{"id":13048,"date":"2009-03-05T00:00:00","date_gmt":"2009-03-05T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13048"},"modified":"2009-03-05T00:00:00","modified_gmt":"2009-03-05T00:00:00","slug":"13048","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2009\/03\/13048\/","title":{"rendered":"Zwei Wochen bei MarxistInnen in Brasilien"},"content":{"rendered":"<p>  Das Land der Widerspr&#252;che<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Trotzki entwickelte in seiner Theorie der Permanenten Revolution, die   die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten der sozialistischen Revolution in L&#228;ndern mit   versp&#228;teter b&#252;rgerlicher Entwicklung darlegt, die These von der   &quot;kombinierten und ungleichm&#228;&#223;igen Entwicklung&quot;. Nichts k&#246;nnte diese   These mehr best&#228;tigen, als ein Besuch in Brasilien.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic<\/i><\/h4>\n<p>  Denn in Brasilien, und ich habe anl&#228;sslich einer Teilnahme an der   zweiten Lateinamerika-Sommerschulung des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale (CWI) nur die zwei gro&#223;en Metropolen Rio de   Janeiro und Sao Paulo besucht, begegnet einem auf Schritt und Tritt die   Kombination von Verh&#228;ltnissen der so genannten Dritten und Ersten Welt   und die Ungleichm&#228;&#223;igkeit der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen   Entwicklungen in den unterschiedlichen Bev&#246;lkerungsklassen. Brasilien   ist voller Widerspr&#252;che.<\/p>\n<h4>  Armut<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend mir in Rio vor allem die verarmten Stra&#223;enverk&#228;uferInnen   aufgefallen sind, die an den Kreuzungen, im Verkehrsstau oder auf dem   B&#252;rgersteig gek&#252;hlte Getr&#228;nke, DVD&quot;s und alle erdenklichen   Gebrauchsgegenst&#228;nden anbieten, kann man im Zentrum Sao Paulos keinen   Schritt tun, ohne auf Obdachlose und Bettler zu treffen. Unter den   Br&#252;cken der Stadt haben sich tausende mit Pappen, alten Matratzen und   Sofas nieder gelassen. Niemand wei&#223;, wie viele Menschen in der Stadt   obdachlos leben. Aber f&#252;nfzig Prozent der EinwohnerInnen der   11-Millionen-Metropole gelten als arm und in schlechten   Wohnverh&#228;ltnissen lebend.<\/p>\n<p>  In Rio erstrecken sich riesige Slums, die Favelas, mit bis zu 300.000   EinwohnerInnen an den Bergh&#228;ngen. Hier herrscht das Gesetz von Gewalt   und Repression. Drogendealer lassen kleine Kinder f&#252;r sich arbeiten, die   Polizei h&#228;ngt mit drin oder reagiert mit brutalster Repression. Raquel   und Reginaldo aus der zum Ballungsraum Rio geh&#246;renden Stadt Niteroi   erz&#228;hlen mir, dass am Vortag ein Kind von Drogendealern erschossen   wurde. Nicht selten kommt aber auch vor, dass diese Kinderdealer von der   Polizei geradezu exekutiert werden, die ein solches Vorgehen oftmals   auch noch als S&#228;uberung der Favelas von Kriminalit&#228;t und   Drogenmissbrauch rechtfertigen.