten und forderte &#8222;Tod dem Shah&#8220; sowie &#8222;Vergeltung f&#252;r [&#8230;] seine   amerikanisch-imperialistischen Freunde&#8220;. Andere wollten eine   &#8222;sozialistische Republik auf Grundlage des Islam&#8220;. Im Oktober forderten   die StahlarbeiterInnen von Isfahan im Zentrum des Iran dann die   Vertreibung s&#228;mtlicher Angeh&#246;riger von Savak und des Milit&#228;rs von der   Produktionsst&#228;tte.<\/p>\n<p>  Die streikenden &#214;larbeiterInnen von Chuzestan produzierten nur noch f&#252;r   den notwendigen Bedarf. Ein verzweifelter Shah entsandte seine Truppen   und auf dem Jaleh-Platz in Teheran wurden 3.000 Protestierende   niedergemetzelt.<\/p>\n<p>  Die ArbeiterInnen reagierten mit der Ausweitung des Generalstreiks. Die   BahnarbeiterInnen verhinderten, dass die Milit&#228;rf&#252;hrung und andere   reisen konnten. Besch&#228;ftigte der Handelsbranche lie&#223;en nur noch die   Einfuhr unerl&#228;sslicher Waren wie Medikamente und Babynahrung zu. Die   Massen marschierten hinter der Forderung der &#214;larbeiterInnen nach einem   Regierungswechsel und daf&#252;r, dass der Shah abtreten m&#246;ge. Mit einer sich   zunehmend mit den Massen verbr&#252;dernden Armee war das Schicksal der   Monarchie besiegelt und am 11. Februar 1979 kam sie endg&#252;ltig zu Fall.<\/p>\n<h4>  Arbeiterf&#252;hrer<\/h4>\n<p>  Wie nun war es m&#246;glich, dass eine vom rechtsgerichteten politischen   Islam gef&#252;hrte Bewegung der iranischen Arbeiterklasse die Macht   entrei&#223;en konnte? Bei einer Gesamtbev&#246;lkerung von 35 Millionen war die   Arbeiterklasse mit alles in allem drei bis vier Millionen Menschen   zahlenm&#228;&#223;ig st&#228;rker als im Falle Russlands im Oktober 1917. Entscheidend   war, dass die Tudeh-Partei hinsichtlich der halb-industrialisierten   L&#228;nder wie Russland und Iran aus den in seiner Theorie der &#8222;Permanenten   Revolution&#8220; gezogenen Lehren Trotzkis, die von den Ereignissen der   Russischen Revolution best&#228;tigt wurde, nicht gelernt hatte.<\/p>\n<p>  Trotzki erl&#228;uterte, dass eine schwache kapitalistische Klasse eines   Land, die abh&#228;ngig ist von Gro&#223;grundbesitz und Imperialismus, nicht in   der Lage ist, die historischen Aufgaben (z.B. Durchsetzung   demokratischer Rechte, Einf&#252;hrung eines repr&#228;sentativen   Parlamentarismus, Landreform etc.), die aus ihrer eigenen   kapitalistischen Revolution entstanden sind, zu bew&#228;ltigen. Diese   Aufgaben w&#252;rden der Arbeiterklasse zufallen, die die Bauernschaft mit   einbeziehen m&#252;sse. Einmal erlangt w&#252;rden die ArbeiterInnen die Macht   nicht den Kapitalisten zur&#252;ckgeben, sondern den Willen entwickeln, eine   Arbeiterregierung und eine sozialistische Gesellschaft zu erk&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Statt die iranische Arbeiterklasse in einen Kampf um die Macht zu   f&#252;hren, verharrte die Tudeh-Partei in der Zwangsjacke der   stalinistischen &#8222;Etappen-Theorie&#8220;. Man argumentierte, dass der Kampf f&#252;r   Sozialismus aufgeschoben sei auf ein Datum in der Zukunft, nach der   Errichtung und Entwicklung eines kapitalistischen Staates. Daran   ankn&#252;pfend gab die Tudeh-Partei die Parole f&#252;r eine &#8222;Demokratische   Islamische Republik&#8220; aus und marschierte hinter der   kapitalistisch-islamischen Geistlichkeit her. Ihr Anf&#252;hrer erhielt   unterdessen sogar den Spitznamen &#8222;Ayatollah&#8220;.