{"id":13063,"date":"2009-03-22T00:01:07","date_gmt":"2009-03-21T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13063"},"modified":"2012-06-25T20:26:09","modified_gmt":"2012-06-25T18:26:09","slug":"13063","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13063\/","title":{"rendered":"Die &#8222;Dezembertage&#8220; 2008 in Griechenland"},"content":{"rendered":"<p>  Lehren aus der Jugendrevolte<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Jugendbewegung vom Dezember 2008 war eine erste Warnung f&#252;r die   herrschenden Klassen international. Eine Warnung vor den sozialen   Unruhen, mit denen sie in der unmittelbaren Zukunft konfrontiert sein   werden, da sich die Krise des Systems vertieft. F&#252;r die Jugend und die   Arbeitnehmer jedoch m&#252;ssen die Dezemberereignisse eine &#8222;Schule&#8220; sein.   Denn die Lehren und die Schlussfolgerungen, die die Bewegung daraus   zieht (oder auch nicht zieht), werden den Weg der Bewegung und die   K&#228;mpfe, die vor uns liegen, beeinflussen.<\/p>\n<h4>  <i>von Nikos Kanellis (&#220;bersetzung eines Artikels aus Xekinima,   marxistische Zeitschrift der griechischen Schwesterorganisation der SAV,   Februar 2009)<\/i><\/h4>\n<p>  Die Ermordung des 16-j&#228;hrigen Alexis Grigoropoulos war nicht die   Ursache, sondern der Ausl&#246;ser f&#252;r die Revolte. Das &#8222;leicht brennbare   Material&#8220; sammelt sich schon seit langem. Es sind der st&#228;ndige Fall des   Lebensstandards, die Hungerl&#246;hne, die ungesicherte Besch&#228;ftigung, die   Arbeitslosigkeit, die Privatisierung jeglichen sozialen Dienstes, die   unsichere Zukunft der Jugend. Und all das neben der provozierenden   Anh&#228;ufung von Gewinnen und den Skandalen. Tiefere Ursache ist das   kapitalistische System selbst, das soziale Sackgassen nicht l&#246;st,   sondern davon immer nur neue hervorbringt. Dieser Zustand, der sich   unter Bedingungen der kapitalistischen &#8222;Entwicklung&#8220; gefestigt hat, wird   in der Zukunft noch schlimmer werden, da das System in seine gr&#246;&#223;te   Krise seit 1929 eintritt&#8230; Neue Bewegungen, neue Erhebungen, ja   Revolutionen stehen uns bevor. Deshalb m&#252;ssen alle notwendigen   Schlussfolgerungen gezogen werden.<\/p>\n<h4>  Die Autonomen und Anarchisten&#8230;<\/h4>\n<p>  Die Dezemberbewegung brach auf spontane und explosive Weise aus. An den   ersten Tagen dominierten die anarchistischen und autonomen Kr&#228;fte mit   der Parole der allgemeinen Konfrontation mit der Polizei und allem, was   den Staat repr&#228;sentiert. Bedeutende Teile der Bewegung betrachteten die   Randale der Anarchisten insbesondere gegen die Polizei und die Banken   mit Zustimmung oder sei es auch nur mit Tolerierung. Dies war Ergebnis   des Zornes &#252;ber den Mord, jedoch auch der angestauten Unzufriedenheit,   die einen Weg fand, sich auszudr&#252;cken. Ein Teil der Jugend &#252;bernahm   sogar diese Logik und deshalb hatten wir fast im ganzen Land Angriffe   gegen die Banken und die polizeilichen Einsatzkr&#228;fte.<\/p>\n<h4>  &#8230; und ihre Grenzen<\/h4>\n<p>  Schnell jedoch wurden die Grenzen der autonomen Kr&#228;fte deutlich. Denn   die Bewegung stellte schnell zwei ernste Fragen: &#8222;Welche Ziele stellen   wir uns im Kampf?&#8220; und &#8222;Auf welche Weise werden wir sie erreichen?&#8220;. Auf   diese Fragen hatten die autonomen Kr&#228;fte absolut keine Antwort. Im   Gegenteil. Die Randale begann schnell, der Regierung und nicht der   Bewegung zu helfen. Gest&#252;tzt auf die Zerst&#246;rungen versuchte die   Regierung, die Angst von Teilen der Gesellschaft zu verst&#228;rken und als   ihr Retter zu erscheinen. Desweiteren versuchte sie, die Polizeigewalt   zu rechtfertigen und die Aktionen der rechtsradikalen &#8222;zornigen&#8220; B&#252;rger   zu legitimieren. W&#228;hrend sie wiederum mit dem selben Vorwand heute die   Frage des &#8222;Universit&#228;tsasyls&#8220; stellt. (Seit dem Sturz der   Milit&#228;rdiktatur 1974 ist es der Polizei verboten, in Universit&#228;tsgel&#228;nde   einzudringen, Anm. d. &#220;bers.) Zugleich versuchten die Massenmedien, die   Diskussion vom Wesentlichen der Bewegung wegzulenken und auf die   niedergebrannten Gesch&#228;fte und die Molotowcocktails zu beschr&#228;nken.