<\/p>\n<p>  Neben den Obdachlosen gehen Gesch&#228;ftsleute und telefonieren mit den   modernsten Handys. Menschen hetzen an den verwahrlosten und verarmten   BettlerInnen vorbei, als ob sie sie gar nicht mehr sehen w&#252;rden. Die   Gesch&#228;fte sind gut mit Waren aller Art ausgestattet, man fragt sich nur,   wie die einfache Bev&#246;lkerung diese Preise bezahlt, die nicht selten an   Preise in deutschen Superm&#228;rkten erinnern &#8211; und das nicht nur f&#252;r   importierte Waren. Denn die L&#246;hne sind in Brasilien nicht auf   europ&#228;ischem Niveau. Viele meiner GenossInnen von der brasilianischen   Sektion des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale, der Gruppe   Socialismo Revolucionario (SR), sind LehrerInnen bzw. befinden sich in   Lehramts-Studieng&#228;ngen. LehrerInnen geh&#246;ren zu den am schlechtesten   bezahlten Teilen der Arbeiterklasse. Ihre L&#246;hne liegen oftmals bei unter   300 oder 400 Euro im Monat. Gleichzeitig erkl&#228;rt mir Paolo, dass die   Mieten in Rio f&#252;r eine 35 bis 40-Quadratmeter-Wohnung bei 250 bis 300   Euro oder mehr liegen. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben &#8230;<\/p>\n<h4>  Rassismus<\/h4>\n<p>  Auf den ersten Blick erkennt man keinen Rassismus in diesem Land. Die   GrenzpolizistInnen am Flughafen sind schwarz, wei&#223; oder haben asiatische   Gesichtsz&#252;ge. In den Stra&#223;en sieht man Menschen aller denkbaren   Hautfarben und -schattierungen und der unterschiedlichsten   Physiognomien. Es ist sofort klar, dass Brasilien eine lange Geschichte   der Einwanderung aus allen Teilen der Welt hat. Doch schaut man genauer   hin, f&#228;llt auf, dass Armut in diesem kontinentalen Land schwarz ist. Die   Obdachlosen, BettlerInnen und Stra&#223;enverk&#228;uferInnen sind fast   ausnahmslos schwarz.<\/p>\n<p>  Sonntags zeigen mir Paolo, Cassia und andere GenossInnen etwas von Rio.   Unter anderem geht es an den ber&#252;hmten Strand von Ipanema, der sich an   den Strand von Copacabana anschlie&#223;t. Diese beiden Stadtteile geh&#246;ren zu   den reicheren Vierteln. Direkt an Ipanema schlie&#223;t sich ein riesiges   Favela an, aber am Strand sind kaum schwarze K&#246;rper zu sehen. Hier   lassen sich neben Touristen die Reichen und Angeh&#246;rige der   Mittelschichten in der Sonne br&#228;unen. Die ersten Schwarzen, die mir   auffallen sind wieder die Verk&#228;ufer, die in br&#252;tender Hitze schwer   beladen mit Eis, Getr&#228;nken oder Schmuck den Strand auf und ab laufen, um   etwas von ihrer Ware zu verkaufen.<\/p>\n<p>  Luciano, ein schwarzes SR-Mitglied aus Niteroi berichtet sp&#228;ter von   Repression gegen Schwarze. Er erz&#228;hlt, dass er auf seinem Weg zur Arbeit   mal gez&#228;hlt hat, wie oft ihn eine Polizeistreife angehalten und   kontrolliert hat. Von 15 Fahrten an einem Kontrollpunkt vorbei, wurde er   13 mal gestoppt. Der hellh&#228;utigere Kollege, der ihn begleitete, hatte   diese Erfahrung noch nie gemacht.<\/p>\n<h4>  Land der Z&#228;une<\/h4>\n<p>  In Brasilien ist das ganze Jahr Sommer. Das Leben findet auf den Stra&#223;en   und Pl&#228;tzen statt. Die offene Herzlichkeit vieler BrasilianerInnen wird   begleitet von der permanenten Sorge, Opfer eines &#220;berfalls zu werden.   