<\/p>\n<p>  Andere bedeutende linksradikale Gruppierungen versagten ebenfalls darin,   die Arbeiterklasse zu organisieren. Die Fedajin rekrutierten sich aus   jugendlichen Anh&#228;ngerInnen der Tudeh-Partei. Sie nahmen nach dem   missgl&#252;ckten Putsch von 1953 mittels einer Guerilla-Taktik den   bewaffneten Kampf auf.<\/p>\n<p>  Nach milit&#228;rischen Niederlagen Mitte der 1970er Jahre tauchten sie am   10. Februar 1979 wieder auf, um gegen die &#8222;unsterbliche Leibgarde&#8220; des   Shah zu k&#228;mpfen und seiner Herrschaft den letzten Sargnagel zu   verpassen. Die islamistische Guerilla der Modschahedin-e Chalgh   verfolgte das Ziel einer islamischen Gesellschaft ohne Geistlichkeit.   Keine dieser Gruppierungen konnte einen zukunftsweisenden Weg anbieten,   indem sie die Bewegung auf Landesebene koordiniert h&#228;tte. Auch sorgten   sie weder f&#252;r die politische noch f&#252;r die milit&#228;rische Entwaffnung der   islamistischen Geistlichen.<\/p>\n<h4>  Religi&#246;se Bewegung<\/h4>\n<p>  Das Versagen der stalinistischen B&#252;rokratie sowie der linken arabischen   Bewegungen sorgten f&#252;r das Erstarken des politischen Islam. Sie &#228;fften   jenen kapitalistischen Nationalisten nach, die sich selbst als   fortschrittlich darstellten, indem sie einem &#8222;arabischen Sozialismus&#8220;   das Wort redeten, w&#228;hrend sie gleichzeitig das kapitalistische System   nicht grunds&#228;tzlich angriffen.<\/p>\n<p>  Als im Zuge der &#8222;Wei&#223;en Revolution&#8220; des Shahs damit begonnen wurde,   einem der m&#228;chtigsten Gro&#223;grundbesitzer, der islamischen Kirche, das   Land zu entziehen, wurde diese dazu gezwungen, in Opposition zum Regime   zu treten und es begann ein Prozess, der die Geistlichkeit letztlich in   die Lage versetzte, die Macht zu &#252;bernehmen.<\/p>\n<p>  Da unter dem Shah jede politische Organisation verboten wurde, ging die   Opposition dazu &#252;ber, sich in den Moscheen zu treffen. Der Klerus   verf&#252;gte &#252;ber ein gut organisiertes Netzwerk mit 10.000 Moscheen,   180.000 Mitgliedern, 90.000 Mullahs und 50 Ayatollahs. Briefe und   Audioaufnahmen Khomeinis wurden ins Land geschmuggelt und   vervielf&#228;ltigt. Bei einer Bev&#246;lkerung, die zur H&#228;lfte auf dem Land lebte   und von der zwei Drittel Analphabeten waren, wurde die Stimmung unter   den Armen und besitzlos Gewordenen durch radikale Predigten aufgeheizt.<\/p>\n<p>  Sie interpretierten den Aufruf zum Sturz des Shahs als Kampf gegen den   Totalitarismus und die Forderung nach einer &#8222;Islamischen Republik&#8220; als   Forderung nach einer &#8222;Republik der Armen&#8220;. Selbst ein &#214;larbeiter sagte   einem US-amerikanischen Korrespondenten: &#8222;Khomeini [&#8230;] wird den Reichen   die Macht entrei&#223;en und sie uns &#252;bertragen&#8220;. Es wurde ein Bild eines   islamischen Staates gezeichnet, in dem Freiheit und Demokratie die   korrupten westlichen und nicht-islamischen Einfl&#252;sse abl&#246;sen w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Hinzu kam, dass die Basare rund um die Moscheen aufzubl&#252;hen begannen,   die ihnen eine besondere Abgabe zahlten. Als der Shah gegen die Basare   vorging, indem er sie f&#252;r die steil ansteigende Inflation verantwortlich   machte, nutzte Khomeini die Situation aus und erreichte, dass sie ihn   unterst&#252;tzten.<\/p>\n<p>  Auch soziale Zentren sammelten sich um die Moscheen und spielten eine   entscheidende Rolle dabei, den besitzlos gewordenen B&#228;uerInnen, die in   die St&#228;dte str&#246;mten, Unterst&#252;tzung und Lebensmittel anzubieten. All dies   lie&#223; einige Vertreter des Klerus nach links r&#252;cken. Ein Geistlicher trat   sogar f&#252;r &#246;ffentliches Eigentum an der Industrie und eine klassenlose   Gesellschaft ein.