<\/p>\n<p>  Jenseits jedoch von der falschen Methode der &#8222;Randale&#8220; schlugen die   Anarchisten keinerlei konkretes Ziel vor, f&#252;r das die Bewegung k&#228;mpfen   sollte. F&#252;r die Bewegung aber muss jeder Kampf den Sieg anstreben, sei   dieser klein oder gro&#223;. Im anderen Falle hat die &#8222;Revolte um der Revolte   willen&#8220; keinen Sinn. Die Kr&#228;fte der Autonomen hatten aber tats&#228;chlich   keinerlei Ziele. In der Praxis zeigte also der Anarchismus, dass er der   Bewegung nicht helfen kann &#8211; sogar unter Bedingungen, die f&#252;r ihn   g&#252;nstiger waren denn je.<\/p>\n<h4>  Die Massenbewegung<\/h4>\n<p>  Was tats&#228;chlich die Regierung ersch&#252;tterte und bedrohte, war die   Massenbewegung, die Tausende an Sch&#252;lern und Studenten, die wieder   einmal die Schulen und die Universit&#228;ten besetzten und auf die Stra&#223;en   gingen. Diese Tausende stellten auch die Frage nach dem Ziel des Kampfes   und sei es auch auf unklare Weise. Sie sagten : &#8222;Die Regierung muss   st&#252;rzen!&#8220; &#220;ber diese Parole dr&#252;ckten sie die Ablehnung der Politik aus,   die seit Jahren umgesetzt wird und die Suche nach einer alternativen   Politik, die ihr t&#228;gliches Leben verbessern w&#252;rde. Diese Parole   politisierte den Kampf, indem sie hinter jedem Bullen den wirklichen   Feind zeigte. Und es war ein bedeutender Schritt vorw&#228;rts im   Bewusstsein, was der griechischen herrschenden Klasse kalten Schwei&#223; auf   die Stirn trieb.<\/p>\n<h4>  Gemeinsame Front im Bildungswesen und die Arbeitnehmer<\/h4>\n<p>  Der Zustand war so, dass dieses hohe Ziel, der Sturz der Regierung,   h&#228;tte erreicht werden k&#246;nnen. Es gab jedoch Vorbedingungen daf&#252;r.   Prinzipiell war die Koordinierung zwischen Sch&#252;lern, Studenten und   Lehrpersonal notwendig. Das hei&#223;t der Aufbau einer starken, das gesamte   Bildungswesen umfassenden Front, die Besetzungen, Demonstrationen und   Streiks im gesamten Bildungswesen h&#228;tte organisieren k&#246;nnen. Sowieso   kochte es im gesamten Bildungswesen. Desweiteren h&#228;tte es die breite und   massenhafte Mobilisierung der Arbeitnehmer Der Generalstreiks erfordert.   Schlie&#223;lich war es notwendig, eine konkrete und greifbare Antwort auf   die Frage zu finden, wer die Partei Neue Demokratie (ND) in der   Regierung ersetzen k&#246;nnte. Diese Vorbedingungen fehlten jedoch der   Bewegung und hier gibt es konkrete Schw&#228;chen, denen man sich stellen   muss, jedoch auch konkrete Verantwortungen.<\/p>\n<h4>  Die Gewerkschaftsf&#252;hrungen<\/h4>\n<p>  Ein weiteres Mal blieben die Gewerkschaftsf&#252;hrungen des Allgemeinen   Griechischen Gewerkschaftsbundes GSEE und der Angestelltengewerkschaft   ADEDY hinter den Erfordernissen der Bewegung zur&#252;ck. Anstatt die   Arbeitnehmer zu mobilisieren durch den Aufruf zum Generalstreik blieben   sie am Rande stehen und warteten darauf, dass der Kampf abflauen w&#252;rde.   Solange die Gewerkschaften von den Kr&#228;ften der sozialdemokratischen   PASOK kontrolliert werden, wird die Bewegung der Jugend ein gro&#65439;es   Hindernis vor sich finden in ihrem Versuch, sich mit der Bewegung der   Arbeitnehmer zu vereinigen.<\/p>\n<h4>  Die Spaltertaktik der KKE<\/h4>\n<p>  Verantwortung tr&#228;gt aber auch die Kommunistische Partei Griechenlands   (KKE). Die KKE ist verantwortlich daf&#252;r, dass die Bewegung fast die   ganze Dauer des Kampfes gespalten war. Die Koordinierungskomitees der   Schulen, die vollst&#228;ndig vom Kommunistischen Jugendverband (KNE)   geg&#228;ngelt wurden, brachten die Sch&#252;ler auf Demonstrationen getrennt von   den Studenten, den Lehrkr&#228;ften und der &#252;brigen Linken auf die Stra&#223;en.   