Als ich mit Raquel und Reginaldo nachmittags durch die Stra&#223;en von   Niteroi gehe, weisen sie mich darauf hin, dass es besser w&#228;re nicht ganz   so laut auf Englisch zu sprechen. Schlie&#223;lich sehe man mir auch so genug   an, dass ich ein &quot;Gringo&quot; bin und das lade nur zu Diebstahl und &#220;berfall   ein. Kurze Zeit sp&#228;ter werden die Beiden nerv&#246;s, weil sie den Eindruck   haben, dass uns jemand verfolgt. Tats&#228;chlich geht eine Person seit   geraumer Zeit hinter uns. Als ich mich umdrehe, sagt Reginaldo, dass ich   das bleiben lassen solle. Stattdessen beschleunigt er den Schritt und   ist offensichtlich erleichtert, als wir kurze Zeit sp&#228;ter seine Wohnung   erreicht haben. Etwas irritiert frage ich mich, warum wir uns nicht   einfach umgedreht und die Person konfrontiert haben. Wahrscheinlich ein   naiver Gedanke in einem Land, in dem ein Menschenleben deutlich weniger   wert ist, als ich es gewohnt bin.<\/p>\n<p>  Die allgegenw&#228;rtige Polizeipr&#228;senz wird dementsprechend kaum in Frage   gestellt und f&#228;llt den BrasilianerInnen scheinbar kaum mehr auf. Mir   schon. Und als mir der einzige Park Sao Paulos gezeigt wird, bin ich   zwar nicht mehr verwundert, dass dieser komplett von einem Zaun umgeben   ist, aber doch, dass an jedem Eingang eine Art Pf&#246;rtnerh&#228;uschen steht,   in dem sich ein oder mehrere Polizisten befinden.<\/p>\n<p>  Die Sorge vor Einbr&#252;chen hat dazu gef&#252;hrt, dass so gut wie alle Geb&#228;ude   mit Z&#228;unen umgeben sind, die Fenster in Parterre oder Balkone im ersten   und zweiten Stock sind ebenfalls mit Gittern verbarrikadiert. Ich denke,   das ist das Land der Gitter und Z&#228;une. Nicht gerade einladend. Noch   weniger einladend ist die Tatsache, dass in den meisten Mietsh&#228;usern ein   Portier in der Eingangshalle Dienst tut. Er &#246;ffnet die Eingangst&#252;re und   fragt jeden Besucher und jede Besucherin, wohin er bzw. sie wollen. Dann   wird in der entsprechenden Wohnung angerufen und erst nachdem das OK von   dort kommt, darf man weiter gehen.<\/p>\n<h4>  Land der Lebenslust<\/h4>\n<p>  Jane, Fabia und Inaia nehmen mich mit zu einer Karnevalsgruppe, die   wenige Tage vor den gro&#223;en Umz&#252;gen ein letztes Mal Tanz und Musik   proben. Wir fahren in einen &#228;rmeren Stadtteil, wo sich circa 150   Personen in einen kahlen Saal dr&#228;ngen. Auf einer Empore macht eine   drei&#223;ig-k&#246;pfige Percussion-Gruppe Musik und im Saal tanzen eben so viele   M&#228;nner, Frauen und Kinder nach einer von Vort&#228;nzerInnen vorgegebenen   Choreographie. Die meisten MusikerInnen und T&#228;nzerInnen sind schwarz und   statt Samba gibt es afrikanische Kl&#228;nge. Die Lieder handeln von   Sklaverei und Befreiung. In Brasilien k&#228;mpfen viele Schwarze auch um   ihre kulturelle Identit&#228;t.<\/p>\n<p>  Auff&#228;llig ist, dass es offensichtlich keine feste Mitgliedschaft in der   Tanzgruppe gibt. Hier tanzen M&#228;nner und Frauen aller Altersgruppen und   es geht offensichtlich nicht darum einen Sch&#246;nheitspreis zu gewinnen.   Niemand hat sich aufgemotzt. Es gibt keinen Unterschied der Geschlechter   beim Tanz. M&#228;nner und Frauen tanzen nebeneinander, ohne unterschiedliche   Rollen einzunehmen oder nach Geschlechtern verteilt einen Platz in der   Tanzgruppe zugeteilt bekommen zu haben. Und dazwischen Kinder jeden   Alters. Sp&#228;ter f&#228;llt mir auf, dass das auch f&#252;r die Musikgruppe gilt, in   der ich Dreij&#228;hrige mit Musikinstrumenten entdecke. Und beim Tanz   bem&#252;hen sich auch die J&#252;ngsten