<\/p>\n<h4>  Arbeiterr&#228;te<\/h4>\n<p>  Doch im ganzen Land nahmen die ArbeiterInnen die Dinge selbst in die   Hand und besetzten den Arbeitsplatz und organisierten Streikkomitees   oder Shoras (pers.: R&#228;te; Anm d. &#220;bers.). Noch vor dem Zusammenbruch des   Regimes forderte ein die &#214;larbeiterInnen von Chuzestan repr&#228;sentierendes   Komitee &#8222;Arbeiterbeteiligung bei den politischen Angelegenheiten des   Landes&#8220; als einziger Weg f&#252;r den &#8222;wahren Aufbau&#8220; einer iranischen   Republik.<\/p>\n<p>  In Teheran kamen Delegierte aus den Shoras des ganzen Landes im Khane-ye   Kargar oder Haus der Arbeiter zusammen und organisierten am 1. Mai 1979   eine m&#228;chtige Demonstration. Zu einer wirklichen Zusammenarbeit zwischen   den verschiedenen Teilen der Arbeiterklasse auf Landesebene kam es   jedoch nicht. Die Tudeh-Partei agitierte sogar aktiv gegen die Existenz   der Shoras.<\/p>\n<p>  In den armen st&#228;dtischen Gebieten entstanden Shora-ye mahallat oder   &#8222;Nachbarschafts-R&#228;te&#8220;, die Dinge organisierten wie die Verteilung von   Brot an alte und gebrechliche Menschen. Im Fr&#252;hjahr 1980 wurden 70   Prozent der Stadt Isfahan von Shoras gef&#252;hrt. Obdachlose Familien und   arme P&#228;chterInnen besetzten Luxushotels und Villen und setzten Shoras   ein. Dies geschah w&#228;hrend in Kurdistan und im turkmenischen Teil der   iranischen Provinz Golestan die B&#228;uerInnen ihr Land zur&#252;ckverlangten.<\/p>\n<p>  Als geistlicher F&#252;hrer der schiitischen Massen und zusammen mit dem   kampfeslustigen Klerus, der einzigen Kraft mit klaren politischen   Zielen, Organisationsstruktur und einer Strategie, war Khomeini in der   Lage, die F&#252;hrung &#252;ber die Revolution zu &#252;bernehmen und ihr seine eben   erst gegr&#252;ndete Islamisch-Republikanische Partei (IRP) &#252;berzust&#252;lpen.   Mehdi Bazargan, F&#252;hrer der liberal-kapitalistischen Nationalen Front,   wurde f&#252;r einige Monate und mit Unterst&#252;tzung der Tudeh-Partei zum   Premierminister, der Klerus organisierte ein neues Regime.<\/p>\n<p>  Innerhalb von zwei Tagen verordnete Khomeini, die Shoras aufzul&#246;sen.   Doch er musste behutsam vorgehen. Oder, wie ein Metallarbeiter es   formulierte: &#8222;Nach der Revolution erkannten die ArbeiterInnen, dass das   Land ihnen geh&#246;rt&#8220;. Khomeini war gezwungen, sich einen radikalen linken   Zungenschlag anzueignen und eine anti-imperialistische Haltung, vor   allem gegen&#252;ber den USA, einzunehmen. Zur&#252;ck aus dem Exil k&#252;ndigte er   eine &#8222;Regierung f&#252;r das Volk&#8220; an. Tats&#228;chlich existierte eine   Doppelherrschaft aus Shoras und Zentralregierung.<\/p>\n<p>  Khomeini suchte zwischen diesen beiden Klassen den Ausgleich. Er war   gezwungen, Zugest&#228;ndnisse an die ArbeiterInnen zu machen, f&#252;hrte den   Nulltarif im &#246;ffentlichen Verkehr ein und stellte Medikamente sowie   Grundnahrungsmittel zur Verf&#252;gung. Er war jedoch entschlossen, ihre   Organisationen zu zerschlagen. Im M&#228;rz wurde den Frauen das Tragen von   Kopft&#252;chern verordnet, was zu Protesten f&#252;hrte. Im April erzielte   Khomeini einen 99 Prozent-Sieg in einem landesweiten Referendum, bei dem   die Wahl bestand zwischen einem Ja oder Nein zur &#8222;Islamischen Republik&#8220;.