An den Universit&#228;ten war die einzige Sorge der KNE, ebenfalls die   Bewegung zu g&#228;ngeln, w&#228;hrend in der Gesellschaft die KKE das &#1042;&#252;ndnis der   Radikalen Linken (SYRIZA) zum Feind Nummer Eins erkl&#228;rt hatte. Die   spalterische Haltung der KKE hat objektiv die Bewegung geschw&#228;cht und   der Regierung geholfen. Es ist kein Zufall, dass die KKE daf&#252;r die   Gl&#252;ckw&#252;nsche der rechtsradikalen Partei LAOS und der populistischen   Zeitung Avriani erhielt.<\/p>\n<h4>  Demokratie in den Koordinationskomitees<\/h4>\n<p>  Eine andere Schw&#228;che war das Fehlen von Demokratie in der Bewegung, d.h.   die undemokratische Funktionsweise der Koordinationskomitees. Die   Kampfkoordinationskomitees der Schulen, insbesondere das von Athen, war   nichts anderes als eine Ansammlung von Funktion&#228;ren, Mitgliedern und   Einflussnahmen der KNE. Die Beschl&#252;sse wurden nicht demokratisch von den   Repr&#228;sentanten der Sch&#252;ler gefasst. Im Gegenteil geschah das, was die   KNE-F&#252;hrung jeweils entschieden hatte. Entsprechend war die Situation in   den Koordinationskomitees der Studenten. Dort kam die G&#228;ngelung durch   die EAAK (Studentenformation der au&#223;erparlamentarischen radikalen Linken   mit ultralinker Orientierung, Anm. des &#220;bers.). In vielen F&#228;llen konnte   die abweichende Meinung sich nicht zu Geh&#246;r bringen, w&#228;hrend die   Beschl&#252;sse von den F&#252;hrern der drei Komponenten der EAAK, (NAR, ARAN,   ARAS) gefasst wurden.<\/p>\n<p>  Wieder einmal hat sich erwiesen, dass eine Bewegung nicht ihre folgenden   Schritte planen und bis zum Sieg vorankommen kann, wenn sie nicht   demokratisch organisiert ist. Das hei&#223;t wenn die Basis der K&#228;mpfer der   Bewegung keine wesentliche Rolle in der Beschlussfassung spielt. Die   einzige Art und Weise, damit dies geschieht, ist ,wie Xekinima   wiederholt erkl&#228;rt hat, dass die Koordinationskomitees aus gew&#228;hlten,   verantwortlichen und abberufbaren Repr&#228;sentanten der Vollversammlungen   jeder Schule oder Universit&#228;tsfakult&#228;t bestehen.<\/p>\n<h4>  SYRIZA<\/h4>\n<p>  SYRIZA, das&#1042;&#252;ndnis der Radikalen Linken (in dem auch Xekinima Mitglied   ist, Anm. d. &#220;bers.), war die einzige Partei, die die Bewegung   unterst&#252;tzt und offen die Forderung nach dem Sturz der Regierung   gestellt hat. Deshalb befand es sich im Fadenkreuz aller Repr&#228;sentanten   des Systems. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch Schw&#228;chen   aufzuweisen hatte. Die wichtigsten Schw&#228;chen kamen aus seinem Innern.   Von seinem &#1045;rneuerer, bzw. rechten Fl&#252;gel, der sich in den kritischsten   Momenten auf die Seite der herrschenden Propaganda stellte und   behauptete, dass SYRIZA angeblich die Vermummten f&#246;rdere. Au&#223;erdem gab   SYRIZA, obwohl es die Frage des Sturzes der Regierung stellte, keine   klare Antwort auf die Frage, was diese ersetzen k&#246;nnte. Schlie&#223;lich kam   wieder einmal die organisatorische Schw&#228;che von SYRIZA zum Vorschein.   Das hei&#223;t seine Schw&#228;che, organisiert auf der Basis der Bewegung an den   Schulen und Universit&#228;ten zu agieren und somit zum weiteren   Voranschreiten des Kampfes beizutragen.<\/p>\n<p>  Wie wir schon zu Beginn erkl&#228;rt haben, ist die Dezemberbewegung nicht   das Ende des Weges. Die K&#228;mpfe werden weitergehen und sie werden st&#228;rker   werden. Dies garantiert der Kapitalismus. Doch es wird Zeit, dass wir   auch Siege erringen. Und damit dies geschieht, m&#252;ssen wir aus den   Schw&#228;chen der fr&#252;heren K&#246;pfe Schlussfolgerungen ziehen und uns politisch   auf die kommenden K&#246;pfe vorbereiten.<\/p>\n<h5>  <i>&#220;bersetzung aus dem Neugriechischen von Hubert Sch&#246;nthaler<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Lehren aus der Jugendrevolte\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[53,44],"tags":[275],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13063"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13063"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13063\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}