nicht nur wild herum zu h&#252;pfen, sondern   orientieren sich an den Tanzbewegungen der Erwachsenen. Wer das   beobachtet, kann erkennen, dass hier der Rythmus nicht im Blut liegt,   sondern die Integration der Kinder von kleinstem Alter in Musik und Tanz   dazu f&#252;hrt, dass sie den Rythmus so verinnerlichen. Nach zwei Stunden im   Saal geht es dann auf die Stra&#223;e und ein anderthalb-st&#252;ndiger Umzug   durch den Stadtteil beginnt. Mir wird erkl&#228;rt, dass die Gruppe sich   weigert solche Aktionen mit der Polizei abzusprechen, sondern kurzerhand   die Stra&#223;en blockiert. Die AutofahrerInnen scheint das nicht zu st&#246;ren.   W&#228;hrend sonst bei jeder Gelegenheit auf die Hupe gedr&#252;ckt wird, scheinen   sie in diesem Fall die n&#246;tigen Umwege anstandslos in Kauf zu nehmen, was   auch f&#252;r die Linienbusse gilt, die ihre Route kurzfristig &#228;ndern m&#252;ssen.<\/p>\n<h4>  Pantanal<\/h4>\n<p>  Socialismo Revolucionario arbeitet seit circa zwei Jahren mit dem   Colectivo Liberdade Socialiste (CLS) zusammen und es wird gerade die   Fusion der beiden Organisationen vorbereitet. In einer Zeit, in der sich   viele revolution&#228;re und trotzkistische Gruppen gespalten haben   (tats&#228;chlich ist SR so ziemlich die einzige Organisation, der dieses   Schicksal erspart blieb) sticht dieser Zusammenschluss positiv heraus   und entwickelt schon jetzt eine gewisse Anziehungskraft auf andere linke   Kr&#228;fte.<\/p>\n<p>  Die GenossInnen des CLS sind unter anderem in der Druckergewerkschaft in   Minais Gerais, der Gewerkschaft der Wasserwerke von Sao Paulo und in der   Landlosenbewegung aktiv und bekleiden dort einige wichtige Positionen.<\/p>\n<p>  Nikos &#8211; ein Genosse des CWI aus Griechenland, der ebenfalls an der   Lateinamerika-Schulung teilgenommen hat und anschlie&#223;end auf einer   Veranstaltungsreise durch verschiedene St&#228;dte &#252;ber die Jugendrevolte in   seinem Land berichtet &#8211; und ich werden eingeladen am Stadtrand von Sao   Paulo eine Gruppe von CLS-Mitgliedern und -SympathisantInnen zu treffen   und ihnen das CWI vorzustellen. Wir fahren mit der Bahn eine Stunde bis   an die Peripherie der Metropole und kommen zu einer Gegend, die ich erst   einmal f&#228;lschlicherweise als ein Favela einsch&#228;tze. Hier reihen sich   selbstgebaute H&#228;user aneinander, die Stra&#223;en sind nicht asphaltiert, es   wimmelt von streunenden Hunden, die Armut ist greifbar.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/Pantanal.jpg\">  <\/p>\n<\/p>\n<p>  Doch dann erkl&#228;ren mir Marzenai und Ronaldo, dass dieses Viertel,   Pantanal, vor zwanzig Jahren durch eine Landbesetzung entstand, als   viele Menschen vor einer Flutkatastrophe fl&#252;chten mussten. Seitdem wird   der Kampf um Legalisierung, vern&#252;nftige Strom- und Wasserversorgung und   vor allem Kanalisation gef&#252;hrt. Hier leben tausende ArbeiterInnen,   insgesamt 40.000 Menschen. Es ist ein Arbeiterviertel, kein Favela. Denn   in den Favelas gibt es einen viel niedrigeren Stand der Urbanisierung,   als in Pantanal. Hier haben die H&#228;user Strom und Wasser, wenn sie sich   dies auch anfangs selber &#8222;angezapft&#8220; haben. Und hier leben viele   ArbeiterInnen. Marzenai und andere Genossen, die ich treffe sind aktive   Gewerkschafter bei den Wasserwerken. Bei der letzten Wahl zum   Gewerkschaftsvorsitz traten sie mit einer eigenen Kandidatur an und   verloren mit nur 14 Stimmen &#8211; wobei Paolo darauf besteht, dass sie nicht   verloren haben, sondern ihnen die Stimmen durch die   Gewerkschaftsb&#252;rokratie geklaut wurden. Sie sind sich sicher, dass es zu   Wahlf&#228;lschung kam, k&#246;nnen es aber nicht beweisen.