<\/p>\n<h4>  Regime versch&#228;rft die Ma&#223;nahmen<\/h4>\n<p>  Im Juli 1980, da sich die Staatsfinanzen in der Krise befanden und die   Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent lag, wurde das erste   Verstaatlichungsdekret erlassen, das dazu f&#252;hrte, dass der Gro&#223;teil der   Industrie in Staatsbesitz &#252;berging, obgleich Privatbesitz weiterhin   &#8222;respektiert&#8220; wurde.<\/p>\n<p>  Revolutionsgerichte wurden eingerichtet, mit denen die Hinrichtung   milit&#228;rischer und politischer F&#252;hrer von Polizei und dem Savak des   Shah-Regimes einher ging. Doch auch bis zu zehnj&#228;hrige Haftstrafen   konnten &#8222;f&#252;r st&#246;rende Taktiken in Fabriken oder Arbeiter-Agitation&#8220;   verh&#228;ngt werden.<\/p>\n<p>  Shora-ye eslami oder islamische R&#228;te wurden unter strenger &#196;gide   errichtet und neben den Shoras etabliert. Streiks wurden verboten und in   den sp&#228;ten 1980ern zogen die Pasdaran oder &#8222;Revolutionsgarden&#8220; durch die   Fabriken und zerschlugen die Shoras.<\/p>\n<p>  Ein Drittel der iranischen Bev&#246;lkerung machten die ethnischen   Minderheiten aus. Unter dem Shah unterlagen sie schwerwiegender   Unterdr&#252;ckung. Das setzte sich unter islamischer Herrschaft fort. In der   turkmenischen Region um Gorgan (Hauptstadt der Provinz Golestan; Anm d.   &#220;bers.), der arabisch-sprachigen und &#246;lreichen Region Chuzestan und vor   allem im kurdischen Kordestan brachen regionale Aufst&#228;nde aus und wurden   brutal niedergeschlagen.<\/p>\n<p>  Trotz Streiks und anderer Aktionen hatte das Regime 1982 seine Macht   gefestigt. Khomeini unterdr&#252;ckte jegliche Opposition als Verr&#228;ter der   Revolution. Das Regime nutzte die 444-Tage Besetzung (und Geiselnahme   in) der US-Botschaft durch islamistische Studierende, die im November   1979 begann und den iranisch-irakischen acht Jahre dauernden Krieg nach   dem von den USA gest&#252;tzten Einmarsch des irakischen Regimes im September   1980.<\/p>\n<p>  Khomeini nutzte den Krieg, um einen gl&#252;henden Nationalismus zu sch&#252;ren   und damit seine eigene Macht zu st&#228;rken. Zehntausende Oppositionelle   wurden hingerichtet, hunderttausende kamen in Haft. Bis 1983 waren   Tudeh-Partei und Fedajin vollends zerschlagen.<\/p>\n<p>  Kurz nach der revolution&#228;ren Welle und vor dem Hintergrund der   entstellten Planwirtschaften der stalinistischen Staaten musste das   iranische Regime einen linken Charakter annehmen. Als die Revolution   sich aber ausgeweitet hatte, kehrte sie in zunehmendem Ma&#223;e nach rechts   und verstaatlichte Bereiche wurden reprivatisiert.<\/p>\n<p>  Die Auswirkungen der iranischen Revolution l&#246;sten ein Anwachsen des   militanten politischen Islam in anderen L&#228;ndern aus, der nun die   Interessen des Imperialismus bedrohte.<\/p>\n<p>  Ironischer Weise bef&#246;rderten der Imperialismus und seine korrupten und   tyrannischen arabischen Verb&#252;ndeten bewusst den rechtsgerichteten Islam   als Gegengewicht zum Stalinismus und den linken Bewegungen. Durch die   Finanzierung von tausenden von Religionsschulen in Pakistan, Indien und   der arabischen Welt wuchs die Bewegung an, w&#228;hrend das stalinistische   b&#252;rokratische System in der Sowjetunion und in Osteuropa stagnierte und   in den 1970er und 1980er Jahren zu verfallen begann. Die Niederlage der   Sowjetunion in Afghanistan gegen die Mudschahidin und arabische K&#228;mpfer   im Jahr 1989 (mit Waffen ausger&#252;stet und finanziert von den USA) und der   Kollaps des stalinistischen Systems half mit beim Aufstieg des   rechtsgerichteten Islam.