<\/p>\n<p>  Wir treffen uns im &quot;Instituto Alana&quot;, einer von einer   Nichtregierungsorganisation geleitete Gemeindeeinrichtung mit   Kindergarten, Bibliothek, Kursangeboten f&#252;r Jugendliche und   R&#228;umlichkeiten,um Versammlungen abzuhalten. In diesem Fall hatten die   LandbesetzerInnen Gl&#252;ck &#8211; die Grundbesitzerin, deren Boden sie   okkupierten, sympathisiert mit ihren Aktionen und unterst&#252;tzt die   Stadtteilprojekte und das Gemeindezentrum finanziell.<\/p>\n<p>  Ronaldo m&#252;sste an diesem Abend eigentlich an einer Versammlung zur   Koordination des Widerstandes gegen die Vertreibung von 3.000 Familien,   deren H&#228;user einem Park weichen sollen, teilnehmen. Doch er will die   Gelegenheit, die G&#228;ste aus Europa kennen zu lernen nicht verpassen. Er   erkl&#228;rt uns, dass sie nicht gegen den Park sind, aber nicht akzeptieren   k&#246;nnen, dass es nicht zuerst eine angemessene L&#246;sung f&#252;r die betroffenen   Familien gibt. Ronaldo berichtet auch, wie er als Aktivist in Pantanal   im Kampf gegen die allt&#228;glichen Probleme angefangen hat und dann auf die   CLS-GenossInnen getroffen ist, die seinem Kampf eine politische   Perspektive gegeben haben. Bis zur Gr&#252;ndung der neuen sozialistischen   Partei P-SoL (Partei f&#252;r Sozialismus und Freiheit) wurde von den   Stadtteil-AktivistInnen keine Partei unterst&#252;tzt, weil sie sich von   allen betrogen f&#252;hlten. Nun haben sie eine Gruppe der P-SoL gegr&#252;ndet,   sind aber unzufrieden mit der Strategie der P-SoL-F&#252;hrung, die sich   weitgehend auf Wahlk&#228;mpfe und die Erringung von Parlamentspositionen   konzentriert. Wir sind uns schnell einig, dass es die Aufgabe einer   sozialistischen Partei ist, massenhaften Widerstand gegen die   kapitalistischen Verh&#228;ltnisse zu organisieren und eine Perspektive zur   &#220;berwindung des Kapitalismus aufzuzeigen. Auch in der Notwendigkeit   innerparteilicher Demokratie sind wir uns einig. Ronaldo geht sogar so   weit, zu fordern, dass alle einem Abgeordneten zur Verf&#252;gung stehenden   Ressourcen durch die von ihm vertretene Gemeinde verteilt werden m&#252;ssen   und dass er in dieser Gemeinde weiter wohnen muss &#8211; es sei denn, sein   Leben sei bedroht. Marzenai lacht und weist Ronaldo darauf hin, dass   dieser trotz diverser Morddrohungen ja auch noch in Pantanal lebe.<\/p>\n<p>  Im Anschluss an unsere dreist&#252;ndige Diskussion stellen uns die   GenossInnen stolz der aus Jungen und M&#228;dchen zwischen 12 und 18 Jahren   bestehenden Hip-Hop-Tanzgruppe vor, die sofort eine kleine Vorf&#252;hrung   f&#252;r uns macht. Der sicher auf die 50 zugehende Marzenai erkl&#228;rt uns   stolz die f&#252;nf Elemente von HipHop: Rap, Tanz, Auflegen, Graffitti und   Beats machen!<\/p>\n<h4>  P-SoL<\/h4>\n<p>  Brasilien hat in den letzten Jahren eine rasante und widerspr&#252;chliche   Entwicklung durch gemacht. 2002 wurde der F&#252;hrer der Arbeiterpartei   (PT), Lula Inacio da Silva, zum Staatspr&#228;sidenten gew&#228;hlt. Damit ging   ein zwanzig Jahre dauernder Kampf der PT erfolgreich zu Ende und es gab   gro&#223;e Hoffnungen in eine neue Regierung, die die Interessen der   Arbeiterklasse und Armen in den Mittelpunkt stellen w&#252;rde. Aber Lula   wendete sich vom Sozialisten zum sozialdemokratisch-Neoliberalen, wie   wir sie aus der SPD kennen. Er versuchte sich mit Kapital und   Imperialismus auszus&#246;hnen und f&#252;hrte verschiedene Angriffe gegen Teile   der Arbeiterklasse durch. Das desorientierte viele Linke und   GewerkschafterInnen, die in die PT ihre Hoffnungen f&#252;r eine bessere   Zukunft gesteckt hatten. Als die PT dann im Jahr 2003 mehrere   SenatorInnen ausschloss, die gegen eine Rentenreform gestimmt hatten,   bildeten diese zusammen mit tausenden sozialistischen PT-Mitgliedern,   vor allem aber verschiedenen trotzkistischen und sozialistischen Gruppen   und Str&#246;mungen, die P-SoL als neue Partei. Diese konnte verhindern, dass   eine v&#246;llige Fragmentierung der brasilianischen Linken statt fand und   erfolgreich ein Forum zur Debatte und f&#252;r Wahlkandidaturen bilden.   Socialismo Revolucionario geh&#246;rt zu den Gruppen, die die P-SoL mit   gegr&#252;ndet haben.<\/p>\n<p>  Doch viele der fortschrittlichsten und k&#228;mpferischsten   GewerkschafterInnen sind unzufrieden mit dem parlamentsorientierten und   wenig k&#228;mpferischen Kurs der P-SoL-F&#252;hrung. So treffe ich auf eine   k&#228;mpferische Gruppe von Lehrer-GewerkschafterInnen aus Rio de Janeiro,   die anfangs als Gruppe in der P-SoL arbeiten wollten und sich nun dazu   entschlossen haben, als rein gewerkschaftliche Gruppe zu agieren. Zu   gro&#223;e Kritik und Zweifel gibt es an der P-SoL. Doch w&#228;hrend eine kleine   Minderheit die P-SoL zu Recht von links kritisiert, hat die gro&#223;e Masse   der arbeitenden und armen Bev&#246;lkerung weiterhin Illusionen in Lula, der   den Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre auch f&#252;r ein paar Reformen   im Interesse der &#196;rmsten der Armen nutzte. Allerdings kann Lula bei den   n&#228;chsten Pr&#228;sidentschaftswahlen im Jahr 2010 nicht mehr kandidieren und   es gibt noch keinen PT-Kandidaten, der in seine gro&#223;en Fu&#223;stapfen treten   k&#246;nnte. Nicht zuletzt deshalb rechnet sich die P-SoL-F&#252;hrung gute   Chancen f&#252;r ihre sehr prominente Kandidatin Heloisa Helena aus. Doch   leider f&#252;hrt das unter anderem zu einer Offenheit in der P-SoL-F&#252;hrung,   B&#252;ndnisse mit b&#252;rgerlichen und pro-kapitalistischen Parteien einzugehen.   Trotzdem sind sich die GenossInnen von SR sicher, dass die politische   Polarisierung sich in der n&#228;chsten Zeit in weiterer Unterst&#252;tzung f&#252;r   die P-SoL ausdr&#252;cken kann und eine aktive Mitarbeit in der Partei   deshalb notwendig ist.<\/p>\n<p>  SR und CLS bilden mit drei anderen Gruppen den Block &quot;Resistencia   Socialista&quot; in der P-SoL und agieren als organisierte, marxistische   Opposition gegen den Kurs der Parteif&#252;hrung.<\/p>\n<h4>  Gewerkschaften<\/h4>\n<p>  Auch im gewerkschaftlichen Bereich gibt es eine Um- und Neugruppierung.   