<\/p>\n<h4>  Spaltungen<\/h4>\n<p>  Von Beginn an existierten zwischen den Fraktionen des   iranisch-islamistischen Regimes tiefe Spaltungen. Zwischen den   Hardlinern unter den Geistlichen, die unbeirrt an der Macht im Staate   h&#228;ngen, und Teilen der sogenannten &#8222;Reformern&#8220;, die den westlichen   Kapitalismus mit einbeziehen und die Privatisierung ausweiten wollen,   kam es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p>  Mohammad Chatami, zwischen 1999 und 2005 iranischer Pr&#228;sident, f&#252;hrte   Marktreformen ein, f&#246;rderte den globalen Neoliberalismus und wurde daher   vom westlichen Kapitalismus unterst&#252;tzt. Er wurde im Iran zunehmend   unbeliebt, da er Arbeiterrechte, soziale Gerechtigkeit ignorierte und   schwieg, als protestierende Studierende angegriffen und erschossen   wurden.<\/p>\n<p>  2005 wurde Ahmadinedschad, ein vom Obersten F&#252;hrer Ayatollah Ali   Chamenei gef&#246;rderter Hardliner, zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt. Er versprach   die &#214;leinnahmen einzusetzen, um die Notlage der Massen zu lindern und   die Kluft zwischen arm und reich zu verringern. Er versagte allerdings   dabei, merkliche Verbesserungen zu bringen. Drohungen und Sanktionen der   USA gegen das iranische Urananreicherungsprogramm nutzte er, um die   Aufmerksamkeit von seiner fehlgeschlagenen Wirtschaftspolitik abzulenken.<\/p>\n<p>  Heute liegt die Inflation bei &#252;ber 25 Prozent, ein Viertel der   arbeitenden Bev&#246;lkerung ist arbeitslos oder unterbesch&#228;ftigt und nicht   ausbezahlte L&#246;hne sind f&#252;r ArbeiterInnen an der Tagesordnung. Die   iranische Arbeiterklasse ist abermals aufgew&#252;hlt. So etwa die   ArbeiterInnen des Rohrzuckerunternehmens Haft Tapeh, der Reifenfabrik   Kian und die Busfahrer bei Vahed, um nur einige zu nennen, die   heldenhafte K&#228;mpfe f&#252;hrten, obwohl sie Haft und Repression f&#252;rchten   m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Der Bankrott des iranischen Regimes spiegelt sich darin wider, dass der   in Misskredit geratene Chatami gerade erst angek&#252;ndigt hat, dass er bei   den diesj&#228;hrigen Wahlen antreten will (mittlerweile hat er diesen   Entschluss zugunsten eines anderen &quot;Reform&quot;-Kandidaten wieder zur&#252;ck   genommen, A.d.&#220;.). Unterdessen versucht Ahmadinedschad an der Macht   festzuhalten, indem er die Phrasen der Revolution benutzt, um sein Image   als &#8222;Mann des Volkes&#8220; aufzupolieren.<\/p>\n<p>  Da sich die Weltwirtschaftskrise zuspitzt und die Spaltungen innerhalb   des iranisch-islamistischen Regimes offener zu Tage treten, wird die   iranische Arbeiterklasse erneut ihre Muskeln spielen lassen. Doch ohne   den Aufbau einer unabh&#228;ngigen Arbeiterpartei, die mit Entschlossenheit   in den Kampf f&#252;r eine sozialistische Gesellschaft als Teil einer   sozialistischen F&#246;deration des Nahen Ostens zieht, wird den Kriegen, der   Armut und der Unterdr&#252;ckung, die die ganze Region erdr&#252;cken, kein Riegel   vorgeschoben.<\/p>\n<\/p>\n<h5>  <i>Der Artikel erschien erstmals am 27.2.2009 in &#8222;The Socialist&#8220;, der   Wochenzeitung der Socialist Party in England und Wales<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Wie konnte die Konterrevolution siegen?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[40],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13071"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13071"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13071\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13071"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13071"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13071"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}