Der gro&#223;e Gewerkschaftsdachverband CUT ist nicht nur regierungstreu,   sondern auch auf Kompromiss und Ausgleich mit den Arbeitgebern   orientiert. Linke GewerkschafterInnen haben deshalb in den letzten   Jahren neue Zusammenh&#228;nge zur Koordinierung k&#228;mpferischer Gewerkschaften   gegr&#252;ndet. Die wichtigsten hei&#223;en Intersindical und Conlutas. Im Laufe   dieses Jahres soll daraus ein neues &quot;Gewerkschaftszentrum&quot; entstehen.   Dieses wird sowohl ganze Gewerkschaften, als auch Oppositionsgruppen,   die in der CUT wirken, umfassen. Bisher sind sechs gr&#246;&#223;ere   Gewerkschaften und circa 200 Oppositionsgruppen in Conlutas zusammen   gekommen. Intersindical ist weitaus weniger organisiert. In dem neuen   Gewerkschaftszentrum sollen aber auch soziale Bewegungen,   Studierendenorganisationen und andere Strukturen des sozialen   Widerstands zusammen kommen. Dies ist das wichtigste Projekt f&#252;r SR und   CLS in diesem Jahr.<\/p>\n<p>  Auf meine Frage, ob die Oppositionsgruppen, die sich Conlutas   angeschlossen haben, denn nicht Gefahr laufen aus der CUT ausgeschlossen   zu werden, lachen die beiden hauptamtlichen Mitarbeiter von SR, Andr&#233;   und Markus. Nein, so laufe das in Brasilien nicht. Man werde als   Gewerkschafter eher erschossen, als ausgeschlossen&#8230;<\/p>\n<p>  Repression gegen GewerkschafterInnen und AktivistInnen sozialer   Bewegungen ist ein gro&#223;es Thema, denn diese hat im letzten Jahr deutlich   zugenommen. Auch das ist ein Ausdruck des pro-kapitalistischen   Charakters der PT-Regierung und des brasilianischen Staates.<\/p>\n<h4>  Lateinamerika-Schulung<\/h4>\n<h4>  <img align=\"left\" src=\"\/media\/z\/saal.jpg\">  <\/h4>\n<h4>  <\/h4>\n<p>  Auf einer f&#252;nft&#228;gigen Schulung der lateinamerikanischen Sektionen des   CWI kommen 100 GenossInnen und G&#228;ste aus Brasilien, Chile, Bolivien und   Venezuela zusammen. Anwesend sind neben mir auch CWI-Mitglieder aus   Griechenland, Belgien, Deutschland und den USA. Als G&#228;ste nehmen   VertreterInnen von drei weiteren Organisationen teil, darunter neun   Mitglieder der CLS. Sechs InteressentInnen entschlie&#223;en sich w&#228;hrend der   Schulung bei Socialismo Revolucionario einzutreten, viele weitere G&#228;ste   bekr&#228;ftigen, dass sie die Debatten fortsetzen wollen und sich eine   Mitgliedschaft &#252;berlegen. Die Schulung ist gepr&#228;gt von Aufbruchstimmung.   Die Gruppen in Venezuela und Bolivien wurden in den letzten drei Jahren   neu gegr&#252;ndet. Die brasilianische Organisation hat in dem selben   Zeitraum eine auf den Gro&#223;raum Sao Paulo beschr&#228;nkte Existenz   &#252;berwunden, ist mittlerweile in weiteren St&#228;dten vertreten und steht   durch die Fusion mit der CLS vor einem weiteren wichtigen Schritt beim   Aufbau einer marxistischen Organisation in Brasilien.<\/p>\n<h4>  Ein weiterer Bericht zur Lateinamerika-Schulung des CWI folgt.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das Land der Widerspr&#252;che\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13048"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13048"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13048\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}